14.November2025 Mein Tagebuch
Als ich drei Jahre alt war, verlor ich meine Mutter. Ich sah, wie sie mich von einem kreischenden Motorrad wegschob, nur um selbst von dem Fahrzeug erfasst zu werden. Ihr rotes Kleid lodete wie Flammen, dann folgte Dunkelheit und Stille.
Die Ärzte kämpften um mein Leben, bis ich schließlich die Augen wieder öffnen konnte. Alle fürchteten den Moment, in dem ich nach ihr rufen würde, doch ich schwieg. Ein halbes Jahr verging, bis ich eines Nachts mit einem schrillen Schrei erwachte: Mama! Das Bild meiner Mutter kehrte zurück, das rote Feuer flammte erneut in meinem Geist.
Zu dieser Zeit lebte ich im Kinderheim St.Georg in Köln. Ich verstand nicht, warum man mich hierher brachte. Jeden Tag stand ich am großen Fenster, von dem aus die Hauptstraße und die Bahnhofstraße zu sehen waren, und starrte angespannt in die Ferne.
Was willst du denn die ganze Zeit dort stehen, Jungchen? schimpfte die alte Betreuerin FrauKrause, die mit dem Wischmopp hantierte.
Ich warte auf meine Mutter. Sie wird mich holen.
Ach, du Narr, seufzte FrauKrause. Steh nicht dort rum. Lass uns lieber einen Tee trinken.
Ich nickte und ging mit ihr, doch bald kehrte ich zurück zum Fenster. Jedes Mal zuckte ich zusammen, wenn jemand das Heim betrat.
Tag für Tag, Monat für Monat hielt ich dort meine Stellung, hoffend, dass an einem grauen Tag das rote Kleid meiner Mutter auftauchen und sie mir die Hände reichen würde: Endlich habe ich dich gefunden, mein Sohn!
FrauKrause weinte, wenn sie mich ansah, und fühlte mehr Mitleid mit mir als mit den anderen Kindern. Ärzte, Psychologen und Sozialarbeiter erklärten mir, ich solle nicht so lange warten, nicht die ganze Nacht am Fenster stehen, sondern mit anderen Dingen, Spielen und Freundschaften, meine Zeit verbringen.
Ich nickte zustimmend, aber sobald sie mich losließen, ging ich wieder zum Fenster. FrauKrause konnte kaum zählen, wie oft sie meinen Umriss durch das Glas sah, bevor sie mir zum Abschied winkte.
Eines Tages, als FrauKrause nach Hause ging, nahm sie den langen Weg über die alte Eisenbahnbrücke, die kaum jemand mehr betrat. Dort stand eine junge Frau, die angestrengt nach unten blickte. Plötzlich machte sie eine unmerkliche Bewegung, und FrauKrause begriff sofort, was sie vorhatte.
Du bist doch verrückt, sagte sie, als sie näher kam.
Was haben Sie gesagt? fragte die Fremde, deren Augen voller Sorgen waren.
Verrückt! Was hast du vor, du Tor? Weißt du, dass es eine große Sünde ist, sich das Leben zu nehmen? Du hast das nicht gewählt, du sollst es nicht beenden.
Aber was, wenn ich nicht mehr kann? schrie die Frau plötzlich. Wenn keine Kraft mehr bleibt und ich keinen Sinn mehr sehe?
Dann komm zu mir. Ich wohne gleich hier am Übergang. Wir reden dort. Hier gibt es nichts zu tun.
FrauKrause folgte ihr still, hielt den Atem an. Hinter ihr hörte sie die Schritte der jungen Frau und atmete erleichtert aus, weil sie rechtzeitig gekommen war.
Wie heißt du überhaupt, du Törichtheit? fragte FrauKrause.
Heike.
Heike Meine Tochter hieß so. Sie starb vor fünf Jahren an einer schweren Krankheit, verbrannte in einem Jahr und ließ mich allein zurück. Ich habe keine Kinder, keinen Ehemann, keinen Enkel. Mein Name ist Krause. Komm herein, das ist mein Zuhause. Kein Palast, aber mein eigen. Ich ziehe mich schnell um, decke den Tisch, wir essen und trinken Tee, dann wird alles besser.
Heike sah die alte Frau dankbar an und lächelte.
Danke, FrauKrause.
Ach, Heike, das Leben ist für uns Frauen immer schwer. Tränen, Leiden das kennt man zu gut. Aber in die Verzweiflung zu stürzen, ist das Letzte, was man tun sollte.
Heike wärmte ihre Hände an einer dampfenden Tasse würzigen Tees.
