Mama wollte das Beste für uns

Liselotte saß in der kleinen Küche und beobachtete schweigend, wie ihre Schwiegermutter Veronika Müller eifrig Äpfel für einen Apfelkuchen schnitt und dabei begeistert Geschichten aus ihrer Jugend erzählte. Lieselotte hörte nicht hin. Seit einem Monat wohnte Veronika bei ihnen, und die junge Frau hatte genug. Auch wenn die Ehe mit Klaus seit fünf glücklichen Jahren bestand, überkamen sie in den letzten Wochen Zweifel, ob sie wirklich den richtigen Schritt gewagt hatte, den Sohn ihrer Mutter zu heiraten.

Liselotte, du hörst mir gar nicht zu! riss Veronika plötzlich aus ihrem Erzählfluss und biss sich verärgert auf die Lippe. Ich sage dir, Klaus muss einen anderen Job finden. Seine Firma ist doch ein Witz! Ich habe mit einer Freundin gesprochen, die ihn sofort in ihr Bauunternehmen holen würde. Dort gibt es mehr Geld, bessere Aufstiegschancen schon nächstes Jahr könnte er befördert werden. Und du könntest ja einfach zu Hause bleiben.

Liselotte atmete tief durch, versuchte ihr Ärgernis zu zügeln. Frau Veronika, Klaus entscheidet selbst, wo er arbeitet. Ihr Sohn ist schließlich erwachsen.

Natürlich ist er erwachsen, aber du bist seine Frau! Du musst ihn lenken, ihm Ratschläge geben! Diese ganzen DesignSkizzen, das ist doch nichts für einen Mann! schimpfte die Schwiegermutter.

Er ist ArchitektDesigner und ziemlich gut in dem, was er macht, protestierte Liselotte, die schon am Rand eines Nervenzusammenbruchs stand. Und seine Firma ist gut, die Arbeit gefällt ihm.

Gefallen? Und das Geld? In seiner Firma bekomme ich nur ein paar Cent! Und Kinder? Wann wollt ihr die großziehen? Was werdet ihr ihnen beibringen? schwenkte Veronika die Hände. Wir haben ja noch keine Kinder, aber das reicht doch nicht, um zu sparen!

Wir planen keine Kinder, flüsterte Liselotte, obwohl das Thema bereits unzählige Male diskutiert worden war. Und wir haben genug Geld.

Nicht planen?, legte Veronika das Messer beiseite und wandte sich zu ihrer Schwiegertochter. Genau, das habe ich mir gedacht! Mein Gott, was soll ich nur mit euch machen? Fünf Jahre Ehe, aber noch kein Kind! In meinem Alter habe ich euch schon großgezogen!

Liselotte schwieg. Sie wollte Kinder sehr gern aber nicht jetzt, wo sie gerade ihre Habilitation verteidigt und gerade erst die Professur an der Universität bekommen hatte. Sie und Klaus hatten alles besprochen, und er unterstützte sie voll und ganz. Drei Jahre noch, das reichte, um sich in der Wissenschaft zu etablieren, und dann könnte man über Kinder nachdenken.

Veronika, die das Schweigen offenbar als Zustimmung wählte, fuhr fort: Meine Freundin Frieda hat schon drei Kinder, und ihr Mann ist ein richtiger Baumeister hat ein Haus für die Familie gebaut.

Frau Veronika, Klaus und ich entscheiden selbst, wie wir leben. Ich respektiere Sie sehr, aber

Was heißt selbst entscheiden? Ich bin seine Mutter! Ich weiß besser, was gut für ihn ist und für Sie auch! Ach, Lieselotte, du bist noch jung und unerfahren. Eine Mutter macht nie etwas Falsches.

Liselotte schüttelte den Kopf und verließ die Küche. Eine Diskussion schien sinnlos. Sie ging in den ersten Stock ihres kleinen, aber gemütlichen Reihenhauses, das sie vor zwei Jahren mit einem Baukredit in HamburgAltona gekauft hatten, legte sich aufs Bett und schloss die Augen. Wie müde sie war! Das Lehren an der Uni, die Vorlesungsvorbereitung, das Korrigieren von Hausarbeiten und das ständige Nörgeln der Schwiegermutter zermürbten sie.

Am Abend kam Klaus nach Hause, erschöpft, aber glücklich. Du glaubst nicht, was passiert ist ich wurde zum leitenden Designer für ein neues Projekt ernannt!, verkündete er, küsste Liselotte.

