Das Ring der Mutter führte zu einem Streit

Muttens Ring ist jetzt Streitgrund
Nein, Mama, ich gebe dir den Ring nicht! knallt Marlies’ Stimme vor Ärger. Du hast ihn mir doch zum achtzehnten Geburtstag geschenkt!

Meine Liebe, versteh, das ist nicht nur ein Ring, sagt Elisabeth Müller, während sie nervös an den Ärmeln ihrer Wolljacke zupft. Er gehörte deiner Großmutter, und jetzt soll er zu Klara.

Zu Klara? Was hat meine Schwester damit zu tun? geht Lieselotte zum Kommode und reißt die oberste Schublade auf. Warum braucht sie plötzlich meinen Ring?

Elisabeth sinkt schwer auf die Sofakante. Das Gespräch nimmt einen unangenehmen Zug, doch sie zieht nicht zurück.

Klara heiratet bald, das weißt du. Markus hat ihr einen Antrag gemacht, aber für den Ring fehlt das Geld. Ich habe versprochen, dass wir ihr helfen.

Wir? fischt Lieselotte aus der Schublade eine samtige Schachtel und kneift sie fest. Und mich hast du gefragt?

Liselotte, klingt Elisabeth flehend, das ist ein Familienerbstück. Der Ring muss an die Person gehen, die heiratet. Klara baut jetzt ihre Familie auf, und du

und ich also die alte Jungfrau, was? schnauft Lieselotte hämisch. Was soll mich ein Ring interessieren, wenn mir über dreißig ist und ich noch unverheiratet? Das ist das einzige wertvolle, das du mir je aus tiefstem Herzen geschenkt hast. Ich erinnere mich, du sagtest: Bewahre es, mein Kind, es bringt dir Glück.

Elisabeth steht auf und versucht, Lieselotte die Hand auf die Schulter zu legen, doch Lieselotte weicht zurück.

Du hast immer Klara bevorzugt, flüstert Lieselotte, während sie die Schachtel öffnet. Das goldene Band mit einem kleinen Granat in der Mitte schimmert schwach im Abendlicht, das durch die Vorhänge dringt. Sie bekommt immer das Beste: schöne Kleider, teure Spielsachen, deine ganze Aufmerksamkeit

Das stimmt nicht! protestiert Elisabeth. Ich liebe euch beide gleich!

Ja? steckt Lieselotte den Ring an den kleinen Finger. Erinnerst du dich, als ich an die Uni ging und Klara an einem Schulwettbewerb teilnahm? Wen hast du unterstützt? Wem hast du nach dem ersten Herzschmerz Trost gespendet?

Elisabeth senkt den Blick. Lieselottes Worte enthalten einen Funken Wahrheit, doch sie will das nicht zugeben.

Klara ist fünf Jahre jünger, sie braucht mehr Zuwendung.

Genau, nickt Lieselotte. Jetzt will sie meinen Ring.

Ein Klingeln ertönt im Flur. Lieselotte zuckt zusammen sie hat niemanden erwartet. Elisabeth wischt sich die Tränen ab und geht zur Tür.

Klara, komm rein, mein Schatz, klingt Elisabeth plötzlich warm und honigsüß.

Lieselotte schneidet die Zähne zusammen. Sie will sofort in ihr Zimmer fliehen, die Tür schließen und den Aufruhr verlassen. Stattdessen bleibt sie im Wohnzimmer, ballt die Hände zu Fäusten.

Hallo, Schwesterchen! stürmt Klara wie ein kleiner Sturm herein, schlank, mit einer wilden Rottönung und Sommersprossen, wirkt kaum 25. Was redet ihr da? Du siehst aus, als hättest du eine Zitrone gegessen!

Wir reden über den Ring der Großmutter, gibt Lieselotte trocken zurück.

Hast du das von Mama schon gehört? wirft Klara sich in den Sessel, legt das Bein über das andere. Ich bin so happy! Markus hat mir einen Antrag gemacht! Wir wollen Ende Frühling heiraten. Nur das mit den Ringen ist ein Problem das Geld reicht nicht, aber wir wollen etwas Besonderes.

Und du willst meinen Ring nehmen? schaut Lieselotte ihr fest in die Augen.

Nicht meinen, den Großmutters. Mama sagt, nach Tradition geht er an die Erste, die heiratet. Hast du nichts dagegen? zuckt Klara mit den Schultern.

