Mama ließ nicht zur Jubiläumsfeier!

Der Flur in der alten Mietwohnung in Berlin ist schmal und lang wie ein Gang. An den Wänden hängen vergilbte Tapeten mit Blumenmustern, unter den Füßen knarrt der Parkettboden, der noch aus der DDRZeit stammt. Hier riecht es ständig nach gekochtem Kohl und Katzen, obwohl in Wohnung Nr.7 nie eine Katze gelebt hat.

Anna Schmidt öffnet die Tür nicht sofort. Zuerst ringelt sie mit dem Türschloss, dann späht sie eine Minute lang durch den Türspion, bevor sie ihre Tochter hereinlässt.

Endlich!, ruft sie und umarmt Liselotte. Ich dachte, du kommst nicht. Komm schnell rein, der Kuchen steht im Ofen.

Liselotte wankt unsicher von einem Fuß zum anderen, ein Geschenkspaket fest in den Händen.

Mama, ich habe kaum Zeit. Ich will nur kurz gratulieren und sofort wieder los. Markus wartet im Auto.

Anna Schmidts Gesicht verfinstert sich sofort, die Freude weicht Enttäuschung.

Wie kann das sein nur kurz? Ich habe den Tisch gedeckt, alles vorbereitet. Karin Meier aus dem fünften Stock kommt, Sabine mit ihrer Enkelin. Wir warten auf dich. Ein 65JahrJubiläum ist keine Kleinigkeit.

Mama, beißt Liselotte nervös die Lippe, ich habe am Telefon erklärt, dass heute mein Schwiegervater 70Jahre feiert. Das große Fest ist im Restaurant, alle Verwandten, Freunde, Kollegen kommen. Wir können nicht einfach nicht hingehen.

Und zu meinem Jubiläum darf ich nicht kommen?, knirscht Anna, die Lippen zusammengepresst. Bin ich also schlechter als dein Schwiegervater?

Mama, sag das nicht, fühlt sich Liselotte in die Enge getrieben. Ich wollte deinen Geburtstag auf morgen verschieben, das Ganze familiär mit Kuchen und Geschenken feiern. Du hast darauf bestanden, dass es nur heute geht.

Wie soll ich das verschieben? Mein Geburtstag ist heute, nicht morgen!, wirbelt Anna mit den Armen. Karin steht schon bereit, der Kuchen ist gebacken. Was soll ich ihnen sagen? Dass meine Tochter lieber bei fremden Leuten ist als bei ihrer eigenen Mutter?

Der Flur wird stickig. Der Duft des Kuchens aus der Küche lässt Liselotte schwindelig werden oder ist es das endlose Schuldgefühl, das sie ihr ganzes Leben begleitet?

Sie sind nicht fremd, Mama. Das ist die Familie meines Mannes. Wir haben die Einladung schon vor einer Woche erhalten, bevor du den Geburtstag geplant hast.

Vor einer Woche! Und ich? Wann bin ich geboren? Gerade erst?, schnauzt Anna. Den Geburtstag der Mutter muss man immer im Gedächtnis behalten, nicht erst, wenn man eine Einladung bekommt.

Liselotte blickt auf die Uhr. Markus wartet bereits seit fünfzehn Minuten im Auto. Sie sind spät.

Mama, ich kann jetzt nicht streiten. Hier, das Geschenk, sagt sie und reicht das Paket. Ein elektrischer Wasserkocher mit Temperaturregler, wie du wolltest. Und noch, zieht sie einen Umschlag aus der Handtasche, Geld für den Mantel, den du bei ‘Kleiderkönigin’ ausgesucht hast.

Anna nimmt weder Geschenk noch Umschlag an.

Ich brauche keine Almosen, schnürt sie. Ich will die Aufmerksamkeit meiner eigenen Tochter. Was soll das? Du hast nicht einmal Mia mitgebracht, um deine eigene Mutter zu gratulieren.

Mia liegt mit Fieber, 38,5°C, sagt Liselotte müde. Ich habe dir heute Morgen angerufen, das habe ich erklärt. Die Kindermädchen ist bei ihr.

Kindermädchen!, schwingt Anna die Hände. Also ist die Großmutter nicht gut genug? Denkst du, ich schaffe das nicht mit meiner Enkelin?

