Der Schatten der hohen Pappel legte sich bereits über die halbe Bank. Anneliese schloss die Augen und richtete ihr Gesicht zum letzten herbstlichen Sonnenstrahl. Im Tiergarten war fast menschenleer, nur der Wind wirbelte kreuz und quer durch die Allee Bündel roter Blätter. Sie griff nach ihrer Tasche, tastete das kühle Plastik ihres Handys. Keine neuen Nachrichten, kein verpasster Anruf. Sie sitzt bestimmt noch in der Uni, dachte sie, ohne große Sorge.
Sie zog ein Buch hervor, wollte lesen, doch die Buchstaben verschwammen. Ihre Gedanken kehrten hartnäckig zu dem Gespräch am Morgen zurück. Die Tochter, Liselotte, war beim Frühstück irgendwie abwesend, ihr Blick entglitt ihr.
Mama, du hast keine Ahnung, welche Chance das ist! Nur ein halbes Jahr. Das ist doch Prag!
Ich weiß Bescheid, erwiderte ich trocken. Und ich weiß, worauf das hinausläuft. Du würdest dein Studium aufgeben.
Nein! Ich komme zurück und hole alles nach!
Niemand kommt zurück, Liselotte. Alles, was mit ein halbes Jahr beginnt, bleibt für immer.
Das Gespräch endete im Sande, Liselotte schloss die Tür mit einem Knall. Ein gewöhnlicher Streit wir hatten in letzter Zeit viele. Doch heute lag eine ungewöhnlich schwere Stille in der Luft.
Ich sah erneut auf die Uhr halb fünf. Liselottes Vorlesungen hätten schon vor einer Stunde enden sollen. Ich wählte die Nummer. Der Anruf gelang nicht; das Telefon war offenbar aus. Das Handy ist wohl tot, wischte ich die Sache beiseite, doch ein kalter, nagender Faden der Unruhe kroch in mir hoch.
Ich packte ein paar Sachen und verließ die Wohnung, unfähig, länger zu sitzen. Das Apartment empfing mich mit einem dumpfen, wachsamen Schweigen. Ich ging durch die Zimmer, als sähe ich sie zum ersten Mal. Das Regal mit Liselottes Bilderbüchern, das zerschlissene Aufkleber an der Schranktür, das Foto auf der Kommode: wir beide lachend am Meer, ihr sonnengebräuntes Gesicht, ein strahlendes Lächeln. All das war mein Leben, gebaut um dieses Kind, fest und unverrückbar.
Das Telefon blieb stumm.
Die Unruhe wuchs zur stillen, aber totalen Panik. Ich rief Liselottes Freundinnen an, bekam ausweichende Antworten, als wüssten sie nichts. Die letzte Hoffnung lag bei Max, Liselottes Freund. Nach fünf Klingeltönen nahm er ab.
Guten Tag, Frau Becker.
Max, wo seid ihr? Ihr Telefon geht nicht.
Eine unbequeme Stille folgte.
Max?
Sie wird Ihnen alles selbst erzählen, stammelte er.
Was wird sie sagen? Wo ist sie?
Am Flughafen.
Mein Herz blieb stehen. Die Geräusche das Rauschen der Autos draußen, das Ticken der Uhr im Flur verschwanden. Langsam ließ ich mich auf den Stuhl am Telefonischstisch sinken.
Welcher Flughafen?, meine Stimme klang fremd, flach.
Berlin Brandenburg. Der Flug nach Prag geht in zwei Stunden. Ich fliege mit ihr. Sie hatte Angst, es mir zu sagen.
Ich erinnerte mich nicht mehr, was ich ihm antwortete. Ich legte auf und starrte ins Leere. Nichts im Kopf, im Herzen, in der Wohnung nur Leere. Es war geschehen. Das, wovor ich die letzten Monate gefürchtet hatte. Nicht ein Streit, kein Schrei, kein Türknallen. Ein leiser, geordneter Abschied. Flucht.
Instinktiv ging ich zu Liselottes Zimmer. Alles war sauber, aufgeräumt fast zu sauber. Ich riss die Schranktür auf. Der Innenraum war halbleer. Die grüne Jacke, der warme Pullover, der rollbare Koffer fehlten.
Plötzlich überkam mich eine Welle hilfloser, alles zermalmender Wut. Wie konnte sie? Still, heimlich, mit einer Lüge! Ich schnappte mir das erstbeste, was ich finden konnte einen alten Plüschbären, abgewetzt, mit einem Auge wie einer Knopfperle. Mein Lieblingsspielzeug. Ich wollte ihn gegen die Wand werfen, doch meine Hand gehorchte nicht. Meine Finger öffneten sich, und ich drückte den Bären fest an mich, vergrub mein Gesicht in das abgenutzte Fell, das noch den schwachen Duft von Kinderparfüm trug.
