Liselotte Baum hatte vergessen, die Einladung abzubrechen, und hörte zufällig das Gespräch ihrer Schwiegermutter mit ihrem Sohn.
Liselotte wischte den Staub von den Fotoalben auf dem Kommode, als sie die Schritte von Andreas im Flur vernahm. Der März war trüb, und selbst die Heizung konnte die feuchte Kälte ihrer kleinen Zweizimmerwohnung in Berlin nicht vertreiben.
Auf der Fensterbank verdorrten Veilchen, das einzige, was an den warmen Mai erinnerte, in dem sie geheiratet hatten.
Andreas trat in die Küche, in abgewetzten Jeans und einem zu weiten T-Shirt. Sein Haar stand in alle Richtungen, und ein Kissenabdruck lag noch auf seiner Wange.
Schon wach? sagte er und griff nach dem Wasserkocher. Ich dachte, am Samstag darf man doch länger schlafen.
Schlafen ließ Liselotte das Geschirrtuch an den Haken neben der Spüle hängen. Deine Mutter hat schon zweimal angerufen. Sie will wissen, wann wir ihr zur Arbeit auf dem Land helfen.
Andreas hustete. Draußen zwitscherten ein Schwarm Spatzen, und ein Hund jaulte im Hof.
Und was hast du ihr gesagt?
Ich habe gesagt, wir überlegen es noch. Liselotte holte einen Laib Käse aus dem Kühlschrank und verteilte ihn auf den Tellern. Aber ich verstehe nicht, warum wir jedes Wochenende hinfahren sollen. Oberin Helga hat doch nur den Sohn Viktor. Ist das ein Spielverderber?
Viktor arbeitet zweimal schichtweise, sagte Andreas, setzte sich und bestreute den Käse mit Zucker. Er hat nie Zeit.
Ach ja, nie. Liselotte setzte sich neben ihn. Soll ich etwa ein sorgloser Mensch sein? Ich arbeite doch auch, weißt du.
Andreas schwieg, nahm einen Schluck Tee und starrte aus dem Fenster. Dort, im Nachbargebäude, drehte ein Mann an seinem Fahrrad, zog die Kette ein.
Erinnerst du dich, wie wir uns das erste Mal bei deiner Familie vorgestellt haben? sagte Liselotte und biss in ein Stück Brot. Damals schienen sie so gastfreundlich zu sein
Der folgende September war ungewöhnlich warm. Liselotte verkaufte Stoffe im Fachgeschäft, Andreas war Schlosser in einer Fabrik. Nach einem halben Jahr Beziehung stand das erste Treffen mit den Eltern an.
Mama wartet schon ganz sehnsüchtig auf dich, sagte Andreas, richtete den Kragen seiner Hemdjacke. Sie hat die ganze Woche über gekocht.
Das Haus von Oberin Helga lag im fünfte Stock. Liselotte verzieh sich, sobald sie das Treppenhaus betrat der Geruch von Chlor und Katzenstreu lag in der Luft, an den Wänden hingen beleidigende Graffiti.
Hereinspaziert, meine Lieben! rief Helga, gekleidet in ein geblümtes Kleid, das Haar zu einem ordentlichen Knoten frisiert.
Das Wohnzimmer war voll von Vasen mit Blumen, Süßigkeiten, Teppichen und einem alten Fernseher, den ein Spitzenvorhang umhüllte.
Ach, was für ein hübsches Fräulein! rief Andreas Mutter, als sie Liselotte musterte. Ich habe gerade Bohnensuppe gekocht. Hilf mir doch bitte, den Tisch zu decken.
Sie reichte ihr einen Stapel Teller. Noch bevor Liselotte sich umdrehen konnte, stand sie bereits an der Küche.
Auf dem Sofa saß Andreas Bruder, ein junger Mann von etwa fünfundzwanzig, muskulös, mit leichtem Bartschatten und einem gelangweilten Blick.
Hallo, murmelte er.
