Jedem seine Zeit

Jede Zeit hat ihr eigenes Wesen

Gisela Roth, die nach ihrem Ruhestand nicht untätig am Fenster saß, gehörte zu den unermüdlichen Optimistinnen, die förmlich von der Sonne aufgeladen werden. Sie klagte nie über das Leben worüber soll man klagen? Sie heiratete aus Liebe, bekam eine Tochter und ließ sich schließlich von ihrem Mann scheiden. Aus den Augen, aus dem Sinn, hieß es, und dafür hatte sie Freunde, ihre geliebte Arbeit und das Reisen.

Gerade das Reisen füllte die plötzlich entstandene Leere. Nicht mit organisierten Touren, sondern mit eigenen, selbst organisierten Fahrten. Sie lernte, Hostels zu buchen, Routen zu planen und Mitfahrgelegenheiten zu ergattern. In ihrer Reisetasche befand sich stets ein Notizbuch mit Kontaktdaten von Menschen, die sie überall in Deutschland für eine Nacht aufnehmen konnten.

Eines späten Herbsttages fuhr sie in die kleine Stadt Goslar, die für ihre alten Fachwerkhäuser berühmt ist. Von frühmorgens nieselte ein leichter Regen, der die Gassen in glänzende Bäche verwandelte. Gisela, leicht durchnässt, erreichte das Haus, das ihr gezeigt worden war ein kleines, geschnitztes Fachwerkgebäude mit hohem Vorbau. Dort sollte ihr Heinrich Bauer, ein langjähriger Freund ihrer Bekannten, die Tür öffnen und ihr für ein paar Nächte Unterschlupf gewähren.

Der Türöffner war ein großer, etwas gebeugter Mann mit grau melierten Haaren und überraschend klaren, herbstblauen Augen.

Kommen Sie herein, Gisela Roth, wir warten schon, sagte er gelassen, als wäre er ein alter Bekannter.

Der Duft von Kiefern, Ofenwärme und einem Hauch von Apfelmus lag in der Luft. Heinrich war ein Mann von wenigen Worten. Er reichte ihr schweigend ein großes, flauschiges Handtuch, stellte ohne ein Wort einen Kessel auf den Tisch und ließ sie am Ofen wärmen.

Den Abend verbrachten sie bei Tee. Das Gespräch hakte er war zurückhaltend, sie fühlte sich wie ein fremder Gast. Doch als das Thema Reisen aufkam, flackerte ein Funke in seinen Augen.

Ich bin auch viel unterwegs gewesen, sagte er plötzlich. Als Geologe. Das ganze Land durchkämmt.

Er erhob sich und reichte ihr eine alte, abgewetzte Karte, übersät mit Notizen, Weglinien und merkwürdigen Symbolen.

Das ist Ihr Leben, stellte Gisela fest, ohne zu fragen.

War es, korrigierte er leise.

Am nächsten Morgen hatte der Regen aufgehört. Heinrich bot ihr überraschend an, die Stadt zu zeigen. Er führte sie nicht über die Hauptstraßen, sondern durch enge Gassen, die nur Einheimische kannten. Er zeigte das Haus, in dem ein berühmter Maler geboren wurde, und eine verlassene Schmiede, an deren Tür ein vom Zahn der Zeit verdunkelter Riegel hing. Er sprach wenig, doch jedes seiner Worte war wohlüberlegt, wie ein Mann, der seine Stimme schont.

Gisela lauschte, sah zu ihm und bemerkte, wie sehr sie das alles fesselte nicht wie das grelle Sonnenlicht auf italienischen Plätzen oder das Lärmen asiatischer Märkte. Es war ein anderer, tieferer Reiz, still und klar wie das Wasser eines Waldsees.

Sie sollte in zwei Tagen abreisen, doch sie blieb. Sie sagte, der Fahrplan könne sich ändern. Heinrich nickte, ohne Überraschung und ohne Begeisterung. Am nächsten Morgen weckte er sie im Morgengrauen.

Kommen wir, sagte er. Ich zeige Ihnen einen Ort.

Sie wanderten einen vom Tau feuchten Pfad entlang eines Kiefernwaldes. Die Luft war dicht und berauschend. Plötzlich teilte sich der Wald und offenbarte die glatte Oberfläche eines Sees, still wie ein Spiegel. Das vor Morgendämmerung rosige, goldene Himmelsband spiegelte sich darin. So still, dass man das Atmen der Erde vernahm.

Sie standen schweigend. In dieser Stille war keine Peinlichkeit, sondern Vollständigkeit der Moment, die Natur, die unausgesprochenen Worte, die zwischen ihnen schwebten.

Nach dem Tod meiner Frau dachte ich, das Leben sei vorbei, sagte Heinrich plötzlich, ohne sie anzusehen. Ich sah keinen Sinn mehr. Dann kamen Sie und erzählten, wie schön das Morgengrauen ist. Und ich erinnerte mich, dass ich das wieder sehen will. Deshalb stehen wir hier.

