Johann wandert seit Stunden durch den Schwarzwald. Er liebt diese Ausflüge die Stille, den Harzduft, die frische Luft, das Zwitschern der Vögel. Alles bleibt friedlich, bis plötzlich ein scharfes Knacken von Ästen hinter ihm ertönt. Er dreht sich um und bleibt wie erstarrt stehen. Aus dem Wald treten hintereinander Wölfe, mindestens acht an der Zahl. Graue Schatten gleiten lautlos über das raschelnde Laub und kommen immer näher. Zuerst meint er, sie gingen nur vorbei, doch dann sieht er, dass sie direkt auf ihn zu laufen beginnen.
Ein kaltes Frösteln breitet sich in seiner Brust aus. Johann stürzt zu dem nächstgelegenen Baum. Der Rucksack rutscht von seinen Schultern, fällt ins Gras, und er klammert sich an die Rinde, während er nach oben klettert und seine Hände zittern. Die Wölfe umringen den Stamm. Ein dumpfes Knurren verschmilzt zu einem furchterregenden Chor. Einer der Tiere springt, packt mit den Zähnen seinen Stiefel und reißt ihn nach unten. Johann schreit, reißt sich los, doch hält er sich nur mit Mühe fest. Das Herz hämmert, als wolle es aus der Brust springen.
Er weiß, er kann nicht lange durchhalten. Das Handy liegt im Rucksack, Hilfe ist erst in vielen Kilometern erreichbar. Plötzlich dringt ein tiefes, schweres Grollen aus dem Waldinneren zu ihm. Es ist kein Wolfsgeheul, sondern ein tieferes, fast erdiges Dröhnen, als spräche der Wald selbst.
Die Wölfe erstarren. Ihre Ohren zucken, die Körper spannen sich. Einen Moment später taucht aus dem Schatten der Bäume eine riesige Gestalt auf. Auf einer Lichtung tritt ein Braunbär hervor.
Er schreitet langsam, sicher, und jeder Schritt hallt in Johanns Brust. Der Bär bleibt ein paar Schritte von der Meute entfernt stehen und brüllt. Der Schrei ist so kraftvoll, dass die Blätter erzittern und die Vögel von den Ästen flüchten. Die Wölfe zucken zusammen. Einer knurrt, ein anderer weicht zurück, und innerhalb weniger Sekunden ist die ganze Schar im Unterholz verschwunden, als wäre sie nie gewesen.
Der Bär bleibt allein. Er hebt den Kopf, schaut nach oben direkt zu Johann. Der Blick ist schwer, aber nicht feindlich. Sie starren ein paar Sekunden einander an. Dann dreht sich das Tier lautlos, wendet sich um und verschwindet zwischen den Bäumen.
Ein alter Hirsch sitzt auf einem Ast, unfähig, sich zu rühren. Er hat das Sterben nur weil ein anderer Räuber in der Nähe war, entkommen. Als die Angst nachlässt, klettert er herunter, hebt den Rucksack und blickt in die Richtung, in die der Bär gegangen ist.
Danke, flüstert er.
Der Wald schweigt. Nur der Wind wiegt die Zweige, und irgendwo in der Ferne ertönt das dumpfe Grollen eines Eulenschreis.
Seitdem kommt Johann oft in den Schwarzwald, legt auf der Lichtung ein Stück Brot und ein wenig Honig ab. Und jedes Mal, wenn der Nebel über den Boden kriecht, hat er das Gefühl, dass aus dem Wald warme, kluge Augen ihn beobachten. Vielleicht ist es nur ein Zufall. Vielleicht aber bewacht ihn im Schwarzwald wirklich jemand.







