Liebes Tagebuch,
meine Nichte, Anni, ist heute bei mir zu Besuch eingetroffen, doch schon bald zeigte sie sich beleidigt, weil ich sie nicht verpflichte. Ich wohne in Berlin, meine Schwester Sabine hingegen in Hamburg. Anni träumt davon, ihr Studium an der Technischen Universität Berlin zu beginnen, wo sie dann im Studentenwohnheim einziehen wird. Sie ist für ein paar Tage hier, um entweder Prüfungen zu schreiben oder die Unterlagen persönlich abzuholen beides ist in Deutschland üblich, bevor man sich einschreibt. Ich habe mich nicht in die Formalitäten vertieft; ich weiß nur, dass ein kurzer Besuch vor dem Studium normal ist. Sabine hat vereinbart, dass Anni bei mir wohnt, solange sie in der Stadt ist.
Wer legt den Tisch? Wir hatten das Thema Essen nie wirklich besprochen. Wenn die Mutter still bleibt, regeln sie das wohl zwischen sich. Ich bemerkte, dass Anni im Wohnzimmer stand und die Hände in die Hüften stemmte. Ich fragte, was los sei. Sie meinte, sie habe erwartet, dass ich ihr ein warmes Mittagessen serviere. Ohne zu zögern erwiderte ich: Ich werde dich nicht nur nicht mit Essen versorgen, sondern lebe nach meinem eigenen Zeitplan. Jetzt muss ich dringend los! Ruf deine Mutter an und bitte sie, dir Geld auf die Girokarte zu überweisen. Kauf dir ein paar Käsehäppchen, ein paar Zimtschnecken und trink dazu Tee. Den Tee musst du auch besorgen, mein Vorrat ist leer! Du bist doch schon 18, also kannst du das selbst erledigen.
Ihre Mutter, Frau Schmidt, hat lange nicht mehr mit mir über das Leben gesprochen und weiß nicht, dass ich seit dem Auszug meiner Kinder und dem Weggang meines Mannes in die Arbeit gestürzt bin. Mein Alltag ist von einem krassen Zeitplan geprägt, sodass ich zu Hause nur unregelmäßig auftauche und keine Kraft mehr für Hausarbeit habe. Schlafen und erholen das wäre das Einzige, was mir noch guttut.
Für Anni will ich nichts opfern. Es ist schön, meine Nichte endlich wiederzusehen. Sie ist so herangewachsen, weiblicher geworden, und doch Ich bin nicht mehr die sorglose Tante Lotte, die einst einen Elefanten hätte kochen können, ohne zu zögern. Ich bitte sie, selbst einkaufen zu gehen, das Gemüse zu schneiden, zu kochen oder zu braten oder besser noch, etwas Vorgefertigtes zu holen, damit sie weder den Herd noch die Wohnung beschädigt.
Jetzt aber ist sie wütend, zieht sich zurück und ist still, während sie jeden Tag ein wenig mehr verärgert wirkt. Sie hoffte offenbar auf ein Rundum-Programm bei mir und ihrer Mutter. Vielleicht beruhigt sich das ja irgendwann. Es ist nicht leicht, plötzlich nicht mehr die gute und bequeme Anlaufstelle zu sein, denn ich habe jahrelang friedliche Beziehungen zu meinem engsten Umfeld gepflegt. Und doch bin ich immer noch friedlich: ich habe ein kostenloses Bett angeboten, wenn auch ohne das besondere Extra. Ich habe eine Psychologin aufgesucht, um zu lernen, wie ich liebevoll und sanft meinen Verwandten erklären kann, dass ich nicht mehr so leistungsfähig bin wie früher. Sie sollen nicht mehr so viel von mir erwarten!







