Freundschaft
Man sagt, sie hätten einander seit Jahrhunderten gekannt. Und jetzt stand er, alt und grau, vor mir und bat um Hilfe.
Heinz, ich verstehe dich, doch überlege selbst, du bist nicht mehr jung. Wohin soll ich dich bringen? Du warst einst Direktor, und ich will dich jetzt als Lagerarbeiter haben? lachte Peter Petersen, während er den schlohweißen Mann musterte.
Heinz Müller nickte schwer.
Halte durch, Heinz Ich melde mich, wenn etwas Vernünftiges für dich auftaucht. Kopf hoch, mein Freund! Wir schaffen das! rief Peter, als er ging.
Das war nicht das erste Mal, dass ich in den letzten zwei Wochen abgewiesen wurde. Heinz hatte das fast schon zur Gewohnheit gemacht und lernte, sich zurückzuhalten, obwohl er anfangs tief enttäuscht war.
Man spricht recht: Einen Freund erkennt man in der Not. Heinz Müller hatte sein ganzes Leben in leitenden Positionen verbracht. Viele Kollegen kannte er, doch als die Schwierigkeiten kamen, war niemand an seiner Seite.
Wie so oft brachte der neue Chef seine Leute mit. Heinz wurde höflich, aber bestimmt gebeten, ein Schreiben auf eigenen Wunsch einzureichen. Die Rente war schon in Sicht, doch das schien niemanden zu interessieren.
Plötzlich stand er ohne prestigeträchtige Anstellung und ohne Einkommen da.
Doch der Mann wollte nicht verzagen. In Köln hatte er zahlreiche Bekannte, denen er schon oft bei der Jobsuche, beim Studium oder bei anderen Problemen geholfen hatte.
Kiril wird mir doch nicht weichen! Ich habe ihm früher schon sehr geholfen, sagte Heinz zu seiner Frau Liselotte, als er zu einem weiteren Vorstellungsgespräch aufbrach.
Doch von diesem Termin kam er nur finster und wortkarg zurück:
Der Kollege heißt …, seufzte er.
Liselotte durchblickte sofort in seinen Augen:
Setz dich, Heinz, iss etwas. Was auch immer geschieht, es ist zum Besten, sagte sie, während sie den Tisch deckte.
Heinz nickte, dann durchforstete er den Rest des Abends sein Telefonbuch mit den besten Kontakten.
Die Rettung kam, als er fast die Hände in den Schoß legen wollte. Ein ehemaliger Fahrer, nun Direktor einer kleinen Fleischverarbeitungsanlage, nahm ihn auf.
Ich könnte Sie als Lagerverwalter einstellen. Die Arbeit ist hektisch, aber Sie schaffen das, sagte er höflich zu seinem früheren Chef.
Heinz freute sich über jede Anstellung und begann am nächsten Tag sofort.
Die Anlage lag am Stadtrand von Köln, hinter einem eisernen Zaun standen zwei kräftige Arbeiter und entluden einen Lastwagen voller Wurstwaren. Nicht weit entfernt beobachtete ein Schwarm streunender Katzen das Geschehen.
Heinz lächelte die getigerten Tiere an, die synchron mit ihren Schnurrbärten die nächste Portion Leckerbissen erwarteten. Später stellte sich heraus, dass die gesamte Anlage von einer kleinen Katzenbande bewohnt war, die Fremde skeptisch beäugte.
Jede Begegnung war ein Balanceakt: Sobald Heinz versuchte, einen der getigerten Kater zu streicheln, zuckte das Tier zurück oder fauchte.
Die jungen Kerle hier sind rau, lachte er, während die Köchin Ziska die Reste des Mittagessens zu ihren Schützlingen brachte.
Ja, sie sind nicht gerade kuschelig. Schau dir die Kätzchen an selbst die sind nicht besonders zahm, erwiderte sie und deutete auf ein junges Streifenpaar, das zwischen den Älteren umhertollte.
Mit der Zeit lernte Heinz die Katzen kennen. Sie vertrauten dem grauen Mann, weil er sie regelmäßig fütterte, obwohl er zu Hause keine Haustiere hielt, aber Tiere liebte und stets für sie sorgte.
Jedes Mal, wenn er nach der Arbeit im Hof rauchte, umringten ihn die Katzen vorsichtig, sahen ihm tief in die Augen und suchten nach etwas, das sie teilen konnten.
So verging ein halbes Jahr, kaum merklich. Der Sommer wich dem Herbst mit trüben Winden und grauem Regen. Die Katzen hielten sich seltener im Hof auf, doch die Mahlzeiten ließen sie nicht aus.
Eines Tages erschien ein neuer Kater, schmächtig, schwarz, mit einer kahlen Stelle am Rücken. Er hielt sich von der Bande fern, wurde aber nicht angegriffen. Der harte Mann, der sonst keine Schwäche zeigte, war von dem kleinen Kerl verzaubert.
Heinz stand nach dem Mittagessen wieder im Hof und rauchte, als plötzlich ein kleiner, pelziger Schatten aus einer Ecke direkt auf ihn zusprang.
Miau, keuchte das Kätzchen und nieste.
Was für ein Wunder?, staunte Heinz und wandte sich zu den anderen Katzen.
Sie schauten gleichgültig, denn das Kätzchen war nicht von ihrer Sorte sie waren braun-gestreift mit gelbgrünen Augen. Das schwarze Kätzchen schmiegte sich an Heinz Bein und schnurrte.
Siehst du, wie zahm es ist, lächelte Heinz.
