Mein Sohn kam nicht zu meinem 70. Geburtstag, weil er sich auf die Arbeit berief. Am Abend entdeckte ich in sozialen Medien, dass er den Geburtstag seiner Schwiegermutter in einem Restaurant feiert.

Viktor kam zu meinem 70. Geburtstag nicht, weil er angeblich noch im Büro war. Am Abend sah ich in den sozialen Medien, wie er im Goldenen Hirsch den Geburtstag seiner Schwiegermutter feierte.

Um genau zwölf Uhr klingelte das Telefon und zerbrach die drückende Stille, die seit Stunden über dem Wohnzimmer hing.

Liselotte Weber griff eilig zum Hörer, glättete unbewusst die Falte auf der festlich gedeckten Tischdecke.
Viktor? Mein Sohn?
Mutter, hallo. Herzlichen Glückwunsch.

Viktors Stimme klang müde, fast wie aus einem Keller heraus.
Mutter, bitte sei nicht böse. Ich schaffe es wirklich nicht.

Liselotte blieb wie erstarrt stehen. Ihr Blick fiel auf die Kristallschale mit den Garnelen, über die sie den ganzen Vormittag gezaubert hatte.
Wie bitte, du schaffst es nicht? Viktor, ich bin ja 70 Jubiläum.
Ich verstehe, aber es ist ein Notfall. Das Projekt muss fertig, die Termine brennen, du weißt ja, in welcher Branche wir sind. Die Partner sind unberechenbar, alles hängt an mir.
Aber du hast doch versprochen
Mutter, das ist Arbeit, kein Wunschkonzert. Ich kann das Team jetzt nicht im Stich lassen.

Ein Moment tiefer Stille, nur das leise Summen der Leitung war zu hören.
Ich komme nächste Woche vorbei, wir sitzen zu zweit. Versprochen. Alles klar? Kuss.

Kurzes Piepen.

Liselotte legte den Hörer langsam zurück. Sie dachte an die Worte: Siebzig. Notfall.

Der Abend verflog im Nebel. Die Nachbarin Helga klopfte an, brachte eine Tafel bittere Schokolade aus der Stadt. Wir setzten uns, tranken je einen Schlückchen Stimmungskonjak. Liselotte lächelte, nickte, erzählte von einer Fernsehserie, doch das Fest war auf die kleinen vier Wände ihrer Küche beschränkt und verglühte, bevor es richtig begonnen hatte.

Spät am Abend, im alten Bademantel, griff sie zum Tablet, wischte mechanisch durch den Feed von VKontakte. Dort flackerten fremde Gärten, Katzen, Rezepte.

Plötzlich ein greller, schmerzhafter Blitz.
Das Profil ihrer Schwiegertochter Veronika. Ein neuer Post, erst zwanzig Minuten alt.

Restaurant. Goldener Hirsch goldene Schnitzel, Kellner in weißen Handschuhen, Live-Musik, Kristallgläser.
Veronika, ihre Mutter Petra, strahlt in Perlen, ein riesiger Strauß roter Rosen.
Und Viktor.
Ihr Sohn, in einem hellen Hemd, umarmt die Schwiegermutter. Er lächelt. Genau derselbe Viktor, der von Notfall und unberechenbaren Partnern geredet hat.

Liselotte zoomte das Bild. Glückliche, warme Gesichter leuchteten auf dem Bildschirm.
Unter dem Bild: Wir feiern den Geburtstag unserer lieben Mama! 65! Auf das Wochenende verlegt, damit alle kommen können!

Kommt mir ganz gelegen, dachte sie, denn ihr eigentlicher Geburtstag war letzten Dienstag, ihr 70. Wie passend, dass er auf ihr Jubiläum verschoben wurde.

Sie scrollte weiter. Viktor hebt ein Glas, spricht einen Toast. Veronika lacht, wirft den Kopf zurück. Auf dem Tisch: Austern, Wein, luxuriöse Häppchen.

Arbeit.

Liselotte sah auf das entspannte Gesicht ihres Sohnes. Das Problem lag nicht im Restaurant, nicht im Strauß der hätte kaum in ihre Vase gepasst sondern in der Lüge. Eine kalte, ruhige Alltagslüge.