Wut wich Verzweiflung. Ich ließ mich auf das Kinderbett fallen und ballte mich zusammen. War das alles vergeblich? All die Jahre, die Sorgen, die schlaflosen Nächte, der Kampf um ihre Zukunft hier, zu Hause? Alles umsonst?
Plötzlich sprang ich auf, rannte zum Telefon. Taxi, bitte ein Taxi.
Ich hetzte durch die Wohnung, fand keinen Schlüssel, keine Tasche, wusste nicht, was ich anziehen sollte. In meinem Kopf dröhnte: Beeil dich, nur noch rechtzeitig. Meine Hand griff nach Liselottes Jacke, die im Flur hing. Ich steckte die Nase in den Kragen, atmete den vertrauten, heimischen Geruch ein und spürte erneut den stechenden Stich im Herzen. Ich warf meinen alten Mantel über die Schultern und verließ die Wohnung, ohne die Tür abzuschließen.
Im Taxi schwieg ich, drückte mich an den Sitz und starrte aus dem Fenster. Berlin zog vorbei, fremd und gleichgültig. Werbelichter, endlose Autostraßen. Irgendwo dort, in diesem Strom, fuhr meine Tochter oder war bereits im Aufstieg. Ich stellte mir Liselotte am strengen Glasterminal vor bleich, ängstlich, aber nicht mehr meine. Fremd.
Was soll ich sagen?, dachte ich, die Fäuste ballend. Beten? Schreien? Sie mit dem Hintern schlagen, wie früher, wenn sie auf die Straße rannte? Oder knien und weinen?
Das Taxi fuhr zur Ankunftshalle des Flughafens. Ich zahlte hastig, sprang hinaus und drängte mich durch die Menge. Stimmen, Gedränge, Sprachen aller Winkel. Ich suchte verzweifelt unter den Kapuzenpullis und Rucksäcken nach ihr. Mein Herz hämmerte in der Kehle.
Dann sah ich sie. Nicht in der Menge, sondern bereits hinter der Sicherheitskontrolle, den Rücken zu mir gewandt, das Dokument in der Hand. Neben ihr stand Max, flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie drehte sich, lächelte. Dieses lebendige, freie Lächeln war für mich der letzte Tropfen. Ich wusste, ich konnte nicht mehr eingreifen, nicht mehr den Moment zerreißen, nicht mehr das Verbot verkörpern.
Ich erstarrte wie ein Fisch im Glas, hilflos und stumm. Liselotte ging durch die Kontrolle, ein paar Schritte weiter, und drehte sich plötzlich um. Irgendwie, vielleicht weil sie einen Blick spürte, trafen sich unsere Augen durch das dicke, undurchdringliche Glas.
Ihr Lächeln verglitt, erstarrte zu Schock, Angst und Schuld. Sie rief etwas, doch ich hörte nur die Bewegung ihrer Lippen: Mama
Ich erwiderte nichts. Langsam, ganz langsam hob ich die Hand und winkte nicht Komm her, nicht Bleib, nur ein stilles Winken, als wolle ich Abschied nehmen.
Dann holte ich mein Telefon heraus. Meine Finger zitterten, ich fand kaum die Buchstaben. Ich sah, wie Liselotte, ohne den Blick von mir abzuwenden, in ihren Rucksack griff und ein Telefon hervorholte.
Nur eine Nachricht, zwei Worte: Guten Flug!
Ich sah, wie sie las, ihr Gesicht verzog sich, sie lehnte den Kopf an das kalte Glas und brach in Tränen aus. Nicht aus Angst, nicht aus Freude, sondern aus dem plötzlichen, ohrenbetäubenden Bewusstsein, welchen Preis diese Flucht hatte.
Ich drehte mich um und ging davon, ohne mich umzudrehen. Der Rücken war gerade, als trüge er einen Stahlstab unter dem Mantel. Ich tat das Schwierigste, was eine Mutter kann ich ließ los. Und dieses Loslassen war beängstigender als jeder Streit.
Der Taxifahrer sah mein bleiches, erstarrtes Gesicht im Rückspiegel und wagte kein Wort. Wir fuhren in völliger Stille, nur das Dröhnen der Berliner Abendstraße drang an. Ich schaute aus dem Fenster, sah nichts. Vor meinem inneren Auge nur das verzerrte, weinende Gesicht meiner Tochter hinter einer unsichtbaren Mauer.
Die Tür öffnete sich in dieselbe Stille, die ich Stunden zuvor verlassen hatte. Jetzt war sie endgültig. Ich trat ein, zog den Mantel ab, hängte ihn an den Kleiderhaken.
In die Küche ging ich, schaltete das Licht ein. Meine Hand wollte zum Wasserkocher greifen, hielt aber inne. Ich konnte weder trinken noch essen, noch atmen.
