Weißt du, ich hab neulich darüber nachgedacht, wie meine ExSchwiegermutter sich selbst beweisen wollte, dass ich unglücklich bin und dann erst richtig erschrocken hat, wie gut es mir nach der Scheidung ergangen ist.
Marlene stand am Fenster ihres Büros im zwölften Stock eines Hochhauses in Frankfurt und schaute auf die Stadt, die vom Frühlingssonnenschein glitzerte. Vor fünf Jahren hätte sie sich nicht träumen lassen, dass sie mal in einem riesigen Office mit Panoramafenstern sitzt, an dessen Tür ein Schild mit Stellvertretende Direktorin für Entwicklung hängt. Noch weniger hätte sie gedacht, dass sich wieder lebendig anfühlt.
Damals fühlte sie sich fast nicht mehr menschlich.
Alles begann nicht sofort. Die ersten beiden Ehejahre mit Andreas waren ganz gewöhnlich. Sie hatten sich auf einer Party von gemeinsamen Freunden kennengelernt, er war charmant, aufmerksam, brachte ihr Blumen und schmiedete Zukunftspläne. Marlene arbeitete bei einer großen Logistikfirma, hatte gerade befördert worden und träumte von einer Karriere in der internationalen Abteilung. Das Leben schien voller Möglichkeiten zu sein.
Nach der Hochzeit änderte sich alles. Zuerst die kleinen Dinge: Andreas wollte, dass das Abendessen früher fertig ist, weil seine Mutter Waltraud Petersen zu Besuch kommt und nicht warten kann. Dann tauchte die Schwiegermutter immer öfter auf, blieb länger und fand jedes Mal etwas, das nicht passt Staub im Bücherregal, falsch gefaltete Handtücher, zu wenig gekröpfte Tischdecke.
Marlene, du weißt doch, dass eine gute Ehefrau das Haus im Griff haben muss, sagte Waltraud mit süßem Lächeln, das gleichzeitig kalt machte. Andreas ist an Ordnung gewöhnt, das habe ich ihm so beigebracht.
Ein Jahr später schlug Andreas vor, Marlene solle kündigen.
Warum brauchst du diesen Job noch?, fragte er an einem Abend, als sie nach langen Verhandlungen erst zehn Uhr nach Hause kam. Du bist müde, das Haus ein Chaos, es gibt kein Essen. Such dir was Einfacheres, das näher ist. Mein Gehalt reicht uns.
Marlene wollte widersprechen. Sie liebte ihren Job, das Lösen kniffliger Aufgaben, den Austausch mit Partnern, das Gefühl, immer kompetenter zu werden. Doch Andreas war unbeirrbar, und Waltraud stand fest hinter ihrem Sohn.
Kind, eine Frau soll das heimische Feuer bewachen, erklärte sie, während sie am Küchentisch Tee schlürfte. Karriere ist Männerkram. Und schau dich an: Ringe um die Augen, schlaffe Haut. Welcher Mann hält das aus?
So kündigte Marlene und nahm eine Stelle als Administratorin in einem kleinen Büro neben dem Haus an langweilig, eintönig und mit wenig Geld. Doch jetzt hatte sie Zeit zu kochen, zu putzen, Andreas Hemden zu bügeln. Man dachte, das würde das Leben wieder geradebiegen.
Stattdessen wuchsen die Anforderungen.
Waltraud fing an, zu erkranken. Plötzlich hatte sie Rückenprobleme und konnte das Böden nicht mehr wischen. Dann kam ein Herzleiden, sodass sie nicht mehr sorgen konnte, und Marlene musste die Wohnung ihrer Schwiegermutter putzen, damit diese nicht wegen Unordnung besorgt war.
Mama ist allein, du verstehst das doch, sagte Andreas. Ist es nicht schwer, einmal die Woche zu ihr zu fahren?
Einmal wurde zu zweimal, dann zu dreimal die Woche. Marlene drehte sich wie ein Fliegenpilz im heißen Öl: Arbeit, Haus, Schwiegermutter, wieder Arbeit, Kochen, Waschen, Putzen. Sie schlief kaum noch und wachte völlig ausgelaugt auf. Im Spiegel sah sie eine fremde Frau blasse Haut, müde Augen und plötzlich fünfzehn Kilo mehr, die sich heimlich über Snacks und Stressessen angesammelt hatten.