Sie schloss das Tablet. Das Zimmer, erfüllt vom Duft nicht gegessener Speisen, wirkte leer. Ihr 70. Geburtstag war zu einer bloßen Unbequemlichkeit geworden, zu einem Datum, das man für ein fremdes Fest zurückschieben konnte.

Am Montagmorgen traf sie den säuerlichen Geruch des verdorbenen Festmahls. Der Sülze, die sie fast einen Tag lang gekocht hatte, war schon sauer. Der Garnelensalat lag schlammig, von Mayonnaise übergossen. Der Braten war von einer schleimigen Schicht bedeckt.

Liselotte holte einen großen Müllsack. Stück für Stück schaufelte sie das Jubiläum, ihre Arbeit, ihre Erwartungen in den Müll. Die Auberginenröllchen, die Viktor so gern mochte, flogen mit, ebenso die Stücke ihres berühmten Napoleons. Jeder Löffel schlug einen dumpfen Schmerz im Herzen.

Es war nicht einmal beleidigend, es war Auslöschung. Sie war einfach weggestrichen höflich, mit dem Vorwand eines Notfalls.

Sie spülte das Geschirr, trug die schwere, heimtückische Tüte nach draußen und wartete. Viktor hatte doch versprochen, während der Woche vorbeizukommen.

Der Anruf kam erst am Mittwoch.
Mutter, hallo! Wie gehts? Sorry, ich war total verplant.
Alles gut, Viktor.
Ich bringe ein Geschenk mit. Ich komme in fünfzehn Minuten, dann holt Veronika wir haben Karten.
Karten?
Zum Theater, das neu angesagte Stück.

Er kam eine Stunde später, schleppte eine schwere Schachtel herein.
Hier, zum Geburtstag noch einmal. Auf der Schachtel stand ein Luftbefeuchter mit Ionisierung.
Danke, sagte Liselotte leise und stellte das Geschenk auf den Boden. Veronika hats ausgesucht, ein tolles Teil für die Gesundheit.

Viktor ging in die Küche, goss Wasser direkt aus dem Hahn.
Mutter, hast du nichts zu essen?
Ich habe alles weggeschmissen. Am Montag.
Viktor verzog das Gesicht.
Du hättest anrufen können, ich hätte es mitgenommen

Liselotte sah ihn schweigend an. Vielleicht hatte Veronika ihn dazu gedrängt, vielleicht wollte er nicht. Aber er stand da und log weiter.

Viktor.
Ja?
Ich habe das Foto gesehen.
Er erstarrte, ein Glas in der Hand, drehte sich langsam.
Welches Foto?
Vom Restaurant, am Samstag, von Veronikas Seite.

Sein Gesicht zuckte, dann erstarrte es hart, gereizt.
Ach, klar. Na dann
Du hast gesagt, es sei Arbeit.
Mutter, Gott, was macht das denn für einen Unterschied?

Der Unterschied ist, dass du mich angelogen hast.

Viktor warf das Glas mit solcher Wucht auf den Tisch, dass das Wasser über den Rand spritzte.
Ich habe nicht gelogen! Ich hatte Arbeit! Ich habe alles bis Freitag durchgeackert, die ganze Nacht nicht geschlafen!
Und am Samstag?
Am Samstag hat Veronika für meine Mutter gefeiert! Du kennst Veronika ihr muss alles perfekt sein! Was soll ich dazu sagen?

Seine Stimme wurde lauter, schärfer.
Soll ich mich zerreißen? Ich wollte gar nicht weg! Ich war müde!

Liselotte sah ihn schweigend an. Hier stand ihr erwachsener, vierzigjähriger Sohn, der nur geschrien hatte, weil er beim Lügen erwischt wurde.

Du hättest einfach die Wahrheit sagen können, Viktor. Einfach sagen: Mutter, ich komme nicht, wir feiern bei Petra.
Und was würde das geändert haben? Damit du mir die ganze Woche lang die Seele aus dem Leib reißt?

Damit du mir nicht die Seele aus dem Leib reißt.
Er sah sie jetzt mit einem Anflug von Scham an.

