Michael Hartmann schlenderte mit seiner geschnitzten Gehstock durch den alten Stadtpark, während der kalte Herbstwind ihm den Rücken kühlte und das raschelnde Laub unter den Schuhen wie vergoldetes Stroh klang. Er war nach Dresden zurückgekehrt nach all den Jahren, um Sachen zu erledigen, die niemanden mehr interessierten außer ihn selbst. Der Park war derselbe, nur die Bäume standen jetzt höher, und die Bänke, die noch seine Schulzeit kannte, waren krumm und abgeblättert.
Er ging zur Laube am Teich, jener einen, wo er damals das erste Mal Liselotte Schubert an die Hand genommen hatte. Das Herz, das sonst so gleichmäßig schlug, hämmerte plötzlich wie mit sechzehn, als er dort stehen blieb. Hier roch es nach Flieder und nach Regenstaub. Hier hielt er das erste Mal Liselottes Hand.
Liselotte, damals ein Mädchen mit Zöpfen und lachenden Augen, die Esenin rezitieren konnte, sodass einem der Atem stockte. Sie saßen dort bis spät in die Nacht, schmiedeten Pläne. Er, ein angehender Physiker, träumte davon, den Weltraum zu erobern. Sie, eine zierliche Künstlerin, wollte seine Bücher über ferne Galaxien illustrieren. Ihre Liebe schien so beständig wie die Sterne, die sie gemeinsam beobachteten.
Doch die Wege trennten sich. Liselottes Eltern, praktisch veranlagt, sahen im Talent ihrer Tochter ein Ticket in ein besseres Leben und schickten sie an die Kunstakademie in Weimar. Michael blieb im Süden, schrieb sich an die Technische Hochschule ein. Anfangs flogen die Briefe wie ein Schwarm Vögel voll Versprechen und Sehnsucht. Dann seltener. Ihr Leben füllte sich mit Vernissagen, Staffeleien und neuen, interessanten Menschen. Sein mit Formeln und Laborberichten. In einem ihrer letzten Briefe schrieb sie: Mike, alles ändert sich. Wir auch. Lass uns das Hoffen nicht länger gegenseitig quälen. Er widersprach nicht. Stolz, dieser dumme Männerstolz, ließ ihn nicht den Zug nach Weimar nehmen. Er verbrannte die Briefe im Ofen und tauchte kopfüber in die Wissenschaft ein.
Das Leben verlief gleichmäßig, aber irgendwie einseitig. Promotion, Arbeit im Forschungsinstitut, stille Hochzeit mit einer netten Frau, von der nach ein paar Jahren nur ein Foto im Album und eine leichte Wehmut übrig blieben. Kinder gab es nicht. Manchmal, wenn er nachts in den Himmel sah, dachte er nicht an Sterne, sondern an ihre Augen, und fühlte sich wie ein alter Trottel.
Er seufzte, wollte sich umdrehen und gehen, als er am fernen Wasserrand eine Frau beim Skizzieren bemerkte. Der Wind spielte mit ihrem silbergrauen, kunstvoll gestylten Haar. Etwas klickte in seinem Gedächtnis ein Wink des Schulterblatts, ein Neigen des Kopfes.
Er ging ein paar Schritte, kaum zu glauben, was er sah. Es war sie. Liselotte. Keine Erscheinung, kein Trugbild, sondern eine echte Frau im warmen Mantel, mit Lachfalten um die Augen, die leuchteten, wenn sie ihr Bild lächelte.
Liselotte? flüsterte er, die Stimme zitterte.
Sie hob den Kopf. Ihr Blick war zuerst leer, dann überrascht, dann dann erstrahlte das gleiche Licht, das er sein Leben lang im Gedächtnis hatte.
Michael? Gott sei Dank, das bist du wirklich!
Sie setzten sich auf dieselbe Bank, auf der sie einst geküsst hatten, und redeten über die vergangenen Jahre. Ihr Leben war ebenfalls kein Märchen gewesen. Die Ehe mit einem Malerkollegen zerbrach, die große Liebe stellte sich als leere Show heraus. Aber es gab einen Sohn, der jetzt weit weg wohnte, aber regelmäßig nachfragte, wie es ihr ging, und am Wochenende anrief. Sie war vor über zehn Jahren in die Heimat zurückgekehrt, um ihre sterbende Mutter zu pflegen und dann blieb sie. Sie lebte still, malte heimische Landschaften und unterrichtete Kinder in der Kunstschule.
