Herzliche Begegnung: Ein Freundschaftsbesuch voller Wärme

Ein warmer Besuch

An einem späten Märzmorgen blieb Oberleutnant Karl Friedrich Müller vor den gläsernen Türen des Seniorenheims Heller Garten stehen. Auf den Kastanienzweigen lag noch silberner Reif, und ein Pfleger mit einem Eimer tauwarmes Wasser schritt vorsichtig über den Kopfsteinpflasterweg. Er zog die Handschuhe an, prüfte, dass sein Personalausweis als privater Sicherheitsdienst in der Brusttasche lag, und drückte die warme Tür auf.

Vor vierzig Jahren hatte er zum ersten Mal den Platz eines Kadetten betreten; nun, mit fünfundfünfzig Jahren, trat er in das prächtige Haus für ältere Menschen ein als neuer Wachmann. Die Staatspension aus der Bundeswehr reichte, doch die Hypothek für das Haus seines Sohnes und die Medikamente seiner Frau fraßen den Rest auf. Die Umschulung, das ärztliche Gutachten, die Unbedenklichkeitsbescheinigung alles hinter ihm, heute war seine erste Nachtdienstschicht.

Der Administrator Leon, ein schlanker junger Mann im makellos gebügelten Sakko, führte Karl durch den Flur. An den Wänden hingen Reproduktionen von Caspar David Friedrich, von der Decke strömte ein sanftes gelbes Licht. Ihr Posten liegt neben dem Ärztzimmer, erklärte Leon. Sie protokollieren die Zugänge und sorgen dafür, dass Fremde die Bewohner nicht stören.

Karl setzte sich an einen kompakten Tisch mit Überwachungsbildschirmen. Auf dem Monitor wirkte die geräumige Eingangshalle wie ein Aquarium: Ledersofas, ein Kaffeeautomat, am Eingang eine Plastikfigur einer lächelnden Oma. Er strich mit dem Finger über die laminierten Karten: drei Wohnflügel, Physiotherapie, Schwimmbad. Der Luxus war unverkennbar, doch die Geräusche menschlichen Lebens drangen kaum durch die Wände.

Zur Mittagszeit, während er mit Pflegerin Lieselotte den Rundgang begleitete, lernte Karl die Bewohner kennen. Der pensionierte Oberstleutnant Armin Hartmann ebenfalls ein alter Kamerad, sieben Jahre älter stand neben der ehemaligen Institutsleiterin Margarete Schuster, die ein EBook in den Händen hielt. Beide nickten freundlich, doch ihre Blicke blieben wachsam, als erwarteten sie ein Signal, das alles verändern könnte.

Nach dem Mittagessen im Speisesaal duftete es nach frischem Dill und dem Dampf der Sterilisatoren. Wohlhabende Bewohner aßen Diätlachs und verteilten die Stücke mit der Präzision von Chirurgen. Durch die Glaswand saßen seltene Gäste Enkel in teuren Daunenjacken. Sie winkten, schlossen das Smartphone und eilten zur Tür hinaus.

Am zweiten Arbeitstag trat Karl in den Innenhof. Das schwache Sonnenlicht glitzerte auf den nassen Fliesen, und Margarete Schuster, eingehüllt in einen langen Schal, blickte zur Straße. Ich warte auf meine Enkelin. Die Uni ist nah, aber der Weg ist wie zum Mond, schmunzelte sie. Am Abend notierte der Wachhabende, dass niemand zur Wohnung von Frau Litvinova gekommen war.

Die Szene erinnerte Karl an das Landkrankenhaus, in dem einst seine Mutter lag. Dort gab es weder Marmorböden noch importierte Trainingsgeräte, doch die Sehnsucht hallte mit dem gleichen dumpfen Echo nach. Reichtum schützte nicht vor Einsamkeit.

Aus der Kamera des dritten Flügels beobachtete er, wie Armin Hartmann lange vor dem Fenster saß, ein abgeschaltetes Tablet in der Hand. Am Vortag brachte sein Sohn Trockenfrüchte, unterschrieb ein paar Papiere und fuhr nach fünfzehn Minuten wieder ab. Jetzt starrte der alte Mann den grauen Himmel an, als würde er die Flugbahn einer Artilleriegeschosse berechnen, nur ohne Ziel.

In der Raucherlounge für das Personal erzählte Pfleger Andreas: Nach den Regeln können die Bewohner jederzeit anrufen, doch bei vielen Telefonen herrscht Stille die Nummern der Verwandten wurden geändert. Karl nickte und notierte einen weiteren Stich in das Porträt der stillen Trennung.

Am Abend brachte er im Flur eine Packung Tee, die sein Sohn geschickt hatte. Die Schachtel mit dem Aufdruck für alle stand neben einer Karaffe Wasser, doch niemand kam, um sich eine Tasse zu genehmigen. Ein bekanntes Dienstgefühl überkam ihn: Eingreifen wollen, doch welche Macht hat ein Wachmann?

