„Kristalline, Du meine Glanzstück!“

20.November2025

Heute begann ein weiterer Tag, an dem ich das Schicksal noch einmal neu spüren musste. Wie ein Sturm, der plötzlich über das Meer fegt, hat das Unglück uns über den Kopf getroffen. Ich, Hans Meyer, LkwFahrer auf der Strecke BerlinSzczecin, bin seit fünf Jahren die endlosen Autobahnen entlanggefahren, das Radio von RadioDeutschland dröhnte aus den Lautsprechern, ein starker Espresso im Thermosbehälter wärmte meine Hände, und das Foto meiner geliebten Frau Liselotte hing auf dem Armaturenbrett. Doch das, was mir wirklich Kraft gab, war der vertraute Duft ihrer gestrickten Schal, die meine Mutter einst für mich gemacht hatte, das feste Händedrücken meines Vaters, bevor ich jede Fahrt antrat, und das sichere Wissen, dass zu Hause jemand auf mich wartet jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde.

Eines Tages kam ich nicht zurück. Erst nach einigen Tagen erfuhr ich, dass ich in der Klinik in Dresden lag. Ein entgegenkommender Lkw hatte die Kontrolle verloren, das Fahrzeug geriet in die Kurve, ich versuchte auszuweichen, aber es war zu spät beide Lastwagen lagen seitlich. Der andere Fahrer glimpflich davongekommen, ich jedoch erlitt eine schwere Kopfverletzung, bei der die Gedächtnisbereiche meines Gehirns beschädigt wurden. Zum Glück blieben Motorik, Wille und Emotionen erhalten, doch mein Gedächtnis war ein zerbrochenes Mosaik. Ich erinnerte mich weder an meinen Namen, noch an meine Familie, noch an das, was mit mir geschehen war. Die Ärzte konnten keine optimistische Prognose abgeben; das menschliche Gehirn ist ein noch immer kaum verstandenes Werk. Und so liegt alles in Gottes Hand: wenn ich mich wiederfinde, umso besser; wenn nicht, muss ich lernen, mit dem zu leben, was bleibt.

Nach meiner Entlassung stellte sich heraus, dass das Vergessen noch tiefer ging. Ich konnte mich nicht an Ereignisse von vor drei Stunden erinnern, vergaß einfache Hausarbeiten und war nicht in der Lage, das Essen auf dem Herd zu erwärmen oder einen kurzen Spaziergang allein zu unternehmen. Allein lassen war unmöglich, denn ich fand nicht einmal den Weg zurück nach Hause. Meine Intelligenz, mein Wille und meine Motorik blieben intakt, aber mein Gedächtnis könnte sich mit der Zeit erholen das ist ein Phänomen, das nicht selten vorkommt.

Liselotte war schwanger. Sie nahm Elternzeit und widmete jeden Tag ihre ganze Aufmerksamkeit mir. Nachts schluchzte sie oft, wenn sie daran dachte, dass ich unser Kind einst erwartet hatte, dass ich von jeder Fahrt kleine Spielzeuge für unser ungeborenes Mädchen mitbrachte.

Warum, Hans?, keuchte Liselotte, es ist doch noch zu früh. Man sagt ja, man soll nichts zu früh kaufen das bringt Unglück.

Ach, was für Aberglaube, meine Liebe, lachte ich, drehte sie in meinen Armen, ich möchte, dass unser Mädel, sobald es sein Zimmer sieht, vor Freude strahlt. Überall sollen tausend Spielzeuge liegen ein ganzes Meer aus Spaß.

Ich sortierte die Spielsachen liebevoll auf Regale, stellte sie auf die Fensterbank, hängte ein paar über das Kinderbett. Bei meiner Entlassung überreichte die Krankenschwester mir einen kleinen Teddybär.

Ein Glücksbringer, den du immer bei dir tragen willst?, fragte Liselotte spöttisch, weil sie nicht verstand, warum ein erwachsener Mann einen Spielzeugbären benötigt.

Ja, ein Glücksbringer, antwortete ich.

Liselotte stellte den Bären nicht ins Kinderzimmer, sondern auf meinen Nachttisch. Gemeinsam spazierten wir oft im Stadtpark, lachten, aßen Eis, und die Umstehenden betrachteten uns als das glückliche Paar, das bald ein Baby erwarten würde. Doch nach einem Nickerchen nach dem Spaziergang erinnerte ich mich nicht mehr an den Spaziergang, nicht einmal daran, dass ich eine schwangere Frau geheiratet hatte. Liselotte musste immer wieder von vorne beginnen, mir zu erklären, dass sie meine Frau sei und dass bald unser lang ersehntes Töchterchen das Licht der Welt erblicken würde. Die Eltern meines Sohnes halfen fleißig, unterstützten Liselotte bei den vielen neuen Aufgaben.