Ich habe von deinen Erfolgen, deiner Promotion, durch Freunde gehört, sagte sie, den Blick aufs Wasser gerichtet. War immer stolz auf dich.
Ich fand einmal in einem Kiosk das Magazin Junger Künstler, gestand er. Auf dem Cover war ein Aquarell Herbst im Park unterschrieben von M. Schubert. Ich stand wie erstarrt mitten auf der Straße, kaufte das Heft, ohne hinzuschauen, und bewahrte es bis heute in einer alten Mappe mit den wichtigsten Unterlagen.
Er schwieg einen Moment, dann kam das, was nicht mehr in ihm bleiben wollte:
Ich bereue immer, Liselotte. Ich bereue, dass ich damals nicht nachgekommen bin, nicht versucht habe, alles zurückzuholen. Ich habe dich nie finden können, um zu sagen zu sagen, dass dein Herbst im Park für mich wertvoller ist als jedes Gemälde der Alten Pinakothek.
Sie drehte sich zu ihm, ihr Blick war frei von Vorwurf, nur von stiller, weiser Traurigkeit.
Wir waren jung und töricht, Mike. Wir dachten, Liebe wäre laut und ewig. Doch sie ist leise, wie das Herbstlicht hier.
Er legte die Hand auf ihre, die auf dem Schoß ruhte kalt, aber vertraut. Und plötzlich geschah ein Wunder: Die Zeit zog sich zusammen wie eine gespannte Feder und sprang zurück. Kein Grau, keine Falten, keine vier Jahrzehnte Trennung. Nur er, sie und ihr endloses Gespräch, das einst durch Dummheit unterbrochen wurde.
Sie saßen bis zum Einbruch der Dämmerung, hielten Händchen, während die Sonne im Teich verschwand und ihr Licht in ihren Augen spiegelte zwei einsame Sterne, die sich wieder im weiten Himmel des Lebens gefunden hatten.
Die Laternen entlang der Allee zündeten, warfen lange, zitternde Schatten aufs nasse Kopfsteinpflaster. Die kalte Luft schnitt schärfer, doch sie wollten nicht gehen. Es schien, als würde ein falscher Schritt das zarte Zauber dieses Abends zerstreuen wie einen Wüstenspiegel.
Komm, lass uns weitergehen, sagte Liselotte leicht zitternd vor einem Windstoß. Ich wohne gleich um die Ecke, wir holen uns einen Tee.
Sie gingen langsam, fast gemächlich. Michael spürte, wie sein Stock ein neues, ungewohntes Ticken auf dem Kopfstein setzte den Rhythmus der Heimkehr. Liselottes Haus war ein altes zweistöckiges Stadthaus mit hohen Decken und Stuck. Der Geruch von Ölfarben und getrockneten Kräutern lag in der Luft. Im Wohnzimmer stand eine Staffelei mit einem unfertigen Bild, an den Wänden hingen Skizzen vor allem heimische Landschaften, die ihm bis ins Mark vertraut waren.
Nichts hat sich geändert, lächelte er, während er ein kleines Bild ihrer alten Laube betrachtete. Du liebst den Park immer noch.
Er ist mein treuster Freund, erwiderte sie, während sie Wasser für den Tee aufsetzte. Und der geduldigste Beobachter.
Sie tranken Tee aus klaren Gläsern, das Gespräch floss leicht und nahm die losen Fäden der Vergangenheit wieder auf. Sie erinnerten sich an lustige Studentengeschichten, gemeinsame Bekannte, alte Filme und Lieder. Das Lachen kehrte in die Wohnung zurück, locker und unbeschwert.
Doch ein leiser, fast greifbarer Hauch von verpasster Zeit lag im Raum, schwebte wie Staubkörner im Licht der Leselampe.
Weißt du, worüber ich oft nachgedacht habe? sagte Liselotte und stellte ihr Glas ab. Über den Tag, an dem wir zusammen eine Sternschnuppe sahen. Du hast gesagt, du würdest dir etwas wünschen.
Und du hast nie gefragt, was es war, erinnerte Michael. Du meintest, man sollte es nicht aussprechen, sonst geht es nicht in Erfüllung.
Jetzt darf ich fragen. Was war dein Wunsch?
Er schwieg, sah ihr von der Lampe erleuchtetes Gesicht an.
Ich habe mir gewünscht, dass wir immer zusammen bleiben. Ganz simpel und naiv.
Liselotte lächelte. Ich habe dasselbe gewünscht. Und es hat nicht geklappt. Vielleicht waren die Sterne damals nicht in Stimmung.
Er legte seine Hand über den Tisch, sie legte ihre darauf, jetzt warm.
