Die Grenze der Rettung

Der Rand des Rettens

Der November dämmerte über dem Hof des Plattenbaus in einem kleinen Stadtteil von Berlin, als Heinrich, vierundsechzig, leise den Wasserkessel auf dem Gasherd stellte. Draußen fiel nasser Schnee, der auf der rissigen Asphaltfläche zu Pfützen erstarrte und sofort von einer dünnen Eisschicht umhüllt wurde. Seine Frau Helga döste im gegenüberliegenden Zimmer. Er wartete auf die Tochter Lieselotte: An diesem Tag sollte das Gespräch über den Sohn Klaus kommen, dessen Leidenschaft für Sportwetten erneut die Kontrolle verloren hatte.

Liselotte tauchte ein, kaum dass die Heizkörper in der Wohnung zu knistern begannen die Hausmeister hatten die Heizung hochgefahren. Sie stellte den Einkaufskorb ab, setzte sich ihr Vater gegenüber und in einer kurzen Stille spürten beide die knisternde Anspannung im Raum. Als Helga, in einen flauschigen Bademantel gehüllt, zu ihnen kam, meldete die Tochter unverblümt, dass Klaus Geld von einem Bekannten geliehen und den Rückzahlungstermin versäumt hatte. Heinrich ballte die Hände: Im vergangenen Winter hatte die Familie bereits einen Teil der Schulden aus den bescheidenen Ersparnissen getilgt, und ein weiteres Wiederholen konnte er nicht dulden.

Sie zogen ins Zimmer mit dem abgewetzten Sofa. Heinrich breitete ein Blatt Papier aus und notierte mögliche Schritte: Klaus könnte über das offizielle Online-Portal einen JahresSelbstausschluss vom Glücksspiel beantragen, ihn zu einem Psychologen schicken und dafür sorgen, dass ihm Bekannte kein weiteres Darlehen mehr anbieten. Liselotte widersprach ohne freiwillige Zustimmung seien alle Maßnahmen nutzlos, und Klaus glaubte fest daran, gleich wird es sich rentieren. Helga, die den gefrorenen Hof durch das Fenster sah, schwieg; sie stellte sich bereits vor, wie die Zinsen die kleine Rente auffressen würden.

Um nicht im Unklaren zu bleiben, fuhren sie am Abend zu ihrem Sohn. In seiner Einzimmerwohnung roch es nach Staub und abgestandener Luft die Fenster waren fest verschlossen, um die Wärme nicht entweichen zu lassen. Klaus begrüßte sie mit einem angespannten Lächeln und prahlte gleich, er habe fast den großen Jackpot geknackt, wäre nur ein Basketballspieler in den letzten Sekunden nicht fehlgeschossen. Heinrich, während er eine bekannte Schallplatte hörte, spürte die Schwere im Herzen: Der funkelnde Blick des Sohnes verriet, dass jegliche Kontrolle längst verflogen war.

Der Rückweg war rutschig; Liselotte fuhr das Auto behutsam, das Radio dröhnte kaum hörbar. In der Stille ging Heinrich die Worte im Kopf durch: Schuld, neue Wette, noch mehr Schuld. Wir können nicht ewig seinen Problemen hinterherlaufen, sagte er, als sie die dunkle Diele der elterlichen Wohnung betraten. Zum ersten Mal kristallisierte sich ein klarer Gedanke: Hilfe würde nur gewährt, wenn Klaus selbst den Zugang zu Wetten einschränkt und mit einer Therapie beginnt.

Am nächsten Morgen brachte Liselotte frische Neuigkeiten: Der Bruder hatte einen Mikrokredit aufgenommen, und die Zinsen traten bereits ein. Am Abend formulierten die drei endlich eine Liste von Forderungen und schrieben sie erneut auf dasselbe Blatt. Helga prüfte das Familienbudget es blieb kaum noch etwas, um Miete, Nebenkosten und Medikamente zu bezahlen. Vater und Mutter erschreckten nicht nur die finanzielle Schlucht, sondern auch die Tatsache, dass ein endloses Retten Klaus die Möglichkeit raubte, die Konsequenzen zu spüren.

