Das Leben von Arndt Petersen wurde an den sauberen Blättern eines abreißbaren Kalenders gemessen, der seit den Tagen der DDRZeit an der Küchenwand hing. Es war Tradition, jedes Jahr einen neuen Kalender aufzuhängen und jeden Morgen das nächste Blatt umzublättern.
Der heutige Tag war eine exakte Kopie des gestrigen: Aufstehen im Halbdunkel, ein Teebeutel in die Tasse, zwei Butterbrote mit Käse. Dreiunddreißig Jahre genau so viele hatte er vom jungen Facharbeiter bis zum Schichtleiter zurückgelegt, vom Wohnungstürschwelle zur Arbeitstür des Stahlwerks in Essen und wieder zurück. Die Halle dröhnte, die Maschinen drückten ein dumpfes Grollen, vertraute Zeichnungen lagen wie alte Freunde auf den Tischen, und das Ölgeruch mischte sich mit Metallstaub.
Zuhause erwartete ihn eine tiefe Stille, die von dicken Teppichen übertüncht war, nur gelegentlich durch die monotone Stimme des Fernsehsprechers durchbrochen wurde. Die Kinder, die einst in diesem Haus großgeworden waren, hatten längst ihre eigenen Wege gefunden manche lebten jetzt in Hamburg, andere in München. Sonntags hörte man noch ihr Lachen am Telefon, doch die Stimmen klangen fern, wie Funksignale aus einer anderen, rasanten Welt.
Und da war noch Liesel, seine Frau. Liesel Semper, mit der er einst, wohl in einem früheren Leben, gemeinsam gelacht und Pläne für ein später geschmiedet hatte. Nun war dieses später eingetreten, und es blieb kaum mehr zu sagen. Sie existierten nebeneinander wie zwei alte Möbelstücke, die aneinander gewöhnt, aber die Sprache verloren hatten. Liesel lebte in ihrer eigenen Parallelwelt sie pflegte Veilchen auf der Fensterbank, sah alte Fernsehserien und besuchte Freundinnen. Ihre Gespräche reduzierten sich auf Alltagsfloskeln: Brot holen?, War der Klempner da?, Hast du den Blutdruck gemessen?.
Manchmal, wenn er auf ihre Schultern und Hände blickte, die ständig mit Putzen oder Stricken beschäftigt waren, ertappte er sich überrascht dabei, dass er sich nicht erinnern konnte, wann er sie das letzte Mal wirklich lachen gesehen hatte. Ihr Leben glich dem abreißbaren Kalender die Blätter wechselten nicht, ein Tag verrottete langsam. Nur in seiner Werkstatt in der Garage floss die Zeit anders.
Die Werkstatt war sein Heiligtum. Ein kleines Backsteingebäude am Rand der Wohnungsbaugenossenschaft, durchdrungen vom Duft von Leinöl, altem Holz und einer zeitlosen Ruhe. Hier verging die Zeit nicht linear von Gestern zu Morgen, sondern kreiste, kehrte zum Ursprung zurück. Auf den Regalen, die er einst aus ausrangierten Brettern zusammengepflanzt hatte, standen Patienten, die auf ihre Wiederbelebung warteten: ein uralter Radioempfänger, eine Kuckucksuhr, die seit einem Jahrzehnt geschwiegen hatte, ein VorKriegPlattenspieler mit einem Trichter, der wie eine riesige Blume wirkte.
In diesem Reich der Stille, das nur vom rhythmischen Scharren einer Feile oder dem Zischen eines Lötkolbens durchbrochen wurde, war Arndt nicht mehr das ausgebrannte Werkzeug, das er in der Fabrik war, noch eine stumme Dekoration im Wohnzimmer. Hier war er Schöpfer, der das zurückbrachte, was andere längst für Schrott gehalten hatten.
Jedes reparierte Gerät war ein kleiner Sieg über das Chaos der Welt, ein Beweis, dass noch etwas zu reparieren, zu korrigieren, zu verbessern war. In den mühsamen Bewegungen seiner Hände fand er den Sinn, der aus allen anderen Bereichen seines Daseins wie Sand durch die Finger rieselte.
Jürgen war der einzige, dem der Zutritt zu diesem Heiligtum gewährt war. Er kam nicht nur herein er drang in Arndts Leben ein wie ein Zugwind, der das Feuer im Ofen kitzelt. Ihre Freundschaft, über Jahrzehnte gewachsen, war so zuverlässig wie die Maschinen, die Arndt zusammenbaute. Sie bedurfte keiner leeren Plauderei, kein Öl der Worte. Sie konnten stundenlang schweigend am Garagenschwellenrand sitzen, die Sonne beim Untergehen beobachten, und dieses Schweigen war reicher als tausend Stunden Gespräch.
