Anke, wohin willst du denn? die Großmutter zog die Stricknadeln beiseite und runzelte die Stirn. Wieder hinauf auf den Dachboden?
Anke, die bereits die Türklinke fest in die Hand genommen hatte, blieb wie erstarrt stehen. Man sah ihr an, dass das Mädchen nicht mit Fragen gerechnet hatte.
Nein, Oma, ich ich will einfach nur frische Luft schnappen.
Luft? schnaufte der Großvater, ohne die Zeitung aus der Hand zu legen. Dort liegt nur Staub bis zur Decke und Kälte. Willst du wieder dein altes Gerätchen hochziehen? Der ganze Winkel ist schon voll mit diesem Werkzeugzeug.
Das ist kein Werkzeug, murmelte Anke beleidigt. Das sind Bauteile.
Bauteile von was? bohrte der Großvater nach, legte die Zeitung beiseite. Erklär uns endlich, was du da zusammenklapperst. Ein Flugzeug etwa?
Anke wurde rot und senkte den Blick. Sie suchte nach Worten, die nicht albern klangen.
Na ja fast.
Der Großvater und die Großmutter tauschten einen Blick. Die Großmutter schüttelte den Kopf:
Kind, das reicht doch! Du solltest lieber Hausaufgaben machen oder mit anderen Kindern rausgehen. Stattdessen sitzt du nur mit deinem Lötkolben und diesen ähm Transistoren herum.
In diesem Moment klingelte es an der Tür. Der Klang war scharf, eindringlich und völlig unbekannt.
Ein junger Mann in Brille stand im Flur, das Gesicht ernst und etwas besorgt.
Guten Tag. Hier wohnt Anke Klein?
Die Großmutter wurde misstrauisch:
Was? Das ist doch unsere Enkelin. Was ist denn?
Der junge Mann atmete erleichtert aus.
Entschuldigen Sie die Störung. Ich heiße Lukas, ich studiere Robotik an der Technischen Universität München. Wir veranstalten einen Fernwettbewerb für Schülerinnen und Schüler mit dem Titel Technik der Zukunft. Ihre Enkelin hat ihr Projekt dort eingereicht.
Im Haus wurde es plötzlich still. Der Großvater erhob sich langsam vom Sessel.
Welches Projekt? fragte die Großmutter verwirrt.
Haben Sie das nicht mitbekommen? erwiderte der Besucher überrascht. Sie hat einen Prototyp eines Navigationsarmbands für blinde Menschen entwickelt. Mit Ultraschall warnt es vor Hindernissen. Die Konstruktion ist für ihr Alter wirklich genial. Wir möchten sie zum Präsenzfinale einladen, zusammen mit den Eltern. In der Anmeldung stand jedoch, dass die Eltern lange Dienstreise haben und Sie die Vormundschaft übernehmen.
Die Großmutter setzte sich schweigend hin. Der Großvater schaute immer wieder zur Tür zum Dachboden, wo ein Lichtschein aus dem Schacht drang. Dort war die Enkelin zu hören.
Sie ist die ganze Zeit auf dem Dachboden verschwunden, flüsterte der Großvater. Wir dachten, sie sitzt nur vor dem Laptop und tut nichts.
Das ist nicht so, lächelte Lukas. Vor einem Monat hat sie uns Fragen zur Schaltungstechnik geschickt, wir haben sie aus der Ferne beraten. Sie ist sehr hartnäckig. Darf ich sie kurz begrüßen?
Die Tür öffnete sich leise und Anke trat ein, ganz in Lötzinn verkrustet, eine kleine Baugruppe in den Händen. Ihre Augen weiteten sich vor Überraschung.
Eine halbe Stunde später, nachdem Lukas gegangen war, lag wieder Stille im Haus. Die Großmutter war die Erste, die das Schweigen brach, trat zu Anke und umarmte sie herzlich.
Verzeih uns, alte Leute, okay? Geh so oft auf den Dachboden, wie du möchtest. Vergiss nur nicht deine Mütze, dort ist es kalt.
Dann standen die beiden am Fenster und sahen zu, wie ihre kleine, eigensinnige Enkelin mit entschlossenem Griff die Maus klickte und weitere Unterlagen für die Bewerbung hochlud. Der Bildschirm erlosch, spiegelte ihr konzentriertes, innerlich leuchtendes Gesicht. In dieser stillen Konzentration lag ein fester Glaube, der den Großvater unwillig ein Lächeln entlockte:
Wer hätte das gedacht Wir haben das Talent übersehen. Menschen wachsen, und zwar nicht nur in die Größe.
Die Großmutter wischte eine sparsame Träne weg, hob stolz das Kinn und sah zu, wie Anke bereits einen komplizierten Schaltplan durchblätterte, ganz in Gedanken versunken.
Sie drehte sich zu ihrem Mann um, und in ihren Augen funkelte ein längst vergessenes Feuer.
Heinrich, sagte sie bestimmt. Wir waren früher doch nicht anders. Erinnerst du dich, wie wir im Betrieb die Fertigungspläne geschrieben haben? Wie du mir fast beim ersten Treffen in der Werkstatt deine Drehbank gezeigt hast?
Der Großvater grinste, Falten bildeten sich in den Augenwinkeln ein Zeichen, dass er sich erinnerte und froh war.