Herzlichen Glückwunsch, mein Lieber!, jubelte sie.

Klaus, was für ein Projekt? Wie viel gibt’s?, sprang Veronika sofort ein.

Mama, das ist ein wirklich interessanter Auftrag, sagte Klaus leicht beflügelt. Wir planen das Design eines luxuriösen Wohnkomplexes. Das Gehalt wird natürlich steigen.

Wie viel?, hakte Veronika.

Mama!, verzog Klaus das Gesicht. Was soll das? Wir kommen damit klar.

Veronika fuhr fort: Reicht das Geld? Was ist mit der Hypothek? Und dein Auto? Dein altes SchlittenkarrenGefährt fällt doch bald auseinander!

Mama, ich bin nicht Svetas Sohn, unterbrach Klaus, und lass uns das jetzt beenden. Ich bin hungrig. Beim Abendbrot setzte Veronika ihre Belehrungen fort, während Klaus größtenteils still blieb und Liselotte innerlich immer lauter ein Grummeln spürte. Nach dem Essen, allein im Schlafzimmer, platzte Liselotte heraus:

Klaus, ich halte das nicht mehr aus! Deine Mutter mischt sich überall ein in deine Arbeit, in unsere Pläne, in unser Leben! Wann zieht sie wieder aus?

Liselotte, sie meint es nur gut, seufzte Klaus. Du weißt doch, wie das ist.

Ich weiß, aber es ist ein Unterschied, ob sie nur am Wochenende kommt oder permanent bei uns wohnt!

Das ist nur vorübergehend, versuchte er zu beruhigen. Sie renoviert gerade ihre Wohnung.

Wie oft renoviert man eine Einzimmerwohnung? Schon einen Monat!

Du kennst deine Mama, lächelte Klaus. Sie will alles bis ins Detail perfekt haben. Noch ein bisschen Geduld, ja?

Liselotte nickte resigniert. Was blieb ihr übrig? Die Schwiegermutter nicht aus dem Haus zu werfen, aber ihre Geduld ging zu Ende.

Am nächsten Morgen, als Liselotte zur Uni gehen wollte, klopfte Veronika an die Schlafzimmer­tür.

Liselotte, wir müssen reden, begann sie, setzte sich auf die Bettkante.

Frau Veronika, ich habe es eilig. Können wir das Abendnachmittag besprechen?, versuchte Liselotte auszuweichen.

Nein, das ist wichtig, bestand die Schwiegermutter. Du musst deinen Job kündigen.

Was? Liselotte erstarrte mit der Bürste im Haar. Warum?

Damit du Kinder bekommen kannst! Du kannst doch nicht ewig warten! Ich habe gestern mit Klaus gesprochen, er will ebenfalls ein Kind.

Klaus?, fragte Liselotte, ihr Herz pochte schneller. Hat er das wirklich gesagt?

Nun, nicht ganz so direkt, stammelte Veronika. Aber ich sehe es doch: Er ist mein Sohn, ich sehe alles. Er träumt von einem Söhnchen!

Liselotte legte die Bürste beiseite und sah ihr Gegenüber an.

Ich schätze Ihre Sorge, aber wir haben das bereits besprochen. Wir planen Kinder erst in drei Jahren. Jetzt ist dafür nicht der richtige Zeitpunkt.

Nicht der richtige? Wann denn? Mit vierzig? In meinem Alter schwenkte Veronika die Hände.

Ich weiß, erwiderte Liselotte. Sie haben mich mit vierzehn Jahren großgezogen. Aber die Zeiten haben sich geändert.

Genau! Früher war die Familie das Wichtigste, heute bauen alle ihre Karrieren auf. Und die Kinder? Ach, die Jugend von heute!

Sie sah auf die Uhr.

Ich muss jetzt los, sagte Liselotte bestimmt. Wir reden heute Abend weiter, mit Klaus.

Der Tag verging wie im Flug Vorlesungen, Sprechstunden, Sitzungen im Fakultätsrat. Liselotte war beschäftigt und dachte kaum an das Gespräch mit Veronika. Doch auf dem Heimweg nagte die Frage: Was, wenn Veronika recht hat? Was, wenn Klaus doch ein Kind will, aber es ihr aus Angst nicht sagt?

Zuhause erwartete sie eine Überraschung: Veronika hatte ein Festmahl gedeckt und den Esstisch festlich geschmückt.

