Der Tag, an dem alles zusammenbrach, war grau und regnerisch, als hätte selbst der Himmel beschlossen, dass in unserem kleinen Ort Hinterwald ein herzliches Trauerstück aufgeführt werden muss. Ich stand am Fenster meiner Hausarztpraxis und fühlte, als hätte jemand mein Herz in eine Zange gelegt und dreht es immer weiter. Das ganze Dorf schien zu schlafen: Hunde knurrten nicht, Kinder versteckten sich, sogar der kreischende Hahn von Onkel Matthias war plötzlich still. Alle Blicke richteten sich auf das Haus von Gertrud, unserer alten Nachbarin. Dort stand vor dem Tor ein fremdes Stadtauto, glänzend wie ein frisch polierter Zahnradkettenschloss im Dorfinnern.
Niklas, ihr einziger Sohn, brachte seine Mutter ins Pflegeheim. Er war erst drei Tage zuvor mit einem glänzenden Anzug und einem teuren Eau de Cologne aus der Stadt angekommen ganz fern vom Duft des feuchten Waldbodens. Er trat zu mir, angeblich um Rat zu holen, doch eigentlich suchte er Rechtfertigung.
Frau Anneliese, sagte er, während er nicht zu mir, sondern zu einer Dose Watte in der Ecke starrte, meine Mutter braucht professionelle Pflege. Ich bin den ganzen Tag im Büro, der Druck, die schmerzenden Beine Dort ist es besser für sie. Die Ärzte, die Fürsorge
Ich schwieg und sah nur auf seine makellosen Hände. Diese Hände hatten früher Gertruds Rock gezogen, als sie ihn aus dem eiskalten Fluss zog, und später mit Butter und Mehl in der Küche gestanden, um ihre berühmten Apfelstrudel zu backen. Und jetzt unterschrieben sie den endgültigen Abschied.
Niklas, flüsterte ich, meine Stimme zitterte, ein Pflegeheim ist kein Zuhause, das ist eine staatliche Einrichtung, dort ist alles fremd.
Aber dort gibt es Fachpersonal!, schrie er fast, als würde er sich selbst überzeugen. Und hier? Du bist die Einzige im ganzen Dorf. Wer kümmert sich um sie, wenn es nachts zieht?
In meinem Kopf summte ein altes Sprichwort: Hier sind die Wände heimisch, sie heilen. Die Tür knarrt seit vierzig Jahren, der Apfelbaum vor dem Fenster wurde von deinem Vater gepflanzt. Ist das nicht Medizin? Doch ich schwieg. Was sagt man, wenn jemand schon alles entschieden hat? Er fuhr davon und ich ging zu Gertrud.
Sie saß auf ihrer knarrenden Verandabank, gerade wie ein gespannter Bogen, doch ihre Hände zitterten zart. Sie weinte nicht, die Augen waren trocken, blickten in die Ferne, zum Fluss. Als sie mich sah, versuchte sie zu lächeln, doch es klang eher wie ein Schluck Essig.
Da ist er, Anneliese, sagte sie mit einer Stimme, leise wie raschelndes Herbstlaub. Dein Sohn er holt sie ab.
Ich setzte mich neben sie, nahm ihre kalte, raue Hand Hände, die ein Leben lang Felder gepflügt, Wäsche in eisigen Bächen gewaschen und unseren kleinen Niklchen im Arm geschaukelt hatten.
Vielleicht reden wir noch einmal mit ihm, Gertrud?, flüsterte ich.
Sie schüttelte nur den Kopf. Er hat entschieden. Es ist leichter für ihn. Er will es nicht böse, er handelt aus Liebe zur Stadt, aus Wunsch, mir das Beste zu geben.
Ihre leise Weisheit drückte mir das Herz in die Fersen. Ich weinte nicht, fluchte nicht. Ich nahm es, wie das Leben Trockenheit und Regen, den Verlust meines Mannes und nun das hier.
Am Abend vor seiner Abreise kam ich noch einmal vorbei. Sie hatte bereits einen Stoffballen zusammengepackt: ein Foto ihres Mannes im Bilderrahmen, ein flauschiges Halstuch, das ich ihr zum Geburtstag geschenkt hatte, und ein kleines kupfernes Ikon. Das ganze Leben in einem Stück Stoff.
Das Haus war sauber, der Boden gewischt, es roch nach Thymian und irgendwie nach kalter Asche. Sie saß am Tisch mit zwei Tassen und einer Schale Restmarmelade.
Setz dich, nickte sie. Wir trinken noch einmal Tee. Zum letzten Mal.
Wir saßen schweigend, das Ticken der alten Uhr an der Wand zählte die letzten Sekunden ihres Lebens in diesem Haus. In diesem Schweigen war mehr Schrei als in jeder wilden Tirade ein Abschied, leise wie ein zerbrechlicher Flügelschlag.
Dann stand sie auf, ging zum Schrank, zog ein weißes Tuch heraus und reichte es mir.
Nimm das, Anneliese. Das ist ein Tischtuch, das meine Mutter einst bestickt hat. Es soll dir bleiben, als Andenken.
Ich entfaltete es: blaue Kornblumen und rote Mohnblumen am Rand, ein kunstvolles Fransenband, das den Blick nicht losließ. Ein Kloß bildete sich in meinem Hals.
Gertrud, warum?, schnappte ich. Lass es bleiben Zerreiß nicht unser Herz für mich und dich. Lass es hier warten. Sie wird zurückkommen. Wir werden warten.
