Nicht nur eine Nanny

Nicht einfach eine Nanny

Das Leben der jungen Familie Müller war wie ein präzise zusammengesetztes Baukastensystem, in dem jedes Teil seinen Platz kannte. Der Familienoberhaupt Klaus, kräftig und stämmig, mit Händen, die den Wert harter Arbeit kannten, arbeitete als Bauleiter auf einer Großbaustelle. Seine Welt bestand aus Beton, Bewehrungsstahl und klaren Bauplänen. Seine Frau Alma, von allen einfach Al genannt, war das genaue Gegenteil leichtfüßig, stets lachend, duftete nach frischen Brötchen aus der kleinen Bäckerei Zum guten Stück im Ort, wo sie bis zur Elternzeit die Abteilung Alles ein bisschen leitete.

Ihre kleine Welt drehte sich um das winzige Zentrum namens Liselotte, ein zweijähriges Mädel mit Grübchen in den Wangen und ernsthaften Augen, die ihres Vaters glichen.

Doch die Elternzeit ging zu Ende und beim Familienrat stand fest: Al muss wieder arbeiten. Die Frage nach einer Nanny kam auf.

Zuerst kam Waltraud Stiefel. Eine Frau aus der Ära, in der Kinder mit Strenge und Haferbrei erzogen wurden. In ihrer Gegenwart wurde die Luft förmlich dichter, riechte nach Naphthalin.

Das Kind muss das Wort nicht kennen, verkündete sie, während sie Liselotte anblickte wie ein unfertiges Projekt. Sonst wird es nichts lernen.

Al zitterte. Klaus, an die Disziplin auf der Baustelle gewöhnt, stimmte im Innern zu, doch das Bild seiner Tochter, die nach Befehlen marschierte, löste bei ihm ein leises Unbehagen aus. Der Wendepunkt kam am Abend.

Klaus? Hier Waltraud Stiefel. Heute um 17:03 hat Liselotte ohne Erlaubnis einen Bonbon vom Tisch genommen. Ich habe ihn konfisziert. Ich führe ein Protokoll der Verstöße.

Klaus legte den Hörer auf und wählte sofort Alma.

Al, das ist keine Nanny, das ist ein Bauleiter für das Kind. Bei mir auf der Baustelle geht es noch demokratischer zu.

Waltraud Stiefel wurde durch Karin ersetzt. Sie war etwa zwanzig, schien eher aus den Seiten eines Modemagazins zu kommen. In ihrem Wortschatz fanden sich Begriffe wie Achtsamkeit, emotionaler Intelligenz und ich resonanziere einfach mit ihr.

Der erste Tag verlief ruhig. Der zweite ebenfalls. Am dritten, als Al früher von der Arbeit zurückkam, erwischte sie das Bild: Karin, vertieft ins Handy und eifrig likend, während Liselotte, geschmückt mit Filzstiftmustern im Gesicht und an den Händen, begeistert die Wohnzimmerwände anmalte.

Oh!, rief Karin und ließ das Handy beiseite. Wir drücken einfach unsere Kreativität aus. Das ist wichtig für ihre künstlerische Entwicklung!

Al nahm schweigend die Tochter auf den Arm. Abends strich Klaus die Wand ab und murmelte:

Sie kann resonieren, ja. Besonders mit Instagram. Wir brauchen eine Nanny, die mit dem Kind resoniert.

Verzweiflung setzte ein. Es schien keinen goldenen Mittelweg zu geben entweder militärische Disziplin oder anarchischer Trend.

Da kam Onkel Hans, Besitzer der Bäckerei, zu Al und sagte:

Hör zu, bei uns kauft eine Frau immer ihre Lebensmittel, ihre Freundin sitzt zu Hause und langweilt sich im Ruhestand. Sie hat früher im Kindergarten gearbeitet, hat goldene Hände. Vielleicht solltest du sie anrufen?

So trat Maria Hoffmann in ihr Haus ein. Sie war über sechzig, doch in ihren Augen lag ein ewiges, warmes Lächeln. Sie sprach nicht in lauten Worten. Als sie zum ersten Mal Liselotte in die Arme nahm, weinte das Mädchen nicht, sondern drückte ihre Nase an Marias weiche, nach frischer Milch duftende Strickjacke.

