Warum Kirill seiner Frau nicht mehr sagt, was er zum Abendessen möchte

Warum fragst du mich nicht, was ich zum Abendessen möchte? fragte Klaus seine Frau, während er am Morgen zur Arbeit ging. Oder ist dir das jetzt egal?

Ich wollte dir etwas nach Lust und Laune kochen, antwortete Gisela ganz gelassen. Wenn du aber etwas Bestimmtes willst, sag Bescheid.

Darum gehts nicht, sagte Klaus. Es geht nicht um willst du oder nicht willst du. Der Umstand selbst ist wichtig. Findest du es schwer, mich zu fragen? Interessiert dich das überhaupt nicht?

Ehrlich gesagt, nein, sagte Gisela. Es ist mir einfach egal. Was soll daran spannend sein?

Ach, was! rief Klaus. Früher hast du ja gefragt. Früher war es also noch interessant!

Gisela dachte einen Moment nach.
Mhm, das stimmt, ich habe früher wirklich gefragt. Irgendwie wurde das jetzt unbequem. Ich sollte doch nachfragen, sonst bleibt das stehen.

Was möchtest du zum Abendessen? fragte sie schließlich.

Klaus grinste.
Ein Gefallen, den er mir erweist, dachte er. Aber ich will nicht nervig sein. Schließlich ist das Eheleben ein ständiges Geben und Nehmen. Ich will ein gütiger und nachgiebiger Mann sein, kein Tyrann. Man muss doch verzeihen können, sonst bleiben wir nie Menschen im hohen Sinne.

Also gut, sagte er nachgiebig, ich hätte gern Frikadellen.

Welche Frikadellen denn? fragte Gisela. Schweine-, Lamm- oder Rinderfrikadellen? Soll ich dir vielleicht Fischfrikadellen machen?

Irgendwelche, nur nicht die Fischartigen! rief Klaus. Machst du Witze? Du weißt doch, dass ich Fischfrikadeln seit meiner Kindheit hasse.

Gisela schüttelte den Kopf.
Was ist nur los mit mir heute? Ich bin total zerstreut. Er hat mir doch schon so oft erzählt, wie er in der Kita an Fischfrikadeln erstickt ist. Diese Geschichten tun mir echt leid. Und er mag ja auch keine Götterspeise.

Und was soll es als Beilage geben? fragte Gisela. Kartoffeln, Nudeln oder Reis? Vielleicht ein bisschen Buchweizen?

Bratkartoffeln, bitte, sagte Klaus. Aber nur anbraten, nicht schmoren. Ich will die Kruste.

Klar, mein Schatz, bestätigte Gisela. Ich brate sie schön knusprig.

Und ich mache mir darüber keine Sorgen, sagte Klaus zuversichtlich. Du musst dir Sorgen machen, nicht ich.

Klaus dachte kurz:
Warum habe ich das gesagt? Will ich meine Überlegenheit zeigen? Jetzt habe ich zu hart reagiert. Ich muss noch viel an mir arbeiten, bevor ich als Mensch im hohen Sinn gelten kann.

Wenn es dir nichts ausmacht, Liebling, fügte Klaus mit sanfter Stimme hinzu, mach doch bitte noch einen kleinen Salat mit Tomaten und Gurken.

Natürlich, mein Lieber, antwortete Gisela herzlich. Wird gemacht.

Und mit Knoblauch und Dill, erinnerte Klaus.

Mit Knoblauch und Dill, wiederholte Gisela und lächelte.

Und mit einem Klecks saurer Sahne.

Mit saurer Sahne.

Und die Bratkartoffeln bitte auch mit Dill, ergänzte Klaus, und Zwiebeln.

Alles wird so, wie du es willst, mein Schatz, sagte Gisela.

Nachdem sie sich liebevoll verabschiedet hatten, verließ Klaus die Wohnung. Auf dem Weg zur Arbeit drehte sich in seinem Kopf immer wieder, dass irgendwie etwas mit Gisela nicht stimmte. Auf der Arbeit wirkte er den ganzen Tag zerstreut und dachte nur an das seltsame Verhalten seiner Frau.

Okay, ich rede heute Abend ernsthaft mit ihr und kläre das, tröstete er sich selbst. Vielleicht habe ich sie wirklich unbeabsichtigt verletzt.

