Elisabeth Heinemann richtete mit zitternden Händen das Tischtuch unter der Blumenvasen, warf einen schnellen Blick auf die Wanduhr. In weniger als einer Stunde sollten die Gäste eintreffen, doch die Aufregung ließ sie nicht los. Ihr 60. Geburtstag ein Meilenstein, und sie wollte, dass alles perfekt läuft.
Leni, bist du gleich fertig?, rief sie in die Küche, wo das Klirren von Geschirr zu hören war.
Ja, Mama, ich bringe gerade die Salate fertig!, antwortete ihre Tochter. Du solltest lieber Klaus prüfen, er wollte noch Mineralwasser holen.
Elisabeth seufzte und marschierte in das Zimmer ihres Schwiegersohns. Zehn Jahre hatten sie zusammen unter einem Dach gelebt, und seine Gemütlichkeit hatte sich nie geändert. Für ihn gab es immer nur gleich und bald. Jetzt saß Klaus konzentriert vor dem Laptop und scrollte etwas.
Klaus, du wolltest doch zum Laden gehen, versuchte Elisabeth, die Stimme weich zu halten, doch ein Anflug von Ärger schlich sich ein.
Ja, ja, Schwiegermutter, ich bin gleich raus, sagte er, ohne den Blick vom Bildschirm zu lösen.
Die Gäste kommen gleich, sagte sie.
Ich schaffe das, mach dir keine Sorgen.
Als sie das Zimmer verließ, biss sie die Zähne zusammen. Immer dasselbe. Hätte Leni nicht immer wieder auf die Tür ihres Schwiegersohns gedrängt, wäre sie längst am Ende. Zehn Jahre Versprechen, ein Eigenheim zu finanzieren, und nichts davon war in Sicht. Zumindest gab es ihre Enkelin Frieda, die ihr ein Lichtblick war.
Oma, kommt der Kuchen?, fragte die zwölfjährige Frieda, die gerade den Flur betreten hatte, als hätte sie Elisabeths Gedanken gelesen.
Ja, mein Schatz, dein Vater holt ihn aus der Konditorei, antwortete Elisabeth liebevoll.
Frieda runzelte die Stirn: Vergisst er das? Gestern hat er mein Schwimmtraining verpasst, obwohl er es versprochen hat.
Elisabeth streichelte ihr den Kopf: Mach dir keine Sorgen, ich erinnere ihn. Zieh jetzt dein schönes Kleid an, das wir letzte Woche gekauft haben.
Nachdem Frieda verschwunden war, ging Elisabeth zurück zu Klaus: Vergiss den Kuchen nicht. Ich habe ihn bei Konditorei Süßer Eck am Kurfürstendamm bestellt.
Ja, ich habes, winkte er ab. Zuerst das Wasser, dann den Kuchen. Alles wird super!
Fünfzehn Minuten später stand Klaus endlich auf, zog die Jacke an und ging zur Tür.
Klaus, hast du das Geld für den Kuchen?, rief Elisabeth hinter ihm her.
Ist das nicht schon bezahlt?, er blieb im Türrahmen stehen.
Nein, ich habe nur die Anzahlung geleistet. Der Rest muss bei Abholung in bar bezahlt werden.
Leni kam mit einem Handtuch aus der Küche: Mama, meine EC-Karte liegt auf dem Tresen, nimm sie bitte. Klaus hat gerade wieder Geldprobleme.
Klaus Geldsorgen waren ein Dauerbrenner, doch Elisabeth schwieg. Sie wollte das Fest nicht mit einem Streit beginnen. Sie zog das nötige Geld aus ihrer Handtasche und reichte es Klaus.
Versau dich nicht, mahnte sie. Und das Wasser nicht vergessen!
Nachdem die Tür hinter Klaus zugefallen war, kehrte Elisabeth zum gedeckten Tisch zurück. Heute würden nicht nur Verwandte, sondern auch ehemalige Kollegen kommen. Dreißig fünf Jahre hatte sie an der Georg-Büchner-Schule Russisch und Literatur unterrichtet, war respektiert und geschätzt, und nach fünf Jahren Ruhestand wollte sie nicht als alte Bürde gelten.
