Schätze, was du hast!

Ich war immer der Typ, der das Gute im Alltag sah, und meine Familie wirkte von außen wie ein solides Bauwerk. Andreas und ich Heike wir kannten uns nicht durch den ersten Blick, sondern durch ein vertrautes, bequemes Gefühl, wie die abgewetzten Hausschuhe, die nie aus den Augen gehen. Wir waren seit der Grundschule befreundet: ich brachte ihm die Hausaufgaben, er ließ mich bei Mathe abschreiben. Später kamen die Berufsschule, gemeinsame Partys, Waldspaziergänge und Lagerfeuer mit alten Liedern. Jung und impulsiv heirateten wir, wie die Verwandten flüsterten, fast auf die Schnelle. Und unser kleiner Lukas, unser ganzer Stolz, kam als Geschenk des Schicksals dazu.

Wir zogen bei meiner Mutter ein, deren Dreizimmerwohnung im Berliner Prenzlauer Berg noch Platz für ein junges Paar bot. Meine Schwiegermutter, Margarete Annegret, war eine Frau mit dem scharfen Blick einer Buchhalterin und dem neugierigen Geist einer Ermittlerin. Anfangs nahm sie mich nicht wirklich an. Ihr stummes Urteil war: Keine passende Frau. Ich, die Tochter eines einfachen Arbeiters, mit durchschnittlichem Aussehen und keiner besonderen Begabung, war für sie ein Rätsel. Sie behandelte mich kühl, was für mich schlimmer war als ständige Vorwürfe. Ich versuchte deshalb, mich unsichtbar zu machen: ich wischte den Boden, kochte, wusch, schaukelte Lukas und verwandelte mich in den Schatten meiner eigenen Familie.

Eines gewöhnlichen Donnerstags kehrte Margarete nach der Apotheke zurück, weil ihr in der nahen Filiale das von ihr bevorzugte Medikament fehlte. Sie dachte an ihre Rente, an die steigenden Preise für Bratwurst und daran, dass ich wieder mal die Frikadellen ohne Zwiebeln gebraten hatte, obwohl Andreas sie liebte. Plötzlich zog ein stechender Schmerz ihr Herz zusammen nicht wegen einer Erkrankung, sondern vor lauter Entsetzen.

Aus dem Park kam ein junges Paar, Hand in Hand. Mein Sohn, Andreas, in dem Pulli, den ich ihm erst gestern gebügelt hatte. Und neben ihm eine junge Frau, leuchtend wie ein Papagei im Schwarm der Spatzen. Rote Pumps klackten auf dem Asphalt, ein leichter rosa Mantel flatterte im Wind, ihr lautes, freches Lachen zog alle Blicke an. Sie neigte den Kopf, sprach etwas, und Andreas starrte sie an, als hätte er noch nie seine Frau so gesehen.

Ein Kerl! schoss Margarete in den Kopf, das sanfteste Wort, das ihr einfiel. Und was ist mit Heike? Und Lukas?

Sie erstarrte, lehnte sich an die Hauswand, während ihre Hände zitterten. Innerlich drehte sich die Welt. Die verhasste Schwiegertochter stellte sich plötzlich nicht mehr als Diebin ihres Sohnes dar, sondern als Opfer der Umstände. Denn Jahre lang hatte Margarete Andreas eingeredet, er sei mit der falschen Frau zusammen, er verdiene Besseres. Sie hatte ihn zum Prinzen gemacht, doch er war nur ein Wanderer, der nach rechts abbog.

Den ganzen Abend lief Margarete wie ein verwundetes Tier durch die Wohnung. Ich bemerkte nichts, während ich mit Lukas im Bad spielte und leise sang. Mein Gesang schien ihr noch mehr zu schaden. Dann kam ich, müde, aber mit einem anderen Glanz in den Augen, nach Hause.

Mama, warum hüpfen Sie umher wie ein verlorenes Kätzchen? fragte ich und küsste sie auf die Wange. Ein Hauch fremder Parfüms lag in der Luft.