Am Abend saß Klaus am Tisch, steckte die Gabel halb in die Frikadellen, die Kartoffeln und den Salat und beobachtete neugierig seine Frau, die begeistert gebratene Hähnchenbrust mit Tomatensauce verdrückte. Sie lachte, zwinkerte ihm zu und genoss jeden Bissen.

Moment mal, sagte Klaus, warum isst du die gebratene Hähnchenbrust und nicht die Frikadellen?

Ich hatte einfach Lust auf Hähnchen, erklärte Gisela. Als du von den Frikadellen gesprochen hast, dachte ich, ich will welche nicht, sondern lieber Hähnchen mit Tomatensauce. Ich habe es mit Knoblauch angebraten. Wärst du nicht neugierig, wie lecker das ist? Stört dich etwas?

Nein, aber Klaus war ein bisschen enttäuscht. Ich dachte, wir essen beide die Frikadellen.

Gisela dachte:
Mein Lieber, er dachte, ich esse seine miesen Frikadellen. Was hat ihn denn dazu gebracht zu glauben, dass ich das will?

Entschuldige, sagte Gisela mit vollem Mund, während sie weiter das Hähnchen kaute. Ich wollte, dass es uns beiden gut geht. Du isst, was du magst, und ich esse, was mir schmeckt. Klingt doch super, oder?

Lustig, murmelte Klaus leise. Kann ich auch ein Stück Hähnchen haben? Ich sehe dich doch so genüsslich essen.

Nein, antwortete Gisela. Das Hähnchen war nur für mich. Die Frikadellen sind für dich, genauso der Salat mit Tomaten, Gurken, Knoblauch und saurer Sahne. Und die Bratkartoffeln gehören komplett dir. Guten Appetit, mein Schatz.

Aber du hast doch noch ein ganzes Hähnchenbein, bemerkte Klaus. Das kann ich doch mit den Frikadellen teilen.

Das ist meins, sagte Gisela. Ich habe mir extra zwei Stücke geopfert. Frikadellen will ich nicht. Iss deine eigenen.

Klaus aß die Frikadellen, doch er konnte nicht aufhören, neidisch auf das zweite Hähnchenbein zu starren, das Gisela genüsslich abkaute. Die Frikadellen steckten ihm fast im Hals.

Ich habe das Hähnchen extra ein bisschen zu knusprig gemacht, erklärte Gisela. Damit die Kruste knackt. Das ist ein Hochgenuss!

Stell dir das vor, flüsterte Klaus.

Er lächelte dumm, während er die letzte Frikadelle hinunterschluckte.

Am nächsten Morgen, kurz bevor er zur Arbeit ging, sah Klaus Gisela aufmerksam an.

Was soll ich heute Abend kochen, Liebling? fragte sie.

Gebratenes Hähnchen, antwortete Klaus entschlossen. Ich habe die ganze Nacht nur daran gedacht. Mach es genau wie gestern, ohne Beilage, nur mit Tomatensauce.

Wie du willst, mein Lieber, sagte Gisela.

Beim Abendessen aß Klaus das gebratene Hähnchen, aber ohne Appetit, weil Gisela vor seinen Augen ein deftiges Lammgulasch verschlang.

Gulasch ist am besten, wenn es richtig heiß ist, jubelte Gisela. Ich könnte das mein Leben lang essen. Ich liebe Lammgulasch seit meiner Kindheit.

Die ganze Woche über überraschte Gisela Klaus immer wieder mit neuen Gerichten. Gestern zum Beispiel gab es gebratene Schleimfische.

Ich will auch gebratene Schleimfische, jammerte Klaus.

Warum hast du das heute Morgen nicht gesagt? wunderte sich Gisela. Ich hatte eigentlich Schnitzel vorbereitet.

Wie sollte ich das wissen? erwiderte Klaus. Du hättest mir doch einen Hinweis geben können.

Ich wusste noch nicht, was ich will, sagte Gisela. Gib mir ein bisschen Schleimfisch.

Nein, das schaffst du nicht, sagte sie streng. Was soll ich denn essen? Deine Schnitzel? Nein, das geht nicht.

Am nächsten Morgen, als Gisela Klaus zur Arbeit begleitete, fragte sie wieder, was er zum Abendessen wolle. Klaus schüttelte den Kopf.

Nein, das reicht, Liebling, sagte er. Du hast schon genug probiert. Mach dir nichts mehr einfallen. Und wenn du etwas für dich machst, dann iss es auch.

Von diesem Tag an sagte Klaus seiner Frau nie wieder, was er zum Abendessen wollte.

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