25. Oktober 2025 Tagebucheintrag
Ich schreibe heute, weil das Leben von Liselotte, meiner langjährigen Freundin, mich immer wieder tief bewegt. Ihre Geschichte ist ein Stück deutsches Schicksal, das ich nicht unbeobachtet lassen kann.
Liselotte musste bereits im jungen Alter alleine zurechtkommen. Ihr Vater, ein Bergbauingenieur aus Bochum, verstarb, als sie noch ein Kind war, und ihre Mutter, eine Krankenschwester aus Köln, verlor sie während ihres fünften Semesters an der Technischen Universität München. Das war ein harter Schlag: kurz vor der Abschlussarbeit stand das Grab ihrer Mutter, und plötzlich fehlte die feste Stütze, die sie bis dahin hatte.
Glücklicherweise trat Jakob Kahl, ihr Verlobter, in ihr Leben. Seine Eltern, Gertrud und Heinrich Kahl, wohnten in einem kleinen Haus am Rande von Nürnberg und nahmen Liselotte sofort in ihr Herz auf. Sie lernten sich bereits im dritten Semester des Studiums kennen, und seitdem war die Kahl-Familie für Liselotte wie ein zweites Zuhause. Gertrud behandelte sie mit Wärme, und Heinrich schätzte sie als gute Tochter. Alle warteten gespannt darauf, dass das Studium endlich beendet wäre und das junge Paar heiraten könnte.
Die Hochzeit war bewusst schlicht gehalten. Liselotte trauerte immer noch um ihre Mutter, die das Fest niemals miterleben durfte. Noch in der Hochzeitszeremonie erinnerte sie sich an die Worte ihrer Mutter: Bevor du den Bund der Ehe eingehst, lass dich gründlich untersuchen, meine Tochter.
Der Rat war nicht unbegründet. Als Kind hatte Liselotte einen schweren Unfall: Sie rutschte beim Schneefahren von einem steilen Hang und verletzte sich schwer. Die Ärzte fürchteten, dass die Verletzung ihre zukünftige Fruchtbarkeit beeinträchtigen könnte. Der Befund blieb lange unklar, und die Ungewissheit nagte an ihr.
Kurz vor der Hochzeit ließ sie, wie ihre Mutter geraten hatte, ein ärztliches Screening durchführen. Die Ergebnisse waren ermutigend, doch die Möglichkeit, ein Kind zu bekommen, blieb ein offenes Fragezeichen. Sie sprach zuerst mit Gertrud, die nachdenklich antwortete: Wenn auch nur ein Funken Hoffnung besteht, lass dich nicht zu früh entmutigen. Ich spreche mit Jakob.
Ein paar Tage später kam Jakob leicht beschwipst nach Hause und gestand ihr, dass er sich Kinder sehnlichst wünschte. Liselotte, verstehst du das? Was, wenn wir es nicht schaffen? Wäre das dann noch eine Familie? Liselotte brach in Tränen aus, weil das Thema ihr Herz so sehr traf. Sie sagte, es sei seine Entscheidung, doch sie würden es gemeinsam versuchen. Die Ärzte gaben ihr noch einen Funken Hoffnung, und für Liselotte war Jakob das Einzige, was ihr im Leben noch blieb.
Im ersten Jahr ihrer Ehe blieb das ersehnte Ergebnis aus. Gertrud war genauso besorgt um ihre Schwiegertochter wie um ihre eigene Tochter. Sie und Heinrich setzten alles daran, die Ehe zu retten, und schickten Liselotte in ein spezialisiertes Frauenklinikzentrum in BadenBaden, wo sie am Programm Weiblicher Schutz teilnahm. Das Verfahren brachte zwar einige Verbesserungen, aber das erhoffte Kind blieb aus.
Nach zwei Jahren wurde klar: Die Chancen waren praktisch vergebens. Liselotte verfiel in tiefe Verzweiflung, Jakob stand ihr so gut er konnte bei, doch die Stimmung in der Ehe war von Spannungen durchzogen. Jakob gab Liselotte nicht die Schuld, doch er konnte das kinderlose Leben nicht akzeptieren. Liselotte brachte das Thema einer Adoption zur Sprache: Lass uns ein Baby aufnehmen und ihm ein Zuhause geben. Jakob jedoch lehnte entschieden ab.
Ein fremdes Kind kann niemals mein eigen sein, und ich würde es nie mit väterlicher Liebe erfüllen können, sagte er. Versteh mich richtig, Liselotte, das geht nicht. Und merkwürdigerweise unterstützten ihn sogar seine Eltern. Sie wussten, wie sehr ihr Sohn sich ein eigenes Kind wünschte, und hielten ein Vorwandspiel für unehrlich. Warum sollte ein Kind ohne Liebe aufwachsen?
Die Scheidung kam dann von Liselottes Seite, obwohl sie Jakob noch liebte. Sie wollte ihn nicht länger quälen. Lass uns getrennte Wege gehen, Jakob. Du bist noch jung, findest eine andere Frau und bekommst Kinder. Jakob brauchte Zeit, um die Entscheidung zu fassen. Als er jedoch seine neue Kollegin, die junge und dynamische Olga aus Berlin, kennenlernte, wurde ihm klar, dass dies seine neue Zukunft war.
Das Gespräch mit Liselotte war für ihn das Schwerste. Er fühlte sich, als würde er sie im Stich lassen, doch Liselotte erwiderte: Jeder hat sein Schicksal. Du verdienst Besseres. Beschuldige dich nicht. Noch in derselben Nacht packte Jakob seine Sachen und verließ das Haus, während Gertrud und Heinrich ihm nachsahen. Sie boten Liselotte Trost an, tranken Tee und versprachen, immer für sie da zu sein, fast wie eigene Eltern. Trotzdem weinte Liselotte die ganze Nacht.