Sie hielt es nicht mehr aus. Als ich in das Schlafzimmer ging, um Lukas ins Bett zu bringen, stürmte sie ins Arbeitszimmer, wo ich am Computer saß.

Ich habe Sie gesehen! Heute, um fünf Uhr, mit dieser mit der falschen, rot gekleideten Frau!

Ich zuckte zusammen und drehte mich langsam um. Ein Moment des Schreckens lag in meinen Augen, doch ich sammelte mich.

Mama, das war nur eine Kollegin, die ich verabschiedet habe. Ihr Absatz ist gebrochen.

Lüg nicht! Ich habe gesehen, wie Sie sie angesehen haben! Sie haben mit ihr gewandert, wie ein Bräutigam! Sie haben doch eine Familie! Ein Kind!

Was wolltest du denn?, platzte ich heraus, und meine falsche Gelassenheit zerbrach. Du hast doch selbst gesagt, Heike sei eine graue Maus! Du wolltest jemand Besseren. Und jetzt? Glückwunsch!

Ich flüsterte, damit es die Nachbarn nicht hörten. Margarete rückte zurück, als hätte sie einen Schlag erhalten. Ihre eigenen Worte kehrten wie ein Bumerang zurück, brachten nicht Rachsucht, sondern das Gewicht ihrer eigenen Schuld. Sie hatte die Affäre mit angeheizt.

Aber Heike Lukas, hauchte sie, und ihre Stimme war nicht mehr wütend, sondern verzweifelt.

Mit Heike sind wir fast Fremde, aber Lukas liebe ich, er bleibt bei mir, schnappte ich und wandte mich wieder dem Monitor zu, um das Gespräch zu beenden.

In der Nacht schlief Margarete nicht. Sie starrte an die Decke und sah zwei Gesichter: das stolze, mit roten Lippen lachende Fremde, und das müde, mit sanften Augen über Lukas gebeugte. Sie dachte an die kalte Brühe, die ich gestern für mich gekocht hatte, weil ich sie so sehr mochte, und an ihr kaltes Desinteresse, das ich still ertrug.

Diese Nacht wurde für sie zum Tag des Gerichts, doch sie richtete das Urteil nicht gegen mich, sondern gegen sich selbst. Jede spitze Bemerkung, jedes graue Maus- oder nicht passend- Urteil kehrte zu ihr zurück, nahm Gewicht und Sinn an. Sie, die Mutter, hatte das Grab selbst ausgehoben, in das nun die Familie ihres Sohnes und das Wohl ihres Enkels fielen.

Der Gedanke, dass Heike die Wahrheit erfahren und mit Lukas weggehen könnte, jagte ihr Angst ein. Allein mit dem unehrlichen Sohn und ohne ihr Enkelkind? Das konnte sie nicht zulassen. Die Wahrheit war schlimmer als die Affäre. Sie wählte das Schweigen, das jedoch als Sühne gedacht war, nicht als Komplizenschaft.

Am nächsten Morgen stand Margarete früher auf als alle anderen. Als Heike in die Küche kam, erwartete sie kein kühler Blick, sondern ein gedeckter Tisch zum Frühstück und eine Tasse heißen Tee.

Setz dich, Heike, sagte sie mit ungewohnt weichem Ton. Du warst gestern so müde mit dem Kind, erhol dich. Ich füttere Lukas.

Heike setzte sich überrascht, griff nach der Tasse. Sie erwartete Vorwürfe, schiefe Blicke, doch nichts davon kam.

Von da an begann in der Wohnung eine leise, fast unmerkliche Revolution.

Andreas, hast du gesehen, wie Heike Lukas das Schnürsenkelbinden beibringt? könnte Margarete beim Abendessen sagen, während sie ihren Sohn direkt ansieht. Sie hat eine Geduld, die ich nicht kenne. Du könntest das gebrauchen.

