Waren wir so jemandem nie nötig

Du musst mir verzeihen, Lieselchen, sagte die nicht verwirklichte Schwiegermutter hastig. Ich meinte es nicht böse, als ich das gesagt habe. Vielleicht kommst du ja irgendwann mal zu Besuch? Viktor ist immer noch allein, seit er sich von dir getrennt hat. Er steckt nur noch in Computerspielen

***

Liselotte und Viktor waren fast zwei Jahre zusammen. Für Lisel schienen ihre Beziehung und die Zukunft ernst zu sein: Sie verbrachte häufig Zeit im Haus der Familie Schneider, wo man sie höflich, aber ohne große Herzlichkeit aufnahm. Sie glaubte an ein festes gemeinsames Leben. Viktor, zwar etwas leichtsinnig, hatte Charme und schien zielstrebig zu sein.

Das Idylle zerbrach, als Viktor die wichtige Englischprüfung durchfallen ließ. Das war die Folge seiner Nachlässigkeit: Während des Lockdowns spielte er stundenlang Computerspiele und vernachlässigte das Lernen. Eine Exmatrikulation drohte.

Inmitten der Krise ließ Lisel ihre Wut nicht mehr zügeln und sagte zu Viktors Mutter scharf:

Ich brauche keinen Mann, der nichts erreicht. Ich will einen eigenständigen Partner. Und ich will nicht nur die Hausfrau sein, ich will, dass wir gemeinsam den Haushalt führen und das Geld verdienen!

Die Worte hingen schwer in der Luft und stellten die Zukunft sofort in Frage.

Viktors Mutter nahm das als persönliche Beleidigung. Sie hatte ihr ganzes Leben dafür gesorgt, dass ihr Mann und ihr Sohn versorgt waren, und sah ihre Rolle darin, zu pflegen, nicht zu fordern. Jetzt erwartete sie von Lisel dasselbe Verhalten.

Ach, wie schön! Gemeinsam Sie will keine Hausfrau sein. Jede Frau ist doch zuerst Hüterin des Herds, und der Mann ist das Oberhaupt der Familie!

Lisel schwieg, um den Streit nicht zu verschärfen. Danach öffnete man ihr die Tür nicht mehr. Der Kontakt zu Viktor beschränkte sich auf heimliche Nachrichten, seltene Anrufe und kurze Treffen an neutralen Orten. Er litt unter dem Mangel an Begegnungen, setzte aber statt Ehrlichkeit Manipulationen ein.

Lisel, wir müssen mit deiner Mutter reden, drängte Viktor am Telefon. Du musst ihr erklären, dass du das nicht so siehst. Ich habe genug davon, mich zu verstecken! Versöhne dich mit deinen Eltern, ja?

Warum soll ich deiner Mutter etwas beweisen? Sie hat mich nicht erzogen. Das sind deine Probleme, nicht meine. Warum soll ich mich anpassen?

Weil du mich liebst und ich dich. Das ist der einzige Weg, alles zu reparieren. Wenn du das nicht tust, verlieren wir uns für immer

Mit schwerem Herzen stimmte Lisel zu aus Liebe war sie bereit, den demütigenden Schritt zu wagen und sich mit der fremden Mutter zu versöhnen.

Doch es kam anders, als sie es sich vorgestellt hatte.

Als Lisel das Haus betrat, ließ Viktor sie ins Foyer. In diesem Moment kam der Vater die Treppe hinunter:

Viktor, was macht dieses Mädchen hier? fragte er scharf.

Viktor stockte. Lisel spürte, wie das Blut aus ihrem Gesicht wich. Die Frage klang, als stünde vor ihm nicht die geliebte Freundin ihres Sohnes, sondern eine zufällige Bekannte.

Papa, Lisel, wir wollten, begann Viktor, doch sein Vater unterbrach ihn:

Ich sehe, wer das ist. Raus hier!

