Die weise Ehefrau und ihre törichte Wahl
Als Ingrid zum ersten Mal den jungen Wissenschaftler sah, spürte sie sofort das Schicksal. Groß, schlank, mit ungewöhnlich sanften Augen. Er stand am anderen Ende der Mensa des MaxPlanckInstituts in Berlin, wo sie seit sieben Jahren als Bibliothekarin arbeitete. Ihr Herz flüsterte, er sei der Mann, von dem sie ihr ganzes Leben geträumt hatte.
Wen beobachtest du da? fragte ihre Kollegin Liselotte, die mit ihr zum Mittag aß. Ach, das ist der Neue aus der PhysikAbteilung! Hat gerade seine Promotion verteidigt, vielversprechend.
Ingrid wurde rot, wandte den Blick ab und starrte auf ihre Gemüsesuppe.
Ich schaue nur ein wenig, murmelte sie.
Klar, klar, lächelte Liselotte. Dein Gesicht sagt alles. Und er ist wohl noch ledig, habe ich gehört.
Er ist ja noch ganz jung, stammelte Ingrid.
Wie alt bist du? Zweiunddreißig? Und er ist nicht älter als siebenundzwanzig. Was macht das schon?
Ingrid schwieg. Die Jahre schienen klein, doch ein unüberwindbarer Abgrund lag zwischen ihnen. Sie hatte schon lange akzeptiert, allein zu bleiben. Nach einer gescheiterten Beziehung am Institut verlor sie sich in der Arbeit; Bücher wurden ihre Freunde. Und plötzlich er.
Am nächsten Tag trat der junge Forscher in die Bibliothek. Sein Name war Paul Friedrich. Er bat um ein seltenes Werk zur Quantenphysik. Ingrid eilte zu den fernen Regalen, das Buch ließ nicht sofort nach.
Entschuldigen Sie die Mühe, sagte Paul, als sie mit dem dicken Band zurückkam. Ich hätte es selbst holen können.
Das ist meine Aufgabe, erwiderte Ingrid, bemüht, die Stimme ruhig und professionell klingen zu lassen.
Ich habe Sie gestern in der Mensa gesehen, fuhr er plötzlich fort. Darf ich Sie nach der Arbeit auf einen Kaffee einladen?
Ingrid erstarrte. Ein solcher Dreh war ihr nicht bewusst.
Ich sehr gern, stammelte sie schließlich.
So begann eine Kette von Abenden, die sie gemeinsam verbrachten. Paul war nicht nur klug, sondern auch ein fesselnder Gesprächspartner. Er erklärte seine Forschungen so, dass sogar Ingrid, die nie Physik studiert hatte, mitfiebern konnte. Sie teilte ihre Leseeindrücke, er hörte aufmerksam zu, stellte Fragen, stritt. Stunden vergingen, ohne dass sie das Fliegen der Zeit bemerkten.
Weißt du, Ingrid, du bist erstaunlich, sagte Paul eines Abends im beleuchteten Park. So weise, so sensibel. Ich habe noch nie eine Frau wie dich getroffen.
Das sind nur die Bücher, lächelte sie schüchtern. Ich lese viel.
Nein, es liegt an dir. Du denkst, analysierst, siehst, was andere übersehen. Im Labor nennt man mich vielversprechend, aber bei dir fühle ich mich wie ein Schuljunge.
Rede nicht so dumm, wischte Ingrid ab. Du verstehst die Welt, ich nur Bücher ausleihe.
Unterschätze dich nicht. Du verstehst Seelen, das ist schwerer als Gesetze der Physik.
Nach einem halben Jahr beschlossen sie zu heiraten. Pauls Eltern, besonders seine Mutter Anna, waren dagegen. Anna, eine herrische und ambitionierte Frau, erklärte ihrem Sohn, er treffe eine falsche Entscheidung.
Sie ist älter, hat keine Perspektive! Nur eine einfache Bibliothekarin! Was kann sie dir und deinen zukünftigen Kindern geben?
