Alles Unglück kommt von einem Ort

**Tagebucheintrag**

“Alles Unglück hat einen Anfang.”

“Erik, willst du mich verarschen? Fährst du schon wieder zu deiner Mutter?”
“Was schlägst du vor? Sie im Kalten sitzen lassen, ohne Strom und Wasser?” Er suchte wütend in seinem Rucksack. “Würdest du das mit deinen Eltern machen?”
“Meine Eltern würden mich nicht so behandeln. Sie wissen, dass ich eine Familie habe, und ziehen mich nicht in solche Abenteuer rein. Aber deine Mutter…” begann Lina.
“Hör auf zu nörgeln. Du weißt genau, dass ich helfen muss”, unterbrach Erik sie und winkte ab.
“Klar verstehe ich das. Aber es tut trotzdem weh. Nicht, weil die Söhne bald vergessen werden, wie ihr Vater heißt, sondern weil du nicht einmal versuchst, ihr Selbstständigkeit beizubringen. Sie hat den Salat angerichtet soll sie ihn auch auslöffeln. Du musst dich entscheiden: Ist deine Familie hier oder dort im Dorf?”

Lina drehte sich um und ging ins Schlafzimmer. Eine halbe Minute später schnappte das Schloss im Flur. Erik war gegangen. Sie blieb allein zurück mit den Söhnen, denen sie heute einen Familienausflug in den Park versprochen hatte.

Doch Papa war mal wieder aus der Familie ausgebrochen. Und wieder blieb alles an Lina hängen.

…Vor zwei Jahren war noch alles anders. Lina erinnerte sich gut an den Tag. Sie hatten ihre Eltern besucht und Erikas Mutter, Helga Schmidt, mitgenommen, damit sie nicht allein blieb. Die Schwiegereltern verstanden sich gut, niemand hatte etwas dagegen.

Doch dann kam Helga eine “geniale” Idee, die Linas Leben auf den Kopf stellte.

“Ach, wie schön es hier ist!”, seufzte sie und atmete tief ein. “Ich sollte auch in ein Haus aufs Land ziehen. Genau das Richtige in meinem Alter. Ruhe, Frieden, frische Luft…”

Linas Mutter lächelte nur. Zuerst dachte sie, Helga träume nur laut.

“Hier ist es schön, wenn man zu Besuch ist”, entgegnete die Schwiegermutter trocken. “Aber alleine? Ohne einen Mann im Haus geht gar nichts. Das ist kein Urlaubsparadies. Ständig muss etwas repariert oder geflickt werden. Und du, Helga, nimm es mir nicht übel, aber für ein Haus bist du nicht gemacht.”

Helga verzog das Gesicht, obwohl es keinen Grund gab, beleidigt zu sein. Sie war nicht faul, aber ständig erschöpft, selbst wenn sie kaum etwas tat.

“Ach, ich will doch keinen Bauernhof führen oder im Gewächshaus wühlen. Ihr habt Hühner und Schweine, mir reichen Blumen und Bäume. Einfach im Schatten sitzen und die Schönheit genießen. Und für die Enkelkinder wäre es auch schön. Ich kaufe ihnen ein Planschbecken, sie können im Gras spielen, statt Abgase und Staub einzuatmen.”
“Blumen und Bäume brauchen auch Pflege. Du fällst schon in der Wohnung um, und da muss man kaum etwas tun. Einmal die Woche Staub wischen, alle zwei Tage den Boden wischen das wars”, bemerkte Linas Mutter spöttisch.
“Glaubst du, wir führen den Hof aus purer Freude an der Arbeit?”, grunzte der Schwiegervater. “In der Theorie klingt alles einfach, aber ein Haus ist wie ein Fass ohne Boden. Heute die Heizung, morgen das Dach, übermorgen der Zaun. Und alles kostet Geld. Wir kommen gerade so klar.”
“Ach, wir werden das schon schaffen. Ich bin ja nicht allein”, antwortete Helga störrisch und warf Erik einen Blick zu.

Lina hob die Augenbrauen, schwieg aber. Helgas Meinung zu ändern war schwieriger, als eine hungrige Ziege vom Kohl fernzuhalten.

An diesem Tag stritt Helga nicht weiter, sondern lächelte nur geheimnisvoll wie die Mona Lisa. Ein halbes Jahr später führte sie alle stolz durch ihr neues Haus und genoss demonstrativ den Duft der Rosen aus dem Nachbargarten. Das Haus war wirklich schön, mit allem Komfort.