Mama, mach dir keine Sorgen, legte Leni ihr eine Hand auf die Schulter. Alles wird gut.
Ich mache mir nur ein bisschen Sorgen, dass alles würdevoll wird, log Elisabeth.
Leni nickte verständnisvoll: Es wird, Mama. Du bist die beste Gastgeberin, die ich kenne.
Die Tür öffnete sich. Zuerst standen Elisabeths Bruder Günther und seine Frau Tamara.
Herzlichen Glückwunsch, Elisabeth!, küsste Tamara sie auf beide Wangen und überreichte ein großes Geschenk. Du siehst blendend aus! Sechzig ist das neue Vierzig!
Danke, ihr Lieben, erwiderte Elisabeth gerührt. Kommt rein, macht es euch bequem.
Kurz darauf strömten weitere Gäste herein: ehemalige Kolleginnen, die Nachbarin Irma mit ihrem Mann, eine Cousine aus dem Umland. Das Haus füllte sich mit Lachen, Gläserklirren und Gratulationen. Doch Klaus war immer noch nicht zurück.
Leni, ruf deinen Mann an, flüsterte Elisabeth, während die Gäste an den Tisch saßen. Er kommt zu spät.
Leni zog ihr Handy heraus, dann kehrte sie mit einem gezwungenen Lächeln zurück: Er ist schon unterwegs, meinte, in dem Laden war Schlange.
Elisabeth schüttelte leicht den Kopf. Schlange das kannte sie zu gut. Sicher war, dass er irgendwo festhing oder am Handy hängte.
Na gut, wir warten nicht ewig, sagte sie mit erhobenem Tonfall. Lasst uns mit dem Festmahl beginnen!
Die Gäste stürzten sich auf das Essen. Elisabeth hatte ein üppiges Buffet vorbereitet: klassischer Kartoffelsalat, Matjesfilet, Zwiebelrostbraten, selbstgemachte Pilzkonserven, gefüllte Paprika alles in Hülle und Fülle.
Während die Zeit verging, blieb Klaus aus. Leni ging mehrmals hin und her, rief immer wieder ihren Mann, und kehrte jedes Mal erschöpfter zurück. Elisabeth sah, wie ihre Tochter sich immer mehr aufbiss, und lenkte die Gäste mit Gesprächen ab.
Erinnert ihr euch an den Ausflug nach Ostsee, den wir damals gemacht haben?, erzählte Tamara lachend. Damals, als du, Elisabeth, den Tanzkurs verpasst hast?
Ja, und du hast dann den strengen Schwimmlehrer ausgerechnet für mich gewählt!, wies sie zurück, und alle lachten.
Plötzlich ertönte ein lautes Klingeln an der Tür. Leni rannte, öffnete, und kam blass zurück: Mama, darf ich kurz mit dir sprechen?
Elisabeth entschuldigte die Gäste und trat in den Flur. Dort stand ein unbekannter Mann mit einer großen Schachtel.
Guten Abend, ich bin von der Konditorei Süßer Eck. Haben Sie den Kuchen bestellt?, fragte er.
Ja, stammelte Elisabeth. Haben Sie ihn nicht schon an Klaus ausgehändigt?
Nein, zuckte er mit den Schultern. Wir schließen gleich, und niemand hat ihn abgeholt. Ich dachte, ich bringe ihn persönlich vorbei, weil der Geburtstag nicht warten kann.
Ein Kloß bildete sich in Elisabeths Kehle. Wo war Klaus? Was war mit ihm geschehen?
Wie viel schulde ich Ihnen?, fragte sie, zog die Geldbörse hervor.
Der Bote nannte den Betrag in Euro, Elisabeth bezahlte und stellte den Kuchen auf die Küchenarbeitsplatte. Dann wandte sie sich zu Leni: Wo ist dein Mann?
Ich weiß es nicht, Mama, flossen Tränen aus Lenis Augen. Sein Handy gibt seit einer halben Stunde nichts mehr von sich.
Gut, sagte Elisabeth fest. Geh zu den Gästen, ich kümmere mich um den Kuchen.