Mama, ich liebe sie, antwortete Paul fest. Sie ist keine einfache Bibliothekarin, sondern eine kluge, gebildete Person. Wir werden Kinder haben.
Die Hochzeit war bescheiden. Nach dem Mahl setzten sie sich mit Freunden in ein kleines Café, während Pauls Eltern fehlten.
Anfangs lebten die Frischvermählten in einer Mietwohnung. Das Geld war knapp, doch sie waren glücklich. Ingrid schuf ein heimeliges Nest, zu dem Paul nach der Arbeit gern zurückkehrte. Gespräche über Bücher, Filme und Experimente füllten ihre Tage.
Dann geschah das, worauf sie gewartet hatte Ingrid wurde schwanger. Die Ärzte hatten einst gesagt, es sei wegen einer körperlichen Besonderheit unwahrscheinlich, dass sie Kinder bekommen würde.
Paulchen, ich bin schwanger, flüsterte sie eines Abends, als er heimkam.
Er erstarrte, dann umarmte sie und wirbelte durch das Zimmer.
Liebste, das ist wundervoll! Wir bekommen ein Kind!
Während der Schwangerschaft kümmerte sich Paul liebevoll um sie: kochte Brühe bei Übelkeit, holte nachts saure Gurken, las laut Bücher über Mutterschaft und tauchte tief in die Kinderpsychologie ein, um ein guter Vater zu werden.
Als ihre Tochter geboren wurde, nannten sie sie Nadine.
Nadja, unser Hoffnungsschimmer, hauchte Paul, während er das kleine Wesen in einer weißen Decke betrachtete.
Plötzlich schmolz Annas Haltung. Sie kam mit einem großen Blumenstrauß und einem Korb Früchten ins Krankenhaus.
Zeig mir die Enkelin!, verlangte sie und strich begeistert über das Kinn ihrer Enkelin, das ihr eigenartig ähnlich war.
Von da an war Anna häufig zu Besuch, brachte Geschenke, gab Erziehungstipps und kritisierte Ingrids Methoden. Anfangs akzeptierte Ingrid das schließlich war es ihre Mutter. Doch die Einmischung wurde immer drängender.
Ingrid, du musst das Baby anders halten! Alle Kinderärzte sagen das!, predigte Anna.
Nadine braucht mehr Vitamine!, fuhr sie fort.
Paul schwieg meist, griff aber irgendwann ein.
Mama schlägt vor, dass wir zu ihnen ziehen. Eine große Wohnung, ein Kinderzimmer für Nadine, und du bekommst Unterstützung.
Wie siehst du das? fragte er Ingrid vorsichtig.
Ein Angebot, das die Finanzen erleichtert. Und die Eltern freuen sich.
Ingrid willigte, obwohl ihr inneres Gefühl ein Warnsignal sendete. Sie wollte ihrem Mann vertrauen.
Der Umzug erfolgte, als Nadine ein halbes Jahr alt war. Zunächst lief alles gut. Anna half beim Kind, Ingrid kehrte zur Arbeit zurück. Doch die Stimmung im Haus wurde zunehmend spannungsgeladen.
Warum lässt du das Baby weinen? fragte die Schwiegermutter, als Nadine quengte. Nimm es hoch, beruhige es!
Weinen ist normal, erwiderte Ingrid. Nadine muss lernen, ihre Gefühle selbst zu regulieren.
Ein Kind soll ein glückliches, tränenfreies Leben haben!, schimpfte Anna.
Paul stellte sich immer öfter auf Annas Seite. Diskussionen drehten sich um Füttern, Schlafen, Spaziergänge, Spielzeug. Ingrid fühlte, wie sie die Kontrolle verlor, während Anna allmählich zur wichtigsten Bezugsperson für Nadine wurde.
Eines Tages wurde Nadine krank hohes Fieber, Husten. Anna bestand auf Hausmittel: Senfwickel, Himbeersirup.
Kein Arzt! Ich habe drei Kinder ohne Ärzte großgezogen!, beharrte sie.