Mama, was hat das damit zu tun

Ein Klopfen an der Tür. Karin Meier, die Nachbarin aus dem fünften Stock, kommt in festlichem Kleid und trägt einen Kuchen.

Liselotte, herzlichen Glückwunsch, meine Liebe!, ruft sie, hält dann inne und erkennt die angespannte Stimmung von Mutter und Tochter. Oh, zu spät?

Komm rein, Karin!, hellt Anna auf. Gerade rechtzeitig. Das ist meine Tochter Lieselotte. Sie kam nur kurz, um zu gratulieren, und läuft dann schon wieder zu wichtigeren Leuten.

Karin lächelt verlegen.

Ach, Lieselotte, die Jugend hat ihr eigenes Leben, ihre eigenen Pflichten. Halte sie nicht fest.

Ich halte sie nicht fest!, schreit Anna demonstrativ, weicht zur Tür, um Platz zu schaffen. Geh, Lieselotte, geh. Damit dein Schwiegervater nicht beleidigt ist. Und Mutter? Mutter wird das schon überstehen, sie ist ja robust.

Liselotte steht mit Geschenk und Umschlag, unfähig zu entscheiden. Ihr Handy vibriert im Ärmel Markus will wissen, wo sie bleibt.

Mama, bitte, flüstert sie, lasst uns keine Szene vor Fremden machen. Ich komme morgen mit Mia, wenn es ihr besser geht, und wir feiern dann richtig, als ganze Familie.

Fremde?, hebt Anna die Augenbrauen. Karin ist mir näher als andere Verwandte. Sie besucht mich, fragt nach meiner Gesundheit. Andere kommen nur einmal im Monat, werfen Geld ein und sind zufrieden. Das reicht mir nicht.

Karin schultert das Wort Küche und geht nach hinten.

Gut, sagt Liselotte, legt Geschenk und Umschlag auf den Nachttisch. Ich verstehe dich, Mama. Entschuldige, dass ich nicht bleiben kann. Alles Gute zum Geburtstag. Sie küsst Anna auf die Wange und geht zur Tür, bevor noch ein böses Wort fallen kann. Im Treppenhaus riecht es nach Feuchte und Staub. Sie lehnt sich an die Wand, atmet tief durch.

Das Handy vibriert erneut. Sie nimmt ab.

Ja, Markus, ich steige gerade runter.

Was dauert so lange?, klingt Markus besorgt. Wir sind schon zwanzig Minuten zu spät.

Wie immer, sagt Liselotte kurz. Erzähle ich dir gleich alles.

Sie steigt die klapprige Treppe hinab, tritt ins Freie. Markus’ Toyota steht vor dem Haus, er trommelt nervös mit den Fingern auf das Lenkrad.

Na, alles klar?, fragt er, als Liselotte einsteigt.

Ich habe nicht gratuliert, schnallt sie sich an. Sie sagt, ich sei nicht ihre Tochter, weil ich zum Geburtstag meines Schwiegervaters gehe, nicht bei ihr bleibe.

Markus seufzt. Wieder das gleiche. Vielleicht hättest du bleiben sollen.

Und was würde das ändern?, meint Liselotte müde. Morgen findet sie schon wieder einen Grund, sich zu ärgern. Das Geschenk, das ich mitgebracht habe, ist nicht gut genug, Mia ist zu laut, ich komme selten vorbei. Das geht nie aus.

Markus startet den Motor, sie fahren los.

Erinnerst du dich an letztes Jahr?, sagt Liselotte. Ich habe unseren Urlaub abgesagt, um ihr einen Tag zu schenken. Ich habe den Tisch gedeckt, Freundinnen eingeladen. Sie war die ganze Zeit wütend, weil der Kuchen gekauft war und voller Chemie. Sie meinte, ich kümmere mich nicht um ihre Gesundheit.

Ich erinnere mich, sagt Markus, biegt in die FriedrichStraße ein. Du hast danach fast eine Woche geweint.

Und als Mia geboren wurde?, fragt Liselotte, blickt aus dem Fenster, sieht jedoch nicht die Häuser, sondern Erinnerungen. Statt zu helfen, kritisierte sie mich ständig: wie ich füttere, wie ich die Kleidung auswähle, wie ich die Enkelin halte. Und dann ärgerte sie sich, weil ich sie selten bitte, mit der Enkelin zu spielen.

