Leg dich nicht ein, das ist mein Leben!Du schlummerst auf Geld, und ich wandere durch Löcher! Du bist doch Oma! Und Mutter! Hilf wenigstens einmal richtig!beschwerte sich Liselotte, die Augen funkelten vor Ärger.
Die Absurdität lag darin, dass Liselotte genau in diesem Moment am Küchentisch des Hauses ihrer Mutter saß. Viktoria Albrecht hatte das Mittagessen eilig, aber dennoch liebevoll angerichtet: belegte Brötchen mit hausgemachter Wurst, dicken Käsescheiben und Lachs, frische Brötchen aus der Bäckerei nebenan. Auf dem Tisch stand eine Vase mit Früchten Trauben, Granatapfel, Mandarinen. Keine Ananas, aber die Gastfreundschaft war durchaus angemessen.
Der Enkel, der kleine Luca, sah in der Wohnküche Zeichentrickfilme, gekleidet in das neue Strampler-Set, das die Großmutter erst vor ein paar Tagen gekauft hatte.
Liselotte, halte das Drama nicht auf, schnappte Viktoria genervt. Ich ziehe deinem Sohn die Schuhe an, kleide ihn, bringe ihn zum Kindergarten, kaufe Medikamente. Er steht komplett auf meiner Kappe. Und dir reicht das nicht?
Du bist ja schließlich seine Oma. Wer sonst? Wir Niklas und ich wissen nicht mehr, wo wir Geld hernehmen sollen. Kredite, Hypothek, Nebenkosten, Kindergarten Was nach all dem übrig bleibt, reicht gerade mal für Brot und Nudeln, protestierte Liselotte.
Und ich? Habe ich für euch Kredite aufgenommen? Euch zur Geburt gezwungen? Die Wohnung wegen mir verkauft? Du hast mir gesagt, ich soll mich raushalten, also hielt ich mich zurück. Und jetzt soll ich noch etwas schulden? fuhr sie fort.
Mama!, fauchte Liselotte. Siehst du nicht, wie wir leben! Ich mache mir nicht mal mehr meine Nägel, weil der Lack alle ist! In den zerfetzten Stiefeln laufe ich durch Pfützen, meine Füße werden ganz nass, dann werde ich krank. Niklas hat nur noch ein ordentliches Hemd. Wir überleben, wir kämpfen ums Dasein. Und jetzt sollst du mich noch erziehen! Bei dir gibts jeden Morgen Rotbarsch zum Frühstück!
Viktoria hörte schweigend zu, die Lippen gepresst. Vielleicht hatte sie zu wenig losgelassen zu viel Liebe, zu wenig Distanz. Geld allein würde das nicht ändern, nur die Konsequenzen würden es tun.
Liselotte, habe ich dir nicht genug im Leben gegeben?, knurrte die Frau leicht zusammengekniffen. Du hattest alles. Du wolltest ein TouchHandy, als alle noch Knöpfe hatten bekommst du. Du verlangtest einen NerzMantel hast du ihn. Ich habe dir ein Dach über dem Kopf geschenkt. Du bist kein kleines Kind mehr, du musst dich selbst durchschlagen.
Liselotte schnaufte verstärkt und wandte sich ab, wie einst im Kindesalter, wenn das nächste Spielzeug aus dem Regal verschwunden war.
Viktoria erinnerte sich, wie die kleine Liselotte einst im neuen, funkelnden Sportanzug durch die Wohnung flitzte. Im Zimmer stand ein neuer Rechner, im Schrank ein Geschenk: eine alte Filmkamera zum Neujahr. Liselottes Wünsche wechselten schneller als der EuroKurs. Sie wollte Fotografin, Friseurin, Schauspielerin. Viktoria öffnete immer wieder die Geldbörse und meldete ihre Tochter zu Extrakursen an.
Lass das Mädchen die Kindheit genießen. Kindsein gibt es nur einmal, sagte ihr Mann Paul lachend.
Paul war Offizier, respektiert in der Stadt, sein Einkommen ließ die Familie ohne Entbehrungen leben. Viktoria arbeitete ebenfalls, mehr aus Leidenschaft denn aus Not. Sie hätte zu Hause bleiben können, doch sie wollte in die Gesellschaft eingebunden sein, nützlich bleiben.
Ich will Schafwolle spinnen lernen!, rief Liselotte einmal, nachdem sie ein YouTubeVideo gesehen hatte.
Viktoria brachte sie in ein Fachgeschäft für Handarbeiten, überreichte ihr einen Korb, und nach einer halben Stunde war er bis zum Rand gefüllt.
Andere Eltern hätten sich zurückgehalten ein paar Wollknäuel und einfache Nadeln. Viktoria jedoch war überzeugt, dass die Förderung ihrer Tochter heilig sei. Warum also nicht?
Liselotte stürzte sich begeistert in jedes neue Hobby, ließ es nach ein paar Wochen wieder fallen und fand etwas Neues. Das beunruhigte Viktoria, doch sie glaubte, die Tochter probiere nur aus. Liselotte gewöhnte sich daran, alles auf Knopfdruck zu erhalten.
Dann verstarb Paul. Viktoria blieb allein zurück. Sie trauerte, doch ihr finanzielles Fundament blieb stabil. Paul hinterließ ein beträchtliches Vermögen. Die Zinsen reichten, um gut zu leben, doch Viktoria arbeitete weiter, bis ihre Gesundheit nachließ.
Liselotte stand mit reinem Gewissen da. Sie hatte ihre Mutter in Berlin studieren lassen, eine kleine Einzimmerwohnung in einem Neubau gekauft, renoviert. Jetzt dachte Viktoria, sie habe alle Punkte auf der Checkliste einer guten Mutter abgehakt. Ich habe ihr alles gegeben, was sie für den Start braucht. Ich unterstütze sie während des Studiums, danach muss sie selbst weiterkommen, entschloss sie sich fest.