Ein Klingelton.
Ach, Veronika ist da.
Viktor schnappte sich die Jacke.
Mach das Gerät fertig, die Anleitung ist da, nützliches Teil.

Er stürmte zur Tür, ließ Liselotte allein in der Küche zurück. Sie sah den nassen Ring vom Glas auf dem Tisch. Das Netz zog sich zusammen.

Ihr Versuch, erwachsen, ruhig zu reden, war gescheitert. Er hatte nicht nur gelogen er hatte Lügen zur bequemsten Kommunikationsform mit ihr gemacht. Und ihr Jubiläum war nur ein Ärgernis geworden.

Eine Woche verging in seltsamem, bauschigem Stillstand. Liselotte packte das Geschenk aus das nützliche Teil. Sie kämpfte mit der Anleitung, füllte den Tank, steckte den Stecker ein.

Das Gerät summte, ein sanftes blaues Licht ging an, ein dumpfer, tiefer Klang erfüllte den Raum. Und ein Geruch besser gesagt, das Fehlen eines Geruchs.

Die Luft, die immer nach alten Büchern, getrockneten Kräutern und einem Hauch Roter Moskau roch ihr Lieblingsduft, den sie leicht auf die Lampe gesprüht hatte wurde steril, farblos, tot.

Wie jemand hätte ihr Haus mit Chlor gewaschen und jede Spur ihres Lebens ausgelöscht. Sie versuchte, sich zu gewöhnen. Veronika hat ausgesucht.

Das Gerät summte weiter, leuchtete, ionisierte. Doch Liselotte fühlte, wie das neue, gereinigte Luft ihr das Atmen erschwerte. Sie öffnete das Fenster, doch die Sterilität blieb, vermischte sich nur mit einem eisigen Luftzug, der alles noch kälter und gefühlloser machte.

Am Sonntag wischte sie Staub vom Sideboard. Ihre Hände glitten über das Regal, bis sie an einem Bilderrahmen hingen blieben. Ein Foto, fünfzig Jahre alt: Viktor, damals noch Student, umarmte sie, ein Lächeln, zerzaustes Haar, offene Augen. Auf der Rückseite, verblasste Tinte: Für die beste Mama der Welt. Dein Sohn.

Liselotte setzte sich aufs Sofa, starrte den lächelnden Jungen an und lauschte dem gleichmäßigen, seelenlosen Summen des Luftreinigers.

Ihr Sohn der echte, der einst Karteikarten schickte und Mimosen für Stipendien verschenkte und das nützliche Teil, das ein müder Mann gebracht hatte, um sie nicht zu beschuldigen. Das Geschenk, gekauft nicht für sie, sondern von ihr, um Schuld zu begleichen.

Ihre Ideale, ihr Glaube, dass er ein guter Kerl ist, nur gezwungen, zerbrachen. Sie sah alles kalt und klar, wie unter einem Skalpell.

Sie nahm das Telefon.
Viktor, hallo.
Mutter? Was ist los? seine Stimme klang besorgt.
Ja, komm bitte.
Ich habe Pläne, Mama. Veronika
Komm. Hol das Geschenk von Veronika.

Eine Pause.
Was heißt hol?
Genau das. Es ist mir zu teuer, ich brauche es nicht. Komm.

Sie legte auf. Er kam nach vierzig Minuten, wütend, rot vom Treppenaufstieg.
Was ist los? Was bedeutet das Geschenk?

Liselotte stand mitten im Raum, ruhig.
Es ist mir zu teuer, Viktor. Hol es weg. Sie zeigte auf das Gerät, das summte.
Machst du Witze? Das ist ein teures Teil! Für deine Gesundheit!
Meine Gesundheit, Viktor, ist, wenn mein Sohn nicht an meinem 70. Geburtstag lügt.

Er zuckte zusammen, als hätte er einen Schlag bekommen.
Wieder dein Problem! Ich habe doch erklärt!
Nein. Du hast nicht erklärt. Du hast nur geschrien und bist gegangen.
Herrgott, warum musst du an meinem Geburtstag hängen bleiben! Ich habe bei der Schwiegermutter gesessen und was? Ist das ein Verbrechen?
Verbrechen ist zu lügen, Viktor.
Ich habe gelogen, um dich nicht zu verletzen!
Du hast gelogen, weil es dir bequem war. sagte Liselotte ruhig. Damit du nicht zugeben musst, dass Veronikas Mutter dir wichtiger ist als deine eigene.