In der Nacht, als er den dritten Stock überprüfte, hörte er ein gedämpftes Weinen. Im Wohnzimmer, unter dem flimmernden Serienbild, wischte Tamara Düring, die ein großes SmaragdRing trug, ihre Tränen mit einer Serviette weg. Zur Tochter durchklingeln? bot er an. Das lohnt sich nicht, sie liegt am Meer, antwortete sie und wandte sich dem Bildschirm zu.

Am Morgen keimte ein Plan in seinem Kopf. In seiner alten Kaserne hatte er Familienabende mit Feldküche organisiert. Warum nicht hier? Um acht Uhr meldete er sich beim Administrator: Wir brauchen einen Familientag Lieder, Tee, Fotowand. Leon hatte nichts dagegen und leitete ihn zum Direktor weiter.

Direktorin Elisabeth Weber lauschte, während sie mit dem Stift auf das Glas des Schreibtischs tippte. Karl stand im Vordergrund. Das Budget? fragte sie. Ich kümmere mich um die Lieferanten, die Schulband spielt kostenlos. Der Einlass ist meine Verantwortung. Er sprach fest, doch innerlich bebte alles.

Die Genehmigung war erteilt. Innerhalb einer Stunde druckte er Einladungen. Zettel mit der Aufschrift Sonntag, 31. März Tag des Miteinanders erschienen am Empfangstresen. Dann rief er durch das Telefonbuch: Anrufbeantworter, Faxgeräte, Stille. Die erste lebendige Stimme kam von Margaretes Enkelin. Wenn Sie das wirklich organisieren, kommen wir, sagte sie. Der Auftrag war angenommen.

Der Sonntag dämmerte. Das frühe Sonnenlicht drang durch halbtransparente Vorhänge des Wohnzimmers, spiegelte sich in den glänzenden Fliesen. In den Ecken standen Töpfe mit Hyazinthen, und ein leichter Frühlingsduft mischte sich mit dem Aroma frisch gebackener Brötchen aus der Küche.

Karl inspizierte den Saal. Stühle standen in einem Halbkreis, in der Mitte eine kleine Bühne und ein tragbarer Lautsprecher für Hintergrundmusik. Auf den Tischen dampfte Tee, daneben lagen Kuchen, die die örtliche Konditorei großzügig gespendet hatte. Tief atmete er ein: Jetzt hing alles von den Gästen ab.

Um die Mittagszeit versammelten sich die Verwandten. Zuerst kam die Enkelin von Margarete Schuster mit ihrem jüngeren Bruder. Sie brachten alte Fotokarten und eine große Schokoladentorte mit. Margarete lächelte, als lese sie wieder ihre erste Vorlesung für Erstsemester.

Kurz darauf trat der Sohn von Armin Hartmann ein. Der Oberstleutnant richtete sich auf, glättete das Sakko, als befände er sich im Märsche. Sie umarmten sich, und das Gespräch floss plötzlich leicht, ohne die gewohnte Anspannung.

Mit jeder neuen Familie schmolz die Atmosphäre wie das MärzEis. Großmütter stritten über Marmeladenrezepte, Großväter prahlten mit Dienstfotos. Wer niemand mitgebracht hatte, setzte sich an den gemeinsamen Tisch ihnen gab man Tee und Kuchen, und Karl schob die Gäste unbemerkt näher zusammen.

Am Abend, als die Sonne die Schatten im Garten zerstreute, blickte Karl über den Saal. Nicht alle waren gekommen, doch genug, damit das Leben wieder zu pulsieren begann. Das Murmeln der Stimmen verwandelte sich in ein warmes Summen von Telefonaten und Versprechen, im Mai vorbeizuschauen.

Lachen schwebte noch zwischen den Tischen, als er Tamara Düring bemerkte. Neben ihr saß ihre jüngere Schwester, die früh mit dem Flugzeug angekommen war. Die beiden hielten Händchen und blätterten leise ein altes Album. Der Stein am Ring zitterte nicht mehr.

Der Tag neigte sich dem Ende zu. Karl half dem Pflegepersonal beim Abräumen, schob einen Stuhl zum Aufzug, schrieb die Namen der Gäste ins Logbuch. In ihm wuchs eine einfache, feste Zuversicht: Für ein glückliches Leben braucht man nicht viel. Ein wenig Beharrlichkeit und Respekt genügen.

Am Ausgang blieb er einen Moment stehen. In einem kleinen Garten drangen rosa Knospen durch das Kopfsteinpflaster. Sie fanden dennoch den Weg zum Licht. Karl lächelte und spürte zum ersten Mal, dass er an genau dem Ort stand, wo er jetzt gebraucht wurde.

Rate article
Herzliche Begegnung: Ein Freundschaftsbesuch voller Wärme
All the Questions Are for My Husband