Stattdessen ging ich zum Kühlschrank. Zwischen Magneten aus Rothenburg und Liselottes Zeichnungen hing ein Zettel mit Passwörtern. Ich zog ihn ab, fand die Zeile Liselotte, VK. Das Passwort war das Geburtsdatum der Katze, die vor fünf Jahren gestorben war.
Ich setzte mich, öffnete den Laptop. Früher hätte ich nie die Seite meiner Tochter betreten. Jetzt war es ein fremdes Konto, ein fremdes Leben. Ich loggte mich ein.
Das Erste, was ich sah, war ein neues Foto im Profil: Liselotte und Max vor einem Flugzeugfenster, lachend, mit dem Kommentar Auf nach Prag!. Mein Herz zog sich zu einem eiskalten Knoten zusammen.
Ich scrollte durch den Feed hastige Vorbereitungen, Fotos voller Koffern, Screenshots von Tickets. Alles für alle, für Freunde, für Kommilitonen. Nie für mich. Ich war die Einzige, die nicht in dieses große, freudige Geheimnis eingeweiht war.
Dann fand ich einen Chat mit Max.
Bist du sicher, dass du es Mama nicht sagst?
Sie wird es nicht verstehen. Sie macht eine Szene. Besser später, wenn alles geklärt ist.
Und wenn sie
Sie wird es überstehen. Sie ist stark.
Ich schloss den Laptop, schob ihn weit weg, als wäre er glühend. Stark, hallte das Wort bitter in mir nach.
Ich ging zum Fenster. Draußen lag das nächtliche Berlin, Millionen Lichter. Hoch am schwarzen Himmel flog ein Flugzeug und darin war meine Kleine, die ich einst beim Schuhe binden und Silben lesen lehrte.
Ich weinte nicht. Tränen kommen, wenn man Trost sucht. Hier, in dieser Stille, gab es niemanden, der mir Trost schenkte.
Ich flackerte das Licht in der Küche aus und ging ins Kinderzimmer. Ich legte mich auf das Bett, drückte mein Gesicht in das Kissen, das noch nach meinem Shampoo roch.
Ein Gedanke drehte sich endlos: Warum habe ich ihr das angetan? Wo habe ich sie übersehen? Ich wälzte mich, suchte nach dem Moment, an dem alles schiefgelaufen war.
Dann erinnerte ich mich an ein banales Detail. Einen Monat zuvor räumten wir nach dem Abendessen das Geschirr ab. Liselotte stand am Fenster, sah ein Flugzeug über den Himmel ziehen und sagte leise, fast untypisch für sie:
Interessant, dort oben fühlt man sich doch auch klein und unfrei, oder?
Worüber redest du?, hatte ich abgewunken. Wasch das Geschirr, nicht philosophieren.
Sie seufzte und sprach das Thema nicht mehr an.
Ich schloss die Augen. Das war nicht hier, das war später oder früher? Ich tastete fieberhaft nach dem Gesprächsstück, nach dem Moment, an dem sie sich zurückzog, nach dem Ton, den ich verpasst hatte.
Ich hatte nicht den Moment übersehen, sondern den Menschen. Die Liselotte, die erwachsen wurde und fremd war, während ich, Anneliese, die Pfannen wischte und Hemden bügelte, dachte, dass die dicken Hauswände Liebe seien.
Schließlich schlief ich nackt im Licht der Straßenlaterne, das durch das Fenster fiel, auf das Bett.
Am Morgen riss ein hartes Klopfen an der Tür mich auf. Das Herz pochte: Ist sie zurückgekommen? Hat sie es sich anders überlegt? Ich stolperte zur Tür, öffnete sie.
Ein Kurier stand dort mit einem riesigen Strauß weißer Chrysanthemen und einem Umschlag.
Frau Becker? Das ist für Sie.
Ich schloss die Tür, ließ zittrige Hände den Umschlag öffnen. Darin war eine Karte mit folgendem Text:
Mama, es tut mir leid. Ich konnte es dir nicht ins Gesicht sagen. Ich hatte Angst, dass du mich so ansiehst, wie ich dich enttäusche, und ich würde das nicht ertragen. Ich laufe nicht weg, ich jage mich selbst ein. Du hast immer gesagt, ich kann alles. Jetzt probiere ich es. Danke für alles. Du bist das Wertvollste, was ich habe. Ich liebe dich. Deine Liselotte.
Ich drückte die Karte an meine Brust und sank langsam auf den Flurboden. Endlich kamen die leisen, bittere, endlos einsamen Tränen. Keine Wut mehr, nur ein erschütternder, universeller Kummer und eine zärtliche Wehmut für das Mädchen im Flugzeug, das aus Angst vor meiner Enttäuschung lieber still geflogen war.
Ich saß auf dem kalten Boden, umgeben von den weißen Blüten der Chrysanthemen, und weinte. Ich weinte um uns beide um die Mutter, die zu spät verstand, dass Wände ein Gefängnis sein können, und um die Tochter, die für ihre Freiheit das Zuhause verlassen musste.