Andreas runzelte die Stirn und fuhr weiter mit dem Essen.

Mmh, das Auflaufgelände ist gelungen! rief Heike, probierte das von ihr gemachte Gericht. So etwas schaffe ich nie. Du bist eine echte Hausfrau.

Zuerst schwieg Heike verwirrt, erwartete ein Hintergedanken. Dann nickte sie kurz. Wochen später lobte Margarete ihre Stickerei auf dem Kinderkissen (Früher war Handarbeit Gold wert!), und Heike lächelte zum ersten Mal seit Jahren leicht.

Andreas sah diese Verwandlung mit Unverständnis und Ärger.

Mama, warum betest du plötzlich für die Schwiegertochter? zischte er, allein mit ihr.

Ich habe einfach die Augen geöffnet, antwortete Margarete kalt. Und das gilt auch für dich.

Sie predigte ihm nicht, sie zeigte ihm nur ein lebendiges, greifbares Zeichen des Werts der Frau, die er betrogen hatte. Jede Lobeshymne für Heike war ein Vorwurf an ihn.

Eines Abends, als Andreas wieder auf der Arbeit verspätet war, saßen Heike und ich in der Küche, tranken Tee. Lukas schlief bereits.

Margarete Annegret, sagte Heike plötzlich leise, danke. Früher war alles so schwer jetzt fühle ich mich fast zu Hause.

Margaretes Herz zog sich zusammen. In diesen Worten lag so viel verletzliche Dankbarkeit, dass ihr fast die Tränen kamen. Sie legte ihre trockene Hand auf Heikes warme Hand.

Zuhause ist, wo man geschätzt wird, mein Kind, hauchte sie. Verzeih mir für alles.

Sie nannte nichts Konkretes, doch Heike schien zu verstehen nicht die Affäre, sondern die jahrelange Kälte. Sie nickte, und ihre Finger drückten kurz Margaretes.

Andreas sah, wie zwischen den beiden wichtigsten Frauen in seinem Leben eine neue, für ihn unverständliche Bindung entstand. Seine heimliche Affäre, die nur er und seine Mutter kannten, wurde zum Gespenst, das sein Leben mehr vergiftete als jeder Skandal. Die Mutter verurteilte ihn nicht, sie verlor nur das Bild des perfekten Sohnes. Durch ihr neues Verhalten gegenüber Heike zwang sie ihn, seine Frau nicht mehr als graue Maus, sondern als starke, würdige Partnerin zu sehen, die er verraten hatte.

Die Familie zerbrach nicht auf einen Schlag. Sie wurde langsam, schmerzhaft neu geboren. Die treibende Kraft war nicht die Leidenschaft, sondern die stille, hartnäckige späte Weisheit der Schwiegermutter, die für den Enkel und zur Sühne ihrer eigenen Schuld lernte, die Schwiegertochter zu lieben. In dieser neuen Zuneigung fand sie mehr Frieden als in ihrem früheren, korrekten, aber kalten Leben.

Für Andreas war das ebenfalls ein stilles, schmerzhaftes Erwachen.

Zuerst ärgerte er sich. Die Mutter verriet ihn, wechselte zur Feindin. Und Heike Heike bemerkte kaum, dass er kurz davor war, die Familie zu verlassen. Sie weinte nicht, machte keine Szenen. Sie veränderte sich.

Sie veränderte sich leise, aber unwiderruflich. Es schien, als hätte man ihr den Staub von den Schultern geschüttelt. Sie richtete sich auf, ihre alten Kleider, die Mutter OmaKleider nannte, verschwanden. Stattdessen trug sie eine schöne neue Bluse Margarete Annegret half beim Aussuchen, sie kennt sich aus. Das klang nicht nach Vorwurf, sondern nach Feststellung.