Den ganzen Abend über bat Helga Liselotte immer wieder, Soßen zu reichen, Brot zu schneiden und das Geschirr abzuräumen. Viktor saß selten vom Sofa auf, nickte gelegentlich zur Mutter und murmelte unverständliche Antworten.
Viktor ist ein ausgezeichneter Helfer, plauderte Helga, als ihr Sohn zum Balkon ging, um zu rauchen. Nur bei der Arbeit ist er oft erschöpft. Ich bitte ihn nie um etwas, damit er Kraft schöpfen kann.
Nach einem Monat wurde die kleine Hochzeit gefeiert. Die Gästeliste war kurz, aber die Stimmung herzlich. Als es um die Geschenke ging, überreichte Helga feierlich zwei Päckchen.
Liselotte bekam ein blaues Blusenkleid vom Markt, übersät mit Pailletten eindeutig günstig und schnell. Andreas erhielt einen Ledergürtel in einer hübschen Schachtel.
Entschuldigt die Bescheidenheit, zwitscherte die Schwiegermutter. Meine Rente ist kaum genug für den Lebensunterhalt
Viktor seufzte und wandte sich zum Fenster. Liselotte biss sich auf die Zunge, wollte gerade fragen, woher ihr arbeitsloser Bruder solche teuren Turnschuhe bekommen hatte.
Ein halbes Jahr verging. Liselotte kochte, putzte, wusch. Andreas kam oft erschöpft von zwei Schichten heim und sie wollte ihn nicht weiter belasten.
Helga kam alle zwei Tage, meist gegen acht Uhr morgens, genau dann, wenn Liselotte zur Arbeit gehen wollte.
Mein Teppich ist völlig verschmutzt. Bring ihn nach draußen und schüttle ihn ordentlich. Mein Rücken tut weh, ich kann nichts Schweres heben. oder: Geh bitte zum Supermarkt, ich brauche Milch und Brot. Wenn ich zu weit gehe, schwellen meine Beine an.
Liselotte erfüllte schweigend jede Bitte, trug die Tasche, fuhr zum Markt, kaufte Lebensmittel und brachte den schweren Teppich zurück, den Helga scheinbar von ihrer Großmutter geerbt hatte.
Doch im Nachbarapartment wohnte Viktor, ein gesunder Kerl, der den ganzen Tag zu Hause spielte und Computerspiele zockte. Seine Mutter ließ ihn nicht stören.
Viktor darf nicht belastet werden, erklärte Helga. Er ist nach der Arbeit müde, auch wenn er zwischendurch ruht
Eines Donnerstags, als Liselotte mit schweren Tüten vom Markt zurückkehrte, sah sie Helga auf der Treppe stehen.
Gerade rechtzeitig! Im Markt gibt es Kartoffeln im Sonderangebot. Kauf einen Sack, ich habe wegen meines Radikulitis Probleme, sie zu tragen.
Liselotte atmete tief ein, atmete langsam aus und sah Helga fest an.
Nein!
Was bedeutet Nein?, fragte Helga verwirrt.
Genau das. Liselotte erwiderte. Dein Sohn sitzt zu Hause, er kann fahren. Ich bin nicht deine Dienstmagd.
Dann begann ein lauter Aufruhr, den man fast als Orchester bezeichnen könnte. Helga runzelte die Stirn, alle Falten ihres Halses wurden sichtbar.
Undankbare! Faul! Wie kannst du es wagen!
Sie rannte zu ihrem Schrank, schnappte Liselottes Jacke und warf sie zu Boden.
Hier, für deine Dreistigkeit!
Dann drehte sie sich um und ging zurück in ihr Apartment.
Liselotte stand im Flur, betrachtete die zerknitterte Jacke und dachte: Wofür sollte ich dankbar sein? Für ein billiges Blusenkleid? Für endlose Anweisungen? Für die Behandlung wie eine kostenlose Haushaltshilfe?