Lieselotte wendet den Blick zu ihrer Mutter. Elisabeth steht leicht abseits und zupft nervös am Ärmel.

Ich bin dagegen, sagt Lieselotte fest. Der Ring ist mein Geschenk, ich gebe ihn nicht her.

Aber Lieselotte, versucht Elisabeth einzuschreiten, wir sind doch Familie! Wir müssen einander helfen.

Ja, stimmt Klara zu. Außerdem brauchst du ihn ja nicht mehr. Wie lange liegt er schon in der Schachtel?

Ein Kloß steigt Lieselotte in den Hals. Sie will antworten, doch die Worte bleiben stecken. Stattdessen verlässt sie das Zimmer lautstark schlagend die Tür.

In ihrem Schlafzimmer wirft Liselotte sich auf das Bett, drückt das Gesicht in das Kissen. Sie entscheiden immer alles für mich, ohne mich zu fragen. Ich bin nur ein Anhängsel.

Sie erinnert sich an den Tag, an dem sie den Ring bekam. Es war ihr achtzehnter Geburtstag, sie und ihre Freundinnen wollten im Café feiern. Vor dem Gehen ruft Mama sie ins Schlafzimmer.

Liselotte, ich möchte dir etwas Besonderes schenken, sagt Elisabeth und holt eine Schachtel mit dem Ring hervor. Das ist der Ring meiner Mutter, deiner Großmutter. Er wird von Mutter zu Tochter weitergegeben. Jetzt gehört er dir. Deine Oma meinte, er bringe Glück und die wahre Liebe.

Liselotte zu diesem Zeitpunkt nahm die Worte nicht besonders ernst. Sie war einfach froh, endlich etwas Wertvolles von Mama zu bekommen. Normalerweise bekam Klara immer das Beste.

Ein Klopfen an der Tür.

Liselotte, darf ich reinkommen? klingt Klaras Stimme ungewöhnlich sanft.

Nein, knurrt Liselotte, doch die Tür öffnet sich ein Stück, und der rote Kopf ihrer Schwester schiebt sich hinein.

Sei nicht so sauer, schlüpft Klara ins Zimmer und setzt sich ans Bett. Ich wusste nicht, dass der Ring dir so viel bedeutet.

Liselotte setzt sich, wischt die geröteten Augen.

Es geht nicht um den Ring, Klara. Es geht darum, dass ihr beide immer alles für mich entscheidet, ohne mich zu fragen. Meine Gefühle zählen nicht.

Klara runzelt die Stirn.

Das stimmt nicht. Wir lieben dich.

Lieben? lächelt Liselotte bitter. Warum wählt Mama dann immer dich? Warum gibt es immer Zeit, Geld und Aufmerksamkeit für dich, und ich bekomme nur Reste vom Festmahl?

Was redest du da? protestiert Klara. Mama hat nie zwischen uns unterschieden!

Wirklich? hält Liselotte den Ring hoch. Jetzt willst du das einzige Stück, das mir wirklich etwas bedeutet, haben.

Ich wusste nicht, dass du so daran hängst, murmelt Klara leise. Mama hat nur gesagt, es sei Tradition

Es gibt keine Tradition! unterbricht Liselotte. Sie hat das erfunden, um dir zu gefallen.

Elisabeth tritt ein, wirkt bedrückt.

Mädels, bitte streitet nicht. Klara, geh in die Küche und mach Tee. Ich will mit Lieselotte allein reden.

Klara nickt und geht. Elisabeth setzt sich neben ihre Tochter.

Liselotte, es tut mir leid, ergreift sie Lieselottes Hand. Ich wollte dich nicht verletzen.

Aber ich fühle mich verletzt, lässt Liselotte die Hand los. Wie immer.

Glaubst du wirklich, ich liebe Klara mehr? flackert ein Schmerz in Elisabeths Augen.

Ich weiß es, sagt Liselotte und steht zum Fenster. Mein ganzes Leben fühle ich mich als zweite Wahl. Immer Klara, Klara, Klara und jetzt willst du mir das eine Stück wegnehmen, das mich an den seltenen Moment erinnert, in dem ich mich geliebt fühlte.

Elisabeth senkt den Kopf. Dann spricht sie leise:

Du hast recht. Ich habe Klara mehr beachtet, aber nicht, weil ich sie lieber habe. Du warst immer selbstständig, stark und hast früh erwachsen werden müssen. Klara blieb das Kind, das ständige Fürsorge braucht.

Das ist keine Entschuldigung, schüttelt Liselotte den Kopf.

