Der innere Wert übersteigt den Reichtum

Liselotte stand vor dem Spiegel im prunkvollen Stadthaus im Herzen Berlins und richtete ihr Kleid, das fast so viel kostete wie ihr Gehalt für drei Monate, perfekt. Es lag wie eine zweite Haut, doch sie fühlte sich wie eine Schaufensterpuppe aus Pappe. Heute war ihr erster öffentlicher Auftritt mit Markus.

Markus war der Inbegriff des erfolgreichen Mannes. Sein Name prangte in den Wirtschaftsspalten, er fuhr einen MercedesSKlasse und sprach von Geschäften mit sechs Nullen. Liselotte, eine talentierte, aber noch nicht vermarktete Künstlerin, verstand nicht, was er an ihr sah. Diese Frage nagte an ihr wie ein giftiger Wurm. Er hat sich geirrt, flüsterte ihre innere Stimme. Vielleicht merkt er irgendwann, dass sie nichts ist, und wirft sie weg.

Die Feier glich einem Magazin für die Oberschicht: Diamanten, Uhren, Gespräche über Wechselkurse und den Kauf von Inseln. Liselotte versuchte nicht, sich einzufügen; ihre Witze erschienen ihr zu simpel, die Geschichten zu karg. Die Blicke, die ihr begegneten, schienen zu sagen: Wer ist das? Was macht sie hier?

In diesem Moment ergriff eine ältere Frau mit scharfem Blick und einer auffälligen, bunten Schal die Hand von Liselotte. Es war Tante Hilde, eine entfernte Verwandte des Gastgebers, berühmt für ihren exzentrischen Charakter.

Du hast dich zusammengekrümmt wie ein Küken vor einem Gewitter, mein Kind, sagte sie unverblümt, während sie Liselotte vom Trubel in den Wintergarten führte. Denkst du, dein Platz sei im Dreck, weil du keine Millionen verdienst?

Liselotte errötete wegen der Direktheit, nickte aber.

Tante Hilde lachte, ihr Gelächter klang wie das Läuten alter Kirchenglocken. Unsinn! Schau dort, wies sie auf die Gruppe um Markus. Siehst du diese Erfolgreichen? Die Hälfte steht kurz vor der Scheidung, weil sie die Familie nur als Geschäftseinheit sehen. Die andere Hälfte fürchten dieselben Kinder. Sie haben alles gekauft, aber keinen Schlaf. Und jetzt schau ihn an. Sie deutete auf Markus. Er entspannt sich mit dir. Du bringst Sonne in seine Welt, nicht nur Quartalsberichte. Kann das man in Euro messen?

Diese Worte hallten in Liselottes Innerem wider. Sie erinnerte sich, wie Markus am Vortag, erschöpft nach einem harten Tag, still ihr amüsantes Erlebnis in einem Café lauschte und herzlich lachte ein Lachen, das er lange nicht mehr gezeigt hatte. Er hatte gesagt: Bei dir fühle ich mich einfach ich selbst, nicht als Geldmaschine.

Plötzlich fiel ihr Blick auf ein seltsames Gemälde an der Wand, das nicht zum restlichen Interieur passte.

Was ist das?, fragte Liselotte.

Der Besitzer dieser Villa vor zwanzig Jahren, schmunzelte Tante Hilde, war ein armer Maler. Er lebte in einem Schuppen, aß nur Kartoffeln und malte. Und weißt du, wer sein erstes Werk kaufte? Der reichste Mann der Stadt. Er sagte, das Bild schenke ihm das, worin seine Bankkonten versagen Hoffnung.

Genau in diesem Moment trat Markus zu ihnen, nicht allein. Neben ihm stand ein silberner, grau melierter Mann in makellosem Anzug der eigentliche Besitzer der Villa, Milliardär Dr. Friedrich Baumann.

Liselotte, ich habe die ganze Zeit nach dir gesucht!, rief Markus, seine Augen funkelten. Zeig Dr. Baumann deine Arbeiten auf dem Handy.

Liselottes Hände zitterten, während sie die Datei mit ihren Zeichnungen öffnete. Sie malte Wolkenkratzer mit Flügeln, Bäume mit perlenartigen Augen und ganze Welten, geboren aus ihrer Fantasie.

Dr. Baumann schaute schweigend, dann hob er den Blick zu ihr. In seinen Augen lag weder Herablassung noch Bewertung, sondern reiner Respekt.

Sie besitzen ein Geschenk, Fräulein, sagte er schließlich. Sie sehen die Seele der Dinge. In meinem Leben habe ich viel verloren und gewonnen, aber solch reine Freude, wie Ihre Bilder zeigen, lässt sich nicht mit Geld kaufen. Das ist unbezahlbar.

In jener Nacht, auf dem Rückweg nach Hause, blickte Liselotte vom Auto auf die Lichter Berlins. Sie fühlte sich nicht wie die arme Freundin des Reichen, sondern wie die Kapitänin ihres eigenen Schiffes, beladen mit Schätzen, die sie zuvor übersehen hatte Freundlichkeit, die Fähigkeit, kleine Wunder zu genießen, das Talent, ganze Welten auf Papier zu erschaffen.

