Ich kaufte ein gebrauchtes Auto und fand beim Reinigen des Innenraums unter dem Sitz das Tagebuch der ehemaligen Besitzerin

Ich hab ne gebrauchte Karre gekauft und wollte den Innenraum aufräumen, da hab ich unter dem Sitz ein altes Tagebuch gefunden das der Vorbesitzerin.

Mach das jetzt nicht, Alexander? Ernsthaft? Drei Monate hat die Abteilung an dem Projekt geschraubt, und du sagst plötzlich Das Konzept hat sich geändert?

Alexander stand mitten im Chefzimmer, die Fäuste so fest geballt, dass die Knöchel weiß wurden. Der Chef, Olaf Berger, ein rundlicher Typ mit permanent finsterer Miene, sah nicht einmal von seinen Papieren auf.

Alexander, bitte keine Dramen. Konzept hat sich geändert, der Kunde darf seine Meinung wenden. Wir müssen uns anpassen das ist Business, kein HobbyClub.

Anpassen? Das ist kein Anpassen, das heißt alles von vorne anfangen! Alle Berechnungen, alle Unterlagen Müll? Die haben nachts doch nicht geschlafen!

Für die Nachtschichten haben wir bezahlt. Und wenn jemand nicht happy ist, die Personalabteilung arbeitet von neun bis sechs. Du kannst gehen, ich halte dich nicht auf.

Alexander drehte sich stumm um und knallte die Tür zu, das Glas im Rahmen klirrte. Er ging an den Kollegen vorbei, die ihm mit mitleidenden Blicken nachschauten, schnappte sich seine Jacke vom Tisch und stapfte in die feuchte Oktoberluft. Genug, pochte es in seinen Schläfen. Genug. Er lief, ohne zu achten, wo er hinlief, wütend auf den Chef, den Kunden, das ganze System. Es schnürte ihn, diese ständigen Vorgaben, die fiesen Busfahrpläne, alles. Er wollte etwas Eigenes, auch wenn es klein war ein bisschen Raum, wo niemand mit seiner neuen Idee eindringen kann.

Das brachte ihn zu einem riesigen Autohandel am Stadtrand von Berlin. Er schlenderte zwischen Reihen von Gebrauchtwagen, ohne zu wissen, wonach er suchte. Glänzende Karossen aus dem Ausland, abgegriffene Veteranen aus der deutschen Produktion. Und dann sah er sie: ein knallrotes, fast schon perfektes Kia, etwa sieben oder acht Jahre alt, aber mit dem Look, als hätte jemand wirklich zu ihm gehalten.

Interessiert? kam ein junger Verkäufer, etwa dreißig, freundlich lächelnd. Top Zustand, nur eine Vorbesitzerin, hat es pfleglich benutzt, nur für den Arbeitsweg. Originalkilometerstand, im Innenraum wurde nicht geraucht.

Alexander umging die Karre, lugte ins Cockpit. Sauber, aber nicht steril. Man spürte, dass hier wirklich gelebt wurde, nicht nur von A nach B gefahren. Er setzte sich ans Steuer, legte die Hände auf das kühle Plastik und merkte zum ersten Mal seit Stunden, dass die Anspannung nachließ.

Ich nehme sie, sagte er, fast überrascht von seiner eigenen Entschlossenheit.

Die Formalitäten dauerten ein paar Stunden. Und schon fuhr er am Abend durch die leuchtende Stadt in seiner eigenen Karre. Sein Herz tat ein bisschen warm, als er das Radio anmachte, das Fenster herunterließ und die kühle Luft hereinließ. Das Leben schien plötzlich nicht mehr so trostlos.

Zuhause parkte er vor dem Hinterhof seiner alten Plattenbauwohnung, saß lange im Auto und gewöhnte sich an das neue Gefühl. Dann beschloss er, alles zu säubern, damit kein Rest von der Vorbesitzerin bleibt. Er kaufte im 24StundenSupermarkt AutoReinigungszeug, Tücher, einen Staubsauger und ging zurück zu seinem Wagen.

Er polierte alles bis zum Glänzen: Armaturenbrett, Türverkleidungen, Scheiben. Und als er schließlich unter die Sitze kam, stieß seine Hand auf etwas Hartes. Er zog ein kleines, dunkelblaues Notizbuch heraus. Ein Tagebuch.

Alexander drehte die Seiten vorsichtig um. Das war unangenehm fremde Geheimnisse. Er wollte das Buch einfach zurück ins Auto legen und vergessen, doch etwas hielt ihn zurück. Auf der ersten Seite stand in kleiner, sauberen Handschrift nur ein Name: Liselotte. Er schlug weiter.

12.März.
Heute hat Viktor wieder laut geschrien, weil ich sein Lieblingsjoghurt vergessen habe. Manchmal fühle ich mich, als stünde ich auf einem Pulverfass. Ein falscher Schritt, ein falsches Wort und alles knallt. Dann kommt er, umarmt mich, sagt, er liebt mich, weil er einen harten Tag hatte. Und ich will das glauben, oder zumindest so tun. Dieser knallrote Kia ist mein kleines Entkommen. Ich starte die Musik, fahre, wohin das Herz will. Nur ich und die Straße, und keiner schreit.