Drei Tage herrschte Stille. Niemand klingelte, niemand klopfte. Liselotte genoss die unerwartete Ruhe, frühstückte in aller Ruhe, las abends ein Buch. Auch Andreas bemerkte die Veränderung.
Mama war schon lange nicht mehr da, sagte er beim Abendessen, während er Spaghetti um die Gabel wickelte.
Ich vermisse sie nicht, gestand Liselotte ehrlich.
Am vierten Tag, während Liselotte Frikadellen briet, schrillte Andreas Telefon wie ein Feueralarm.
Mach das laute Gerät aus, bat sie, während sie Zwiebeln wendete.
Kind, ich bin nun alt genug, dass ich das ertragen kann
Wieder das Gleiche, dachte Liselotte und rollte mit den Augen.
und die Schwiegertochter bekommt weder Hilfe von einer alten Frau noch einen Einkauf erledigt. Ich sitze hier allein, niemand braucht mich
Andreas rieb sich das Kinn und runzelte die Stirn.
Mama, lass die Theaterspiele weg. Ich kenne dich doch gut genug.
Sie hat mich beleidigt!
Wann habe ich dich beleidigt?, fuhr Liselotte zurück. Ich habe nur Viktor erwähnt
Und Viktor darf nicht angefasst werden!, schrie Helga. Wenn er zu Hause sitzt, ist das in Ordnung!
Genau das ärgert mich!, brach Andreas aus. Du behältst sein Leben wie eine Kristallvase!
Ein Moment tiefer Stille folgte, nur das Zischen des Öls in der Pfanne war zu hören.
Gut, mein Sohn, hauchte Helga eisig. Wenn du meinen Geburtstag nicht verderben willst, schließen wir das Thema endgültig.
Andreas schaltete das Telefon aus und starrte aus dem Fenster.
Manchmal habe ich das Gefühl, meine Mutter lebt in einer eigenen Welt. Dort ist Viktor das ewige Kind, das vor allen Sorgen geschützt werden muss, und wir alle sind nur Statisten in ihrem Stück.
Liselotte lehnte den Kopf an seine Schulter, der Geruch von verbranntem Öl lag in der Luft. Sie fluchte leise und rannte zur Herdplatte.
Am Abend schwieg Andreas mit einer Ausdrucksweise, als hätte die ganze Welt gegen ihn gerichtet.
Stehst du wie eine Statue? platzte Liselotte heraus. Verstanden, verstanden! Ich versöhne mich mit deiner Mutter!
Andreas lächelte, zufrieden, dass er sein Ziel erreicht hatte.
Am nächsten Tag goss Liselotte sich ein paar Tropfen Baldrian in ein Glas, trank es in einem Zug, drehte das Telefon und rief schließlich Helga an.
Erster Ton, zweiter Ton, dritter Ton endlich ging das Gespräch weiter.
Hören Sie.
Guten Tag, Frau Helga, begann Liselotte, ihr Mund trocknete. Ich wollte mich für den Vorfall entschuldigen. Es tut mir leid, ich lag falsch.
Eine lange Pause verging, Liselotte dachte, die Verbindung sei abgebrochen.
Darauf habe ich gewartet, sagte Helga schließlich. Also, würdest du mir beim Geburtstag helfen?
Natürlich, gerne!
Wunderbar. Ich schicke dir die Liste der Gerichte. Auf Wiederhören.
Liselotte wollte gerade auflegen, als sie im Hintergrund ein leises Gespräch hörte. Helga hatte wohl vergessen, das Telefon auszuschalten, und sprach mit jemandem.
Liselotte erstarrte, hielt das Ohr ans Telefon.
Na, Viktor, siehst du, es ist wie geplant?, hörte sie Helgas Stimme. Wir haben unsere Prinzessin zur Hand genommen
Ein Schauer lief Liselotte über den Rücken.
jetzt wird es seidenweich.
Ja, sagte Viktor. Sie hat zu viel über sich selbst nachgedacht. Dachte, sie sei die Klügste hier
Liselotte drückte das Telefon so fest, dass das Gehäuse quietschte.