Sie ergriff Markus Hand.

Weißt du, sagte sie, ich habe gerade erst begriffen. Wir kommen in diese Welt und gehen mit leeren Taschen. Entscheidend ist, womit wir sie füllen, solange wir leben mit Geld, das durch die Finger rinnt, oder mit Liebe, Licht und dem, was in den Herzen anderer bleibt, lange nachdem wir gegangen sind.

Markus lächelte und drückte ihre Hand fester.

Ich wähle das Licht, antwortete er.

Und Liselotte erkannte, dass ihr innerer Wert nichts ist, was man auf ein Bankkonto einzahlen kann; er ist das, was man an andere weitergibt. Darin liegt ihr wahrer, unbestreitbarer Reichtum.

Am nächsten Morgen drang das erste Sonnenlicht zaghaft durch die Vorhänge und beleuchtete das entspannte Gesicht von Markus. Zum ersten Mal sah sie ihn ohne die gewohnte Maske aus Kontrolle und Strenge. In ihrer bescheidenen Wohnung war er einfach ein Mensch.

Leise trat sie auf den Balkon. Die Stadt erwachte, und in diesem gemächlichen Rhythmus fand sie Ruhe. Liselotte verstand plötzlich, dass sie sich die ganze Zeit an Markus an falschen Maßstäben gemessen hatte an seinen äußeren Erfolgszeichen, während sie ihre eigenen Stärken vergaß.

Ich kann Schönheit in gewöhnlichen Dingen sehen, flüsterte sie, während das Licht auf dem nach Regen glänzenden Dach des Nachbarhauses tanzte. Diese Fähigkeit schien ihr so selbstverständlich, dass sie sie nie als wertvoll gehalten hatte.

Eine Stunde später erwachte Markus. Er fand sie in der Küche, wie sie Kaffee zubereitete, im zu weiten Pullover und mit zerzausten Haaren.

Weißt du, worüber ich nachgedacht habe?, sagte er und umarmte sie an der Taille. Gestern hat Dr. Baumann nicht nur deine Arbeiten gelobt. Er bat mich, dir seine Visitenkarte zu geben. Er möchte eine Serie von Gemälden für seinen neuen Wohltätigkeitsfonds von dir beauftragen.

Liselotte hielt den Kaffeekrug fassungslos. Aber das ist

Das ist deine Chance, fuhr Markus fort. Und es geht nicht ums Geld obwohl dich das Honorar gut entlohnt. Es geht darum, dass deine Sicht auf die Welt, deine Fähigkeit, Schönheit zu erschaffen, genau das ist, was Menschen brauchen, die den Glauben an das Gute verloren haben.

In den folgenden Wochen veränderte sich etwas Grundlegendes in Liselotte. Sie fühlte sich nicht mehr als gescheiterte Künstlerin, wenn sie in Markus Büro oder bei seinen Geschäftsessen war. Sie war Liselotte die Person, die der Welt etwas Einzigartiges und Wichtiges schenkte.

Beim Durchstöbern alter Kisten auf dem Dachboden stieß sie auf das Tagebuch ihrer Großmutter ein schlichtes Notizbuch, gefüllt mit ordentlicher Handschrift. Heute brachte die Nachbarin Medizin für meinen Enkel. Als Dank strickte ich ihr Socken. Sie sagt, niemand kann das so gut wie ich. Und ich denke, komisch: Die ganze Welt jagt nach Geld, doch echtes Glück liegt in solchen einfachen Dingen.

Mehrfach las Liselotte diese Zeilen. Ihnen wurde klar, dass ihr innerer Wert nicht nur ihr persönlicher Besitz war, sondern ein Erbe, das über Generationen weitergereicht wurde.

Als sie an Dr. Baumanns Auftrag arbeitete, kam ein neues Verständnis zu ihr. Ihre Kunst war eine Brücke zwischen der Welt des materiellen Erfolgs und der der spirituellen Werte. Ihre Bilder sprachen eine universelle Sprache der Seele, die sowohl der Milliardär als auch ein Kind aus schwierigen Verhältnissen verstand.

Markus gestand ihr einmal: Weißt du, was sich geändert hat? Früher kam ich nach Hause und checkte Aktienkurse. Jetzt schaue ich zuerst, was du Neues gemalt hast. Deine Kreativität ist für mich das, wofür es sich zu leben lohnt.

Liselotte lächelte. Sie kannte die einfache Wahrheit: Ihre und Markus Werte konkurrierten nicht, sie ergänzten einander. In dieser Verbindung unterschiedlich, aber gleichermaßen wichtiger Qualitäten entstand die Vollkommenheit des Lebens, die man keinen Euro kosten kann.

Am Abend, als sie den letzten Pinselstrich für das Werk des Wohltätigkeitsfonds setzte, fühlte sie sich wirklich reich. Nicht, weil ihre Bilder nun gut bezahlt wurden, sondern weil sie ihr Geschenk mit der Welt teilen konnte. Und das war das wertvollste Schatz, das sie je besessen hatte.

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