Ich habe dich nicht erkannt

Johann Steffens lebte sein ganzes Leben mit seiner Frau Helga in einem bescheidenen Häuschen am Rande des kleinen Dorfes Kleinendorf. Sie hatten einen Sohn, Lukas, nach dem sie ihn in die Stadt München schickten, um zu studieren. Stolz wie ein Pfau hatten sie ihn dort mit Auszeichnung abschließen sehen und warteten sehnsüchtig darauf, dass er endlich eine feste Ehe einginge nicht mit diesen städtischen Freundinnen, wie sie es nannte.

Und dann kam er zurück. Eines Sommers brachte Lukas eine junge Frau mit. Keine gewöhnliche Freundin, sondern ein leuchtendes, lautes Mädchen in einer Kleidung, die Johann die Augen brennen ließ. Sie hieß Anneliese.

Papa, Mama, das ist Anneliese meine Frau. Wir werden hier, an der frischen Luft, wohnen, verkündete Lukas und umarmte sie fest an den Schultern.

Helga jubelte, froh dass ihr Sohn endlich sein Glück gefunden hatte. Johann jedoch schwieg, nur die Lippen zu einem dünnen Strich verzogen. Anneliese passte nicht zu ihm, nicht zu Lukas. Ihre Hände waren weiß, ihre Nägel in grellem Rot, ihr Blick hochmütig. Er hätte sich eine schlichte, fleißige Dorfjugendgattin gewünscht.

Anneliese drang wie ein Orkan in ihr ruhiges Landleben ein. Ein Computer thronte auf der Küchenzeile, laute Musik dröhnte von morgens an, ihr Parfüm duftete in den Fluren wie in einer Apotheke. Sie versprach, den Haushalt zu optimieren und einen natürlichen Garten anzulegen. Sie kaufte Legehennen, die sofort verendeten, weil sie im Frost nach draußen entlassen wurden. Im Frühling pflanzte sie exotische Blumen, die nach einer Woche verdorrten.

Johann beobachtete schweigend. Er schwieg, als sie versuchte, die Kuh zu melken und fast den Wasserkrug umstieß. Er schwieg, als sie beim Mittagessen über seine geliebten gesalzenen Pfifferlinge runzelte. Innerlich brodelte er, doch die Stille blieb. Für ihn war sie keine Hausherrin, sondern ein Hohn.

Die Beziehung geriet von Anfang an ins Stocken. Helga versuchte, es allen recht zu machen, wusch die Bettwäsche, kochte für alle. Johann warnte: Verwöhne sie nicht, lass sie selbst für sich sorgen. Meist zog er sich ins Feld oder in den Schuppen zurück, um die städtische Staubwolke nicht zu sehen.

Eines Tages initiierte Anneliese eine große Aufräumaktion. Sie brachte den alten, abgenutzten Samowar vom Dachboden zum Müll ein Erbstück, das Johann von seinem Vater geerbt hatte. In jenem Abend brach er zum ersten Mal laut los:

Wer hat dir das Recht gegeben, das wegzuschmeißen? Hast du nicht einmal gefragt! Du bist hier eine Fremde! Du verstehst nichts und schätzt nichts!

Lukas versuchte zu vermitteln, sagte, der Samowar sei sowieso kaputt, doch Johann hörte nicht. Anneliese weinte, die Wände des kleinen Hauses erzitterten vom Aufruhr.

Das Zusammenleben wurde unerträglich. Johann sprach nicht mehr mit ihr, und sie antwortete mit eisigem Spott. Lukas schwankte zwischen Vater und Frau hin und her, versuchte zu schlichten, doch der Alte blieb unbeugsam.

Nimm deine Schauspielerin und verlasst das Dorf. Hier habt ihr keinen Platz mehr, sagte er kalt an seinem Sohn eines Morgens.

Eine Woche später zogen sie fort. Das Haus fiel wieder in eine Stille, die nach Beifuß und altem Holz roch, doch die Freude kehrte nicht zurück. Helga seufzte leise, wälzte alte Fotos des Sohnes durch ihre Hände. Lukas saß auf der Schwelle und starrte auf die leere Straße.

Zwei Jahre vergingen. Helga ertrank in der Stille, erkrankte und starb im Winter. Johann blieb allein im plötzlich leeren Haus. Lukas rief selten, meldete nur knapp: Lebt, ist gesund, mach dir keine Sorgen.

Eines eisigen Morgens, als der Frost das Land verkratzte, ging Johann nach Holz, rutschte aus und brach sich das Bein. Die Nachbarn halfen, brachten ihn ins Krankenhaus, legten einen Gips an, setzten ihm Krücken. Zu Hause war er überfordert. Sobald Lukas davon erfuhr, fuhr er sofort herbei.

Vater, komm mit zu uns in die Stadt. Ich lasse dich nicht hier allein, drängte Lukas.