Das liegt wohl an dem, was wir ihnen gebracht haben, bemerkte Ziska, die gerade eine Schüssel mit Würstchen herausholte.
Heinz holte ein Stück Wurstchen hervor und legte es dem Kätzchen, während er den Rest ein wenig weiter weg stellte. Die anderen Katzen stürzten sich gierig darauf, doch das kleine Kätzchen ließ sich erst lange Zeit von Heinz Hand streicheln, bevor es selbst anfing zu fressen.
So bekam das Kätzchen den Namen Würstchen. Zuerst fütterte Heinz den Kleinen, dann eilte er seiner Arbeit nach.
Für wen holst du das Essen? fragte Liselotte neugierig.
Für das Kätzchen, das ist doch ganz witzig, so klein, antwortete er leicht verlegen.
Nimmst du es mit nach Hause?, schlug Liselotte vor, wohl wissend, dass ihr Mann nie ein Tier in der Wohnung wollte.
Nein, warum sollten wir einen Kater brauchen? antwortete sie.
Wie auch immer, murmelte sie nur.
Eines Morgens, als das Wetter bitter kühl war und der Himmel düster, hörte Heinz plötzlich eine vertraute Stimme:
Heinz, mein Freund!
Er drehte sich um. Vor ihm stand sein langjähriger Freund Peter, der eilig aus seinem Auto kam, um nicht zu erfrieren.
Wie läufts? Hast du Arbeit gefunden?, fragte Peter herzlich und streckte die Hand entgegen.
Heinz sah kühl, nickte stumm und ließ die Hand im Mantel stecken. Er hatte längst begriffen, wie unverbindlich ihre Freundschaft geworden war.
Du bist ein wildes Stück, knurrte Peter und eilte zu seinem Wagen.
Würstchen saß eingekuschelt auf einer kleinen Holzplanke am Lagereingang, das schwarze Fell wirkte im Frost wie Dornen.
Kannst du dich nicht einmummeln?, tadelte Heinz den kleinen Kerl, während er zur Tür schritt.
Im Radio wurde angekündigt, dass in der Nacht ein schwerer Schneefall über die Stadt kommen würde.
Wie soll ich morgen zur Arbeit kommen, wenn der Schnee liegt?, jammerte ein Fahrer, der gerade das Fassungsvermögen der Straße prüfte.
Er bot Heinz an, ihn nach Hause zu fahren, doch Heinz bat um einen Umweg zum Werk.
Der Fahrer lachte: Schon wieder Arbeit, was?, und ließ ihn am Hof aussteigen.
Heinz rannte zum Holzbalken, rief:
Katz, Katz, Katz!
Doch das Kätzchen blieb verborgen. Die Hofkatzen beobachteten ihn misstrauisch, während er verzweifelt umherlief und rief.
Bald umringten ihn dichte Fellschwärme, zwei Krähen setzten sich auf den Zaun und schauten neugierig zu. Der Schnee fiel unaufhörlich.
Würstchen! Wo bist du?, rief Heinz panisch.
Die Katzen, die den Schnee rochen, suchten Schutz im Schuppen. Sie wussten, dass heute keine Leckereien zu erwarten waren, und kuschelten sich eng aneinander, um Wärme zu finden.
Heinz drehte sich um und verließ den Hof.
Am nächsten Morgen, wie von den Wetterexperten vorhergesagt, lag die ganze Stadt unter einer dicken Schneedecke.
So ein Schneesturm, murmelten die Leute, während sie sich durch die hohen Haufen kämpften.
Heinz schaffte es kaum, pünktlich zur Arbeit zu kommen; die Hausmeister hatten bereits die Wege geräumt, und die Katzen lugten neugierig aus dem Schuppen.
Er legte den Katzen ein kleines Geschenk aus.
Hier, ein Gruß von Würstchen, sagte er freundlich, während er die wilde Bande betrachtete, die sich ein Stück zurückhielt.
Ein warmes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus, wie früher, als er mit seiner kleinen Tochter den Hügel hinunterrutschte. Vielleicht lag es am Schnee, vielleicht an der Erinnerung an die Zuneigung des kleinen Kätzchens.
Gestern hatte das ungezogene Würstchen sich aus seinem Versteck gewagt, als Heinz kurz zurückblickte. Er packte das Kätzchen und drückte es fest an sich.
Du hast es, Würstchen! Endlich gefunden, mein Freund!, jubelte er.
Das Kätzchen gähnte, nieste und klammerte sich mit seinen kleinen Krallen an Heinz, als wolle es nie wieder loslassen.
Liselotte, die gerade die Tür öffnete, sah das Geschehen und fragte lächelnd:
Hast du ihn endlich mitgenommen?
Ja, er ist jetzt bei mir, gestand Heinz, während er das Kätzchen behutsam auf den Boden setzte.
Würstchen schnupperte neugierig und erkundete die neue Umgebung.
Heinz beobachtete den kleinen Kerl, und seine Augen leuchteten. Liselotte umarmte ihren harten, aber gutherzigen Mann. Sie wusste besser als jeder andere, welches warme Herz in ihm schlug.
Würstchen saß am Fenster und blickte hinaus über die schneebedeckten Hügellandschaften, wo derjenige zurückkehrte, den er zu seinem Freund erklärt hatte.
Diese Freundschaft zwischen einem großen, rauen Menschen und einem winzigen Kätzchen war anders als die zwischen Menschen, doch Heinz und Würstchen wussten, dass es keinen Platz für Verrat, Lüge oder Schmeichelei gab. Und genau das machte es wert, darauf zu warten und daran zu glauben.