Ich weiß, seufzt Elisabeth. Ich liebe euch beide gleich stark, nur zeige ich es unterschiedlich.

Stille legt sich über das Zimmer. Liselotte blickt aus dem Fenster, will nicht zur Mutter zurückschauen. Schließlich sagt Elisabeth leise:

Der Ring ist dein. Ich darf ihn nicht wegnehmen. Es tut mir leid, dass ich dich enttäuscht habe.

Mama, ruft Liselotte, bringt dieser Ring wirklich Glück in der Liebe?

Elisabeth lächelt schwach. Deine Oma glaubte das. Als sie ihn mir gab, war ich noch unverheiratet. Sie sagte: Trage ihn, und er wird dir die wahre Liebe bringen. Einen Monat später lernte ich deinen Vater kennen.

Liselotte sieht auf den Ring. Der Granat wirkt wie ein Tropfen erstarrtes Blut im Lampenlicht.

Aber ihr habt euch doch scheiden lassen, bemerkt sie.

Ja, doch das bedeutet nicht, dass ich nicht glücklich war. Wir hatten schöne Jahre, und ich habe euch, meine Töchter, die liebe. Ist das nicht auch Glück?

Klara tritt mit einem Tablett, darauf drei Teetassen und eine Schale Kekse.

Frieden? fragt sie zögerlich, den Blick zwischen Mutter und Schwester wechselnd.

Liselotte nimmt eine Tasse, trinkt, nickt.

Sie setzen sich ins Wohnzimmer. Klara erzählt begeistert von der bevorstehenden Hochzeit, dem Kleid, den Blumen. Liselotte hört halbherzig zu, dreht den Ring auf ihrem Finger.

Welchen Ring habt ihr mit Markus? fragt sie plötzlich, bricht den Fluss von Klaras Begeisterung.

Keinen, senkt Klara den Blick. Er hat mir einen Antrag gemacht, aber wir haben noch keinen Ring. Markus hat gerade keinen Job, und mein Gehalt als Verwaltungsangestellte reicht nicht für etwas Besonderes.

Deshalb willst du meinen Ring? sagt Liselotte.

Ja, gibt Klara zu. Mama erzählte mir vom Großmutternring, und ich dachte Aber jetzt sehe ich, dass ich Unrecht hatte. Der Ring gehört dir.

Tränen steigen in Klaras Augen. Liselotte erkennt, dass ihr Neid nicht grundlos war: Klara war immer die Lieblingsschülerin, das verwöhnte Kind, das alles bekam. Jetzt sitzt jedoch eine junge Frau vor ihr, die wirklich bedrückt ist.

Weißt du was? sagt Liselotte und nimmt den Ring vom Finger. Ich leihe ihn dir für die Hochzeit, nur für einen Tag. Und du bringst ihn zurück.

Wirklich? strahlt Klara. Du machst das ernst?

Kein Scherz, reicht Liselotte den Ring. Probier ihn an.

Klara steckt ihn an, er sitzt etwas zu groß.

Wir müssen ihn noch anpassen, bemerkt sie.

Nicht nötig, schüttelt Liselotte den Kopf. Nur für einen Tag, erinnerst du dich?

Ja, nickt Klara dankbar. Danke, Schwesterchen. Das bedeutet mir die Welt.

Elisabeth beobachtet die Schwestern mit Tränen in den Augen.

Liselotte, du bist mein Goldstück! umarmt sie die Ältere. Entschuldige, dass ich dich so ungerecht behandelt habe.

Mama, das ist genug, sagt Liselotte verlegen. Lass uns das nicht weiter machen.

Der Abend verläuft bei Tee und Gesprächen über die Hochzeit. Lieselotte hilft bei den Vorbereitungen, die Spannung löst sich, die Atmosphäre wird warm.

Als Klara geht, nimmt sie den Ring und legt ihn Lieselotte zurück.

Nimm ihn, ich will ihn nicht verlieren. Ich bringe ihn erst kurz vor deiner Hochzeit zurück, okay?

Liselotte steckt ihn in die Schachtel und legt sie beiseite. Elisabeth räumt die Tassen weg.

Danke, mein Kind, drückt sie Liselotte. Du hast heute bewiesen, dass du vergeben und teilen kannst. Ich bin stolz auf dich.

Übertreib nicht, Mama, lächelt Liselotte. Ich habe ihn nur für einen Tag verliehen.