Feiern wir etwas?, fragte Klaus verwundert, während er die Schuhe auszog.

Natürlich! Heute findet unser Familienrat statt! jubelte die Schwiegermutter.

Liselotte spürte das Unbehagen. Sie ahnte, worum es gehen würde, und wollte das Gespräch lieber nicht während des Essens führen.

Veronika goss Wein ein und erklärte feierlich:

Ich habe mit Gabriele Schneider gesprochen, sie will dich, Klaus, in ihr Unternehmen holen.

Klaus hustete nach dem Schluck.

Mama, wovon redest du?

Von deiner neuen Stelle! Gabriele leitet ein großes Bauunternehmen und bietet dir die Position des Abteilungsleiters an.

Welcher Abteilung?, fragte Klaus verwirrt.

Der Entwurfsabteilung, natürlich! Du bist doch Architekt. Veronika strahlte. Das Gehalt ist doppelt so hoch wie jetzt! Stell dir das vor.

Mama, ich suche keinen neuen Job, sagte Klaus entschlossen. Ich bin zufrieden, wo ich bin.

Aber das ist doch eine einmalige Chance!, ließ Veronika nicht locker und reichte ihm Unterlagen.

Liselotte beobachtete schweigend, wie Klaus die Hände um das Glas schloss.

Mama, ich lese das nicht, sagte er, schob die Papiere beiseite. Ich bin glücklich mit meinem Job.

Du musst an die Zukunft denken! An die Familie!, schrie Veronika. Wie sollt ihr Kinder auf deinem jetzigen Lohn großziehen?

Wir haben noch keine Kinder, erwiderte Klaus.

Genau das heißt, dass bald! Und du, Lieselotte, willst doch ja gleich aufhören zu arbeiten!

Was?, fragte Klaus, überrascht. Du kündigst?

Nein! Ich habe das nie gesagt!, protestierte Liselotte. Ich habe nur gesagt, dass ich darüber nachdenke.

Aber wir haben ja heute Abend darüber gesprochen!, behauptete Veronika überrascht. Du wolltest das Angebot prüfen!

Ich wollte nur sagen, dass wir heute Abend weiterreden. Und ich kündige nicht.

Klaus nickte still, doch sein Blick zeigte, dass ihn die Situation belastete.

Liselotte atmete tief durch.

Drei Jahre?, rief Veronika. Ihr seid doch verrückt! Du bist ja schon dreißig! In drei Jahren bist du dreißigdrei! Das ist gefährlich!

Mama, heutzutage bekommt man Kinder auch nach dreißig, versuchte Klaus zu beruhigen.

Und das ist falsch! Ich selbst bekam dich mit 22, das war perfekt! Ich will das Beste für euch!

Klaus erwiderte sanft, aber bestimmt: Wir verstehen das, aber das ist unser Leben, unsere Entscheidung.

Genau! Und ich will, dass es glücklich ist!, fuhr Veronika fort. Ihr sollt nicht nur Karriere machen, sondern auch Familie.

Liselotte seufzte.

Für mich zählt beides. Ich will eine gute Dozentin sein und später eine gute Mutter aber erst, wenn die Zeit reif ist.

Das Abendessen endete in einer peinlichen Stille. Veronika zog sich in ihr Gästezimmer zurück, Klaus starrte nachdenklich auf sein Essen.

Klaus, flüsterte Liselotte, willst du wirklich jetzt ein Kind?

Er hob den Blick.

Nein, Lieselotte. Wir haben das besprochen drei Jahre sind vernünftig. Ich muss meine Habilitation abschließen, das Projekt beenden

Du wirkst aber traurig.

Es liegt an deiner Mutter, gestand er. Sie ist immer so bestimmend. In letzter Zeit ist das kaum erträglich.

Vielleicht sollten wir mit ihr reden?, schlug Liselotte vor. Ihr zeigen, dass wir ihre Sorge schätzen, aber eigene Grenzen setzen.

Ich spreche morgen mit ihr, nickte Klaus. Heute wäre zu spät.

Am nächsten Tag verhielt sich Veronika, als wäre nichts geschehen. Sie bereitete das Frühstück zu, fragte nach den Tagesplänen und erwähnte den gestrigen Streit nicht. Liselotte wusste nicht, ob sie erleichtert sein sollte oder sich Sorgen machen sollte.

Als sie am Abend nach Hause kam, fand sie Veronika vor dem Laptop, eifrig tippend.