Ich bin eigentlich stark, aber das hier fühlt sich an wie ein Wahn.
Heike wuchs in einem kleinen Dorf nahe Dortmund auf und kannte bis zu ihrem siebten Lebensjahr keine Trauer. Ihre Eltern liebten sie, denn sie war das einzige Kind. Dann zerbrach alles. Ihr Vater verließ die Familie, war bereits seit Jahren mit einer zweiten Familie und Kindern vergeben. Die Mutter, die den Schlag nicht verkraften konnte, begann zu trinken und richtete ihren Ärger an Heike.
Zur Rache an ihrem Mann, den sie nie scheiden ließ, ließ sie fremde Männer ins Haus. Sie vernachlässigte den Haushalt, überließ alles der kleinen Tochter. Die Trinkgefährten der Mutter plünderten das, was noch vom Vater übrig war.
Heike musste für die Nachbarn arbeiten Unkraut jäten, kleine Hilfen leisten und bekam dafür Lebensmittel. So ernährte sie ihre alkoholkranke Mutter, ohne dafür Dankbarkeit zu erhalten. Sie verstand, dass eine normale Familie mit ihrer Mutter nicht mehr möglich war.
Der Vater hatte ihr nie wieder einmal geschrieben, nie gefragt, wie es ihr ging. Man sagte ihr, er sei ins Ausland gezogen. Heike wusste, dass sie ihn nie wiedersehen würde.
Armut verhinderte ihr Freundinnen, und die Männer mieden die Tochter einer örtlichen Trunkenbolds. Sie litt unter Einsamkeit in einem wohlhabenden Dorf, in dem Familien wie die ihre selten waren. Deshalb wurde Heike von klein auf zur Außenseiterin.
Eines Nachts, als Heike 15Jahre alt war, stürmte ein betrunkener Freund ihrer Mutter ins Haus. Nur durch Glück gelang es ihr, aus dem Fenster zu fliehen. Bis zum Morgengrauen saß sie im verfallenen Schuppen, dann, als das Haus still war, schlich sie sich zurück, nahm ihre Papiere, steckte Geld aus dem kleinen Versteck in einen Rucksack und verließ das Haus, ohne zurückzublicken.
Am Abend kam ihr Vater, HerrMüller, nach Köln, um seine Tochter zu treffen. Er war entsetzt über das, was er sah, suchte Heike, befragte Nachbarn, doch niemand wusste etwas. Erst jetzt erfuhr er, wie schwer sein Mädchen gelebt hatte. Er weinte lange in seinem teuren Audi und verfluchte sich selbst, weil er zu spät zurückgekehrt war.
HerrMüller war lange Fernfahrer und hatte während einer Tour die reiche, unverheiratete Frau Dr.Schulz kennengelernt. Sie nutzte seine Transportfirma mehrfach und bestand darauf, dass gerade er die Lieferungen übernahm. Sie mochte ihn sowohl äußerlich als auch charakterlich und versuchte, ihn für sich zu gewinnen. Nach einigen Jahren hatten sie zwei Söhne, dann verkündete sie, dass sie Deutschland verlasse.
Willst du mit uns leben? Dann fahr mit. Wenn nicht kehr zu deiner Frau zurück. Ich liebe dich, Vanya, und es wird schwer ohne dich, aber ich zwinge dich nicht. Entscheide selbst.
Vanya wählte sie. Er bedauerte, seine Tochter zurückzulassen, wollte aber nicht zwischen zwei Familien zerrissen werden. Zudem war Heikes Mutter zu fordernd, eifersüchtig und ständig an der Flasche.
Eines Tages, als Heike in der Schule war, kam Vanya nach Hause und erwischte seine Frau mit einem anderen Mann. Das war das Ende. Als Heike nach Hause kam, fand sie nur die trinkende Mutter vor. Sie sagte ihr, ihr Vater habe sie verlassen und würde nie zurückkommen. Heike wollte nicht mehr nach Hause zurückkehren.
Sie zog in die Stadt, suchte Arbeit. Glücklicherweise fand sie ein kleines Zimmer bei der freundlichen, alleinstehenden Rentnerin FrauZiegler, die ihr die Miete für drei Monate im Voraus nahm. Als die Zeit ablief, bot FrauZiegler ihr an, als Haushaltshilfe zu arbeiten kostenlos wohnen. Fünf Jahre lang erledigte Heike alles für ihre Gastgeberin; die letzten zwei Jahre lag die Frau bettlägerig. Nach ihrem Tod erbte Heike die kleine, aber eigene Wohnung am Stadtrand.
