Zu alt für das Glück?

Zu alt für ein neues Glück?
Mutter, wohin willst du denn mit diesen Dates? Du sollst doch bald Enkel betreuen, und jetzt spielst du wieder die Romantikerin!

Gisela hielt die Tasse erstarrt in der Hand. Brigitte saß ihr gegenüber, rührte lässig mit dem Löffel im Tee, ein spöttisches Halblächeln verzog ihr Gesicht. Ein Knoten zog sich in Gisela zusammen. Langsam stellte sie die Tasse ab, bemüht, das Zittern in den Fingern zu verbergen.

Brigitte, flüsterte sie, ich bin seit fünf Jahren allein und erst fünfzig. Auch ich habe das Recht, glücklich zu sein.

Ihre Schwiegertochter lachte, ein schriller Klang, der wie ein Messer ins Ohr schnitt.

Natürlich kannst du das wollen, fuhr sie fort, zurückgelehnt auf den Stuhl, doch die Jugend findet kaum noch einen Partner, und du? Und das jetzt? Das ist nicht der richtige Zeitpunkt.

Giselas Wangen röteten sich, Ärger schoss ihr bis zum Hals. Sie stand auf, sammelte die Tassen, die Hände zitterten.

Der Tee ist fertig, schnitt sie trocken.

Brigitte zuckte mit den Schultern und verschwand ohne Abschied in ihr Zimmer. Gisela blieb allein in der Küche zurück, stand am Waschbecken, starrte aus dem Fenster auf den grauen Innenhof und konnte das unangenehme Gefühl nicht abschütteln. Brigittes Worte nagten wie ein Splitter. War sie wirklich niemandem mehr etwas? War ihre Zeit vorbei?

Zwei Tage wanderte Gisela wie ein Gespenst durch das Haus, mied jedes Gespräch. Thomas, ihr Sohn, versuchte herauszufinden, was los war, doch sie winkte nur ab. Was sollte sie sagen? Beschwerde über seine Frau? Nein, sie wollte nicht die Schwiegermutter sein, die Zwietracht sät.

Am dritten Tag klingelte Sabine, eine alte Schulfreundin, einlud zum Kaffee. Gisela stimmte zu ein Tapetenwechsel schien nötig.

Sabine empfing sie mit warmen Umarmungen, führte sie ins Wohnzimmer. Sie setzten sich, und als Gisela in Sabines vertraute Augen sah, fühlte sie, wie alles um sie herum zu zerbröckeln begann.

Liselotte, ich glaube, mein Leben ist falsch abgebogen, begann sie, umklammerte die heiße Tasse. Vor einem Jahr brachte Thomas seine Frau nach Hause. Die Jungen sparen für eigene vier Wände. Ich versuche, eine gute Schwiegermutter zu sein. Unsere Beziehung ist warm, sogar gut. Ich freue mich für meinen Sohn, aber ich sehne mich nach Liebe, nach geliebt zu werden Und deine Schwiegertochter nennt mich zu alt für neue Beziehungen. Vielleicht hat sie recht.

Sabine legte ihre Hand beruhigend auf Giselas.

Gisel, das ist nicht wahr, sagte sie fest. Ich blieb mit dreißig nach meiner Scheidung allein. Mein ganzes Leben war für die Kinder, ich vergaß mich selbst. Was blieb? Sie zogen aus, ich blieb allein. Jetzt weiß ich nicht, wie ich wieder jemanden finde. Du hast noch Zeit ergreife sie.

Gisela lauschte, spürte, wie das Gewicht von ihren Schultern fiel. Sabine fuhr nachdenklich fort:

Weißt du, ich habe einen Cousin, Heinrich. Ein ehrlicher Mann, 53, geschieden seit fünf Jahren, hat zwei erwachsene Kinder. Soll ich euch vorstellen? Wer weiß, was das Schicksal bringt.

Gisela erstarrte. Das Herz schlug schneller. Das JaWort zu geben, war beängstigend, aber noch mehr die Vorstellung, für immer allein zu bleiben.

Ich will es versuchen!

Sie trafen sich in einem kleinen Café in Berlin. Gisela kam etwas zu früh, zupfte nervös am Saum ihres Kleides. Kurz darauf schritt ein hochgewachsener, grauer Mann ein Heinrich.

Gisela? Sehr erfreut, Sabine hat viel Schönes über Sie erzählt.

Sie bestellten Kaffee, das Gespräch begann stockend, dann löste sich die Kälte. Heinrich erzählte von seiner Arbeit als Ingenieur, von seinen beiden Töchtern, die bereits ausgezogen waren, von dem Jahr nach der Scheidung, das er kaum glaubte, wieder neu anfangen zu können. Gisela sprach von ihrem verstorbenen Ehemann, von der schweren Trauer, die sie lange nicht überwinden konnte.

Beide hatten ein ganzes Leben hinter sich, also viel zu erzählen. Keine Masken, keine Rollen nur zwei müde, aber unbeugsame Menschen, die sich eine zweite Chance erhofften.

Der Abend neigte sich, Heinrich begleitete Gisela zur Haltestelle, überreichte ihr ein kleines Bouquet wilder Gänseblümchen vom Straßenstand.

Ganz bescheiden, murmelte er verlegen.

Gisela drückte die Blumen an ihr Herz, lächelte breit.

Danke, sie sind wunderschön.

Zu Hause erwartete Thomas sie. Beim Anblick des Bouquets grinste er:

Mutter, schau dich an! Du strahlst wie die Sonne nach dem Regen.

Gisela lachte, umarmte ihren Sohn, froh, dass er nicht böse war.

Jetzt ist es noch zu früh, darüber zu reden, sagte sie etwas verlegen. Ich habe einfach einen netten Menschen kennengelernt.