Die Trennung verlief unkompliziert; das Vermögen wurde nicht aufgeteilt. Liselotte blieb allein in der gemeinsamen Wohnung, und Jakob heiratete kurz darauf. Auch sie blieb nicht lange allein: Der gut aussehende Pavel, ein Architekt aus Frankfurt, bemühte sich um sie, doch Liselotte liebte ihn nie. Ihr blieb immer das Bild ihres früheren Mannes im Kopf, dessen traurige Augen und zarte Hände ihr im Traum erschienen er reichte nach ihr, doch sie konnte ihn nie erreichen.
Im Winter erkrankte Liselotte schwer. Eines Abends, während sie bei Pavel das Abendessen zubereitete, überkam sie plötzlich das Fieber. Pavel rief den Rettungsdienst, ließ sie bei sich, doch am nächsten Morgen war er still und nachdenklich. Als sie endlich wieder zu Kräften kam, gestand er: In dieser Nacht habe ich kaum von deiner Seite losgelassen. Du hast mich gerufen, mich nach Jakob gefragt, nach seiner Hand. Liebst du ihn noch? Liselotte antwortete ehrlich: Ja, ich liebe ihn. Vielleicht bin ich ein Monogamist. Ich kann keine Beziehung ohne Liebe führen. Und sie ging Pavel blieb zurück, ohne Vorwürfe, nur mit Respekt.
Kurz darauf erfuhr Liselotte, dass Jakob einen Sohn bekommen hatte ein weiterer Schlag, der ihr Herz schwerer machte. Sie verbrachte drei Jahre in einem Nebel der Trauer, doch die Kahls besuchten sie ab und zu, wie versprochen. Sie hielten sie moralisch fest, und Liselotte hegte keinen Groll gegen sie oder Jakob.
Eines Tages sah sie Jakob mit seinem Sohn im Stadtpark. Er bemerkte sie nicht, und Tränen flossen erneut. Doch allmählich lernte sie, mit dem Schmerz zu leben. Die wichtigste Erkenntnis war: Jakob war glücklich. Seine Eltern erzählten ihr, dass seine Frau, Olga, eine fürsorgliche Mutter sei, und dass sie ihren Enkel Edik über alles liebten.
An ihrem Geburtstag klingelte plötzlich das Telefon. Jakob rief freundlich, gratulierte und fragte nach ihrem Befinden. Sie spürte, dass die Kahls ihr gut getan hatten, doch das Gespräch brachte sie erneut aus dem Gleichgewicht. Sie beschloss, den Kontakt zu reduzieren.
Ein Jahr später wurde Olga schwer krank. Gertrud rief Liselotte an und sagte, dass die Hoffnung gering sei. Sie weinte um ihren Enkel und um das Leben ihrer Schwiegertochter. Liselotte stand am Friedhof, weil sie nicht einfach weggehen konnte. Die ehemalige Schwiegermutter umarmte sie und flüsterte: Danke, meine Tochter. Du trägst keinen Groll, keinen Neid. Jakob bemerkte das nicht. Monate später rief er erneut an, wollte sie besuchen. Sie ließ ihn kommen, weil er offensichtlich Hilfe brauchte.
Sie saßen zusammen an einem gedeckten Tisch, und Jakob fragte: Warum heiratest du nicht wieder? Liselotte erwiderte schlicht: Ich liebe dich. Einen anderen brauche ich nicht. Jakob weinte, etwas, das ich nie zuvor von ihm gesehen hatte. Er bat sie, zu seinen Eltern zu kommen, um den kleinen Edik abzuholen. Der Junge war schüchtern, zurückgezogen, doch Liselotte behandelte ihn mit neutraler Freundlichkeit, während er sie neugierig musterte.
Durch die Wochen wurden ihre Treffen fast wöchentliche Rituale, ohne Verpflichtungen, nur ein Stückchen Gesellschaft in der Einsamkeit. Dann rief Gertrud an und sagte, Jakob wolle Liselotte zurück, aber er sei unschlüssig. Er sei seit einem Jahr traurig, und das Kind leide. Liselotte rief sofort Jakob zurück und erklärte, dass sie bereit sei, wieder zusammenzuziehen niemand war ihr wichtiger. Das Zusammenleben war nicht leicht; Jakob war kühl und wortkarg, und Liselotte musste lernen, das fremde Kind zu lieben.
Der Wendepunkt kam an ihrem Geburtstag, als Edik ihr ein Bild schenkte: Drei Figuren im Sonnenschein, darüber in kindlicher Handschrift Mama. Tränen strömten ihr über das Gesicht, und sie umarmte den Jungen: Deine Mama sieht von oben zu dir und freut sich, dass du so ein lieber Junge bist. Ich liebe dich auch, du bist jetzt mein Sohn.
Heute leben sie harmonisch. Jakob hat das Eis gebrochen, ist wieder liebevoll und fürsorglich. Liselotte hat endlich das gefunden, wonach sie so lange gesucht hat. Sie besucht gelegentlich die Kirche, zündet eine Kerze für die Seele der Frau, die ihr sowohl den Sohn als auch den Mann schenkte, obwohl sie nie an Gott geglaubt hat.
**Persönliche Lehre:** Das Leben wirft uns unzählige Stürme entgegen, doch wenn man Geduld und Mitgefühl bewahrt, kann selbst ein zerbrochenes Herz wieder heil werden und man erkennt, dass wahre Liebe oft in den unerwarteten Winkeln des Schicksals liegt.