Eines Tages, als sie an einer Boutique vorbeikam, fiel ihr ein wunderschönes türkisfarbenes Kleid ins Auge. Es war elegant, figurbetont, aus leicht schimmerndem Stoff. Sie ging hinein, probierte es an und sah im Spiegel kurz ihr altes Ich zurückblitzen.
Ich nehme es, sagte sie zur Verkäuferin.
Zu Hause löste Andreas einen Sturm aus.
Bist du verrückt geworden?, brüllte er, während die Quittung flackerte. Zweitausend Euro für ein Tuch? Unser Familienbudget, sag ich dir! Für das Geld hätten wir eine Woche Lebensmittel kaufen können!
Das ist mein Gehalt, flüsterte Marlene.
Dein Gehalt?, lachte er. Was verdienst du? Pfennig? Ich bin der Ernährer, ich bestimme, wofür das Geld ausgeht. Bring das Kleid zurück.
Sie brachte es zurück. Die Verkäuferin sah sie mit Mitleid an.
Marlene begann zu ersticken. In der Nacht wachte sie mit dem Gefühl auf, dass die Wände auf sie drücken. Ihr Leben war ein endloser Strom von Erwartungen, die keinen Platz für sie selbst ließen. Sie versuchte sich zu erinnern, wann sie das letzte Mal etwas nur für sich getan hatte mit Freundinnen ausgegangen, ein Hobby gepflegt und kam zu nichts. All das schien aus einem anderen Leben zu stammen.
Eines Abends, als Andreas wieder über die fade Suppe meckerte, sagte Marlene:
Ich halte das nicht mehr aus.
Stille folgte.
Was meinst du?, fragte Andreas langsam.
Ich ersticke. Ich fühle mich nicht mehr wie ein Mensch. Ich will wieder einen normalen Job, ein Leben, nicht nur für alle anderen da sein.
Andreas rief seine Mutter an. Waltraud kam innerhalb einer Stunde.
Sie redeten lange, mal abwechselnd, mal gleichzeitig, unterbrachen sich. Marlene saß auf dem Sofa, während sie beide über ihr standen, und sie fühlte sich immer kleiner.
Sieh dich an, sagte Waltraud mit kalter Wut. Denkst du, du hast noch irgendwo eine Zukunft? Du bist 35, übergewichtig, hast keine gute Erfahrung, kein Geld. Wer nimmt dich?
Mama hat recht, wiederholte Andreas. Du glaubst, jemand wartet auf dich? Schau dich um, alle leben so. Du bist verwöhnt, das ist alles.
Niemand braucht dich, fuhr die Schwiegermutter fort. Andreas lebt aus Mitleid mit mir. Wo hast du je glückliche Frauen gesehen? Du wirst allein in einer möblierten Wohnung, in einem sinnlosen Job, alt und einsam enden.
Marlene hörte zu und spürte ein seltsames Aufatmen. Sie begriff plötzlich: Auch in dieser trostlosen Vorstellung wäre es besser als hier.
Ich gehe, sagte sie.
Waltraud wurde bleich.
Du wirst es bereuen, zischte sie. Du wirst auf den Knien zurückkriechen, aber die Tür bleibt verschlossen.
Ich krieche nicht, antwortete Marlene und packte ihre Sachen.
Die ersten Monate waren hart. Sie zog in eine winzige Einzimmerwohnung am Rande von Frankfurt, sparte überall, aß Buchweizen und Spaghetti. Doch jeden Morgen fühlte sie zum ersten Mal seit Jahren, dass sie wieder durchatmen konnte.
Sie rief bei ihrem alten Arbeitgeber an. Glücklicherweise erinnerte sich ihr ehemaliger Chef, Herr Viktor Schmitt, noch gut an sie.
Marlene? Oh mein Gott, wie lange!, freute er. Komm doch rüber, wir haben gerade eine Stelle als Kundenbetreuerin frei. Nicht ganz so hoch wie früher, aber ein guter Start.
Sie kehrte zurück. Zurück in eine Welt, die ihr Wissen und Können wirklich schätzte, wo sie Initiative zeigen durfte und gehört wurde. Die Arbeit war zwar anstrengend, aber sie ermüdete sie auf andere Weise erfüllend statt auslaugend.
