In jedem Klassenverband, egal wie viele Jahre verfliegen, bleibt das Kernstück immer gleich: die Menschen, die telefonieren, sich treffen, den Kreis am Laufen halten. Und wenn ein Jubiläum ansteht, übernehmen dieselben Gesichter die Organisation Location, Menü, Programm alles aus Gewohnheit, locker und fröhlich.
Als die Gästeliste auf den Tisch kam, wurdes etwas hitziger. Die Lehrer musste man ja einladen, aber alle Klassenkameraden?
Alle kommen, sagte Sascha bestimmt. Nur den Flo nicht, den haben wir schon genug vom Dauertrinker.
Wie kann das sein, dass Flo nicht kommt?, rief Leni mit ihrer dicken Brille. Er kommt! Ich hab mit ihm geredet.
Leni, erwiderte Viktoria, die ehemalige Klassensprecherin leise, er könnte ja wieder antrinken, das wäre umständlich. Ich habe ihn neulich kaum noch erkannt, er wankte fast.
Leni seufzte nur:
Schon gut. Ich weiß, er bereitet sich vor.
Vielleicht, fügte sie hinzu, ist dieses Treffen für ihn wichtiger als für uns alle zusammen.
—
Flo war in der Schule ein anderer Typ. Leise, freundlich, nie laut, nie streitlustig. Er hörte zu, half, war da, wenn jemand ihn brauchte. Ordentliche Hefte, gerade Zeilen, Diktate ohne Fehler. Physik und Mathe lagen ihm wie eine zweite Haut, Formeln flüsterten ihm die Lösungen zu. Bei Olympiaden kam er fast immer mit einem Diplom nach Hause selten Erster, aber immer ein gutes Ergebnis. Auf den Versammlungen stand er neben den Klassenbesten, ein Händedruck auf das Herz fühlte er nicht als Stolz, sondern als leichtes Röcheln so nahm er jedes Lob auf.
Er träumte vom Wehrmachtausbildungswerk nach der neunten Klasse. Noch gut erinnere ich mich, wie er mit der Klassenlehrerin zum Tag der offenen Tür fuhr. Voller Begeisterung erzählte er von Uniform, Marsch und Disziplin, davon, wie man dort nützlich wird. Alle glaubten fest an seinen Erfolg.
Zuhause sah die Lage anders aus. Der Vater war schon lange tot, die Mutter trank.
Eines Abends, zum Abschlussball, kam sie nach einem heftigen Rausch herein, schwankend, die Augen glasig, das Haar zerzaust. Als Flo sein Diplom bekam, schrie sie plötzlich:
Bravo, Flo! Mein Sohn!
Er stand mit gerötetem Gesicht, die Hände verkrampft, als wollte er in den Boden versinken. Das Lob seiner Mutter war für ihn wie ein ungeplanter Knall nicht das, was er brauchte.
Der Plan, ins Wehrmachtausbildungswerk zu gehen, zerbrach. Er fürchtete, dass seine Schwester ins Heim kommt, wenn er wegginge. Also blieb er, ging weiter zur Schule, jobbte abends, verpasste öfter den Unterricht, geriet in die falsche Gesellschaft und tja, das fuhr nicht gerade in die richtige Richtung.
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Er bereitete sich auf das Klassentreffen auf seine Art vor. Er fand einen grauen Anzug, zwei Nummern zu groß, aber sauber. Lange Zeit überlegte er, welches Hemd passen würde, bügelte, prüfte die Knöpfe. Rasierte sich vorsichtig, richtete die Haare so gut es ging. Zwei Tage lang trank er keinen Tropfen, wollte er selbst sein, wenn alle zusammenkommen.
Als er vor dem Restaurant stand, zögerte er, die Tür zu öffnen. Er blieb am Rand, versteckt, beobachtete. Er sah, wie die Klassenkameraden sich umarmten, etwas auf den Handys zeigten, lachten laut, schienen das Leben jetzt ganz locker zu nehmen.
Er stand da, verlegen und unsicher, als fürchte er, ein falscher Schritt könnte das zarte Bild des Abends ruinieren. Erst nach einer Stunde sammelte er seinen Mut und trat ein.
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Am Eingang stand er saubere Haare, aber nicht geschnitten, ein Anzug, der nicht passte, Schultern etwas hängen, ein verlegener Blick.
Leni rief sofort:
Flo, komm her! Hier ist dein Platz!
Er kam herüber. Die anderen erwachten: Prost, Gelächter, Musik.
Flo trank kaum, aß kaum er saß einfach, hörte zu, beobachtete. Hin und wieder ein kaum merkliches Lächeln.
Als der Abend sich dem Ende zuneigte, stand Flo auf. Seine Stimme zitterte, jedes Wort fiel ihm schwer, als hätten sich jahrelange Anspannung zu einem Knoten verdichtet und wollten jetzt entweichen:
Danke euch danke, dass ihr mich eingeladen habt das ist wohl das Schönste, was in den letzten fünfzehn Jahren passiert ist
Seine Augen glänzten, ein Kloß drängte sich zum Hals, Schultern verkrampft, Hände leicht bebend. Er war schutzlos, offen wie ein Kind, das zum ersten Mal glaubt, man würde es so akzeptieren, wie es ist.
Ich ich bin sehr dankbar Entschuldigt, falls ich irgendwann na ja jemandem irgendwie
Und plötzlich erklang im Chor:
Natürlich, Flo! Wir freuen uns auch riesig! Ohne dich wäre das nichts! Wir hätten nie daran gedacht, dich nicht einzuladen!
Seine ehrlichen Empfindungen wurden von diesem einheitlichen Echo übertönt: Lächeln, Schulterklopfen, laute Versprechungen Es waren keine Gesten des Mitgefühls, sondern eine bequeme, gesellschaftliche Höflichkeit, bei der niemand tiefer graben wollte. Heuchelei pur: warme Worte, flüchtige Blicke, Fürsorge zum Schein.
Leni beobachtete das Ganze und dachte:
Ihr wolltet ihn doch gar nicht einladen
Aber das Wichtigste Gott sei Dank Flo bemerkte das nicht. Er glaubte an ihre Worte, weil er keinen Grund zum Zweifeln hatte.
Er dankte, verneigte sich leicht verlegen und ging einer der Ersten. Leise verließ er den Saal, ohne Abschied, ohne Warten, ohne Rückblick
Nach ihm lachten die anderen weiter, erzählten alte Geschichten, berichteten, wer wo arbeitet, wer wie lebt, wen sie wo getroffen haben Und wieder Lachen, Musik, das Klirren der Gläser.
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Spät in der Nacht, als Leni nach Hause ging, sah sie Flo auf einer Bank vor dem Mehrfamilienhaus im schwachen Licht einer Straßenlaterne sitzen. Er war gebeugt, schon betrunken, die Augen glasig, die Hände auf den Knien. Er erkannte Leni nicht.
Sie trat näher, ihr Herz zog sich zusammen:
Warum hast du dich betrinken, Flo? Heute hast du dich gut gehalten, warst du selbst Warum jetzt?
Leni blickte auf ihn, auf den dunklen Innenhof, die leeren Fenster, die Laterne, und dachte:
Wie viele Leben zerbrechen leise, unbemerkt, weil keine helfende Hand, kein Schulterklopfen, kein triftiges Wort da war? Und wäre jemand gewesen, dann sähe man Flo nicht mehr hier, in diesem Anzug, betrunken
Die Frage hing in der nächtlichen Stille. Eine Antwort blieb aus.