Nachdem Leni gegangen war, ließ Elisabeth sich schwer auf einen Hocker fallen. Zehn Jahre hatte sie die Unzuverlässigkeit ihres Schwiegersohns ertragen, seine leeren Versprechen, um Leni und Frieda nicht zu belasten. Doch heute hatte er die Grenze überschritten.
Mit zitternden Händen hob sie den kunstvoll dekorierten SahnetortenKuchen, ein BiskuitMeisterwerk mit Rosen aus Buttercreme und der Aufschrift Zum Geburtstag!, und stellte ihn auf ein großes Tablett. Gerade in diesem Moment schlich Frieda in die Küche:
Oma, wo ist Papa?
Ich weiß es nicht, mein Schatz, antwortete Elisabeth ehrlich. Aber wir haben den Kuchen, schau, wie schön er ist!
Friedas Augen leuchteten: Darf ich ihn ins Wohnzimmer tragen?
Natürlich, aber sehr vorsichtig, sagte Elisabeth.
Frieda nahm das Tablett, zog die Zunge leicht heraus, als würde sie konzentriert balancieren, und trug den Kuchen in das Wohnzimmer. Elisabeth folgte ihr, bereit, einzugreifen, falls nötig. Frieda schaffte es der Kuchen kam unversehrt an den festlich gedeckten Tisch, und die Gäste jubelten.
Und jetzt, meine liebe Elisabeth, verkündete der Ehemann der Nachbarin, hob sein Glas, darf ich Ihnen zu Ihrem grandiosen Jubiläum gratulieren und
Ein lautes Aufprallen der Haustür unterbrach ihn. Klaus stolperte herein, roch nach Alkohol und war von Kopf bis Fuß zerzaust.
Hier bin ich!, jubelte er laut. Frohes Fest an alle!
Stille breitete sich aus. Elisabeth spürte, wie ein eisiger Schauer die Worte ihrer Tochter durchdrang Schmerz und Verzweiflung lagen in ihrem Blick.
Klaus, flüsterte Leni, wo warst du?
Was solls?, zuckte er mit den Schultern und ging zur Tafel. Hab mich mit einem Kumpel getroffen, ein bisschen gefeiert Und hier ist ja schon der Kuchen! Siehst du, ich habs erledigt!
Der Kuchen wurde von der Konditorei gebracht, sagte Elisabeth kalt. Weil du ihn nicht abgeholt hast.
Ach, das ist doch egal, plumpste Klaus auf einen Stuhl. Jetzt kann ich endlich trinken!
Die Gäste sahen sich verunsichert an, die festliche Stimmung war ruiniert. Tamara hustete leise, ein Kollege räusperte sich, und plötzlich ergriff Elisabeth das Wort, stand entschlossen vom Tisch auf:
Ich danke euch allen, dass ihr heute hier seid. Jetzt muss ich etwas Wichtiges sagen.
Alle verstummten, selbst Klaus hielt inne.
Zehn Jahre habe ich das Zusammenleben meiner Tochter und ihres Mannes toleriert, ohne mich einzumischen. Ich habe Respektlosigkeit, Passivität und Faulheit ertragen, alles im Sinne von Leni und Frieda. Heute, an meinem Geburtstag, mache ich mir ein Geschenk.
Sie wandte sich zu Klaus: Konstantin, ab morgen wohnst du nicht mehr hier. Du hast 24 Stunden, um deine Sachen zu packen und eine neue Bleibe zu finden.
Was?, stammelte er. Du hast doch kein Recht!
Doch, antwortete Elisabeth fest. Das ist meine Wohnung, und ich bestimme, wer hier lebt.
Leni!, rief er zu seiner Frau. Sag etwas!
Leni senkte den Blick, ihre Hände zitterten, das Taschentuch wurde bleich.
Mama, bist du sicher?, flüsterte sie schließlich.
Absolut, nickte Elisabeth. Ich habe entschieden.
Verdammt noch mal!, brüllte Klaus, schlug mit der Faust auf den Tisch, das Geschirr klirrte. Was für ein Unsinn! Ich geh, meine Füße werden hier nicht mehr treten!
Er stand wütend auf, fast vom Stuhl gefallen, und stolperte zur Tür. Etwas fiel hinter ihm, die Tür schlug zu, und Stille kehrte zurück.