Alexander legte das Tagebuch beiseite. Es fühlte sich komisch an, als hätte er die Frau schon vor seiner Nase gesehen, wie sie mit traurigen Augen vom Sturm zu Hause wegfährt.

2.April.
Wir haben wieder gestritten, weil er meine Arbeit nicht mag. Normale Frauen bleiben zu Hause und backen Kuchen, sagte er. Ich will nicht backen, ich liebe meine Zahlen, meine Berichte. Ich will mich gebraucht fühlen, nicht nur in der Küche. Er meinte, wenn ich nicht kündige, geht er zu meinem Chef. Peinlich. Abends war ich im Café Alter Park, allein, trank Kaffee und sah dem Regen zu. So ruhig dort, die Torten schmeckten gut.

Alexander dachte an das Café Alter Park, das ganz in der Nähe seiner Wohnung lag, ein kleines, gemütliches Eckchen mit riesigen Fenstern. Er stellte sich vor, wie Liselotte dort sitzt, allein, beobachtet, wie Tropfen die Scheibe hinablaufen.

Die nächsten Tage lebte er im Nebel: Arbeit, endlose Diskussionen mit Olaf, abends das Tagebuch. Er erfuhr, dass Liselotte den Herbst, Jazz und Remarque liebt. Sie träumt vom Malen, doch Viktor hält das für Kinderkram. Ihre beste Freundin heißt Sabine, mit der sie stundenlang telefoniert.

18.Mai.
Heute war ein guter Tag. Viktor ist in den Dienst gefahren, endlich Ruhe. Sabine kam vorbei, wir kauften Wein, Früchte und saßen bis Mitternacht in der Küche, lachten wie früher. Sie meint, ich soll von ihm loskommen Liselotte, er wird dich ersticken. Sie hat einen reichen Mann, das ist leicht gesagt.

Alexander seufzte. Er verstand die Angst. Mit 42 fühlte er sich ebenfalls festgefahren. Arbeit, seltene Treffen mit seinem Freund Stefan. Und jetzt das Auto, das Tagebuch.

An einem Samstag konnte er nicht länger er ging ins Alter Park, setzte sich ans Fenster, bestellte einen Kaffee und ein Stück Torte, das er aus irgendeinem Grund mit Liselotte assoziierte. Er dachte an sie, mal groß, blond, mal klein, dunkelhaarig, aber immer mit traurigen Augen.

9.Juli.
Er schlug mir die Hand zu, das erste Mal, weil ich mit Sabine telefonierte, nicht mit ihm. Ein Schlag, aber er hat etwas in mir zerbrochen, nicht im Gesicht, sondern in der Seele. Ich verbrachte die ganze Nacht im Auto im Hof, konnte nicht zurück in die Wohnung. Das Licht im Fenster flackerte, er suchte wohl nach mir oder auch nicht. Ohne meine Kirsche wäre ich wohl verrückt geworden.

Alexander legte das Tagebuch wieder beiseite, die Brust drückte vor Ungerechtigkeit. Er wollte den Viktor finden und er wusste nicht, was er tun sollte, nur schützen die Frau, die er nie gesehen hatte.

Abends rief Stefan an.
Hey Alex, wo bist du? Vielleicht Fischfang am Wochenende?
Hey Stef, weiß nicht, zu viel Arbeit.
Welche Arbeit? Du hast doch keinen Urlaub genommen. Was hast du vor? Soll ich dir ‘ne Flasche Korn schicken?
Alexander grinste.
Fast. Hör zu, ich erzähl dir und berichtete von dem Auto, dem Tagebuch, Liselotte. Stefan hörte schweigend.

Mann, du steckst da voll rein, sagte er schließlich. Willst du das wirklich?
Keine Ahnung. Ich fühle mit ihr mit.
Mit ihm? Das war früher. Sie ist wahrscheinlich schon hundertmal verheiratet, hat einen Millionär und hat den Viktor vergessen. Und du weinst um sie. Wirf das Heft weg.
Kann nicht, gestand Alexander.
Dann mach dein Ding, aber fall nicht in die Psychiatrie. Ruf mich, wenn du reden willst.

Der Anruf beruhigte ihn nicht. Er musste das Tagebuch zu Ende lesen, den Abschluss finden.

Die Einträge wurden kürzer, bruchstückhafter. Es wirkte, als wäre Liselotte am Rand.

1.September.
Der Sommer war aus, meine Geduld auch. Er hat die Vase zerbrochen, die meine Mutter mir geschenkt hat das Letzte, was von ihr übrig war. Er nannte sie geschmacklos, ruinierte sein DesignerInterieur. Ich sammelte die Scherben und wusste, das war das Ende. Ich muss gehen.