Zu dir? Zu ihr? Niemals! Lieber sterbe ich hier allein, knurrte der Alte. Ich sterbe besser hier allein.

Doch es gab kein Entkommen. Lukas brachte ihn in seine Mietwohnung in München. Johann fuhr wie zum Galgen, erwartete Vorwürfe und triumphierende Blicke seiner Schwiegertochter.

Anneliese erwartete sie im Flur, ohne grelles Lippenstift, in einem schlichten Hausschurz. Ihr Gesicht war müde, aber gelassen.

Kommen Sie, Johann Steffens. Das Zimmer ist fertig, sagte sie leise.

Sie half ihm, mit den Krücken ins Bett zu kommen, zog die Decke zurecht, brachte Tee. Sie sprach kaum, doch kümmerte sich still: fütterte, gab zu trinken, richtete die Bettdecke. Er erwartete einen Spott, ein scharfes Wort doch nichts kam.

Einige Tage später brachte sie ihm ein altes Fotoalbum, das er zu Hause zurückgelassen hatte.

Lukas sagte, du schaust gern darin.

In einer Nacht wurde ihm schwindelig, der Blutdruck stieg, das Ohr dröhnte. Er wollte Wasser holen, fiel auf den Teppich. Anneliese war die Erste, die kam, rief nicht laut, rief keinen Krankenwagen, sondern blieb ruhig, hielt seine Hand, bis die Sanitäter kamen.

Im Krankenhaus, nach dem Schock, hörte er ihr leises Gespräch mit der Ärztin: Ja, mein Schwiegervater. Bitte passen Sie gut auf ihn auf, er ist ein eigensinniger Bursche.

Er öffnete die Augen, als sie zurückkehrte, und sie richtete still die Decke.

Anneliese, keuchte er. Sie wandte sich zu ihm.

Verzeih mir, alter Mann. Ich habe dich damals nicht richtig gesehen, flüsterte sie. Sie setzte sich ans Bett, sah ihn an, und in ihren Augen war weder Schadenfreude noch Groll.

Ach, Johann Steffens, auch ich war einst ein törichter Junge mit großem Hochmut. Ich dachte, ich würde euch Dorfleute belehren. Sie lächelte bitter. Das Leben hat mich selbst gelehrt. Und Lukas er liebt Sie sehr.

Er nickte nur stumm. Sie packte seine alte, aber feste Hand und drückte sie leicht.

Machen Sie sich keine Sorgen. Erholen Sie sich. Wir warten zu Hause auf Sie.

Johann schloss erneut die Augen, doch diesmal nicht aus Scham, sondern aus einem unerwarteten, tiefen Frieden, der ihn durchströmte wie warmes Sonnenlicht. Er fand nicht die Schwiegertochter, die er erwartet hatte, sondern einen Anker. Fremd im Blut, doch doch zu ihm gefunden.

Nach einer Woche wurde er entlassen. Lukas murmelte mürrisch:

Vater, nehm das Taxi, du bist noch schwach.

Johann, gestützt auf seinen Stock, schlurfte mit gemächlichem, ländlichen Schritt zur Tür. Er fuhr nach Hause.

Die Wohnung roch nach echtem Gulasch genau dem, den er liebte. Der Tisch war liebevoll gedeckt: Scheiben von geräuchertem Speck, ein Schälchen Sauerrahm, knusprige Brötchen mit Knoblauch.

Zu dritt saßen sie am Tisch. Johann aß schweigend, genoss den Gulasch, dann blieb stehen, sah direkt zu Anneliese.

Danke, Tochter, sagte er leise, aber klar. Für alles.

Er nannte sie zum ersten Mal Tochter. Lukas erstarrte, fürchtete, den Moment zu zerstören. Anneliese senkte zunächst den Blick, hob ihn dann und ihre Augen funkelten.

Essen Sie, Johann Steffens, ehe es kalt wird.

Von da an herrschte in ihrem Heim ein neuer, stiller Rhythmus. Johann schwieg nicht mehr; er erzählte von seiner Kindheit, vom Dorf, von Helga. Anneliese hörte zu, stellte Fragen, stritt manchmal, doch ohne Bosheit, mit Respekt. Er zeigte ihr, wie man echte, ländliche Kuchen backt, und sie zeigte ihm, wie er in seinem Handy Fotos vom Dorf finden konnte, die ihm die Nachbarn schickten.

Sie blieben nicht blutsverwandt, doch wurden sie durch Wahl verbunden durch die leise, hartnäckige Güte, die Stolz und Groll überwindet. Oft saß Johann am Fenster, sah auf den Himmel über München und dachte, das Leben sei manchmal gerade, manchmal krumm. Man stolpert, fällt, doch am Ende führt es einen dorthin, wo man gebraucht wird. Nach Hause.

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