Eines Abends rief mein Schwiegervater, Johann, mich in die Küche, schloss die Tür und sagte: Liselotte, wir verstehen, wenn du dich von Hans trennst. Du bist jung, schön, das Leben liegt dir zu Füßen. Aber wirst du das aushalten? Nach einem oder zwei Jahren wirst du ihn hassen. Das ist eine schwere Bürde, besonders wenn sein Gedächtnis nicht zurückkommt. Mach dir keine Sorgen um die Enkelin wir werden sie lieben, wir sind deine Familie.

In mir kochte es vor Wut, Ermüdung und tiefer Verletzung. Ich atmete tief durch, lächelte und nickte leicht. Mein Schwiegervater, Johann, legte mir beruhigend die Hand auf das schulterbreite Haar und flüsterte: Weich dich nicht ab, meine Tochter, wir schaffen das. Du bist stark, auch wenn du das Gewicht von Kind und Baby trägst.

Liselotte war zierlich, kaum größer als ich, und ich wirkte im Vergleich zu ihr wie ein Riese. Als ich sie das erste Mal zu meinen Eltern brachte, erschraken sie, doch sie gaben nichts zu. Später fragten sie meinen Sohn: Sie ist doch wie Kristall! Wo hast du sie gefunden? Sie liebten Liselotte sofort sie war gutherzig, etwas schüchtern und zeigte sofort große Wärme gegenüber den Eltern ihres Mannes. Seitdem nannte ich sie oft meine Kristallprinzessin.

Unsere Tochter hieß Marlene. Ich empfing sie zusammen mit den Großeltern im Krankenhaus, und mein Herz war voller Glück. Am nächsten Morgen fragte ich: Was für ein Kind ist das? Und Liselotte musste erneut die Geschichte von vorn erzählen nur diesmal mit Marlene als Ergänzung. Jedes Mal, wenn ich meine kleine Tochter in die Arme nahm, leuchteten meine Augen vor Freude.

Zuerst stellte Liselotte Marlenes Wiege ins eigene Schlafzimmer, damit das Kind nachts in meiner Nähe war sie wachte häufig auf, das Baby schlief unruhig. Gleichzeitig blieb ich wach, um zu sehen, ob ich nachts noch ein Glas Wasser brauchte. Ich schlief kaum, die schlaflosen Nächte raubten mir die Kraft, und die Milch verschwand.

Marlene, wir ziehen zu dir, damit du nicht allein bist, drängte meine Schwiegermutter, Klara, mich.

Nein, das schaffe ich allein, erwiderte ich, um meine Eltern nicht weiter zu belasten, denn sie waren schon nicht mehr jung und ich musste lernen, stark zu sein.

Marlene wurde auf künstliche Nahrung umgestellt. Eines Nachts wachte ich auf, weil ich das leise Summen einer Wiegekammer hörte:

Im Zimmer liegen Spielzeuge verstreut,
Kinder träumen süß im Schlaf,
wie ein Fuchs schleicht leise das Getreide,
ein Elefant tollt am Tor,
Tage fliegen, wirbeln im Schnee,
draußen glitzert weißer Frost,
der Mond malt Schatten an die Wand,
sucht sein silbernes Bild.

Ich richtete den Blick und sah Hans, der das Kind sanft schaukelte. In einer Hand hielt er das kostbare Teddybärchen, in der anderen eine Flasche mit Milchersatz, die Marlene gierig trank. Ich setzte mich leise ans Bett, ohne ein Wort zu sagen, aus Angst, Hans zu stören schließlich hielt er unser Kind in den Armen. Das Mondlicht flutete das Zimmer, erhellte jede Ecke.

So ist das Glück, dachte ich.

Hans legte Marlene behutsam in das Bett, nahm den Teddybär vom Nachttisch und setzte ihn neben das Kind: Das ist für dich, meine Kleine, ein Geschenk von mir. Dann zog er das knirschende Bettzeug zu uns heran, kuschelte sich unter die Decke zu mir.

Ich liebe dich, meine Kristallprinzessin, hauchte ich.

Heute habe ich wieder etwas über Geduld und Verantwortung gelernt: Auch wenn das Gedächtnis schwankt und das Leben unvorhersehbare Stürme bringt, bleibt die Liebe das feste Fundament, das uns trägt. Das ist die Lehre, die ich aus jedem Tag mit meiner Familie ziehe.

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