Vielleicht sollten wir zur Therapie, wirft Markus einen flüchtigen Blick zu ihr. Mit deiner Mutter zusammen?

Liselotte lächelt müde. Sie würde lieber sterben, als zugeben, dass sie Beziehungsprobleme hat. Für sie ist ein Psychologe nur etwas für Verrückte.

Sie erreichen das Restaurant, wo bereits Gäste für das 70jährige Jubiläum von Viktor Steffen warten. Elegante, lächelnde Leute treten durch die funkelnde Eingangstür.

Endlich da, sagt Markus, während er parkt. Versuch heute, nicht an Mama zu denken, okay? Dein Vater hat uns schon lange erwartet.

Liselotte nickt, holt Lippenstift aus der Handtasche, richtet ihr Haar und zwingt ein Lächeln auf.

Im Restaurant herrscht laute Fröhlichkeit. Viktor Steffen, ein großer, leicht grauer Mann mit Militärhintergrund, begrüßt sie am Eingang zum Saal.

Da sind meine Verspäteten!, ruft er, umarmt zuerst seinen Sohn, dann Lieselotte. Du siehst wunderbar aus!

Herzlichen Glückwunsch, Papa, küsst Liselotte den Schwiegervater auf die Wange. Entschuldige die Verspätung, ich war bei meiner Mutter hängen geblieben.

Viktors Gesicht wird ernst. Wie geht es ihr? Richte ihr meine Grüße aus. Das mit den gleichen Geburtstagen ist wirklich ungeschickt.

Ja, ziemlich ungeschickt, stimmt Liselotte zu, versucht locker zu klingen. Aber wir feiern morgen separat.

Und Mia?, fragt Viktor. Markus hat gesagt, sie ist krank.

Nur ein bisschen Fieber, sagt Liselotte. Nichts Ernstes, wir haben sie zu Hause behalten.

Gut, die Gesundheit des Kindes geht vor, meint ihr Schwiegervater. Kommt zur Tafel, die Gäste sitzen schon.

Der Saal erfüllt Musik, Kellner tragen Getränke, Gäste plaudern laut. Viktor und Markus mischen sich unter die Menge, während Liselotte nur so tut, als wäre sie dabei. Ihre Gedanken schweifen zurück zur alten Wohnung mit den vergilbten Tapeten, wo Anna wahrscheinlich gerade über die undankbare Tochter klagt.

Während einer Pause zwischen den Toasts setzt sich Tatjana Vogel, Vitas Mutter, zu Liselotte. Sie trägt ein elegantes, blaues Kleid.

Liselotte, du siehst heute traurig aus, bemerkt die Schwiegermutter. Ist etwas passiert?

Nein, alles in Ordnung. Ich mache mir nur Sorgen um Mia. Die Kindermädchen hat angerufen, das Fieber sinkt nicht, antwortet Liselotte.

Ich verstehe, sagt Tatjana. Kinder sind oft krank, das geht vorbei. Du siehst, ich habe Viktor von deiner Mutter erzählt das seltsame Zusammentreffen der Geburtstage. Es ist mir wirklich unangenehm.

Liselotte seufzt. Was hat das zu tun? Geburtstage kann man nicht verschieben. Meine Mutter ist einfach eine schwierige Person.

Ich weiß, streicht Tatjana Liselottes Hand. Meine Schwiegermutter war auch nie leicht. Jedes Mal, wenn wir zu ihr kamen, fand sie einen Grund, uns zu kritisieren: als Hausfrau, als Mutter, als Bekleidungswahl. Ich habe Jahre damit gelebt. Dann habe ich eines Tages verstanden: ich kann andere nicht ändern, nur meine Haltung zu ihnen.

Leicht gesagt, erwidert Liselotte. Wie soll ich das tun?

Hör auf, von ihr das zu erwarten, was sie nicht geben kann, sagt Tatjana schlicht. Akzeptiere sie, mit allen Fehlern. Setze klare Grenzen. Deine Mutter wird nie die perfekte BuchMutter sein. Sie wird fordern, sich beleidigt fühlen, manipulieren. Das ist ihre Wahl. Du entscheidest, wie du reagierst.

Liselotte denkt nach. Tatjanas Worte treffen, aber

Ich fühle trotzdem mit ihr, gesteht sie. Sie sitzt allein am Geburtstag, verärgert, traurig.