Ein kurzer Moment, das Telefon vibrierte. Auf dem Display: Kätzchen.
Viktor blickte zur Mutter, dann zum Handy und drückte Antworten.
Ja, Niko.

Ich bin bei Mama. Wieder dieses Drama wegen des Geschenks.

Ich weiß nicht, was sie will! Ich fahre.

Er legte auf, sah Liselotte an. Zum ersten Mal zeigte sich ein Funke Scham in seinen Augen.

Er stand zwischen zwei Welten seiner ruhigen Mutter, die die Wahrheit sagte, und seiner Frau, die auf die Theaterkarten wartete.
Mama, ich er stockte. Das ist nicht so
Geh, Viktor, sagte sie. Veronika wartet.

Sie ging zum Fenster, signalisierte, dass das Gespräch beendet war. Er stand einen Moment still, schnappte sich die Jacke und ging.

Allein blieb Liselotte zurück. Sie ging zum Luftreiniger, zog den Stecker. Das monotone Summen verstummte. Die bekannten Gerüche kehrten zurück: alte Bücher, Valentin-Karton und getrocknete Kräuter.

Zwei Tage später stand die leere Schachtel mit dem nützlichen Teil am Türrahmen, ein stummer Vorwurf. Viktor rief nicht an, kam nicht, um sie abzuholen. Sie verstand: Er würde nicht kommen.

Sie rief den Lieferservice, nannte die Adresse: das Bürogebäude, Abteilung A, wo Viktor Chef war. Sie bezahlte den Kurier, zwei junge Männer trugen die schwere, glänzende Schachtel zur Tür. Als die Tür hinter ihnen ins Schloss fiel, war es still. Die Tat war vollbracht, ohne Worte, aber mit Würde. Sie gab nicht das Geschenk zurück sie gab ihnen ihre leere, sterilisierte Welt, ihre Lüge, ihr Versuch, sich freizukaufen.

Am Abend klingelte das Telefon. Liselotte erkannte sofort die Nummer Veronika.
Liselotte? Haben Sie das Geschenk zurückgegeben? Der Kurier hat es direkt ins Büro von Viktor gebracht! Alle Sekretärinnen haben es gesehen!
Es hat mir nicht gepasst.
Nicht gepasst? Wir haben 20.000 dafür bezahlt! Das war unser Geschenk!
Ein Geschenk, Veronika, kommt von Herzen, nicht um Lügen zu decken.

Stille im Ohr.
Wie können Sie es wagen! Viktor hätte fast das Projekt verloren, er hat wie ein Besessener gearbeitet, und Sie Sie waren immer egoistisch!

Alles Gute, Veronika, sagte Liselotte ruhig und drückte Auflegen.

Sie wusste, was dort gerade passierte, stellte sich den Sturm vor, den Veronika ihrem Sohn antun würde. Aber zum ersten Mal war ihr egal. Sie schnitt den hässlichen Faden ab.

Viktor kam spät in der Nacht, fast um Mitternacht. Ein leises Klopfen an der Tür. Sie öffnete. Statt des wütenden Mannes, den sie noch vor Tagen gesehen hatte, stand dort ihr erschöpfter Viktor, graues Haar, leerer Blick. Er ging schweigend in die Küche, setzte sich auf den Hocker. Liselotte ließ das Licht aus, blieb still daneben.

Sie sagte, wenn ich jetzt zu dir komme, könnte ich nie zurückkommen, sagte Viktor und starrte auf den Tisch.
Ich Mama, bitte verzeih mir.
Er hob den Kopf.
Ich wollte nicht lügen.
Aber du hast gelogen.
Nika sagte, du würdest dich ärgern, egal was ich sage, und so habe ich gelogen.

Liselotte schwieg. Das Netz aus Manipulationen einfacher war es, sagte sie leise.

Schließlich ergriff sie seine Hand, sah ihm tief in die Augen und flüsterte, dass es an der Zeit sei, die Wahrheit zu wählen und gemeinsam nach vorne zu gehen.

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