Dann aber geriet das Getriebe aus dem Takt. An einem Freitagabend nach der Arbeit, wie üblich, wartete Arndt Jürgen in der Garage. Sieben, acht Stunden vergingen in ungeduldigem Warten. Die Türschwelle erklang, das Dämmerlicht ließ sie lauschen.
Handys waren für sie keine Option Jürgen nannte sie Hundeleinen für Knechte, und Arndt sah keinen Sinn darin, sich mit diesem Trara zu befassen. Ohne den Freund zu sehen, ging er nach Hause. Vom Festnetz rief Jürgen zurück. Die Leitung nahm Liesel, seine Frau.
Ihre Stimme klang unnatürlich gleichmäßig, wie ein auswendig gelernter Satz:
Arndt Petersen Jürgen geht es sehr schlecht. Der Arzt ist gerade gegangen.
Was ist passiert? platzte Arndt heraus, und sofort spürte er, wie ein Strang des Unwillens, zu reden, sich über die Leitung spannte.
Der Blutdruck ist gesprungen, ein Herzinfarkt, ein PräinfarktZustand das sagte Liesel. Der Arzt riet: voller Ruhe, keine Aufregung. In ihrer Stimme lag nicht nur Sorge, sondern eine feste Entschlossenheit, das Überflüssige abzuwehren.
Ich könnte kurz vorbeikommen, begann Arndt, doch die Sinnlosigkeit seiner Bitte war sofort klar.
Nein!, ihre Stimme zitterte, dann schnappte sie sich wieder: Er braucht Ruhe. Und übrigens, ihr beiden solltet euch endlich beruhigen. Nicht mehr wie Kinder in euren Garagen mit euren Geräten. Sie legte auf und ließ Arndt in der bedrückenden Stille seiner eigenen Wohnung zurück. Der Hörer fiel schwer auf den Telefonapparat. Es war klar wie der Tag: Es war nicht nur Krankheit. Es war der Beginn einer Belagerung. Liesel baute um Jürgens Bett eine Mauer, und der erste Stein dieser Mauer war für Arndt und ihre vierzigjährige Freundschaft bestimmt.
Arndt ging langsam ins Wohnzimmer. Die Hand wanderte fast zu einer Packung Zigaretten, doch er hielt inne Liesel vertrug den Geruch von Tabak nicht. Er setzte sich in den alten Sessel am Fenster und starrte ins dunkel werdende Glas.
Zwei Tage später hielt er das nicht mehr aus und ging zu Jürgens Haus. Die Tür öffnete Liesel, ihr Blick war kalt, doch sie ließ ihn eintreten.
Jürgen lag auf dem Sofa, bleich, als wäre er in den letzten Tagen um ein Jahrzehnt gealtert. Neben ihm schwirrte Liesel, ihre Stimme klang wie ein zerbrochener Glöckchen, das die Stille erstickte.
Alles, Arndt, keuchte Jürgen, den Blick zur Decke gerichtet. Die Förderband ist gestoppt. Jetzt bin ich wie dein Plattenspieler nur zum Anschauen, ohne Nutzen.
An diesem Tag sprachen sie nicht über die Zukunft. Die Zukunft schien am Sofa erstickt zu sein. Doch als Arndt ging, drückte Jürgen fest seine Hand.
Verlass die Werkstatt nicht, hörst du?, flüsterte er. Sonst habe ich keinen Ort mehr, an den ich kommen kann.
Diese Worte brannten sich in Arndts Hand, den Weg nach Hause entlang. Zu Hause erwartete ihn wieder dieselbe Stille und Liesel, die mit leerem Blick das Abendessen erwärmte.
Wie geht’s Jürgen? fragte sie aus der Küche, ohne sich umzudrehen.
Lebt, murmelte Arndt und ging in sein Zimmer, das entschlossene Gefühl wuchs in seiner Seele.
Monate vergingen. Jürgen erholte sich langsam, doch das Feuer in seinen Augen erlosch. Liesel hütete ihn mit doppelter Strenge, verwandelte sein Leben in ein strenges Regime aus Tabletten, Diäten und Blutdruckmessungen.
Eines Abends rief Arndt Jürgen an. Die Leitung ging wieder zu seiner Frau.
Er ruht, Arndt, sagte sie mit süßem, aber fester Stimme. Ich will ihn nicht stören. Verstehen Sie?
Er verstand. Er wusste, dass sein Freund in einer sterilen Zelle der Fürsorge eingesperrt war, aus der es kein Entkommen gab.
Beim nächsten Besuch brachte Arndt Jürgen die Hand, half ihm beim Anziehen und sah Liesel fest in die Augen, dann sagte er ruhig:
Wir gehen. Eine halbe Stunde. Er braucht nicht Ruhe, sondern Luft.