“Seht ihr? Und ihr habt mir nicht geglaubt. Ich setze keinen Fuß mehr in eure Stadt!” verkündete sie selbstbewusst.

Doch das Glück währte nicht lange. Zuerst bat Helga ihren Sohn um Hilfe bei der Renovierung. Das zog sich über ein halbes Jahr hin, denn Erik kam nur am Wochenende. Lina murrte, aber ertrug es. Sie glaubte, irgendwann wäre die Renovierung fertig, und das Leben würde zur Normalität zurückkehren. Doch als die Farbe am Zaun trocknete und neue Tapeten an den Wänden hingen, zeigte sich: Die Liste der Aufgaben war noch lang.

Zuerst wurde Helga der Strom für fast zwei Tage abgestellt. Kein Licht, kein Wasser. Erik fuhr mit Trinkwasser und Beruhigungstropfen zu seiner panischen Mutter.

“Alles steht still! Und bei dieser Hitze… Keine Klimaanlage, keine Dusche… Ein Alptraum! Ich überlebe nur, ich lebe nicht”, jammerte Helga.

Dann nahm Helga einen streunenden Hund auf angeblich nur vorübergehend. Der Hund hatte Nierenprobleme. Im Dorf gab es keinen Tierarzt, also musste Erik das Tier in die Stadt fahren. Natürlich.

“Na ja, was soll man machen, der arme Kerl… Aber wenigstens habe ich jetzt einen Wachhund”, trällerte Helga und streichelte den Hund.

Später musste Lina das Auto saubermachen, weil dem “Wachhund” im Auto schlecht wurde. Und das war noch nicht alles. Der Hund brauchte Spezialfutter, aber im Dorf gab es weder Zoohandlungen noch Lieferdienste. Also wurde Erik zum Boten.

“Ich kann Mama doch nicht mit einem kranken Tier allein lassen! Du weißt, wie mitfühlend sie ist. Sie würde sich sonst Vorwürfe machen.”
“Ja, mitfühlend. Hunde tun ihr leid, aber Menschen irgendwie nicht…”

Erik verbrachte jedes Wochenende bei seiner Mutter, manchmal sogar unter der Woche nach der Arbeit. Dann übernachtete er auch gleich dort.

“Bis ich nach Hause komme, schlaft ihr sowieso schon. Da fahre ich morgen früh direkt von hier zur Arbeit.”

Lina wartete darauf, dass es besser würde doch es wurde nur schlimmer. Das Dach leckte, die Klärgrube verstopfte, Schnee fiel, Gras wuchs… Helga weigerte sich standhaft, sich selbst um das Haus zu kümmern. Sie konnte nicht einmal Handwerker selbst anrufen.

“Was, wenn es Betrüger sind? Oder Diebe? Die ziehen mir noch das Fell über die Ohren… Erik, du bist ein Mann, und vor Männern haben sie Respekt. Hilf mir doch, finde jemanden Anständigen und sei dabei.”

Linas Geduld riss, als Helga wieder der Strom abgestellt wurde diesmal im Spätherbst. Zum Glück nur kurz, aber genug für eine neue Panikattacke.

“Lina, ich kaufe Mama morgen einen Generator”, sagte Erik beiläufig.

Lina spannte sich an.

“Aus unserer Tasche?”, fragte sie scharf wissend, dass das teuer würde.
“Nun… ja. Du weißt doch, Mama hat gerade knappes Budget. Fast alles von der Wohnungsverkauf ist weg, und sie lebt nur von der Rente.”
“Toll. Also finanzieren wir nicht nur uns, sondern auch noch ihr Traumhaus. Erik, hat deine Mutter nicht ein bisschen zu viele Wünsche?”

Erik verzog das Gesicht.

“Hör auf. Der Strom ist da ein Problem. Willst du, dass sie erfriert?”

Lina rollte mit den Augen, verschluckte ihren Ärger aber wieder.
Jetzt saß sie allein im Schlafzimmer und dachte über Scheidung nach. Ihr Mann war sowieso nie da. *”Aber eigentlich leben wir doch ganz gut… Nein, Scheidung ist zu radikal. Ich muss eine andere Lösung finden, bevor ich durchdrehe.”*

Und sie fand eine.

…Eine Woche

Rate article
Alles Unglück kommt von einem Ort
Thank You, Dad… Goodbye