Ja, Anna, die Jahre haben uns verändert Wir sind nicht mehr die Jüngsten.
Das Alter ist kein Grund, die Köpfe in den Schrank zu stellen! schnappte die Großmutter und ging entschlossen zum Sideboard. Sie schraubt dort oben in Staub, wir sitzen hier und tun nichts. Das geht nicht.
Sie zog aus einer unteren Schublade eine alte, aber robuste Schachtel hervor. Der Großvater staunte:
Was hast du da?
Meine Tante hat es mir hinterlassen! öffnete sie den Deckel. Innen lagen, in samtigen Vertiefungen, Werkzeuge, die noch gut erhalten waren: ein Miniatur-Schraubendreher-Set, feine Zangen, Pinzetten und ein kleiner Lötkolben, der einst mit Batterien fuhr. Mein Vater war Uhrmacher, ein wahrer Könner. Das war sein Werkzeug. Ich dachte, ich gebe es Anke, wenn sie älter wird. Jetzt jedoch ist es genau richtig.
Am selben Abend, als Anke erschöpft vom Dachboden ins Esszimmer hinabstieg, blieb sie am Küchentisch stehen. Neben ihrer Suppe lag die besagte Schachtel. Vor ihr saßen ihr Großvater und ihre Großmutter, die neugierigen Blickes.
Was das ist? flüsterte Anke.
Das, meine Kleine, ist unser Beitrag, sagte der Großvater feierlich. Anna hat ihr NotfallKit hervorgeholt. Und ich vermute, du brauchst noch gutes Licht für die feinen Arbeiten. Ich organisiere das auf dem Dach.
Anke ging schweigend zum Tisch, nahm den winzigen, perlmuttbeschriebenen Schraubendreher in die Hand, als könnte er bei einer Berührung zerbrechen.
Ihr ihr habt nichts dagegen? hauchte sie. Früher dachten Sie, ich verschwende meine Zeit mit Unsinn
Die Großmutter winkte ab, als wolle sie die eigene Dummheit abstreifen.
Ach, das Alter macht einen manchmal etwas blind. Wir haben uns korrigiert. Erzähl uns jetzt von deinem Armband. Vielleicht können wir ja helfen. Die Hände erinnern sich noch.
In den folgenden Wochen herrschte in der Wohnung ein angenehmes Treiben. Vom Dachboden drangen lebhafte Stimmen. Der Großvater, der auf einer Trittleiter stand, verlegte zusätzliche Leitungen und schimpfte, dass ohne ordentliches Licht kein Mikrochips zu sehen ist. Die Großmutter, in einer alten Stricknadel, half mit erstaunlicher Geschicklichkeit beim Löten kleinster Bauteile.
Sie wurden ein Team am Küchentisch. Der Großvater brachte seine Erfahrung ein, die Großmutter sorgte für Präzision, und Anke verband beides mit den neuesten Techniken aus dem Internet und Fachbüchern.
Am Tag des Präsenzfinales stand Anke nicht allein vor der Jury. Hinter ihr saßen ihre wichtigsten Berater ein tadellos gebügelter Opa in Anzug und eine Großmutter im schönsten Kleid. Als die strengen Professoren eine knifflige Frage stellten, behielt Anke die Ruhe. Sie wandte sich zu ihren Alten, sie nickten einander zu, und sie gab die durch ihre Diskussionen auf dem Dach erarbeitete Antwort.
Sie gewannen nicht den ersten Platz, sondern ein ehrenvolles zweites, knapp hinter einem elfklässigen Team mit einem kompletten Roboter. Als Lukas das Diplom überreichte, lächelte er in das Mikrofon und sprach:
Der Sonderpreis für das stärkste und inspirierendste Team geht eindeutig an die Familie Klein! Herzlichen Glückwunsch!
Der sonst selten emotionale Großvater wischte sich mit einem Taschentuch die Tränen ab, die Großmutter strahlte wie tausend Lichter, die sie zuvor gemeinsam im Dachgeschoss installiert hatten.
Am Abend stellten sie das Diplom an die prominenteste Stelle im Vorratsraum und tranken Tee mit Kuchen.
Weißt du, Oma, sagte Anke nachdenklich, dein alter Lötkolben ist besser als jeder moderne. Er liegt genau in der Hand.
Das ist kein Lötkolben, Kind, korrigierte die Großmutter. Das ist Erbe. Und jetzt gehört er dir.
Und weißt du, was ich jetzt machen will? funkelten Ankes Augen wieder. Ich will für Opa einen intelligenten Prototyp einer Werkzeugmaschine bauen, damit seine Hände nicht müde werden. Und für dich ein Gerät, das nach Vorgabe automatisch strickt. Du musst nur das Muster diktieren
Der Großvater und die Großmutter sahen sich an, die Augen der Enkelin leuchteten. Im Haus duftete es wieder nach Träumen, Lötzinn und Glück. Und genau dieser Duft war für sie das Schönste von allen.
Am Ende erkannte die Familie, dass Generationen gemeinsam stärker sind: Wer zu jung ist, bringt neue Ideen, wer alt ist, schenkt Erfahrung. So entsteht nichts, was allein nicht möglich wäre. Dieses Zusammenspiel ist das wahre Licht im Dachboden des Lebens.







