Einander neu entdecken

Neu zu erkennen

An diesem Tag kam Niklas früher nach Hause von der Arbeit. Normalerweise schlug die Uhr sieben, das Knistern einer Pfanne in der Küche und der Duft des Abendessens mischten sich mit dem feinen Aroma des Parfüms seiner Frau. Doch heute wurde das Meeting wegen eines kranken Chefs vorzeitig beendet, und um vier Uhr stand er vor seiner eigenen Tür, wie ein Schauspieler, der zu spät die Bühne betritt.

Er steckte den Schlüssel ins Schloss; das Schloss klickte lauter als gewohnt. Im Flur hing, noch ungewohnt, ein teurer, weicher Wollanzug, der eigentlich ihm gehörte.

Ein gedämpftes, weibliches Lachen drang aus dem Wohnzimmer ein tiefes, samtiges Kichern, das er stets als sein persönliches Eigentum empfand. Dann folgte eine männliche Stimme, undeutlich, doch klar im Ton: selbstsicher, heimisch.

Niklas blieb wie erstarrt. Seine Beine schienen mit dem Parkett verbunden zu sein, das er und Liselotte gemeinsam ausgesucht hatten, während sie um den besten Eichenfarbton stritten. Im Spiegel des Eingangs sah er ein blasses Gesicht, einen vom Büroleben zerknitterten Anzug ein Fremder in den eigenen vier Wänden.

Er folgte dem Klang, ohne die Schuhe auszuziehen ein streng verbotenes Vergehen in ihrem Haushalt. Jeder Schritt hämmerte in seinen Schläfen. Die Tür zum Wohnzimmer stand angelehnt.

Auf dem Sofa saß Liselotte, seine geliebte Liselotte, in einem türkisblauen Bademantel, den er ihr zum letzten Geburtstag geschenkt hatte. Ihre Beine waren gemütlich zusammengezogen. Neben ihr ein Mann, etwa vierzig, in teuren Wildledermokassins ohne Socken (dieses Detail verärgerte Niklas besonders), in einer perfekt sitzenden Hemd mit offenem Kragen, ein Glas Rotwein in der Hand.

Auf dem Couchtisch stand die kristallene Vase, ein Familienerbstück von Liselotte, gefüllt mit Pistazienkernen, deren Schalen über die Tischplatte verstreut lagen.

Es war ein Bild völliger, behaglicher Intimität keine Leidenschaft, kein Ausbruch, sondern eine alltägliche, heimische Untreue, die am unangenehmsten war.

Beide bemerkten ihn gleichzeitig. Liselotte zuckte zusammen, das Weinchen spritzte aus ihrem Glas und hinterließ einen blutroten Fleck auf dem hellen Bademantel. Ihre weit geöffneten Augen zeigten nicht Entsetzen, sondern panisches Unverständnis, wie ein Kind, das beim Unfug erwischt wird.

Der Fremde stellte das Glas mit einer langsamen, beinahe trägen Geste auf den Tisch. Auf seinem Gesicht war weder Angst noch Verlegenheit, nur ein leichter Ärger, als wäre er gerade im besten Teil eines Films gestört worden.

Nik begann Liselotte, ihre Stimme brach.

Er hörte nicht zu. Sein Blick wanderte von den Mokassins des Fremden zu seinen eigenen staubigen Schuhen. Zwei Paar Schuhe im selben Raum, zwei Welten, die sich nicht berühren sollten.

Ich glaube, ich gehe, sagte der Fremde und erhob sich mit einer unangebracht gemächlichen Ruhe. Er ging zu Niklas, sah ihn nicht von oben herab, sondern neugierig, wie ein Museumsstück, nickte und wandte sich zum Flur.

Niklas blieb regungslos. Er hörte, wie der Anzug angelegt wurde, wie das Schloss wieder klickte. Die Tür schloss sich.

Sie blieben allein in einem dröhnenden Schweigen, nur das Ticken der Uhr war zu hören. Der Raum roch nach Wein, teurem Herrenparfüm und Verrat.

Liselotte schlang die Arme um ihre Schultern und flüsterte Worte wie Du verstehst nicht, Das ist nicht, was du denkst, Wir haben nur geredet sie prallten gegen ihn wie durch dickes Glas, bedeutungslos.

Niklas trat zum Couchtisch, nahm das Glas des Fremden. Es roch nach einer fremden Note. Er sah den roten Fleck auf dem Bademantel, die Pistazienkerne, die halb geleerte Flasche.

Er schrie nicht. Er brüllte nicht. Stattdessen überkam ihn eine alles verzehrende Ekstase reine, physiologische Abscheu gegenüber diesem Haus, diesem Sofa, diesem Bademantel, diesem Duft, sich selbst.

Er stellte das Glas zurück, drehte sich um und ging zurück zum Flur.

Wohin gehst du? zitterte Liselottes Stimme, voller Angst.

Niklas blieb vor dem Spiegel stehen, blickte auf sein Spiegelbild das, das gerade noch nicht existierte.

Ich will hier nicht bleiben, flüsterte er klar. Bis alles völlig ausgekühlt ist.