15.September.
Plane die Flucht, wie in einem Spionagefilm. Sabine hilft, stellt mir eine Wohnung für die ersten Wochen zur Verfügung. Ich schleuse Bücher, ein paar Pullover, Kosmetik das Wertvollste. Viktor bemerkt nichts, er ist zu beschäftigt mit sich. Ich habe einen Aquarellkurs gefunden, der im Oktober startet. Vielleicht ein Zeichen?

28.September.
Morgen geht’s. Er fährt zwei Tage zu einer Konferenz, ich habe Zeit, die restlichen Sachen zu holen und zu verschwinden. Kündigung steht, neues Leben wartet. Ich kaufe eine Staffelei, Farben, will den Herbst malen gelbe Blätter, grauer Himmel, und mein knallroter Wagen im Regen. Es macht Angst, aber das Bleiben wäre schlimmer.

Das war der letzte Eintrag. Alexander blätterte weiter, die Seite war leer, die nächste ebenso. Das Tagebuch endete abrupt.

Er saß in der Stille seiner kleinen Küche und fragte sich: Was ist mit ihr passiert? Hat Sabine die Wohnung gefunden? Hat sie tatsächlich mit dem Malen angefangen? Unzählige Fragen wirbelten. Es fühlte sich an, als hätte man die letzte Folge einer Serie gesehen, aber der Schluss wurde herausgeschnitten.

Er las die letzten Seiten noch einmal, und plötzlich fiel ihm etwas zwischen den Zeilen auf: Ein kleiner, zusammengefalteter Zettel war zwischen den letzten Seiten versteckt. Ein Kassenbon vom Fachgeschäft Künstler in der Straße der Freiheit, Datum 29.September. Aufgelistet: Aquarellset, Pinsel, Aquarellpapier, kleine Staffelei.

Also hat sie doch alles gekauft. Sie bereitete sich vor.

Alexander sah auf das Datum. Das Tagebuch war ein Jahr alt.

Was nun? Er könnte versuchen, sie zu finden, doch er hat kaum Infos: nur den Namen Liselotte, keine Nachnamen, nur die Freundin Sabine. Warum? Um ihr neues Leben zu stören? Oder um ihr zu zeigen, dass jemand an sie denkt?

Er legte das Tagebuch beiseite. Eine Woche verging. Er fuhr zur Arbeit, stritt mit Olaf, kam nach Hause. Aber die Welt wirkte plötzlich größer. Er bemerkte Details: das Sonnenlicht in Pfützen, die gelb werdenden Lindenblätter, das Lächeln der Barista im Café. Es war, als sähe er die Welt durch Liselottes Augen sie, die nach einem einfachen, ruhigen Leben gesucht hatte.

Eines Abends surfte er im Netz und stieß auf eine Ankündigung: Herbstliche Vernissage Ausstellung junger Künstler Berlin. Unter den Teilnehmern stand: Liselotte Krause. Er klickte, sah eine kleine Galerie mit Gemälden, Stillleben, Porträts. Da war ein Bild: ein knallrotes Kia, geparkt im Herbstregen, auf einer stillen Straße. Aquarell, lebendig, ein bisschen traurig, aber voller Hoffnung.

Er lächelte. Sie hatte es geschafft. Sie war weg, sie malte, sie lebt.

Er fand Liselottes Profil in den sozialen Medien. Das Bild zeigte eine etwa 35jährige Frau mit kurzem Haarschnitt, strahlenden Augen, vor ihren Bildern. Keine Spur von Viktor, keine Schmerzen, nur ein ruhiges, kreatives Leben. Fotos von Ausstellungen, ihr Kater, Skizzen von Berliner Straßen.

Alexander fühlte Erleichterung, als hätte er einen schweren Stein abgeworfen. Er schrieb ihr nichts, fügte sie nicht zu seinen Kontakten hinzu. Warum? Ihre Geschichte war beendet, sie hatte ein gutes Ende gefunden. Er schloss die Seite.

Am nächsten Tag ging er nach der Arbeit zum Künstler. Dort stand er zwischen den Regalen, kaufte eine kleine Leinwand und Ölfarben. Er hatte nie gemalt, aber plötzlich wollte er es einfach probieren.

Zuhause stellte er die Leinwand auf den Küchentisch, drückte die Farben auf die Palette, nahm den Pinsel. Er wusste nicht, was dabei herauskommen würde vielleicht ein missglücktes Bild, vielleicht sein eigener neuer Anfang. Der Regen begann draußen zu fallen. Jeder hat seinen eigenen Weg, sein eigenes Herbstlaub. Manchmal muss man erst durch jemand anderen stolpern, um den eigenen Pfad zu finden.

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Ich kaufte ein gebrauchtes Auto und fand beim Reinigen des Innenraums unter dem Sitz das Tagebuch der ehemaligen Besitzerin
Bidding His Wife Farewell, the Husband Gloated That All She’d Scored Was an Old Fridge—Little Did He Know It Concealed a Double-Lined Treasure!