Durch Zufall lernte Heike den jungen Banker HerrFischer kennen, den sie sehr mochte. Zwei Jahre glücklicher Ehe endeten, als Heike ihn mit einer anderen Frau erwischte. Er weigerte sich zu entschuldigen, vertrieb die Geliebte und schlug Heike so heftig, dass sie ins Krankenhaus musste.
Sie hatte nie die Gelegenheit, ihm mitzuteilen, dass sie schwanger war. Das Kind verlor sie, und die Ärzte sagten, eine weitere Schwangerschaft sei kaum möglich. Sie hatte weder Familie, noch Mann, noch Zuhause. Ihr letztes Hab und Gut die Wohnung von FrauZiegler verkaufte HerrFischer ein Jahr nach der Hochzeit, kaufte sich ein teures Auto. Heike akzeptierte es, weil sie ihn noch liebte und dachte, sie würde für immer mit ihm zusammenleben.
Nach ihrer Entlassung wanderte Heike ziellos, bis sie an einer Eisenbahnbrücke stand. Dort hörte FrauKrause aufmerksam zu, ohne zu unterbrechen. Als Heike schweigte, sagte sie:
Das ist noch nichts. Du musst weiterleben, verstehst du? Du bist jung, dir liegt die Zukunft noch zu Füßen, Liebe und Glück warten. Bleib bei mir, ich arbeite den ganzen Tag, komme erst am Abend nach Hause.
Zwei Wochen lebte Heike bei FrauKrause. Ein neuer Bezirksleiter, HerrGrimm, kam, um die Bewohner seines Viertels kennenzulernen. FrauKrause war nicht zu Hause, er sprach mit Heike, versprach zurückzukommen, und wurde später ihr guter Freund.
Eines Tages rief HerrGrimm Heike an und fragte, ob sie den HerrnSauer, IvanAndreasen, kenne.
Ja, das ist mein Vater.
Er sucht dich seit vielen Jahren.
Durch ihn wurde Heike wieder glücklich und finanziell abgesichert. Ihr Vater, erfreut, dass seine Tochter gefunden wurde, schenkte ihr eine schöne Wohnung, eröffnete ein solides Konto, half ihr, eine angesehene Anstellung zu bekommen und versprach, sie öfter zu besuchen.
Als Heike eines Tages FrauKrause besuchen wollte, fand sie die alte Frau krank im Bett, hochohmig und schwach.
Ich fühle, wie ein Anfall kommt, Heike! Ich fürchte, ich komme nicht mehr weg.
Nein, TanteKrause. Ich habe den Krankenwagen gerufen, er kommt gleich. Vertrauen Sie mir.
Ich vertraue Ihnen.
Hören Sie, ich arbeite im Heim. Da gibt es einen kleinen Jungen, LarsMayer, er ist gerade fünf geworden. Ich will ihm meine Wohnung hinterlassen, das Testament liegt im Schrank. Lass es dir behalten.
Wer ist dieser Junge? Wie erkenne ich ihn?
Du wirst ihn erkennen. Er steht seit zwei Jahren am Fenster im zweiten Stock und wartet immer noch auf seine Mutter. Sie sagt, sie kommt im roten Kleid.
Der Rettungswagen brachte FrauKrause ins Krankenhaus, dann ins Sanatorium. Heike bezahlte alles, die Behandlung und den Aufenthalt. Als sie zurückkehrte, war das Fenster leer Lars war adoptiert worden.
Die Kinder im Heim erzählten sich immer wieder, dass seine Mutter doch kam. Eines Morgens, kaum dass Lars an seinem Platz stand, erschien am Wege ein Frauensilhouette. Er schrie und hielt die Hand an das rasende Herz: Die Frau im roten Kleid sah ihn direkt an und winkte.
Mama!
Lars rannte zu ihr, fürchtete, sie würde ihn nicht erreichen, aber sie breitete die Arme aus und kam ihm entgegen.
Mama! Meine liebe Mama! Ich habe gewusst, du kommst! Ich habe dich so lange erwartet
Heike weinte, hielt den dünnen Körper fest und schwor, dass dieses Kind nie wieder Kummer erfahren würde.
Seitdem leben Heike, HerrGrimm und Lars in einem großen Haus am Rande von Köln. Neben ihnen wohnt jetzt die betagte FrauKrause, dankbar für alles, was Heike und HerrGrimm für sie getan haben. Das ruhige Glück dieser Familie liegt in der Liebe, die wir jeden Tag füreinander zeigen.
**Lehre:** Wer trotz aller Stürme nicht aufgibt und anderen mit Mitgefühl begegnet, findet am Ende ein stilles, tiefes Glück.