Er verließ die Wohnung, ging die Treppe hinunter, setzte sich auf die Bank vor dem Aufzug. Er zog sein Handy, sah, dass der Akku leer war.

Er starrte die Fenster seiner Wohnung an, das gemütliche Licht, das er geliebt hatte, und wartete. Wartete, bis aus diesen Fenstern der Geruch fremder Parfums, fremder Mokassins und des Lebens, das einst sein war, verweht war. Er wusste nicht, was kommen würde, doch er wusste, dass es keinen Rückweg mehr zu jenem Haus, zu jener Realität vor vier Uhr gab.

So saß er auf der kalten Bank, die Zeit floss seltsam. Jede Sekunde brannte mit kristallklarer Schärfe. Im Fenster flackerte ein Schatten Liselotte, die kurz vorbeikam, um ihn anzusehen. Er wandte den Rücken zu ihr.

Nach einer halben Stunde, vielleicht einer Stunde, öffnete sich die Aufzugstür. Liselotte trat heraus, nicht im Bademantel, sondern in schlichten Jeans und einer Kapuzenjacke, einen Schal in den Händen.

Sie überquerte die Straße langsam, setzte sich neben ihn auf die Bank, ließ einen halben Menschenabstand zwischen sich. Sie reichte ihm die Decke.

Nimm sie, du frierst.

Nein, danke, sagte er, ohne sie anzusehen.

Er heißt Klaus, murmelte Liselotte, den Blick auf den Asphalt gerichtet. Wir kennen uns seit drei Monaten. Er ist Besitzer des Cafés neben meinem Fitnessstudio.

Niklas hörte zu, drehte keinen Kopf. Namen, Berufe nur Kulisse. Das eigentliche Geschehen war das leise Klicken, das sein Leben zerschmettert hatte, nicht ein lauter Knall.

Ich entschuldige mich nicht, bebte ihre Stimme. Aber du du warst das ganze letzte Jahr einfach abwesend. Du kamst, aßest, sahst fern und schliefst. Du hast aufgehört, mich zu sehen. Und er er sah.

Sah?, drehte Niklas sich endlich zu ihr, die Stimme rau vor Stille. Er sah, wie du aus meinem Glas Wein trankst? Er sah, wie du Pistazienkerne auf meinem Tisch verstreust? Das hat er gesehen?

Ihre Lippen verkrampften sich, Tränen stiegen, doch sie ließ sie nicht fließen.

Ich fordere keine Verzeihung und will nicht, dass alles sofort vergessen wird. Ich wusste nur nicht, wie ich sonst zu dir durchdringen soll. Vielleicht erst als Monster erscheine, damit du mich wieder als Mensch siehst, den du bemerkst.

Ich sitze hier, begann Niklas langsam, und mir wird übel. Der fremde Parfümduft in unserem Zuhause ekelt mich. Die Mokassins ekeln mich. Am meisten ekelt mich jedoch der Gedanke, dass du mir das antun konntest.

Er zuckte mit den Schultern. Der Rücken schmerzte vor Kälte und Stillstand.

Ich gehe heute nicht hin, sagte er. Ich kann nicht zurück in die Wohnung, in der alles an diesen Tag erinnert diesen Atem.

Wohin willst du?, flackerte echte, tierische Angst in ihrer Stimme, die Angst vor endgültigem Verlust.

Ins Hotel. Ich muss woanders schlafen.

Sie nickte.

Möchtest du, dass ich zu einer Freundin gehe? Dich allein lassen?

Er schüttelte den Kopf.

Das ändert nichts daran, was hier geschehen ist. Das Haus muss gelüftet werden, Liselotte. Vielleicht sogar verkauft werden.

Sie schauerte, als wäre sie getroffen. Das Haus war ihr gemeinsamer Traum, ihre Festung.

Niklas stand von der Bank auf, seine Bewegungen träge, erschöpft.

Morgen, sagte er, reden wir nicht. Übermorgen auch. Wir brauchen Schweigen, getrennt voneinander. Dann sehen wir, ob noch etwas bleibt, worüber wir überhaupt sprechen können.

Er wandte sich zur Straße, ging ohne sich umzudrehen. Er wusste nicht, wohin er ging, ob er zurückkehren würde. Er wusste nur, dass das Leben vor diesem Abend zu Ende war und er nun den nächsten Schritt ins Ungewisse wagen musste nicht als Ehemann, nicht als Teil eines Paares, sondern als ein müder Mensch, dem alles zu viel war. Und in diesem Schmerz, paradox wie es klingt, fühlte er sich wieder lebendig.

Er ging ziellos, die Stadt wirkte fremd. Laternen warfen scharfe Schatten auf den Asphalt, in denen man leicht verloren gehen konnte. Er bog in das erstbeste Hostel ein nicht aus Sparsamkeit, sondern aus dem Wunsch, zu verschwinden, in einem anonymen Zimmer zu verfallen, wo Chlor und fremde Leben riechen.

