Du wurdest vergessen, mich zu fragen! Nimm die Gäste an und mach keinen Aufstand! verkündete die Schwiegermutter mit schneidender Stimme. Doch diesmal sollte sie die Konsequenz ihrer Worte spüren.
Wie bitte, das geht mich nichts an? Ich lebe hier, das ist meine Wohnung, also sage ich dir nein! protestierte Nele, während sie an der Tür stand und versuchte, ihre Schwiegermutter und deren Besucher abzuwehren.
Du hast vergessen, wen wir hier einquartieren sollen und wohin! schnappte Klara Steffens zurück. Nimm die Gäste stillschweigend an und mach keinen Aufstand. Kommt rein, Liesel, Peter, das ist nur ein Scherz.
Mit einer falschen Lächelkurve ließ die Schwiegermutter die ankommende ältere EhepaarEinheit hinter sich durch die Tür huschen.
Muss ich wirklich mit euch kämpfen? fauchte Nele, die Hände zu Fäusten geballt.
Kein Grund zu kämpfen, Liebes, grinste Klara, während sie sich weiter in die Wohnung schob. Wenn Matthias zu Hause wäre, hättest du nicht das Recht, gegen unsere Verwandten zu protestieren. Mein Sohn ist gastfreundlich und respektiert das Familienblut. Du könntest von ihm lernen, wo du selbst so ungezogen bist.
Fünf Minuten zuvor hatte Klara aus dem Erdgeschoss angerufen. Im Eingangsbereich drückte Nele die Gegensprechanlage und ließ die Schwiegermutter herein, obwohl ihr Sohn Matthias im Krankenhaus wegen einer Blinddarmentzündung lag.
Als Nele die Tür zu ihrer Wohnung öffnete, stand sie fassungslos da: Neben ihrer Schwiegermutter standen ein Mann und eine Frau, die sie noch nie zuvor gesehen hatte, beide mit schweren Reisetaschen in den Händen.
Das ist meine Cousine Liesel und ihr Mann Peter, sie kommen, um die Familie zu besuchen, stellte Klara vor.
Guten Tag, sagte Nele kühl, verwirrt über die ungeplante Ankunft.
Sie werden bei euch wohnen, verkündete Klara. Ich würde sie bei mir unterbringen, aber bei mir lebt bereits meine alte Freundin aus Kiel, die Zina, mit ihrem Enkel. Also, Nele, nimm die Gäste Liesel und Peter haben sich freundlicherweise bereit erklärt, bei euch zu bleiben.
Nele stand nun vor einer unmöglichen Wahl: Sollte sie sofort die Polizei rufen, um die Fremden aus ihrer Wohnung zu vertreiben, oder zuerst ihren im Krankenhaus liegenden Mann anrufen? Währenddessen begannen die ungebetenen Gäste, leise ihre Koffer auszupacken.
Hier ist es wirklich gemütlich und geräumig, bemerkte Liesel. Wie weit ist es von hier bis zur UBahn? Wir wollten morgen mit meinem Mann ins Zentrum fahren, die Sehenswürdigkeiten besichtigen.
Nele wollte noch antworten, doch Klara schnappte sich das Wort.
Gar nicht weit, ein kurzer Spaziergang von zehn Minuten. Wir haben die Wohnung gemeinsam mit meinem Mann für unseren Sohn ausgesucht, damit sowohl ein Park, eine UBahn-Station als auch ein Supermarkt in der Nähe sind.
Liesel lobte die Entscheidung, während Nele sich immer weiter eingeklemmt fühlte.
Ich rufe Matthias an. So etwas ist doch nicht zu ertragen! fluchte Nele, ihre Stimme bebte vor Ärger.
Ruf ihn an. Lass ihn sich freuen, dass seine Verwandten endlich hier sind Onkel und Tante, die er lange nicht gesehen hat. Schade, dass Matthias sie jetzt nicht beherbergen kann, fuhr Klara spöttisch fort.
Nele wählte die Nummer, doch Matthias schlief nach der Betäubungsinjektion noch. Sie legte auf, ohne erneut zu wählen.
In ihrem Inneren brodelte ein Sturm. Hätte Klara vorher gefragt, ob Nele überhaupt die Möglichkeit habe, weitere Menschen aufzunehmen? Stattdessen hatte sie sich selbst als Heldin der Wohnungsfinanzierung dargestellt, obwohl die junge Familie die Wohnung erst mit einem Kredit und den Geldern beider Eltern gekauft hatte.
Nele versuchte erneut, Matthias zu erreichen; das Telefon ächzte nur mit endlosem Klingeln. Sie ließ das Gespräch liegen ihr Mann war im Krankenhaus, nicht im WellnessResort.
So, meine Lieben, ich entlasse euch, rief Klara süßlich. Mein Haus ist voller Gäste, sie brauchen meine Aufmerksamkeit. Macht es euch gemütlich, wir besprechen morgen die Details.
Sie verließ die Wohnung und ließ Neele allein mit den Fremden zurück. Nele überlegte, die Gäste über Nacht zu verdrängen, fürchtete jedoch, wie Matthias darauf reagieren würde.
Ihr könnt euch einfach zum Schlafen niederlassen, sagte die Gruppe.
Endlich meldete sich Matthias. Auf dem Balkon, die Tür hinter ihr geschlossen, weinte Nele leise.
Schrecklich! Deine Mutter hat wieder was angestellt! Ich bin völlig überfordert!