Plötzlich trat Brigitte in die Küchenzeile, ihr Blick hart, die Stimme scharf.

Und jetzt? Wohin führen diese Dates? Was hast du dir nur dabei gedacht?

Gisela stockte.

Brigitte, ich sagte doch, es ist zu früh. Wir haben uns gerade erst getroffen.

Ach, spar dir das Gerede, schnitt Brigitte ein. Du weißt doch, dass er nur wegen deiner Wohnung zu dir kommt. Warum solltest du ihm das geben?

Tränen stiegen Gisela in die Augen. Thomas sprang auf, ergriff Brigitte am Arm.

Was soll das? Du kennst ihn ja noch nicht! Warum sofort verurteilen?

Brigitte ließ die Hand los.

Ich beschuldige nicht, ich sehe nur. Heute gibt es zu viele Trickbetrüger, man kann nur der Familie trauen.

Gisela wandte sich ab, zog sich zurück in ihr Zimmer, schloss die Tür, ließ das Bouquet auf dem Tisch liegen unschuldig, schlicht. War Brigitte vielleicht doch im Recht? War sie zu naiv? Die Worte ihrer Schwiegertochter schnitten tief, besonders weil sie vor dem Sohn fielen, um ihn gegen die Mutter aufzubringen.

In den folgenden Wochen traf sich Gisela weiter mit Heinrich. Jeder Spaziergang, jedes Kino, jedes Café brachte ihr Freude. Eines Abends sprach Heinrich über die Zukunft.

Gisela, ich will dich nicht drängen, aber würdest du mit mir zusammenziehen? Unsere kleine Wohnung wäre zu eng für uns beide. Ich habe ein Stück Land am See, wir könnten dort den Sommer verbringen. Ich meine es ernst.

Gisela spürte das warme Leuchten in sich. Brigitte lag falsch.

Sie ging nach Hause, wollte Thomas die Worte des Heinrichs erzählen, doch an der Ecke sah sie Brigitte mit einer Freundin. Sie standen auf einer Bank, laut lachend, kaum bemerkend, dass Gisela vorbeiging.

Ich weiß nicht, was ich machen soll! Thomas will ein Kind, ich bin noch nicht bereit. Früher war die Schwiegermutter die Stütze, jetzt ist sie in den Wolken, verliebt. Ich habe ihr gesagt, sie soll die Beziehung beenden, aber sie hört nicht!

Gisela schlich leise um das Haus, ihr Herz fror. Das war keine Sorge, das war Eigennutz. Für Brigitte war sie nur eine billige Kinderfrau.

Beim Abendessen fragte Gisela Thomas:

Wie viel fehlt euch noch für die Anzahlung der Wohnung?

Thomas hob überrascht die Augen.

Noch fünfhundert Euro. Wir wollen dich nicht belasten.

Ich habe beschlossen, meine Ersparnisse zu nutzen und euch zu helfen, sagte Gisela. Damit ihr endlich ein eigenes Heim habt.

Thomas sprang auf, umarmte sie.

Mama, danke! Das ist unglaublich!

Brigitte verzog das Gesicht. Thomas wandte sich ihr zu.

Brigitte, danke Mama!

Gisela blickte Brigitte fest an.

Ich möchte nicht länger die kostenlose Nanny sein. Ich habe mich für mich entschieden.

Thomas erstarrte.

Was?

Gisela erzählte alles: das Gespräch auf der Straße, Brigittes Plan, sie als Kinderfrau zu benutzen, und warum sie Heinrichs Beziehung sabotieren wollte. Thomas wurde blass, wandte sich an seine Frau, das Gesicht verzerrt.

Stimmt das, Brigitte?

Brigitte schwieg, den Blick gesenkt.

Antworte! schrie Thomas.

Ich wollte nur das Beste für uns. Einen Helfer für das Kind, brüllte sie.

Raus! Pack deine Sachen und geh! schrie Thomas.

Du bist verrückt! kreischte Brigitte.

Du bist verrückt, ich reiche die Scheidung ein! schrie Thomas.

Brigitte brach in Tränen aus, doch Thomas ließ sich nicht beirren. Er ließ sie ihre Sachen sammeln, die Tür fiel hinter ihr ins Schloss.

Thomas sank auf einen Stuhl, vergrub sein Gesicht in den Händen. Gisela trat zu ihm, umarmte ihn.

Es tut mir leid, Sohn. Ich habe nicht gesehen, was sie war. Ich hätte dich schützen sollen.

Alles wird gut, mein Junge alles wird gut.

Drei Jahre später.

Das Ferienhaus lag eingebettet in das grüne Umland Brandenburgs. Die Juliestern brannte unerbittlich, doch unter dem Sonnenschirm am langen Holztisch wehte eine kühle Brise. Gisela brachte Salate heraus, lächelte. Heinrich schmiss Würstchen auf den Grill. Thomas schaukelte dreimonatigen Max in den Armen, seine Frau Irina deckte den Tisch. Heinrichs Töchter, Katja und Lena, spielten mit dem Kleinen, kicherten.

Wie süß er ist!, rief Katja und stupste Max an der Kinnlade. Thomas, woher kommt dieser hübsche Sohn?

Thomas lachte.

Das war Irina, ich habe nichts damit zu tun!

Lena machte Grimassen, die den Säugling zum Lächeln brachten.

Gisela sah das Bild, konnte nicht genug davon bekommen. Die große, fröhliche Familie, das Lachen, das warme Licht. Sie erwiderte den Blick ihres Sohnes, dessen Lächeln voll Dankbarkeit, Liebe und Glück war.

Ein letztes Lächeln glitt über ihr Gesicht. Alles hatte sich zum Guten gewendet für sie und für ihn.

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