Vielleicht haben sie nur gewartet, bis wir reifer werden, flüsterte er.
Am nächsten Morgen fuhr Michael zum Hauptbahnhof und gab sein Rückreiseticket zurück.
Sie begannen, die verlorene Zeit mit kleinen Dingen nachzuholen. Er begleitete sie zu ihren Skizzen, brachte einen Klappstuhl und eine Thermoskanne mit Kaffee. Er saß daneben und beobachtete still, wie ihre sichere Hand vertraute Konturen auf die Leinwand brachte. Manchmal reichte sie ihm den Pinsel: Mach hier noch ein bisschen Licht, du hast doch immer gern improvisiert. Und er malte, zwar unbeholfen, aber mit großer Zärtlichkeit.
Sie entdeckten die Stadt neu: abblätternde Stuckfassaden, den verwilderten Kanal, den kleinen Markt, wo Äpfel aus dem Nachbardorf verkauft wurden alles wurde zum Schauplatz einer unerwarteten Romanze. Ihre Gespräche drehten sich oft um unausgesprochene Worte, die beide mit einem Satz verstanden.
Nach einer Woche, bei einem Abend, als er in der alten Familienwohnung Bücher sortierte, fand er sein altes Schulheft. Darin standen jugendliche, naive Gedichte, die er ihr gewidmet hatte.
Zögerlich reichte er es Liselotte.
Lach nicht darüber, sagte er.
Sie las alles durch, ohne zu blinzeln, dann hob sie den Blick, überrascht.
Sie sind wunderschön, Mike. Warum hast du sie mir nie vorgelesen?
Ich war schüchtern. Dachte, das wäre nichts.
Das ist nichts, drückte sie das Heft an die Brust. Es ist das Kostbarste, was ich seit Jahren gehört habe.
In dieser Nacht lagen sie zusammen auf dem Sofa, eingekuschelt in eine Decke, blickten aus dem Fenster auf die schlafende Stadt. Zwischen ihnen war keine jugendliche Leidenschaft mehr, die brennt und verrückt macht. Stattdessen war ein tiefes, ruhiges Gefühl, das an einen sicheren Hafen nach stürmischer See erinnerte.
Ich will nicht zurückfahren, Liselotte, flüsterte er im Dunkeln.
Sie legte sich an seine Schulter.
Ich auch nicht. Ich habe so viele Jahre verloren. Ich will, dass du für immer hier bleibst.
Draußen dämmerte die Morgendämmerung, verwischte die Silhouetten von Dächern und Bäumen. Aber sie fürchteten nichts mehr. Vor ihnen lag ein ganzes Leben, nicht das, was sie einst im Laubpark mit Fliederduft geträumt hatten, aber ein echtes, eigenes Leben das, das sie verdient hatten.
Glaubt dran, immer. Auch wenn es scheint, als wären die schönsten Seiten schon umgeblättert und man nichts mehr zu schreiben hätte. Denn die besten Kapitel beginnen oft genau dort, wo wir erst einmal die Feder abgesetzt haben.
Schaut nicht nur traurig zurück, um zu schwärmen, sondern um die Schlüssel zu finden den Schlüssel zur alten Laube, wo ihr einst lachtet, den Schlüssel zu einem Herzen, das früher schneller schlug. Reißt den Staub ab, öffnet die Tür. Ihr werdet überrascht sein, dass dort keine Geister warten, sondern ein Leben, das all die Jahre auf euch gewartet hat.
Eure Zeit ist nicht verloren, sie hat nur darauf gewartet, dass ihr langsamer geht und die wertvollsten Stückchen sammelt, die unterwegs gefallen sind. Werft einen Blick zurück, schreibt den Brief, den ihr vor fünfzig Jahren nicht wagte. Das Leben liebt Mutige, selbst wenn der Mut nur ein kleiner Schritt über das eigene Zögern hinaus ist.
Und vergesst nicht: Graue Haare sind nicht Asche eines erloschenen Feuers, sondern der Frost der Weisheit auf den Ästen der Seele.
Eure Zeit ist nicht vorbei, sie hat nur auf den Moment gewartet, an dem ihr aufhört zu rennen und beginnt, behutsam das Sammeln der Schätze zu genießen, die euch auf dem Weg begegnet sind. Und dann findet ihr eure vergessene Liebe, eure vernachlässigte Berufung, euren zweiten Atem.
Denn das Leben verläuft nicht gerade. Und das Schönste kehrt immer wieder zurück besonders zu den, die daran glauben.