Was ist passiert, Liebes? fragte Matthias.
Sie hat mir irgendwelche entfernten Verwandten gebracht!
Verwandte? Wer denn? fragte Matthias verwirrt.
Liesel und Peter aus einem kleinen Ort namens Kleinschönau. Sie wollen hier bei uns wohnen! schrie Nele, die Tränen kaum zurückhalten konnte. Deine Mutter hat sie einfach reingedrückt.
Vielleicht sollten wir sie wieder zurückschicken, schlug Matthias vor. Sie sind dir fremd, du hast sie nie gesehen.
Ich will nicht, dass sie hierbleiben, aber meine Mutter ist so stur, sie lässt mich nicht los.
Ich rufe sie an und bitte sie, die Leute abzuholen. beruhigte Matthias. Vielleicht kommen sie morgen zurück.
Nele seufzte. Sie würde die Gäste über Nacht behalten es war schließlich die Familie ihres Mannes.
Am Morgen, als Neele zur Arbeit ging, fragte Liesel nach den Schlüsseln.
Wie sollen wir zurückkommen, wenn wir keinen Schlüssel haben?
Ihr werdet nicht zurückkommen, antwortete Nele scharf. Ihr lebt hier nicht.
Klara rief sofort an. Warum hast du Liesel und Peter die Schlüssel nicht gegeben? Du hast doch gesagt, sie sollen bei uns wohnen.
Hat Matthias nicht angerufen? erwiderte Nele.
Er hat angerufen, aber ich sagte ihm, Gäste, besonders Verwandte, zu beherbergen, das ist deine Pflicht. Ärger dich nicht, lass ihn gut genesen.
Nele schaltete das Telefon aus, in der Hoffnung, die ungebetenen Verwandten würden nie wieder zurückkommen. Doch als sie abends nach Hause kam, sah sie ein bedrückendes Bild: Peter und Liesel saßen in der Küche, aßen Aufschnitt und Käse, den sie im Kühlschrank gefunden hatten, und tranken Bier aus der Flasche, das schon seit Stunden lief.
Ach, Nele ist da!, rief Liesel lallend. Mach uns etwas Warmes, wir haben den ganzen Tag nichts zu tun.
Wir sitzen hier dank deiner Großzügigkeit den ganzen Tag, weil du uns keine Schlüssel gegeben hast! murrte Peter, seine Stimme schwankend vom Alkohol.
Nele verließ die Küche, wählte die Nummer des örtlichen Polizeibeamten und erklärte, dass Fremde in ihrer Wohnung festsaßen.
Klara Steffens, hol deine betrunkene Verwandtschaft, bevor die Polizei kommt, flüsterte sie.
Hast du die Polizei gerufen? lachte Klara spöttisch.
Noch nicht, ich rief erst den Gemeindepolizisten. Wenn ihr eure Verwandtschaft nicht in einer halben Stunde wegt, verbringen sie die Nacht im Gewahrsam.
Als die Fremden endlich aus der Wohnung verschwunden waren, atmete Nele tief durch. Sie hörte Klara laut schreien:
Undankbare hinterhältige Schlange! Wir haben sie in die Familie aufgenommen, und sie benimmt sich wie das Letzte!
Allein in der Stille überlegte Nele, wie sie sich revanchieren könnte. Sie rief ihre Mutter an.
Mama, wie geht es Papa? Und kannst du mir die Nummer unserer Verwandten aus Tittling geben?
Warum das? Die verprügeln doch immer jeden, der ihnen zu nahe kommt. entgegnete die Mutter.
Ich will sie einladen, damit sie sehen, was sie anrichten.
Nele erzählte ihrer Mutter von ihrem Plan, die Schwiegermutter mit einer Gegenüberstellung zu überraschen.
Einige Tage später klopfte es an Klara Steffens Tür. Sie öffnete und sah Nele umringt von seltsamen Gestalten, die mehr an Landstreicher als an kultivierte Verwandte erinnerten, mit Gestank nach billigem Schnaps in der Luft.
Herzlich willkommen, sagte die Gruppe höflich, während ein fauler Geruch ihr Gegenüber erfüllte.
Nele schob die verwirrte Klara zur Seite und ließ ihre eigenen Verwandten, die aus dem Dorf kamen, herein.
Kommt rein, macht es euch bequem. Das sind meine Verwandten vom Land. Vielleicht etwas rau, aber fleißig!
Was? Wer soll hier wohnen? knurrte Klara.
Ich bin auf Dienstreise, Matthias liegt im Krankenhaus. Nach euren Worten ist das Aufnehmen von Gästen, insbesondere Verwandten, deine Pflicht.
Nele verließ das Haus und ließ die Dorfbewohner bei ihrer Schwiegermutter zurück. Die ersten fünfzehn Minuten klingelte sie ununterbrochen, dann verstummte das Telefon.
Alles erledigt, sie haben wohl genug Schnaps getrunken, murmelte sie zufrieden.
Am nächsten Tag rief Matthias aus dem Krankenhaus an und sagte, seine Mutter sei wütend auf Nele und wolle nicht mehr mit ihr reden.
Endlich!, jubelte Nele. Genau das wollte ich.
Sie lächelte in die Zukunft, überzeugt davon, dass ihre Gegenreaktion das letzte Wort war.
Die Dorfbewohner blieben über Nacht bei der Schwiegermutter und überlebten den Tag ein voller Sieg für Nele.