Maria führte keine Protokolle, sprach nicht von Resonanz. Eines Abends, als Al und Klaus spät von der Arbeit heimkehrten, fanden sie unglaubliche Stille. Sie lugten ängstlich ins Wohnzimmer.

Auf dem Boden lag eine Decke, die zu einer kleinen Insel geworden war. Darauf schlief Liselotte, an Marias Seite gekuschelt. Die Nanny streichelte sacht ihr Köpfchen. Auf dem Küchentisch standen frische Quarkpfannkuchen.

Entschuldigung, ich habe ein bisschen aufgeräumt, murmelte Maria verlegen. Das Kind schläft, also habe ich ein bisschen Hausarbeit erledigt.

Klaus, gewohnt das Ergebnis zu sehen, sah die Sauberkeit, die Ruhe und das glückliche Gesicht seiner Tochter. Al spürte, wie die Last von ihren Schultern wich, die sie wochenlang getragen hatte.

Am Abend saßen sie in der Küche, tranken Tee zu Marias Pfannkuchen.

Weißt du, sagte Klaus und blickte aus dem Fenster auf die leuchtenden Stadtlichter, auf der Baustelle baue ich Häuser aus Ziegeln. Sie… sie baut aus Stille, Pfannkuchen und Wiegenliedern ein Zuhause. Das ist viel wertvoller.

Al nickte und lächelte.

Das Leben mit Maria Hoffmann floss sanft und leise wie ein breiter Fluss. Jeden Tag, wenn Al und Klaus nach Hause kamen, fanden sie nicht nur Ordnung, sondern eine neue, kleine Magie. Auf dem Fensterbrett hingen Papierkraniche, die Maria Liselotte beibrachte (Liselotte zerknüllte das Papier oft, war aber begeistert). Die Wohnung erfüllte sich mit dem Duft von selbstgebackenen Tierkeksen.

Liselotte blühte auf. Ihre ernsten Augen lachten jetzt häufig, ihr Wortschatz wuchs nicht nur um Kindersprache, sondern um Bruchstücke alter, liebevoller Wiegenlieder, die Maria summte. Gute Nacht, schlaf schön wurde ihr Familienmotto.

Eines Tages, als Klaus von der Baustelle zurückkam, wo es Chaos und Zoff mit Lieferanten gab, fand er zu Hause Stille. Er schlich leise ins Zimmer. Maria saß in ihrem Schaukelstuhl, Liselotte schlief auf ihrem Schoß. In Marias Händen lag ein altes Fotoalbum, das sie vertieft durchblätterte. Sie bemerkte ihn nicht, sah aber die Bilder mit einem stillen, hellen Bedauern an. Klaus ließ das Zimmer still wieder verlassen.

Beim Abendessen fragte er beiläufig:

Maria Hoffmann, haben Sie… eigene Familie? Kinder?

Sie stockte, dann lächelte sie sanft.

Ja, ich hatte einmal einen Mann, einen Bergmann, der bei einem Sturz ums Leben kam, als unser Sohn Sergej zehn war. Ich zog ihn allein groß. Er lebt jetzt in Köln, hat seine eigene Familie, zwei Kinder. Sie kommen, rufen an Aber ich vermisse das Kinderlachen.

Al legte ihre Hand über Marias.

Jetzt haben Sie doch unsere Liselotte. Und wir wir auch.

Maria nickte, ihre Augen funkelten.

Sie wurde nicht mehr nur eine Angestellte, sondern Teil der Familie. Sonntags blieb sie zum Mittagessen, Klaus fuhr sie gelegentlich nach Hause, wenn er Zeit hatte. Er erfuhr, dass sie in einer alten Plattenbauwohnung allein lebte, deren Wände voller Fotos ihres Sohnes und Enkels hingen, und dass ihr größtes Vergnügen das Stricken von Socken und Handschuhen für sie war sogar wenn die Kinder sie nur aus Höflichkeit trugen.

Eines Tages passierte das Unglück. Beim Durchstöbern alter Kisten im Keller rutschte Klaus von einer Leiter und brach sich das Bein. Die Verletzung war ernst, mehrere Wochen Krankenstand und Krankengeld folgten. Das ohnehin knappe Budget geriet an seine Grenzen. Al musste doppelten Job übernehmen, doch ihr Lohn reichte kaum.

Abends, bei einer Tasse Tee, zwang Al sich, Altes zu sagen:

Maria Hoffmann Wir müssen wohl Ihre Dienste einstellen, wir können diesen Monat nicht zahlen. Klaus ist krank, und

Sie kam nicht fertig. Maria hob ihre warmen, strahlenden Augen.

