Omas geheimnisvoller Kleiderschrank

13.November2025 Mein Tagebuch

Heute war das Haus in Berlin ungewöhnlich still. So still, dass ich das leise Rauschen der Wasserleitungen in der Nachbarwohnung hörte. In mir nagten jedoch alte Erinnerungen, als wäre ein Schwarm Katzen durch mein Herz gestreichelt. Ich lag auf dem Bett, starrte zur Decke und drehte denselben schweren Gedanken im Kreis alles wegen des Schranks.

Nicht irgendein Schrank, sondern ein ehemaliger DDRSchrank, massive Bauweise, roteiche Maserung, ein kleines Hochbett, das mein verstorbener Mann Stefan selbst zusammengebaut hat. Wir haben damals zusammen die GlasEinlegeböden eingesetzt und gelacht, bis die Tränen kamen. Jetzt steht er im Kinderzimmer meiner Tochter Lena und bewahrt die Spielzeuge meiner Enkelin Anneliese.

Gestern meinte Lena ganz unverblümt:

Mama, wir müssen diesen MonsterSchrank loswerden. Lass uns ein IKEAModul kaufen, hell und modern. Der alte ist ausgetrocknet, die Türen schließen nicht mehr richtig und sieht überhaupt nicht mehr schick aus.

Sie zog los, um zur Arbeit zu gehen, und ließ mich wie erstarrt zurück. Das Wort Monster hallte in meinem Kopf wider. Für Stefan war dieser Schrank das Meisterwerk seines Lebens er zeigte jedem Besucher stolz die perfekt gearbeiteten Kanten und das eigens ausgesuchte Sperrholz. Lena liebte es, im unteren Fach zu sitzen, als wäre es ein Nest. Jetzt spielt Anneliese dort.

Am nächsten Morgen rief meine alte Freundin Vera an:

Marie, du musst den alten Kram einfach wegwerfen und dich freuen! Die Kinder wissen besser, was sie brauchen. Du hast dann mehr Platz und Freiheit.

Ich seufzte: Ich weiß, es wäre leichter aber irgendwie

Vera erwiderte scharf: Keine Ausreden! Du bist keine Konservendose, die alte Sachen bewahren muss.

Zwei Tage vergingen, und Lena mit ihrem Mann Peter durchstöberte Möbelkataloge, maß die Räume mit dem Zollstock und schaute sich OnlineAngebote an. Ich schwieg, doch manchmal strich ich mit der Hand über die glatte Oberfläche des Schranks, berührte den Griff, den Stefan so lange gesucht hatte.

Eines Tages klemmt Anneliese das Schloss im Fach. Ich schob die Tür, drückte wie Stefan es mir einst gezeigt hatte und das Schloss sprang auf.

Oma, du bist eine Zauberfee!, jubelte Anneliese.

Nicht ich, dein Opa hat es mir beigebracht, hauchte ich.

Am Abend rief ich das FamilienMeeting ein. Lena, Peter und Anneliese mit ihrer Puppe saßen mir gegenüber.

Wegen des Schranks, begann ich, meine Stimme zitterte. Ich will ihn weder verkaufen noch wegwerfen. Das geht nicht.

Lena seufzte: Mama, wir hatten doch beschlossen

Ich hielt sie auf: Hört zu, er gehört nicht euch, er gehört mir. In meinem Zimmer finde ich Platz für Wäsche und Stoffe. Anneliese bekommt einen neuen Schrank, wie ihr wollt.

Stille senkte sich über das Wohnzimmer.

Aber Mama, es wird eng und unbequem, fragte Lena besorgt.

Für mich ist es bequem. In diesen Türen liegen meine Erinnerungen, Stefans Hände haben ihn gebaut. Er ist kein Monster, er ist ein Zuhause. Ich nehme ihn mit.

Peter zuckte mit den Schultern: Wenn du es wirklich willst

Anneliese sprang zu mir, umarmte mich fest: Hurra! Mein kleines Häuschen bleibt!

Am nächsten Tag begannen wir zu transportieren. Ich kommandierte wie eine Generalin: Vorsicht an der Ecke! Haltet die Türen fest! Der Schrank fand seinen Platz in meinem Schlafzimmer. Der Raum wirkte plötzlich kleiner, fast überfüllt, aber irgendwie richtig.

Lena kam später vorbei und fragte: Na, Mama, hast du dich eingerichtet?

Ja, sagte ich bestimmt, dann nach einem Moment: Weißt du, Lena, ich habe ihn nicht nur zu mir genommen. Er schützt mich jetzt.

Lena sah meine Hände, die auf der dunklen Holzoberfläche ruhten, als wären sie Teil etwas Lebendigen. In ihren Augen lag ein seltsames Mitleid und zugleich ein neues, fremdes Gefühl.

Na gut, hauchte sie. Hauptsache, dir gehts gut.