Dann kam die Zuspitzung: Ein Bekannter meldete, Klaus habe sein letztes Geld in einem OnlineCasino verloren. Helga ließ sich auf einen Stuhl sinken, Heinrich zuckte zusammen, doch die Aufregung wich schnell der Entschlossenheit. Entweder er stellt den Antrag auf Selbstausschluss und geht zu Fachleuten, oder wir beenden die Geldzufuhr, verkündete er, und in diesem Moment setzte die Familie, wie ein gemeinsamer Atemzug, die Grenze, die nicht mehr überschritten werden durfte.

Am folgenden Morgen weckte Heinrich die Wohnung mit dem leisen Quietschen der Dielen. Der Reif hatte bereits silbrig über das Gras im Hof getreten. Auf das beschriebene Blatt blickend, wählte er die Nummer seines Sohnes und bat um ein Gespräch. Die Leitung blieb lange still, doch Klaus versprach, am Abend vorbeizukommen, als er den ernsten Ton hörte. Der restliche Tag zog sich in gespannter Erwartung: Die Heizkörper zischten, Helga kochte Suppe, Liselotte blätterte durch Artikel über Spielsucht und neue gesetzliche Initiativen, die eine verpflichtende Rehabilitation ankündigten.

Klaus erschien zum Abend, mit dunklen Augenringen und einem Telefon, das er nicht aus der Hand ließ. Zunächst warf er: Ich gebe alles zurück, nur gerade läuft es nicht, doch die Eltern wichen nicht zurück. Heinrich erinnerte an die alten Schulden, Liselotte las klar die drei Bedingungen vor, und Helga erklärte fest, dass Inkassobüros nur mit dem Schuldner selbst verhandeln dürften. Der Zorn verwandelte sich bei Klaus in Verzweiflung, die Vorwürfe in lange Pausen. Über eine Stunde vergingen im stockenden Dialog, bis er schließlich ausatmete: Ich werde darüber nachdenken. Die Familie drängte nicht weiter: Die Grenze war gezogen, die Entscheidung lag bei ihm.

Eine Woche verging unter der scharfen Wintersonne und nächtlichen Frösten. Inkassobüros riefen einmal Heinrich schickte sie höflich zu seinem Sohn. Klaus rief später selbst zurück, bat um Hilfe beim Ausfüllen des Formulars im OnlinePortal. Nach Mitternacht kam eine kurze Nachricht: Habe den Antrag gestellt. Es ist schwer. Liselotte schickte ihm die Kontaktdaten eines Psychologen, ohne zu drängen. Helga erwischte sich jeden Abend dabei, dem Drang zu erliegen, wegzufahren und zu retten, doch sie erinnerte sich an das Gespräch von gestern und legte die Hände gefaltet auf den Schoß.

Gegen Monatsende drang mehr Licht in die Fenster, obwohl die Straßen noch von dünnem Eis bedeckt waren. Die Familie spürte eine zerbrechliche Atempause: Klaus bat nicht mehr um Geld, sprach über die Suche nach einem neuen Job und teilte gelegentlich, wie schwer es sei, den Wetten fernzubleiben. Eines Abends, zu dritt im Wohnzimmer, wo die Heizkörper trockene Wärme verströmten, sagte Heinrich: Es ist leichter, seinen Kampf zu beobachten, als uns gemeinsam mit ihm zu zerstören. Helga fügte hinzu, Liebe sei kein endloses Portemonnaie, sondern das Dasein an seiner Seite. Liselotte, die ihre Eltern ansah, lächelte: Das Gleichgewicht ist noch wankend, aber es ist da.

Spät in der Nacht, als er seine Tochter zum Auto begleitete, blieb Heinrich am Treppenhaus stehen. Der Laternenlicht warf einen fahlen Kreis auf den verschneiten Gehweg, und im leichten Wind hörte er das ferne Knurren des Winters. Er dachte an seinen Sohn, an seine Frau, an den plötzlich leichteren Atem und begriff: Sie haben sich nicht von der Sucht abgewandt, aber sie haben sich auch nicht darin aufgelöst. In dieser selbst gesetzten Grenze liegt ihr Heil.

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Die Grenze der Rettung
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