Alma, mein Kind, das kann nicht sein. Ihr bezahlt mir schon genug. Ich habe das Haus hier, das Wohnzimmer Ihr habt mir Sinn zurückgegeben. Und wie soll ich ohne Liselotte leben? Das Geld ist jetzt nicht wichtig. Bezahlt, wenn Klaus wieder auf den Beinen ist. Dann wird alles gut.

Klaus, bleich auf dem Sofa liegend, war einfach dankbar. Er sah die alte Frau, die in wenigen Monaten zu einer geliebten Großmutter geworden war, und verstand sie hatten nicht nur eine Nanny gefunden, sondern eine Großmutter, die Liselotte nie hatte.

Als er nach eineinhalb Monaten, immer noch humpelnd, zur Arbeit ging und sein Gehalt bekam, war seine erste Ausgabe nicht im Supermarkt. Er zählte das Geld, legte einen Briefumschlag dazu und darauf eine handgeschriebene Karte, auf der er sonst nur Zahlen in den Bauplänen schrieb: Danke, dass Sie geblieben sind. Sie sind unser Halt.

Am Abend reichte er den Umschlag Maria Hoffmann.

Das ist für Sie, Maria Hoffmann, sagte er, rot wie ein Schuljunge. Für den Monat und ein bisschen mehr. Danke, dass Sie uns nicht im Stich gelassen haben.

Maria wollte widersprechen, aber der feste, ehrliche Blick in Klaus Augen ließ sie erkennen, dass es hier um Prinzip und wiedergewonnene Ehre ging. Sie nahm den Umschlag, öffnete die Karte und wurde von tiefen Tränen übermannt die glücklichsten Tränen ihres Lebens, weil man sie schätzte, respektierte und als Teil der Familie anerkannte.

Liselotte, die die weinende Oma Maria sah, sprang zu ihr, umarmte sie am Bein und flüsterte ihr neues Wort:

Nicht weinen. Lieben.

Fünf Jahre vergingen. In derselben Wohnung standen nun nicht nur Teddybären im Zimmer von Liselotte, sondern ein Globus und Schulbücher. Liselotte, jetzt ein ernsthafter Schülerin mit denselben Grübchen, schrieb eifrig Buchstaben in ihr Heft.

In der Küche wehte der Duft von Apfelkuchen. Al, inzwischen Senior-Verkäuferin, holte den goldbraunen Kuchen aus dem Ofen. Klaus, sein Bein längst geheilt, leitete jetzt ein kleines Bauunternehmen und deckte den Tisch.

Ein Klopfen an der Tür. Klaus öffnete.

Auf der Schwelle stand Maria Hoffmann, hinter ihr schämend ein großer Mann ihr Sohn Sergej, gerade aus einer Dienstreise zurück, und seine zwei jugendlichen Kinder. Sie lud sie ein, kennenzulernen.

Kommt rein, rein, gerade recht zum Tee! rief Klaus begeistert.

Liselotte rannte hin: Hurra! Oma ist da! Maria umarmte das Mädchen fest.

Sergej sah die Szene und sagte leise:

Mama, ich habe dich lange nicht so zu Hause gesehen.

Beim Tee mit Kuchen wurde es laut und wirklich festlich. Die Teenager, zuerst gelangweilt, wurden lebendig, betrachteten Liselottes Spielzeug und lachten über ihre Geschichten. Sergej und Klaus fanden ein Gespräch über Bau und Technik, das zeigte, dass Sergejs ingenieurtechnische Ideen dem Baugeschäft nützlich sein könnten.

Weißt du, sagte Sergej zu Maria, während sie am Tisch saßen, wir haben überlegt vielleicht könntest du zu uns ziehen? Wir hätten Platz.

Ein Schweigen. Alle hielten den Atem an. Maria sah Sergej mit unendlicher Liebe an, dann über das Küchenzimmer, das nach Apfelkuchen duftete.

Sergejchen, flüsterte sie, ich bin schon zu Hause.

Klaus traf Al Blick, lächelte. Sie hatten einst nach einer Nanny gesucht, fanden jedoch ein fehlendes Stück ihrer eigenen Familie ein Stück, das nicht temporär, sondern zutiefst verwurzelt war.

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