Das Zimmer glich einem Krankenzimmer: weiße Wände, schmales Bett, Plastikstuhl. Er setzte sich an das Bettrahmen, die Stille hämmerte an seine Ohren. Kein Knarren des Parketts, kein Summen des Kühlschranks, kein Atem seiner Frau hinter ihm. Nur ein dumpfes Dröhnen im Kopf und Schwere in der Brust.

Er stellte das Handy zum Aufladen auf die Rezeption. Der Bildschirm erwachte, blinkte mit Nachrichten Kollegen, Arbeitsgruppen, Werbung. Ein gewöhnlicher Abend eines gewöhnlichen Menschen, als wäre nichts geschehen. Diese Normalität war unerträglich.

Er schrieb seinem Chef eine kurze SMS: Krank. Komme erst in ein paar Tagen nicht. Er log nicht; er fühlte sich vergiftet.

Er zog sich aus, ging duschen. Das Wasser war fast kochend, doch er spürte keine Temperatur. Mit gesenktem Kopf sah er zu, wie die Strahlen den Staub des Tages von ihm wischten. Dann blickte er in den rissigen Spiegel über dem Waschbecken ein erschöpfter, zerknitterter, fremder Mann. So sah ihn Liselotte heute? So war er all die Monate gewesen?

Er legte sich ins Bett, schaltete das Licht aus. Die Dunkelheit brachte keine Ruhe. Vor seinem inneren Auge liefen Bilder wie verfluchte Dias: der Anzug auf der Garderobe, der Rotweinfleck auf dem Bademantel, die nackten Mokassins. Und das Bitterste: ihre Worte: Du hast aufgehört, mich zu sehen.

Er wälzte sich, suchte eine bequeme Position, fand keine. Alles war kalt und falsch. Ein Gedanke nistete sich ein, den er zunächst abwehrte, doch er kehrte immer wieder zurück, wie ein hartnäckiges Insekt: Was, wenn er selbst durch seine Distanz, seine geistige Trägheit, sie in die Arme eines Fremden mit Mokassins getrieben hat? Ohne ihre Schuld zu rechtfertigen, ohne ihr die Schuld zu nehmen, doch mit einem leisen Verständnis.

Liselotte schlief nicht. Sie schwebte durch die Wohnung wie ein Gespenst, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Sie blieb vor dem Sofa stehen, der Rotweinfleck auf dem Bademantel war trocken, zu einem braunen, hässlichen Abdruck geworden. Sie zerknüllte den Bademantel und warf ihn in den Mülleimer.

Dann ging sie zum Tisch, nahm das Glas, aus dem Klaus getrunken hatte, starrte lange darauf, trug es in die Küche und zerschlug es mit Gewalt gegen das Waschbecken. Das Kristall klirrte, zersplitterte. Ein wenig leichter.

Sie sammelte die Spuren des Fremden: warf die Pistazienkerne weg, goss den Restwein aus, wischte den Tisch, entsorgte die Scherben. Doch sein Parfüm hing in der Luft, in den Vorhängen, im Polster. Es war überall. Wie das Schamgefühl. Und ein seltsames, verzerrtes Befreiungsgefühl. Das Verborgene wurde offen. Lüge wurde Wahrheit. Schmerz greifbar.

Sie setzte sich auf den Boden im Wohnzimmer, umklammerte die Knie und ließ endlich Tränen fließen leise, ohne Schluchzen. Das Salz und die Bitterkeit liefen von selbst. Sie weinte nicht nur wegen des Schmerzes, den Niklas ihr zugefügt hatte, sondern wegen des Zusammenbruchs der Illusion, die sie gemeinsam über Jahre aufgebaut hatten: die Illusion einer glücklichen Ehe.

Sie wusste genau, dass sie Schuld trug. Vielleicht sah er sie nicht, vielleicht war er nicht so zärtlich, doch die Verantwortung lag bei ihr.

Am Morgen wachte Niklas zerbrochen auf. Er bestellte einen Kaffee im nächsten Café, setzte sich ans Fenster und sah die erwachende Stadt. Sein Handy vibrierte. Liselotte.

Ruf nicht an, schreib nur, wenn es dir gut geht.

Er las die Nachricht. Einfach, menschlich, ohne Wut, ohne Forderungen, nur Sorge dieselbe Sorge, die er einst übersehen hatte.

Er antwortete nicht. Er hatte versprochen zu schweigen. Doch zum ersten Mal seit dieser Nacht bewegte sich die Wut und die Abscheu in ihm und gab ein kleines Stück Platz an etwas anderes. An ein undefiniertes, nicht hoffnungsvolles Gefühl. Keine Hoffnung. Stattdessen Neugier.

Und was, wenn hinter dem Albtraum, hinter dem Schmerz, sie einander neu erblicken könnten? Nicht als Feinde, sondern als zwei müde, einsame Menschen, die einst einander liebten und sich vielleicht nur verirrt hatten?

Er trank den Rest seines Kaffees, stellte die Tasse auf den Tisch. Vor ihm lagen Tage des Schweigens. Dann ein Gespräch. Und er dachte, vielleicht fürchtet man nicht das Gespräch, sondern die Erkenntnis, dass man selbst nichts ändern kann.

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