Sie fuhren zur Garage. Die Luft dort war vertraut, nach altem Holz und Öl nach ihrer gemeinsamen Jugend. Liesel betrat die Schwelle seit Langem nicht mehr, weil sie die Garage für einen Schlammplatz hielt.
Jürgen setzte sich schweigend auf den Hocker am Werkbank, die Schultern noch gekrümmt, der Blick leer. Er wirkte wie eine abgeschaltete Maschine.
Arndt ging zum Regal und holte eine große Pappschachtel, die bis zum Rand mit Radiobauteilen gefüllt war: Widerstände, Kondensatoren, Transistoren tausende kleine Zylinder in Braun, Blau, Grau, mit bunten Streifen, wie winzige Perlen fremder Stämme.
Er stellte die Kiste auf einen kleinen Hocker vor Jürgen.
Hände gehorchen nicht das macht nichts, sagte er schlicht. Aber die Augen sehen. Such mir einen 100µFKondensator. Grün, mit goldenem Streifen. Der muss hier irgendwo sein.
Jürgen sah skeptisch auf die Kiste, dann auf seine unwilligen Finger.
Arndt, ich
Ich hetze dich nicht, unterbrach Arndt. Ich habe genug zu tun. Er drehte sich um und täuschte vor, mit Hingabe Kontakte an einem alten Relais zu säubern.
Zuerst streifte Jürgen nur mit der Hand über die Oberfläche, die Finger zappelten, er stolperte fast über die Kiste. Doch während sein Blick über die farbigen Streifen glitt, beruhigte sich sein Körper. Der Atem wurde gleichmäßiger, das Zittern in den Händen ließ nach.
Er vergaß Liesel, die Tabletten, den wackeligen Körper. Seine ganze Welt schrumpfte auf diese Kiste und die einzige Aufgabe den grünen Zylinder mit goldenem Streifen zu finden. Es gab keinen Wettlauf, keinen Stress, nur ein gemächliches, methodisches Suchen.
Zehn Minuten vergingen. Arndt war mit dem Relais fertig und beobachtete still den Freund. Jürgen, konzentriert, presste schließlich zwischen Daumen und Zeigefinger das kleine grüne Bauteil.
Hier, glaube ich, reichte er es Arndt. Die Hand zitterte noch, doch die Bewegung war präzise. Siehst du, die goldene Linie.
Arndt nahm das winzige Teil, als wäre es ein Juwel.
Das ist es, nickte er. Danke, Jürgen. Ohne dich wäre ich hier wie ein blindes Kätzchen, das den halben Tag sucht. Er legte das Teil auf seine Hand, und beide starrten darauf ein winziger Zylinder, der nichts löste, aber alles veränderte. Es war der erste, kaum merkliche Sieg: Aufmerksamkeit über Zerstreutheit, Ordnung über Chaos, Leben über das langsame Verblassen.
Arndt begleitete Jürgen nach Hause, half ihm, den Mantel im Flur abzulegen.
Danke, Arndt, flüsterte Jürgen, und in seiner Stimme lag Erleichterung statt Müdigkeit. Ich fühle mich, als hätte ich frische Luft geschnappt.
Liesel sah schweigend aus der Küche. Diesmal sagte sie nichts. Ihr Blick folgte Arndt, nicht mehr wütend, sondern voller Verwunderung.
Er trat nach draußen. Die Abendluft war kühl und klar. Arndt ging gemächlich, das Herz leicht, die Seele beruhigt. Er hatte den Kampf mit Liesel nicht gewonnen, keinen heroischen Triumph vollbracht. Doch er hatte etwas Wichtigeres getan seinem Freund das Gefühl zurückgegeben, gebraucht zu werden.
Er wusste, dass noch viele kleine, geduldige Schritte folgen würden. Der erste, schwerste war getan.
Morgen würde er wieder zu Jürgen kommen, nicht mit tröstenden Worten, sondern mit einem klaren Plan einem gemächlichen Spaziergang zur Werkstatt. Schritt für Schritt. Minute für Minute. Um zu zeigen, dass diese Welt der ruhigen Dinge noch immer auf ihn wartete, dass er nicht nur ein Patient, sondern ein Mensch war, dessen Wissen und Erfahrung nicht verloren gegangen waren.
So, Tropfen für Tropfen, Stein für Stein, würde er Jürgen zurück ins Leben holen nicht mit Medikamenten oder Reden, sondern mit der Rückgabe seiner eigenen Selbst. Jeder Besuch, jede Stunde in der Werkstatt, würde wie reiner Sauerstoff für die erstickende Seele sein.
Und in diesem langsamen Wiederaufleben verstand Arndt Petersen das Wichtigste: Das Leben ist nicht zu Ende. Es hat nur einen kurzen Halt eingelegt, um neue Kräfte zu sammeln für den nächsten Weg.