Erkenne deinen Platz.
Keine Sorge, stöhnte Viktor. Falls nötig, stoße ich ihr die Räder noch einmal ein.
So kam heraus, dass Liselottes Auto keinen Reifendruck hatte, sie rief ein Taxi, um nicht zu spät zur Arbeit zu kommen.
Kommen wir doch auf einen Tee, sagte Helga. Sonst wird mir kalt.
Stille lag im Apartment. Liselotte steckte das Telefon in die Tasche und lehnte sich an die Wand.
Nun, liebe Verwandte, flüsterte sie. Lust zu spielen? Dann lasst uns spielen.
Ein Raben flog vorbei und setzte sich auf einen Ast. Es war an der Zeit zu zeigen, wer wirklich das Sagen hat.
Der Geburtstag von Helga fiel auf einen Samstag. Schon am Morgen wirbelte Liselotte in der Küche, schnitt Salate, briet Fleisch. Gegen zwei Uhr strömten Gäste ins Haus: Nachbarn, eine entfernte Verwandte aus München, ehemalige Kolleginnen. Rund zehn Personen.
Ach, das haben Viktor und ich vorbereitet!, quietschte die Geburtstagsfrau, hüpfte zwischen den Tischen. Drei Tage habe ich nichts anderes getan!
Liselotte stellte still die Teller hin, hörte Helga zu den Gästen sagen:
Und die Schwiegertochter, glauben Sie mir, Frau Klara, weigert sich sogar, Kartoffeln zu schälen. Nie! So eine faule
Nach den traditionellen Toasts und der Flut an Geschenken begannen die Gäste zu essen.
Zuerst hustete eine Nachbarin. Dann griff eine entfernte Verwandte nach einem Wasserglas. Andere begannen, das Essen mit Wasser zu verdünnen.
Herr Gott, warum ist das so salzig?, jammerte eine Kollegin der Geburtstagsfrau. Man kann das kaum essen!
Die Zunge erstarrt!, bestätigte eine andere. Wie nach Meerwasser!
Alle Blicke richteten sich auf Helga, die rot wurde und mit großen Augen Liselotte anstarrte.
Das ist die Schuld der Schwiegertochter! Sie
Welche Schwiegertochter?, unterbrach sie eine Nachbarin. Du hast doch gerade noch gesagt, du hast alles mit deinem Sohn gekocht!
Ein dumpfes Schweigen folgte. Liselotte stand langsam vom Tisch auf.
Wenn ihr mich zur gehorsamen Dienerin machen wollt, dann habt ihr das Stück verpatzt.
Sie ging zur Tür, blieb jedoch bei Viktor stehen.
Gib mir das Geld für die Reifen bis zum letzten Cent zurück!
Andreas stand mit offenem Mund da. Die Gäste erstarrten wie Salzsäulen. Liselotte jedoch hob stolz den Kopf, verließ das Apartment und schloss leise hinter sich die Tür.
Ein Geräusch glich einem Klirren, und die Geburtstagsfrau ließ ihr Lieblingszuckerglas fallen.
Die Sonne senkte sich zum Horizont. Liselotte saß in ihrem Lieblingssessel am Fenster, trank Tee und genoss den Nachklang des Geburtstags ihrer Schwiegermutter.
Andreas trat ein.
Was war das überhaupt?, fragte er, während er im Wohnzimmer stand.
Liselotte stellte die Tasse auf die Fensterbank und lächelte nur. Draußen leuchteten die Laternen, Ende März, die Luft roch nach Frühling.
Auf den Stromleitungen saßen Tauben, in der Ferne läuteten Kirchenglocken ein feierlicher Klang, der ihr ein letztes Bild von Frieden schenkte.
Am Ende erkannte Liselotte, dass das wahre Glück nicht im Dienen sein, sondern im Mut liegt, eigene Grenzen zu setzen und für sich selbst einzustehen. Das war die wichtigste Lehre, die sie aus all den Konflikten zog.