Sie sah mich mit ihren ausgebleichten Augen an, in denen ein universaler Kummer lag sie glaubte nicht.
Der Tag kam. Niklas schob den Ballen in den Kofferraum. Gertrud trat in ihr schönstes Kleid, das gleiche flauschige Halstuch. Nachbarn, mutiger als sonst, schlichen aus ihren Häusern, wischten Tränen mit den Rändern ihrer Schürzen.
Sie blickte über das ganze Dorf, jede Hütte, jeden Baum. Dann sah sie mich an, und ich sah in ihren Augen die stumme Frage: Warum? und die Bitte: Vergesst mich nicht.
Sie stieg ins Auto, stolz und gerade, drehte nicht den Kopf. Als das Fahrzeug losfuhr und eine Staubwolke aufwirbelte, sah ich ihr Gesicht im Rückspiegel, eine einzelne, knappe Träne rannte die Wange hinab. Das Auto verschwand um die Kurve, und wir standen da und sahen den Staub, der langsam zur Straße sank, wie Asche nach einem Brand. Das Herz von Hinterwald blieb an diesem Tag stehen.
Der Herbst kam, der Winter folgte mit heftigen Schneestürmen. Gertruds Haus stand einsam, die Fenster vernagelt, Schnee stapelte sich bis zur Veranda, und niemand eilte, ihn zu räumen. Das Dorf wirkte verwaist. Manchmal ging ich vorbei und dachte, gleich würde das Tor knarren, Gertrud herauskommen, ihr Halstuch richten und sagen: Guten Tag, Anneliese. Doch das Tor blieb still.
Niklas rief ein paar Mal an, mit gedrückter Stimme, dass seine Mutter sich eingewöhnt, dass die Pflege gut sei. In seiner Stimme hörte ich eine Sehnsucht, als würde er nicht nur seine Mutter, sondern auch sich selbst in diesem staatlichen Zimmer einsperren.
Dann kam der Frühling dieser ländliche Frühling, wenn die Luft nach Tau und Birkenwasser duftet, die Sonne so warm ist, dass man sie fast an die Augen legen möchte. Bäche plätscherten, Vögel wurden fast verrückt. An einem dieser Tage, während ich die Wäsche aufhängte, sah ich ein vertrautes Auto am Straßenrand.
Mein Herz machte einen Sprung. Nicht etwa eine frohe Botschaft, sondern ein leises Zittern.
Das Auto hielt vor Gertruds Haus, die Tür öffnete sich. Niklas stieg aus, blasser, dünner, mit ersten grauen Schläfen, die vorher nie zu sehen waren. Er ging zum Kofferraum, öffnete die Hintertür, und ich erstarrte.
Aus dem Auto, gestützt auf seine Hand, stieg sie heraus unsere Gertrud.
Sie trug das gleiche Halstuch, blinzelte in die grelle Sonne und atmete tief, als würde sie den ersten Schluck reinen Frühlings atmen.
Ich rannte zu ihnen, die Beine trieben mich vorwärts.
Anneliese, sagte Niklas, seine Augen voller Schuld und gleichzeitiger Freude. Ich konnte sie nicht retten. Sie erstarb dort, wie eine Kerze im Sturm. Ich kam zurück, und sie sah mich an, als würde sie mich nicht erkennen. Und ich verstand, dass nicht die Wände des Pflegeheims oder die Spritzen heilen die heimische Erde tut es.
Er räusperte sich, schluckte den Kloß im Hals.
Ich habe einen Job, ich komme jedes Wochenende hierher, wann immer ich kann, ich kümmere mich um alles. Ich bitte dich, Anneliese, pass gut auf sie auf, bitte die Nachbarn, wir schaffen das zusammen. Sie gehört nicht ins Pflegeheim, ihr Platz ist hier.
Gertrud strich die raue Holztür mit der Hand, als würde sie ein altes Gesicht streicheln. Niklas öffnete das Schloss, nahm die Bretter von den Fenstern. Das Haus atmete auf, es wurde wieder lebendig.
Gertrud trat auf die Veranda, schloss die Augen, ließ die Lider leicht zucken. Ich sah, wie ihre Wimpern zitterten, wie sie den Duft ihres Hauses einatmete einen Duft, den man nie ersetzen kann. Dann lächelte sie nicht bitter, nicht gezwungen, sondern echt, wie ein Mensch, der nach langer, furchtbarer Reise nach Hause zurückkehrt.
Bis zum Abend war das ganze Dorf versammelt, nicht mit Fragen, sondern einfach nur da. Jemand brachte eine Kanne Milch, ein anderer frisches Brot, wieder jemand Marmelade. Wir saßen auf der Bank, reden über das Übliche das Pflanzen von Setzlingen, das Wetter, den Fluss, der dieses Jahr über die Ufer getreten war. Und Gertrud saß mitten unter uns, klein und ein wenig hager, aber ihre Augen strahlten. Sie war zu Hause.
Spät in der Nacht saß ich auf meiner eigenen Veranda, trank Pfefferminztee und blickte durch das Fenster von Gertruds Haus. Dort leuchtete ein warmes Licht. Es schien, als wäre es nicht nur eine Glühbirne, sondern das wieder geschlagene Herz unseres Dorfes ruhig, gleichmäßig, glücklich.
Dann überlegt man sich: Was ist wichtiger für unsere Alten ein steriles Zimmer mit geregelter Pflege oder das Knarren des eigenen Torpfostens und die Möglichkeit, die Hand an den Apfelbaum zu legen, den dein Mann einst gepflanzt hat?