Guten Abend, begrüßte Liselotte. Was machen Sie da?

Ach, Lieselotte!, erschrak Veronika und schloss hastig das Fenster. Ich ich schreibe einer Freundin.

Liselotte bemerkte die geöffnete Seite: Wie man Kinder zur Geburt überredet.

Frau Veronika, können wir reden?, sagte Liselotte.

Worum geht es, meine Liebe? fragte die Schwiegermutter scheinbar überrascht.

Um Ihre Einmischung in unser Leben.

Einmischung?, protestierte Veronika. Ich helfe nur! Ich berate! Ich bin doch die Mutter!

Sie sind Klaus’ Mutter, aber nicht meine, erwiderte Liselotte fest. Wir sind erwachsene Menschen und treffen eigene Entscheidungen.

Veronika schüttelte den Kopf. Eine Mutter weiß immer besser.

Vielleicht, gab Liselotte zu. Aber die Entscheidung liegt bei uns.

In diesem Moment kam Klaus zurück, sichtlich beunruhigt.

Was ist hier los? fragte Liselotte.

Mein Chef hat angerufen, sagte Klaus. Jemand hatte nach meinem Gehalt und meinen Aufstiegmöglichkeiten gefragt.

Wer? fragte Liselotte ungläubig.

Beide sahen Veronika an, die plötzlich von der Tischdecke aufstand.

Mutter?, fragte Klaus.

Ich wollte nur sicherstellen, dass es Ihnen gut geht!, rief Veronika und fuchtelte mit den Händen. Er hat gesagt, dass eine merkwürdige Frau nach meinem Sohn gefragt hat.

Das geht zu weit, Mama!, sagte Klaus. Ich habe das nicht gewollt.

Welches ‘Grenze’?, fragte Veronika empört. Ich bin doch Ihre Mutter! Wir haben keine Grenzen!

Doch, es muss welche geben, erklärte Klaus gelassen, doch seine Faust ballte sich leicht. Wir haben ein Recht auf ein Privatleben.

Veronika wirkte beleidigt. Ich habe dich mein ganzes Leben lang großgezogen! Und jetzt sprichst du von Grenzen?

Genau das, Mama. Wir wollen das, was wir für uns entschieden haben in drei Jahren Kinder, und ich bleibe bei meinem aktuellen Job.

Aber ich will nur das Beste für euch!, rief Veronika.

Wir wissen das zu schätzen, aber das Beste entscheiden wir selbst, sagte Klaus und legte ihr beruhigend die Hand auf die Schulter. Ich liebe dich, aber wir brauchen Freiraum.

Veronika schluchzte leise. Ich will nur nicht, dass ihr Fehler macht!

Fehler gehören zu uns, erwiderte Klaus sanft. Und wir dürfen sie selbst erleben.

Ein kurzer Moment der Stille folgte. Liselotte lächelte ihren Mann dankbar an.

Wie wäre es mit einem Tee?, schlug sie vor, um die Spannung zu lösen.

Guter Gedanke, nickte Klaus.

Veronika nickte ebenfalls, noch etwas traurig, aber anscheinend bereit, zu verstehen.

Am nächsten Morgen verkündete sie, dass ihre eigene Wohnung fertig renoviert sei und sie zurückziehen würde. Liselotte wusste nicht, ob sie jubeln oder weinen sollte. Einerseits freute sie sich auf ein ruhigeres Leben ohne ständige Einmischung, andererseits tat ihr das Herz weh für Veronika, die wirklich glaubte, das Richtige zu tun.

Frau Veronika, Sie können jederzeit zu uns kommen, sagte Liselotte, bevor die Schwiegermutter auszog. Nur bitte nicht mehr in unser Leben eingreifen.

Ich habe verstanden, Lieselotte, antwortete Veronika. Ich wollte immer nur das Beste.

Ein Lächeln umspielte Liselottes Lippen.

Als das Haus wieder still wurde, genossen Liselotte und Klaus die Ruhe und konnten endlich selbst entscheiden, was für sie richtig war. Sie planten ihre Zukunft, ohne Angst, dass jemand ihnen Vorschriften macht.

Und drei Jahre späterDrei Jahre später hielten sie ihr kleines Mädchen im Arm und wussten, dass sie den perfekten Kompromiss aus Liebe, Karriere und Familie gefunden hatten.

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Mama wollte das Beste für uns
Final Decision: My Mother-in-Law Can’t Live with Us—Here’s Why