Sie meldete sich im Fitnessstudio an, nicht um jemandes Ideal zu erfüllen, sondern weil ihr Körper sich stark anfühlen sollte. Die Pfunde schmolzen langsam, aber beständig. Sie kaufte sich einfache, aber schöne Kleidung, die ihr gefiel. Sie las Bücher, die sie jahrelang vernachlässigt hatte, traf sich wieder mit Freundinnen und lernte, wieder auf ihre innere Stimme zu hören.
Nach einem Jahr bekam sie eine Beförderung. Nach sechs Monaten noch eine weitere. Das Arbeitsleben wurde spannend, das Leben bunt.
Bei einem Meeting fiel ihr ein neuer Kollege aus der Marketingabteilung ins Auge: sein Name war Daniel, ein ruhiger, nachdenklicher Typ mit freundlichen Augen und leiser Stimme. Sie begannen zu reden erst über Projekte, dann bei einem Kaffee in der Mittagspause, später bei Spaziergängen nach der Arbeit.
Daniel hörte wirklich zu, stellte Fragen, interessierte sich für ihre Meinung. Er bewunderte ihren Ehrgeiz, ihr Wissen und ihre Sichtweise. Mit ihm fühlte sie sich wertgeschätzt, nicht nur als Dienstmädchen.
Du bist erstaunlich, sagte er einmal. So viel Verstand, Kraft und Tiefe. Ich kann dir stundenlang zuhören.
Marlene verliebte sich. Nicht wie mit Andreas, impulsiv und betrunken, sondern langsam, verlässlich, stark.
Ein Jahr später heirateten sie. Die Hochzeit war klein, aber herzlich nur enge Freundinnen und Daniels Eltern, die Marlene wie ihre eigene Tochter aufnahmen. Sie mieteten zuerst eine Wohnung, dann kauften sie mit einer Baufinanzierung ein geräumiges Zweizimmerhaus in einem neuen Wohnkomplex mit hohen Decken und großen Fenstern.
Marlene wurde schwanger. Als sie es Daniel erzählte, weinte er vor Freude. Es kam die Tochter Liselotte, mit Papas Augen und Mamar Lächeln. Zwei Jahre später folgte der Sohn Milo, ein lauter, neugieriger kleiner Kerl.
Marlene blieb berufstätig. Daniel unterstützte sie, als sie früher in Elternzeit gehen wollte, sie stellten eine Nanny ein und teilten die Hausarbeit zu gleichen Teilen. Abends lasen sie den Kindern Geschichten vor, am Wochenende ging es in den Park, sie backten Pizza und spielten Brettspiele. Das war das Leben, von dem Marlene vor fünf Jahren noch nicht zu träumen gewagt hatte.
Und heute, gerade jetzt, steht sie wieder an ihrem Bürofenster, als die Sicherheitskraft ihr sagt: An der Rezeption wartet Waltraud Petersen. Sie sagt, Sie kennen sich.
Marlenes Herz bleibt kurz stehen. Fünf Jahre ohne die Schwiegermutter. Was soll sie tun?
Lass sie rein, tippt sie schnell.
Zehn Minuten später betritt Waltraud das Büro. Sie ist älter, dünner, ein wenig gebeugt, aber die Augen sind dieselben kalt, prüfend.
Sie blickt durch das geräumige Büro, über Marlenes schlichtes, aber elegantes Outfit, über das Familienfoto auf dem Schreibtisch ein glückliches Bild am Meer.
Also hast du es also doch geschafft, sagt Waltraud, statt zu grüßen.
Guten Tag, Frau Petersen, antwortet Marlene ruhig. Bitte setzen Sie sich. Einen Kaffee?
Nein, danke. Sie setzt sich am Rand ihres Stuhls, mustert weiter den Raum. Ich habe lange nach dir gesucht. Über gemeinsame Bekannte habe ich dich schließlich gefunden.
Warum hast du mich gesucht?
Waltraud schweigt. Marlene erkennt plötzlich: Die Schwiegermutter wollte nur sehen, dass sie unglücklich ist, um ihre Prophezeiung zu bestätigen dass Marlene ein erbärmliches Schicksal haben würde.
Ich wollte nur wissen, wie es dir geht, sagt Waltraud, doch ihre Stimme zittert.
Mir geht es gut, sagt Marlene. Ich bin stellvertretende Direktorin derselben Firma, aus der ich gegangen bin. Verheiratet mit einem großartigen Mann. Wir haben zwei Kinder die fünfjährige Liselotte und den dreijährigen Milo.