Aus dem Wohnzimmer kam die Mutter:

Wer macht da Lärm? Viktor, wer ist das?

Der Vater, ohne Lisel Beachtung zu schenken, warf:

Diejenige, die dich das Leben lehrt.

Lisel verstand: Sie war hier nicht willkommen. Die Demütigung trieb sie zu einer Instinkthandlung.

Ich gehe, und du bleibst hier! Du armseliger, nutzloser Sohn der Mutter! zischte sie und stürmte hinaus, schlug die Tür laut zu.

Viktor, völlig fassungslos, versuchte sie nicht aufzuhalten.

Kaum war sie aus dem Treppenhaus, klingelte ihr Handy. In Viktors Stimme war keine Reue, nur Wut:

Warum hast du das gesagt?! Du hast alles ruiniert!

Was habe ich ruiniert? Dein Vater hat mich gerade zur CallGirl erklärt!

Egal, wen er jetzt wo hinsetzt! Du hast einen Skandal ausgelöst! Jetzt ist Mama wütend, und Papa will, dass ich dich nie wieder sehe!

Dann kam das Letzte, das Lisel endgültig zermürbte:

Und das Schlimmste: Jetzt darf ich nicht mehr am Computer sitzen.

Lisel spürte, wie Schmerz und Ärger zu einer kalten Entschlossenheit wurden.

Du beschuldigst mich, weil du nicht mehr zocken kannst? Deine Familienprobleme sind deine Probleme. Du hättest dich selbst darum kümmern sollen, nicht mich zur Sündenbock machen.

Alles wurde klar: Er hatte sich nicht geändert. Er blieb ein unreifer junger Mann, der immer noch Schuldige suchte. Er hatte sie nicht beschützt.

Ich halte das nicht mehr aus, Viktor. Wir reden nicht mehr, das ist das Ende! sagte Lisel fest. Sie blockierte ihn überall. Der Bruch war scharf, aber nötig. Seine Familienprobleme waren sein Kreuz, nicht ihres.

***

Ein Jahr später hatte Lisel die Trennung verarbeitet und ein neues Leben begonnen. Sie lernte einen Mann kennen, sie waren seit drei Monaten zusammen, und eine Hochzeit schien in Sicht.

Eines Tages traf sie zufällig im Supermarkt Irma Scholz.

Liselchen! Meine liebe, wie gehts dir? rief die ehemalige Schwiegermutter.

Lisel zögerte:

Guten Tag

Irma umarmte sie und bombardierte sie mit Fragen:

Wie lange ist es her, dass wir uns nicht gesehen haben! Wie geht es dir? Wie läuft das Leben? Schade, dass du und Viktor euch getrennt habt. Er ist völlig verrückt nach seinen Spielen! Will nicht arbeiten, sitzt nur am PC. Als ihr zusammen wart, war er viel verantwortungsbewusster Komm doch mal rüber!

Entschuldigen Sie, Irma, ich habe keine Zeit. Arbeit, Haus

Irma bemerkte den Ring an Lisels Finger:

Und das? Bist du schon verheiratet?

Nein, wir haben nur verlobt. Die Hochzeit im Sommer.

Die Freundlichkeit der einstigen Schwiegermutter verwandelte sich sofort in kalte Abweisung:

Ach so! Jetzt verstehe ich alles. Gut, dass Viktor dich verlassen hat! Wir brauchen dich nicht so!

Lisel zuckte mit den Schultern und wandte sich dem Bücherregal zu. Irmas Bemerkungen trafen einen wahren Kern: Es war gut, dass sie ihn rechtzeitig losgelassen hatte. Doch schade, dass sie viel Zeit mit ihm verschwendet hatte.

**Lebenslektion:** Man sollte seinen eigenen Wert nicht an den Erwartungen anderer messen und den Mut haben, sich aus toxischen Beziehungen zu befreien, bevor man sich selbst verliert.

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