Sie ist nicht allein, erwidert Tatjana. Ihre Freundin ist bei ihr. Sie wählt den Groll, nicht das Akzeptieren. Du hast das Recht, dein Leben zu leben, deine Entscheidungen zu treffen.

Ein weiterer Toast wird ausgerufen, alle erheben die Gläser. Während alle anstoßen, zieht Liselotte heimlich ihr Handy heraus und schreibt der Kindermädchen: Wie geht es Mia? Die Antwort kommt sofort: Schläft. Temperatur 37,4°C. Keine Sorge.

Dann tippt sie ihrer Mutter: Herzlichen Glückwunsch, Mama. Ich liebe dich sehr. Morgen komme ich mit Mia, wenn es ihr besser geht. Einige Minuten vergehen ohne Antwort. Dann vibriert das Telefon.

Danke für die Glückwünsche. Der Kuchen von Karin war nicht gut, voller Chemie. Dein Kuchen wäre besser gewesen. Küsse, Mama.

Liselotte lächelt unwillkürlich. Das ist das nächste, was Anna Schmidt zu geben imstande ist.

Etwas Gutes?, fragt Markus, als er ihr Lächeln bemerkt.

Mama hat geschrieben, zeigt Liselotte die Nachricht. Ich glaube, sie ist fast nicht mehr böse.

Markus schmunzelt: Für deine Mutter ist das fast ein Liebesgeständnis.

Der Abend geht weiter mit Reden, Tanz und Spielen. Liselotte lockert sich immer mehr, genießt den Moment. Sie erkennt, dass Tatjanas Rat stimmt: man kann sich nicht ewig schuldig fühlen, weil man nicht den Erwartungen einer Mutter entspricht, selbst wenn diese Mutter die eigene ist.

Spät in der Nacht fahren sie nach Hause. Die Kindermädchen meldet, Mia habe gut geschlafen, das Fieber sei fast weg.

Morgen fahren wir zu Oma, sagt Liselotte, schaut ins Kinderzimmer und richtet das Bettchen von Mia. Wir feiern ihren richtigen Geburtstag.

Bist du sicher?, fragt Markus, zieht die Krawatte aus. Vielleicht lässt du sie noch ein paar Tage beleidigt sein, damit sie deine Rückkehr mehr schätzt.

Nein, sagt Liselotte entschieden. Sie ist meine Mutter, mit allen Macken. Ich will keinen Groll zwischen uns. Das Leben ist zu kurz dafür.

Am nächsten Morgen backt Liselotte Annas Lieblingshonigkuchen, zieht Mia ein hübsches Kleid an und sie fahren zum Familienfest. Auf dem Weg kauft Liselotte einen Strauß weißer Chrysanthemen Annas Lieblingsblumen.

Anna Schmidt öffnet die Tür sofort, als wäre sie erwartet worden. Sie trägt ein neues Kleid, das Haar fest frisiert.

Oma!, ruft Mia, rennt zur Umarmung. Alles Gute zum Geburtstag! Schau, was wir dir mitgebracht haben!

Sie überreicht ein etwas unbeholfen verpacktes Kästchen mit Perlen, das sie selbst ausgesucht hat.

Anna erstrahlt, hebt ihre Enkelin hoch: Mia! Ich dachte, du wärst krank!

Nicht mehr, jubelt das Mädchen. Der Arzt sagt, ich bin stark.

Liselotte stellt den Kuchen auf den Tisch, reicht ihrer Mutter den Strauß: Alles Gute zum Geburtstag, Mama.

Sie umarmen sich, Liselotte spürt, wie ihre Mutter sie fest an sich drückt, und erkennt, dass der Groll zumindest für einen Moment verflogen ist.

Kommt rein, ich habe Tee und frische Brötchen, schallt Anna. Gestern hat Karin wieder einen schlechten Ladenkuchen gebracht chemisch. Wir haben ihn kaum gegessen.

Liselotte wirft ihrer Tochter ein Augenzwinkern zu. Alles ist wie immer. Und das ist nun nicht mehr ärgerlich, sondern ein warmes Lächeln. Mutter ist Mutter, mit all ihren Eigenheiten und ihrem schwierigen Wesen. Man muss jede gemeinsam verbrachte Minute schätzen, weil sie nicht ewig dauert.

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