Eines Abends schaltete Andreas den Fernseher ein und hörte aus der Küche kein übliches Gemurmel, sondern ein leises, melodiöses Lachen. Er stand auf und spähte durch die Tür. Heike und seine Mutter saßen am Tisch, ein Fotoalbum lag offen. Die Mutter erzählte, Heike lachte, ihr Gesicht erstrahlte. In diesem Moment war sie wirklich schön warm, ruhig, voller Kraft, und Andreas spürte ein Ziehen in der Brust.

Wann habe ich das letzte Mal ihr Lachen gehört? schoss sein Gedanke durch den Kopf.

Er bemerkte jetzt andere Dinge: Wie geschickt und ruhig sie Lukas etwas erklärte, ohne laut zu werden, wie er es früher tat, wenn er müde war. Wie sicher sie jetzt mit ihm, Andreas, über Alltagsfragen sprach, nicht zagend, sondern vorschlagend. Seine graue Maus war verschwunden, an ihrer Stelle stand eine Frau, die sogar seine eigene Mutter respektierte.

Der Höhepunkt kam, als er in die Küche kam, um Wasser zu holen, und Heike allein dort stand. Sie blickte aus dem Fenster, sah die schlafende Stadt und drehte eine Haarsträhne um den Finger. Ihr Gesicht zeigte nicht unterwürfiges Leiden, sondern eine leichte, nachdenkliche Traurigkeit. Sie wirkte wie die Heldin eines alten Films, schön durch ihr inneres Leben, das ihn vorher nie interessiert hatte.

Heike, begann er, stockte.

Sie drehte sich um, ihre Augen stellten nur eine Frage.

Ja, Andreas?

Er trat näher und umarmte sie, zärtlich und fest zugleich.

Nichts, murmelte er. Einfach schön.

Ja, antwortete sie und umarmte zurück. Herzlich.

In dieser Nacht konnte er nicht schlafen, wälzte sich im Bett. Vor seinem inneren Auge standen zwei Bilder: Die grelle, schrille Frau aus dem Park, deren Lachen jetzt hohl wirkte, und Heike am Fenster ruhig, stark, das Zentrum für seinen Sohn und seine Mutter. Die Familie, die er fast für einen flüchtigen Rausch aufgegeben hatte.

Am Morgen ging er nicht zur Arbeit, nahm sich frei. Er wartete, bis seine Mutter zum Markt ging, und Heike mit Lukas einen Spaziergang machte.

Heike, wir müssen reden, sagte er, stellte ihr den Weg im Flur versperrt.

Sie sah ihn an, nahm Lukas bei der Hand.

Lukas, geh ins Zimmer und hol den Teddybär für den Spaziergang, sagte sie sanft zu ihrem Sohn. Als das Kind weglief, wurde ihr Blick wieder distanziert. Sprich.

Er atmete tief durch, sah auf den Boden.

Ich war ein blinder Idiot. Du bist die beste Frau, die ich je haben konnte. Und die Familie, seine Stimme zitterte, Familie bist du und Lukas. Ich werde alles tun, damit ihr glücklich seid. Alles.

Heike schwieg. Dann sagte sie leise:

Andreas, deine Worte gefallen mir. Wichtig ist nur, dass sie nicht nur leere Versprechen bleiben.

Und ohne zu warten, fügte sie hinzu: Wir gehen spazieren. Kommst du mit?

Ja, hauchte er. Natürlich.

Er ging mit ihnen, hob den Sohn auf die Schultern, und Lukas lachte laut. Heike ging an seiner Seite, ihr Kopf streifte gelegentlich seine Schulter. In dieser einfachen, alltäglichen Berührung lag mehr Wert als in allen roten Schuhen und lauten Lachen der Welt. Er verstand nun, spät und schmerzhaft, dass das Kostbarste nicht die Leidenschaft ist, sondern die Stille. Nicht das wenn, sondern das trotz allem. Und er war bereit, Jahre lang zu beweisen, dass er das Recht hatte, diese Stille an ihrer Seite zu teilen.

Schätze, was du hast.

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