Ingrid rief nach einem Arzt. Die Diagnose: beginnende Lungenentzündung. Ohne rechtzeitige Behandlung hätte es fast tragisch geendet.
Der Vorfall zerstörte das Familiengefüge endgültig. Anna fühlte sich bestätigt, dass ihr Rat beinahe das Kleine fast umgebracht hätte.
Paul verbrachte immer mehr Zeit im Labor, mied zu Hause Konflikte. Eines Abends, als Nadine schlief und die Schwiegereltern zu Nachbarn gegangen waren, sprach er mit Ingrid.
Man hat mir ein Stipendium in München angeboten, ein halbes Jahr, sehr renommiert.
Das ist großartig! Wann ziehen wir um?, jubelte Ingrid.
Ich ich will allein gehen.
Allein? Was ist mit uns, mit Nadine?
Ihr bleibt hier bei den Eltern. Das wäre besser für alle.
Ingrid konnte es nicht fassen.
Du willst uns verlassen?
Ich verlasse euch nicht! Nur ein halbes Jahr. Danach kehre ich zurück, oder ihr kommt zu mir, wenn alles gut läuft.
Du überschätzt die Situation, erwiderte Paul. Meine Mutter will nur das Beste für uns.
Für wen das Beste? Für dich? Für Nadine? Nicht für mich.
Was meinst du?
Wann haben wir das letzte Mal wirklich geredet? Bücher, Filme, deine Gedanken? Du versteckst dich jetzt nur noch in der Arbeit.
Paul zeigte sich bedrückt.
Ich arbeite viel, habe Verantwortung.
Früher hast du auch viel gearbeitet, aber du hast Zeit für uns gefunden. Jetzt nimmst du den leichten Weg.
Paul geriet in Rage.
Leichter Weg? Ein Stipendium in einer führenden Forschungseinrichtung ist leicht? Viele träumen davon!
Es geht nicht um das Stipendium, sagte Ingrid erschöpft. Es geht darum, dass du vor Problemen wegläufst, anstatt sie zu lösen.
Ich laufe nicht weg! Ich gehe voran!
Und was ist mit unserem Vorwärtsgehen als Familie? Hast du darüber nachgedacht?
Der Streit eskalierte, stärker als je zuvor. Am Morgen beschloss Paul, allein zu gehen. Er erklärte, er wolle das Stipendium annehmen und die Wohnung verlassen. Ingrid dachte lange nach, über sich, über Paul, über Nadine, über die Zukunft. Sie sah zwei Wege: stillschweigend weiterleben und sich allmählich verlieren, oder etwas ändern.
Am Abreisetag packte sie Pauls Koffer, half Nadine beim Anziehen und rief ein Taxi.
Wohin gehst du?, fragte Paul verwirrt.
Wir bringen dich zum Bahnhof.
Na gut.
Am Bahnhof, Minuten vor der Abfahrt, küsste Ingrid ihren Mann und sagte:
Ich liebe dich, Paul. Ich werde dich immer lieben. Aber ich kann nicht länger im Haus deiner Eltern wohnen. Nadine und ich ziehen zurück in unsere alte Wohnung.
Was? Wie? Und die Eltern?
Sie sind wunderbare Menschen, aber ich will meine Tochter selbst erziehen und unsere Ehe retten, wenn noch Zeit ist.
Du kannst das nicht tun!
Kann, und ich tue es. Geh zu deinem Stipendium, entwickle dich weiter. Wir warten hier, zu Hause.
Sie drehte sich um, hielt Nadine fest, das Herz hämmerte wie ein wilder Trommler. Vielleicht war es die dümmste Entscheidung ihres Lebens oder die weiseste.
Mama, ist Papa zurück?, fragte Nadine im Taxi.
Ja, mein Schatz. Papa arbeitet jetzt.
Wohin fahren wir?
Nach Hause, Liebling.