Aber das ist ein edler Akt, beharrt Elisabeth.

In dieser Nacht kann Liselotte nicht schlafen. Sie denkt über den Ring, die Worte der Großmutter und das Versprechen von Glück nach. Dreißig Jahre Tragen hat sie noch keine wahre Liebe gefunden. Vielleicht hätte sie ihn öfter tragen sollen?

Am Morgen klingelt das Telefon. Klara ruft an.

Schwesterchen, du glaubst es nicht! Markus hat einen neuen Job, gut bezahlt! Er hat schon den Vertrag unterschrieben!

Herzlichen Glückwunsch, murmelt Liselotte verschlafen. Freue mich für euch.

Und das Erstaunlichste: Gestern habe ich Markus von dem Ring erzählt, den du mir geliehen hast. Er meinte, heute Morgen bekam er einen Anruf wegen des Jobs. Stell dir das vor! Vielleicht bringt der Ring doch Glück.

Liselotte lächelt.

Vielleicht, stimmt sie zu. Ich bin froh für euch.

Komm doch am Wochenende zu uns, wir feiern!

Mal sehen, antwortet sie zögerlich. Ich habe viel zu tun.

Nach dem Gespräch liegt Liselotte lange im Bett und blickt zur Decke. Der Streit hat etwas in ihr bewegt, als wäre ein schwerer Stein vom Herzen gefallen.

Am Abend klingelt wieder das Telefon. Elisabeth ruft an.

Liselotte, ich habe überlegt Komm am Wochenende zu uns, ich backe deinen Lieblingsapfelkuchen.

Liselotte hebt überrascht die Augenbrauen. Mama lädt selten ohne Grund ein.

Was ist los? fragt sie.

Nichts, ich will dich einfach sehen.

Okay, ich komme.

Am Wochenende steht Liselotte vor dem Elternhaus, ein leichtes Kribbeln im Bauch. Seit drei Jahren lebt sie in ihrer eigenen Wohnung, der Kontakt zu ihrer Mutter ist kühl, nur an Feiertagen hören sie voneinander.

Elisabeth empfängt sie am Tor, hält eine kleine Schachtel in der Hand.

Komm rein, mein Kind, umarmt sie Liselotte. Ich freue mich, dich zu sehen.

Der Duft von Apfelkuchen erfüllt die Wohnung. Liselotte setzt sich, der Tisch ist gedeckt.

Mama, warum das ganze Drumherum? fragt sie direkt.

Kann ich meine Tochter nicht verwöhnen? lacht Elisabeth. Setz dich, der Kuchen ist noch warm.

Bei Tee reden sie über Liselottes Job, Klaras bevorstehende Hochzeit, Elisabeths Gesundheit. Nachdem sie den Kuchen gegessen haben, holt Elisabeth die Schachtel hervor, mit der sie Liselotte am Anfang des Tages empfangen hat.

Das ist für dich, sagt sie und reicht die Schachtel.

Liselotte öffnet vorsichtig. Darin liegt ein Ring zierlich, mit einem kleinen Smaragd in der Mitte.

Mama, was bedeutet das? fragt sie verwirrt.

Das war der Ring meiner Mutter, deiner Urgroßmutter. Ich habe ihn all die Jahre behalten und will ihn jetzt dir geben. Ich liebe dich genauso sehr wie Klara. Ich habe es nie gut gezeigt.

Liselotte blickt auf den Smaragd, spürt ein Ziehen im Herzen.

Deine Oma sagte, Smaragd sei der Stein der Weisheit, erklärt Elisabeth. Du warst immer weise, sogar als Kind. Willst du ihn anprobieren?

Liselotte legt den Ring an. Er sitzt wie gemacht, als wäre er für sie bestimmt.

Danke, Mama, flüstert sie. Er ist wunderschön.

Und noch etwas, sagt Elisabeth, nimmt Liselottes Hand. Ich möchte mich bei dir entschuldigen. Du hattest recht, ich habe Klara öfter beachtet, das war unfair. Du hast mehr verdient.

Liselotte umarmt ihre Mutter. Die jahrelangen Groll fließen plötzlich wie Wasser ab.

Mama, was ist mit deinem Ring? Dem, den du mir gabst und ich an Klara verlieh?

Das war nicht mein Ring, gesteht ElisabethIch gestehe, dass ich den Ring nur erfunden habe, um dich zu motivieren, und nun überreiche ich dir beide Erbstücke als Zeichen meiner wahren Liebe.

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