Darf ich jetzt den Kuchen haben?, fragte Frieda leise.
Ein nervöses Lachen brach aus, die Anspannung ließ ein wenig nach. Elisabeth schnitt vorsichtig den Kuchen an, die Hände zitterten, doch sie versuchte, die Fassade zu wahren. Der Kuchen setzte tatsächlich ein Zeichen: Er beendete das Kapitel mit Klaus.
Die Gäste begannen, das Haus zu verlassen, jeder spürte, dass die Feier zu Ende ging. Nur Elisabeth, Leni und Frieda blieben zurück.
Mama, begann Leni, während sie allein in der Küche standen, ich muss dir etwas sagen
Sag nichts, meine Liebe. Ich verstehe dich.
Doch du verstehst nicht, widersprach Leni. Ich wollte mich schon lange scheiden, aber ich fürchtete, dass du dagegen wärst. Was sagst du dazu?
Elisabeth umarmte ihre Tochter: Du bist nicht dumm, ich sehe, wie du leidest. Frieda spürt das genauso. Sie braucht eine glückliche Mutter, nicht nur eine formale Familie.
Was wird jetzt passieren?, flüsterte Leni, drückte sich an ihre Mutter wie einst als Kind.
Alles wird gut, versicherte Elisabeth. Wir schaffen das zusammen.
Am Abend kehrte Klaus nüchtern zurück, sammelte schweigend seine Koffer, warf ab und zu bittende Blicke zu Leni. Doch sie blieb standhaft. Zehn Jahre leere Versprechen hatten ihr Herz erstarrt.
Geben Sie mir wenigstens den Fernseher zurück?, murmelte er, während er die Tasche schloss. Ich habe ihn doch gekauft.
Auf mein Geld, sagte Leni kühl. Geh, Klaus. Einfach raus.
Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, zog Elisabeth Leni an den Schultern: Weißt du, ich habe Ersparnisse. Nicht viel, aber genug für die Anzahlung einer eigenen Wohnung für dich und Frieda. Den Rest könntest du aufnehmen, du bist ja jetzt Abteilungsleiterin, die Bank wird das genehmigen.
Leni starrte mit geweiteten Augen: Meinst du das ernst? Ich dachte, wir bleiben zusammen
Wir bleiben, bis ihr ein Zuhause habt, lächelte Elisabeth. Dann komme ich zu Besuch, sitze mit Frieda und helfe, wo ich kann. Und vielleicht findet ihr noch jemanden, der besser zu euch passt.
Mama!
Was? Mit 35 kannst du noch ein Brüntchen oder eine Schwester für Frieda bekommen, aber wähle den Mann weise.
Leni lachte durch Tränen: Du bist unmöglich!
Ich will nur euer Glück, sagte Elisabeth ernst. Und dieser Geburtstag war besser, als ich dachte, weil er den Anfang eines neuen Lebens markiert.
Sie standen in der Küche, umarmten sich, während draußen die Sonne über den Berliner Dächern unterging der letzte Sonnenuntergang ihres alten Lebens. Auf dem Tisch lag der ungeschnittene, cremige GeburtstagstortenKuchen mit der Aufschrift Zum Geburtstag!, ein stummes Zeugnis des Wandels.
Ein halbes Jahr später zogen Leni und Frieda in eine kleine, aber gemütliche Zweizimmerwohnung im neuen Wohngebiet am Prenzlauer Berg. Elisabeth besuchte sie oft, half beim Renovieren und gab Einrichtungstipps. Ein Jahr danach klopfte ein neuer Nachbar, Herr Sergey Ivanov, Physiklehrer an ihrer ehemaligen Schule, an ihrer Tür, brachte einen Strauß Gänseblümchen und Theaterkarten.
Kollegen sagen, Sie lieben Chekhov, sagte er verlegen. Im Deutschen Theater läuft gerade Der Kirschgarten
Elisabeth lächelte und lud ihn ein: Kommen Sie rein, Herr Ivanov, ich wollte gerade mit Kuchen Tee trinken. Setzen Sie sich doch dazu.