Waltraud wird blass.
Kinder? Du bist doch erst 35
Jetzt bin ich vierzig und glücklich. Echt glücklich.
Andreas hat nie wieder geheiratet, platzt Waltraud plötzlich heraus, lebt mit mir zusammen. Er sagt, alle Frauen seien eigennützig, eine gute zu finden sei unmöglich.
Marlene fühlt fast Mitleid mit ihr.
Frau Petersen, warum sind Sie eigentlich hier?
Waltraud schweigt kurz, dann fragt sie, und ihr Ton wird unsicher:
Wie hast du das geschafft? Du warst doch nie etwas wert, kein Geld, keine Perspektiven
Marlene steht, geht zum Fenster.
Willst du das Geheimnis wissen? Sie dreht sich zu Waltraud. Glücklich kann nur sein, wer sich selbst weiterentwickelt, nicht jemand, der andere zu seinem Vorteil nutzt. Du hast dein Leben damit verbracht, Andreas zu kontrollieren, dann mich. Ich habe mich für Wachstum entschieden für mich und für jemanden, der mit mir wachsen will.
Aber Waltraud schaut fast fassungslos. Du warst doch niemand
Ich war immer jemand. Ihr habt mich nur als billige Hausangestellte gesehen, als Objekt eurer Selbstbestätigung. Doch ich bin ein Mensch mit Träumen, Fähigkeiten, einem Recht auf Glück.
Waltraud steht auf, wirkt plötzlich sehr alt und ganz allein.
Ich dachte, stottert sie. Ich dachte, das sei richtig. So soll es sein.
Wisst ihr, was das Traurigste ist?, flüstert Marlene. Wenn ihr mich einfach nur eueret, wenn Andreas mich als Partner, nicht als Diener sehen würde, wären wir vielleicht noch zusammen. Und alle wären glücklich. Ihr habt Kontrolle gewählt, und Kontrolle und Glück passen nicht zusammen.
Frau Petersen.
Sie dreht sich zur Tür.
Sie wollten doch prüfen, ob ich unglücklich bin?, fragt Marlene.
Genau, sagt Waltraud. Ich wollte sehen, dass du leidest. Und du du bist glücklich.
Ja, antwortet Marlene einfach. Ich bin glücklich. Und ich wünsche euch und Andreas das Gleiche aber das wird nur kommen, wenn ihr aufhört, euer Glück auf dem Unglück anderer aufzubauen.
Waltraud nickt und geht. Marlene wirft ihr einen letzten Blick zu, dann zurück zum Fenster.
Unten die Straße, ein junges Paar Hand in Hand, lacht. Vor fünf Jahren sah sie solche Paare mit Neid und Verzweiflung an, dachte, Glück sei nur für andere.
Jetzt weiß sie: Glück ist eine Entscheidung. Die Entscheidung, man selbst zu sein. Die Entscheidung, sich nicht zu verraten. Die Entscheidung, zu wachsen, statt zu schrumpfen. Und manchmal erfordert das enorme Courage den Mut, zu gehen, wenn man bleiben soll, den Mut, an sich zu glauben, wenn alle sagen, man sei nichts wert.
Ihr Handy vibriert. Eine Nachricht von Daniel: Hab die Kinder aus der Kita geholt. Liselotte will einen Apfelkuchen backen. Schaffst du das bis zum Abend?
Marlene lächelt und tippt zurück: Bin in einer Stunde zurück. Kauf unterwegs Äpfel. Hab euch lieb.
Sie schaut auf das Familienfoto ihr echtes Leben, ihr echtes Glück. Die Marlene, die vor fünf Jahren noch erstickte, ist jetzt jemand ganz anderes. Sie erinnert sich an das alte Ich, an die Verzweiflung und den Mut und dankt sich dafür.
Denn genau diese Marlene hat im dunkelsten Moment die Kraft gefunden zu sagen: Ich kann so nicht mehr. Und hat den ersten Schritt ins Licht gemacht.
Draußen scheint die Frühlingssonne über Frankfurt, taucht die Stadt in goldenes Licht und verspricht Wärme, Wachstum und ein neues Leben. Marlene sammelt ihre Unterlagen, schaltet den Rechner aus und geht zur Tür.
Da wartet ihr Zuhause, ihr echtes Zuhause, wo sie einfach sie selbst sein kann.