Doch dann kam das Unvorhergesehene.
Liselotte hatte gerade das zweite Semester begonnen, als sie verkündete, dass sie einen Freund habe. Niklas, ihr Kommilitone, besaß zwar ein iPhone, jedoch kaum Geld, und seine Eltern waren ebenfalls nicht gerade wohlhabend. Er lächelte breit, aber das Alltagsleben schien ihm fremd.
Liselotte, beende zuerst dein Studium, bat Viktoria, nachdem sie Niklas kennengelernt hatte. Wenn ihr zusammenziehen wollt, das ist eure Entscheidung. Aber überstürzt nichts. Erst ein Beruf, dann erst die Familie.
Mama, leg dich nicht ein, konterte Liselotte wütend. Das ist mein Leben.
Viktoria zog sich tatsächlich zurück, doch das Schicksal entwickelte sich anders als Liselotte es sich erträumt hatte.
Zunächst war alles schön. Sie lebten in Liselottes Einzimmerwohnung. Die Mutter übernahm die Nebenkosten, gab Taschengeld für Essen und Kleidung. Die jungen Menschen genossen das Leben, sahen Serien und gingen bis zum Morgengrauen aus.
Niklas brach das Studium ab. Ich habe mich nur eingetragen, weil meine Eltern es wollten, erklärte er. Jetzt ist das nur Zeitverschwendung.
Kurz darauf gab Liselotte ihr Studium ebenfalls auf. Kein Grund, nur die übliche Ausrede.
Mama, ich bin schwanger, sagte sie eines Tages am Telefon. Niklas und ich haben alles beschlossen. Ich nehme erst mal das Studium aus, dann sehen wir weiter.
Viktoria seufzte, deckte ihr Gesicht mit der Hand, hielt jedoch zurück. Na, wenn ihr euch sicher seid, machts, ihr seid erwachsen.
Wirst du uns helfen?, fragte Liselotte hoffnungsvoll.
Ich helfe dem Enkel. Ihr seid jetzt auf euch gestellt. Du hast mehr als ich in deinem Alter, also kommt zurecht, erwiderte die Mutter, während ihr Inneres zusammenzog.
Ein Schweigen folgte.
Mhm alles klar bei dir, murmelte Viktoria.
Liselotte legte auf.
Die nächsten Tage waren voller Dramen, Manipulationen, vorsichtigen Nachforschungen. Liselotte klagte über einen kaputten Kühlschrank, einen abgetragenen Daunenmantel, einen niedrigen Hämoglobinwert wegen schlechter Ernährung. Viktoria reagierte nur auf Letzteres und das nur während der Schwangerschaft und Stillzeit.
Der Enkel darf nicht leiden, weil seine Eltern dumm sind, schnaufte sie, während sie Einkaufstüten schleppte.
Dann kam die nächste Nachricht.
Wir wollen die Wohnung verkaufen, in eine Zweizimmerwohnung einziehen.
Liselotte überleg es dir. Das Kind schläft jetzt noch bei euch.
Nein, Mama. Wir wollen heiraten, Flitterwochen machen, alles normal.
Viktoria biss die Zähne zusammen, hielt sich zurück.
Geld floss durch die Finger wie Sand. Hochzeit mit Bankett, Fotoshooting, neue iPhones, Laptops, ein Urlaub in der Türkei, die Anzahlung für die neue Hypothek Die jungen Menschen gingen sogar Kredite ein.
Die Hypothekenraten schossen in die Höhe. Die Schulden wuchsen. Bald klagte Liselotte, das Geld reiche bis zum Monatsende nicht mehr. Der Enkel Luca bekam alles, was er brauchte Milchnahrung, Brei, Windeln. Die letzten sechs Monate wohnte er bei seiner Großmutter.
Niklas arbeitet als Operator und liefert Pakete. Ich will ins HomeOffice, wir schaffen das. Nimmst du Luca erst mal zu dir? bat Liselotte.
Viktoria stimmte zu, aber nur im Rahmen des Möglichen. Der Junge hatte alles. Für die Erwachsenen blieb höchstens ein Rat, den sie wahrscheinlich nicht befolgen würden.
Liselotte blickte aus dem Fenster, dann zur Mutter.
Wenn du nicht hilfst, nehme ich Luca mit, drohte sie. Und du wirst ihn nie wieder sehen.
Viktoria lachte, doch innerlich knurrte die Angst.
Na gut. Wir sehen, wie schnell ihr gefeuert werdet und worauf ihr euch dann stützt. Hast du wenigstens das Geld für den Kindergarten, meine Tochter des Jahres?
Liselotte knurrte, atmete schwer, doch ein Gegenargument blieb ihr verwehrt. In ein paar Tagen würde sie wieder zu ihrer Mutter kommen, die Hand ausgestreckt für die nächste Rechnung.
Ihr hattet alles. Ich bin nicht schuld, dass ihr das Geld verprasst habt, fuhr Viktoria fort. Jetzt wollt ihr mich und Luca zusammen ins Verderben ziehen. Nein. Ihr seid erwachsen, kämpft selbst.
Liselotte ließ das Brot liegen, sprang auf, holte ihre Jacke. Viktoria ließ sie ziehen, ohne sie aufzuhalten.
Als die Tür hinter ihr zufiel, schlich sich Viktoria leise ins Wohnzimmer. Luca schlief auf dem Sofa, umklammert von einer plüschigen EulenKuscheldecke. Sie dimmte den Fernseher, damit er nicht erwachte. Für ihn würde ich Berge versetzen, dachte sie, doch für die beiden das Leben soll sie jetzt lehren.