Doch wirklich gut ging es mir. Ich richtete das Zimmer neu ein, schob das Bett ein Stück zur Seite, damit der Schrank nicht zu drängend stand, sondern ein Begleiter wurde. Auf die oberen Regale legte ich mit Peters Hilfe Bettwäsche, in die Schublade kamen alte Fotoalben, Stefans Briefe von Dienstreisen, vergilbte Postkarten aus seiner Pionierzeit. Das untere Fach, Annelieses Nest, ließ ich leer dort soll sie weiter spielen. Der Schrank ist zu einer Arche geworden.

Einmal, als Lena eilig ein Paket holte, erwischte sie mich am Tisch, wie ich in Fotos blätterte.

Mama, was machst du?

Erinnere mich nur, lächelte ich, nicht zu ihr, sondern ins Leere. Siehst du, Stefan hat diesen Schrank allein zusammengebaut, stolz wie ein Ritter vor seiner Burg. Und du, mit drei Jahren, saßt auf seinen Knien und hast ihm ein Bonbon ins Maul geschoben.

Lena nahm ein Bild, das sie nicht kannte. Für sie war ihr Vater nur ein verschwommenes Bild aus Mamas Erzählungen, und dieser Schrank nur ein altes, umständliches Möbelstück.

Er hat eine Woche daran gearbeitet, flüsterte ich. Er wollte ein echtes FamilienFort bauen. Lustig, nicht?

Lena sah das Lächeln auf dem Foto, den festen Griff Stefans, und zum ersten Mal sah sie nicht ein Stück verstaubte Altware, sondern ein Denkmal ein Denkmal für die Hände ihres Vaters, die Erinnerungen ihrer Mutter und ihr eigenes, in diesem Fach verwahrtes Kindsein.

Vielleicht können wir ihn ja restaurieren?, schlug Lena vorsichtig vor. Peter sagt, wir finden neue Scharniere, schleifen das Frontteil und geben ihm Lack. Er werkelt doch immer gern in der Werkstatt.

Ich blickte sie an, die Augen weit offen vor Hoffnung. Ein wenig erschrocken über meine eigene frühere Härte, sagte ich: Wirklich?

Natürlich. Sag mir nur, welchen Farbton du willst vielleicht etwas heller, damit es in deinem Zimmer freundlicher wirkt.

Nein, erwiderte ich sofort. Lass ihn so, wie dein Vater ihn wollte. Nur reparieren, damit er weiter dient. Damit Anneliese ihre Geheimnisse darin bewahren kann.

Der Schrank wurde repariert. Peter zog lose Teile fest, ersetzte die Scharniere, polierte das Glas. Er stand wieder im selben Zimmer, solide, rotgeölt, nun glänzend und die Türen schlossen mit einem leisen, zuverlässigen Klick.

Eines Nachmittags spielte Anneliese auf dem Teppich und fragte:

Oma, hat dein Papa den Schrank wirklich gebaut?

Ja, mein Schatz, antwortete ich.

Er ist stark, erklärte das Mädchen ernsthaft. Er hält lange.

Ich streichelte den Schrank wie einen treuen Hund.

Ja, er ist stark. Und er wird noch hundert Jahre halten.

Ein kurzer Blick von Lena, die in der Tür stand, traf mich. Sie lächelte nicht herablassend, sondern warm und mit einem neuen Verständnis. Der Schrank war kein Streitpunkt mehr, sondern ein stiller Wächter, der nicht Dinge, sondern Zeit bewahrte. In seinem polierten Holz spiegelte sich nicht nur das Zimmer, sondern unsere gemeinsame Geschichte Vergangenheit, Gegenwart und, so war ich mir sicher, Zukunft.

Lena setzte sich ans Bett, legte die Hand auf die glatte Oberfläche und sagte:

Peter meint, wir könnten uns ein unauffälliges Licht in die oberen Regale einbauen, damit du abends nicht die große Deckenlampe einschalten musst. Und das Fach für deine Bastelarbeiten reparieren, damit es nicht mehr klemmt.

Tränen stiegen mir in die Augen, doch es waren Tränen des Eingeständnisses. Nicht mehr allein beschützte ich meine Burg, jetzt hatte ich eine Garnison.

Danke, Lena, flüsterte ich.

Danke dir, Mama, dass du uns vor diesem großen Fehler bewahrt hast. Dass du uns an die Erinnerungen geführt hast.

Am Abend tranken wir Tee in der Küche, und Lena brachte von sich aus ein altes Fotoalbum. Wir blätterten gemeinsam mit Anneliese, und Lena zeigte ihr das Bild vom Großvater Stefan neben dem Schrank. Siehst du, was für ein schöner Mann das ist?, sagte sie.

Anneliese nickte ernsthaft.

Der Schrank stand an seinem Platz. Er wirkte nicht mehr schwerfällig, sondern als Teil unserer Familie stumm, aber der verlässlichste Zeuge dafür, dass das Wertvollste nicht Neuheit oder Mode ist, sondern die Wärme menschlicher Hände, die einst bauten, behielten und jetzt weitergeben.

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