Gisela sah seine starken, von Arbeit gezeichneten Hände, die feinen Falten um die Augen und den klaren, ruhigen Blick. Ohne pathetisch zu werden, legte sie ihre Hand über seine.

Ich bleibe wohl noch einen Tag, sagte sie. Wenn es Ihnen recht ist.

Er wandte sich zu ihr, und in seinen Augen sah sie nicht die Herbstkühle, sondern das leuchtende Sommerlicht.

Ich bin dagegen?, erwiderte er. Ich bin dafür.

Der Rückweg verlief in einem anderen Schweigen nicht unangenehm, sondern tief und verständlich, wie die glatte See. Ihre Hände berührten sich gelegentlich, das natürlichste, was es gibt.

Heinrich begann, ohne zu fragen, Holz für den Ofen zu hacken, und Gisela fand in der Küche Mehl und ein Glas Honig.

Möchten Sie Pfannkuchen?, rief sie durch das Küchenfenster hinaus.

Ein zustimmendes Lachen, halb Husten, halb Kichern, erklang aus der Werkstatt. Sie machte sich ans Werk und fühlte sich überraschend heimisch in dieser fremden, doch warmen Küche.

Er kam herein, wusch sich die Hände.

Es riecht nach Himmel, sagte er schlicht, und für Gisela war das das größte Kompliment.

Sie blieb nicht nur einen Tag. Eine Woche verging wie ein einziger Morgengruß am See. Sie sprachen über alles mögliche. Er zeigte ihr seine geologischen Tagebücher, Skizzen von Felsen und Mineralien. Sie erzählte von verrückten Mitreisenden und von einer Nacht in einer verlassenen Kirche im Harz. Sie lachten. Viel zu lachen. Und es war erstaunlich, einen Menschen zu finden, dessen Lachen im eigenen Herzen widerhallt.

Doch die Tickets waren wieder gekauft, die Tochter wartete in der Stadt, und die Realität klopfte unnachgiebig an die Tür. Zwei Tage vor der Abreise saß Gisela auf dem Vorplatz und sah Heinrich an einer Vogelscheibe arbeiten.

Ich gehe bald, sagte sie, als prüfte, ob die Worte halten.

Er nickte, ohne die Arbeit zu unterbrechen.

Ich weiß.

Beim Abendessen legte er plötzlich die Gabel beiseite.

Ich habe ein Anliegen, Gisela Roth, sagte er mit ungewohnt formellem Ton. Da gibt es einen wenig bekannten Felsspalt, drei Stunden entfernt, wo außergewöhnliche Gesteine ans Licht kommen. Ich wollte dort eine kleine Expedition starten. Möchten Sie mich begleiten? Als Hobbyführer.

Sie sah in seine ehrlichsten Augen und verstand: Das war seine Art, ihr zu sagen, was Worte nicht ausdrücken konnten ihn zu bitten zu bleiben.

Wie viele Nächte sollen wir packen?, fragte sie scherzhaft ernst.

So viele, wie Sie wollen, erwiderte er und ließ den Blick nicht von ihr weichen. Der Ort ist wild, es gibt keine Unterkünfte, nur ein Zelt.

Sie begriff, dass es kein bloßes Angebot war, sondern eine Einladung in seine Stille, in sein Leben.

Ich habe die nächsten zwei Tage frei, lächelte Gisela. Sehr frei.

Am nächsten Morgen fuhren sie in seinem alten VW-Kleinbus über holprige Straßen, die zwischen Seen und Kiefern schlängelten. Der Duft von Tannennadeln, ein Hund, und ein Hauch von Werkzeugen lag in der Luft.

Am Rand des Felsspalts, auf einer steilen Klippe über einem türkisblauen Fluss, blieb Gisela stehen. Es war nicht nur ein schönes Bild, sondern eine uralte Kraft, stille Größe. Heinrich stand neben ihr, blickte nicht auf das Panorama, sondern auf sie.

Wie gefällt es Ihnen?, flüsterte er.

Ich bleibe, Heinrich, antwortete sie leise, während sie sich zu ihm drehte. Für lange Zeit, wenn Sie nichts dagegen haben.

Er lächelte.

Ich bin dagegen?, wiederholte er ihren ersten Scherz. Ich bin dafür.

Und hoch über dem Fluss, unter dem Ruf einsamer Vögel, umarmten sich zwei Rentner, die an den Brüchen des Lebens zueinander gefunden hatten, fest und zärtlich, als wollten sie das neue, zerbrechliche Glück nicht mehr loslassen. Es kam nicht zur rechten Zeit zu spät, vielleicht , aber genau dann, als es am meisten gebraucht wurde.

Die Geschichte lehrt uns, dass das Leben niemals endet, solange wir bereit sind, neue Wege zu gehen und das Herz für unerwartete Begegnungen offen halten.

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Jedem seine Zeit
La Mujer Temporal