Die ersten Tage in der alten Wohnung waren schwer. Nadine weinte, rief nach Oma. Das Telefon summte nonstop mit Annas Anrufen, die die Rückkehr ihrer Enkelin forderte. Ingrid musste Urlaub nehmen, um einen neuen Tagesplan zu erstellen.
Eine Woche verging ohne Nachricht von Paul. Dann kam eine kurze SMS: Wie geht’s euch?
Ganz gut, wir richten uns ein, antwortete Ingrid.
Langsam fand das Leben einen neuen Rhythmus. Ingrid tauchte tief in die Mutterschaft ein, besuchte mit Nadine den Park, den Zoo, das Puppentheater. Abends lasen sie Bücher, malten, formten aus Knete. Und Ingrid bemerkte, dass ihre Tochter glücklicher war als im Haus der Großeltern.
Paul rief selten, nur kurz über das Stipendium, neue Kontakte, wissenschaftliche Durchbrüche. Er fragte nicht nach dem Alltag. Ingrid meldete ihm Fotos von Nadine, erzählte von ihren kleinen Erfolgen.
Drei Monate später, nachdem Nadine eingeschlafen war, saß Ingrid im Sessel mit einem Buch. Ein Klopfen an der Tür. Paul stand dort, ein riesiger Strauß Wildblumen in den Händen ihre Lieblingsblumen.
Darf ich reinkommen? fragte er unsicher.
Ingrid nickte, ließ ihn eintreten.
Schläft Nadine?, fragte er, während er die Schuhe auszog.
Gerade erst eingeschlafen.
Wie geht es ihr?
Gut. Sie vermisst dich.
Paul setzte sich, legte den Strauß auf den Tisch.
Und du?, fragte er leise. Vermisst du mich?
Ingrid setzte sich neben ihn, ohne ihn zu berühren.
Sehr, antwortete sie ehrlich.
Ich habe alles verstanden, Irma, sagte er plötzlich. Ich bin vor Problemen davongeeilt, habe feige Entscheidungen getroffen leichte Wege.
Und jetzt?
Jetzt will ich die richtige Entscheidung treffen. Die schwere, aber richtige. Ich will zu euch zurück.
Was ist mit dem Stipendium?
Ich habe es beendet, sogar früher. Man bot mir eine feste Stelle in München, gutes Gehalt, Aufstiegschancen.
Und du hast abgelehnt?, fragte Ingrid.
Ja. Ohne euch hat mir nichts geholfen weder Karriere noch Geld. Ich will bei euch sein. Wo auch immer, das ist egal. Wichtig ist, zusammen zu sein.
Und deine Eltern?
Ich habe ernsthaft mit ihnen gesprochen, das erste Mal überhaupt. Ich habe erklärt, dass wir selbst entscheiden, wie wir leben und Nadine erziehen. Sie waren schockiert, aber ich denke, sie werden sich irgendwann fügen.
Ingrid sah in Pauls Augen etwas, das sie lange nicht mehr gesehen hatte: Entschlossenheit und Liebe, echte, tiefe Liebe.
Weißt du, was ich noch erkannt habe?, fuhr Paul fort. Du bist wirklich weise. Viel klüger als ich. Du hast Dinge gesehen, die ich nicht sah, und hast getan, wozu ich keinen Mut hatte uns aus diesem endlosen Kreis zu befreien.
Ehrlich gesagt war ich unsicher, ob ich richtig handele, gestand Ingrid. Es war ein Risiko.
Dieses Risiko war keine dumme Wahl, sondern gerade weise.
Paul streckte die Hand aus, berührte sanft ihr Gesicht.
Verzeihst du mir?
Ingrid ging vor und küsste ihn. Ein leiser Kinderstimme drang aus dem Schlafzimmer:
Mama, ist Papa da?
Sie lachten, standen auf und gingen gemeinsam zu ihrer Tochter. Und Ingrid dachte, dass manchmal die scheinbar dümmsten Entscheidungen die weisesten sein können man muss nur den Mut haben, den entscheidenden Schritt zu tun, um das zu retten, was wirklich wertvoll ist.







