Der, der aus der Unterwelt zurückkehrte

Heike hatte schon immer das Gefühl, nicht hierher zu gehören. Schon als Kind flackerten seltsame Erinnerungen auf ein altes Fachwerkhaus, das nach Rauch und Äpfeln roch, eine dunkelhaarige Frau, die ihr leise ein Wiegenlied sang, ein Mann, der sie an die Decke warf und lachte, bis die Fenster zitterten. Ihre Mutter Brigitte winkte das alles als bloße Fantasie ab. Doch die Bilder wurden immer klarer.

Auch andere Zweifel nagten: Brigitte, mit ihren roten Haaren und blauen Augen, passte kaum zu Heikes dunklem Haar und braunen Augen. Vom Vater wurde nie ein Wort erwähnt.

Als Brigitte an Krebs erlag, flüsterte sie kurz vor dem Tod: Ich habe dich gestohlen. Heike, die gerade als Touristin ein Erdbeben erlebt hatte, fand in den Trümmern ein kleines Mädchen in gepunkteten Kleidern das einzige Lebende zwischen den Toten. Da sie selbst keine Kinder hatte, nahm sie das Kind mit nach Hause und zog es auf. Ich habe dir die Vergangenheit geraubt, aber dir den Namen gelassen. Deine Mutter hieß Elena, dein Vater Ivan.

Heike hielt das für ein Hirngespinst, bis sie ein vergilbtes Foto eines Mannes und einer Frau sah, deren Züge ihr unheimlich vertraut waren. Eine Leere drängte sie, die Wahrheit zu ergründen.

Weit entfernt kämpfte der alte Johann Timotheus mit einer schweren Krankheit. Ein Taschentuch voller Blut versteckte er vor seinem Pflegling Armin. Er hatte seiner Frau Lena versprochen zu warten, falls ihre verlorene Tochter Klara zurückkehren würde. Lena, einst gläubig an Karten und Omen, starb überzeugt, dass Klara noch lebte. In Johann lastete Schuld und Hoffnung zugleich.

Armin drängte ihn zur Behandlung, doch Johann lehnte ab. Stattdessen riet er Johann, sich eine neue Frau zu suchen und die verlorene Verlobte zu vergessen. Beide Männer wurden von demselben Schmerz gebunden Armin hatte seinen Vater beim selben Erdbeben verloren, das Johann sein Kind geraubt hatte.

Heike entschied sich. Sie kaufte ein Ticket nach ihrer alten Heimat und steckte nur die Adresse und das Foto in die Tasche. Im Taxi, das sie nach Berlin fuhr, erblasste der Fahrer, als er das Bild sah, und er brachte das Fahrzeug fast zum Stillstand.

Wie heißen Sie? fragte er zitternd.
Heike, antwortete sie.
Nein, seufzte er. Ihr richtiger Name ist Klara.

Heike erstarrte. Zufall oder Schicksal?

Der sterbende Johann ahnte, dass die letzte Nacht nahte. Er hoffte, friedlich wie Lena einzuschlafen, doch am Morgen erwachte er schwach, gebrochen, aber wachsam. Das Dröhnen eines Autos und Schritte im Flur drangen zu ihm.

Onkel Vano, ich bin’s! rief Armin und fügte hinzu: Ich bin nicht allein! Johann dachte, ein Arzt sei gekommen.

Doch die Tür öffnete sich und ein Mädchen trat ein. Nicht Lena, obwohl er im ersten Moment das dachte. Es war seine Tochter Klara, erwachsen, mit denselben dunklen Augen.

Heike nun Klara setzte sich ans Bett, streckte zaghaft die Hand nach seiner Hand aus. Johann, Tränen des Glücks im Blick, strich ihr über das Gesicht.

Tochter, flüsterte er. Endlich bist du nach Hause gekommen.

Für einen Augenblick hielt die Welt den Atem an. Das Versprechen, das er einst einer Frau gegeben hatte, war erfüllt. Und endlich fand er Frieden.

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Der, der aus der Unterwelt zurückkehrte
The Melody of Life or the Dragonfly