Wie Großmutter Tonia ihre Tochter fand

15. September 2023

Heute war einer dieser stillen Dorftage, an denen die Dämmerung sanft über die Felder rollt und das Zwitschern der Grillen leise verklingt. Ich, Anneliese Seemann, im Dorf Othmarshausen liebevoll Oma Erna genannt, trat nach dem Hausputz aus meiner kleinen Fachwerkwohnung. Vor dem Haus der Nachbarin, Maria Steffens, klopfte ich dreimal leicht mit den Fingerspitzen gegen das Fenster das Glas antwortete mit einem dumpfen, vertrauten Klang. Einen Augenblick später zeigte sich Marias faltiges Gesicht im Fenster, ihre grauen Strähnen spielten im Abendlicht.

Erna, du stehst da wie ein Gespenst am Tor! Komm rein, ich habe gerade Tee aufgebrüht, rief sie über den Hof, doch in ihrer Stimme lag Sorge.

Danke, Maria Steffens, aber ich muss kurz mit dir reden, flüsterte ich, das Herz klopfte laut. Ich muss in die Stadt, ins Kreiskrankenhaus. Meine Augen tun unendlich weh sie tränen ständig, alles wird verschwommen, als wärs Nebel. In der Nacht brennt ein greller Schmerz, das Licht ist unerträglich. Der junge Chefarzt hat sofort operieren gesagt, sonst könnte ich erblinden. Ich weiß nicht, wie ich das allein schaffen soll. Vielleicht weiß jemand einen Weg.

Maria schnappte sofort: Erna, natürlich, fahr sofort los! Ich passe auf deinen Haushalt, deine Ziege Minka, die Hühner und alles andere auf. Sie trat ein paar Schritte hin und her in ihren abgetragenen Hauspantoffeln. Allein im Dunkeln zu sein, das ist ein Albtraum. Gott segne dich!

Ich bin schon über siebzig. Das Leben hat mich durch Sturm und Regen getragen, mich oft bis an die Grenzen gebracht. Doch ich habe nie aufgegeben. Nun, in dieser friedlichen Gemeinde, fand ich ein kleines Zuhause, das mir von längst verstorbenen Verwandten hinterlassen wurde. Die Fahrt in die Stadt schien endlos. Im wackeligen Bus drückte ich meine abgewetzte Tasche fest und drehte immer wieder dieselben ängstlichen Gedanken.

Wird das Messer meine Augen berühren? Wie kann das sein? Der Arzt beruhigte mich Keine Angst, Oma, die OP ist unkompliziert doch mein Herz pocht schwer vor Ungewissheit.

Im Krankenzimmer war alles sauber, riechte nach Desinfektion und Stille. Gegen das Fenster lag eine junge Frau, neben mir ein betagter Herr. Das tröstete mich ein wenig. Ich ließ mich erschöpft auf das Bett sinken und dachte: Dieses Schicksal ist nicht allein meine Last; Jugend und Alter teilen das gleiche Leid.

Nach dem Mittagskaffee, dem sogenannten stillen Mahl, strömten Verwandte herein. Der junge Mann der jungen Frau kam mit seiner kleinen Tochter, beladen mit Körben voller Äpfel und Saft. Zur anderen Gruppe stieß die Tochter einer anderen Patientin mit ihrem Mann und einer quirligen Enkelin, die unaufhörlich lachte. Sie umarmten ihre Mutter, sprachen liebevoll, doch ich saß in der Ecke, das Gesicht zur Wand gewandt, und wischte eine heimtückische Träne weg. Niemand brachte mir ein Stück Apfel oder ein freundliches Wort. Ich fühlte mich wie ein vergessenes Blatt im Herbstwind, allein und unbeachtet.

Am nächsten Morgen kam die Oberärztin, Dr. Veronika Peters, in einem makellosen weißen Kittel. Sie war jung, hübsch und strahlte Ruhe aus, die sofort meine Anspannung löste.

Wie fühlen Sie sich, Frau Seemann?, fragte sie mit warmer Stimme.

Ach, wir halten durch, was soll man machen, murmelte ich. Wie darf ich Sie nennen?

Veronika Peters, Ihre behandelnde Ärztin. Und Sie, erzählen Sie mir, kommt jemand zu Besuch? Haben Sie Kinder?

Ein Stich durchfuhr mein Herz. Ich senkte den Blick und murmelte: Keine, meine Kinder sind nicht mehr da Gott hat mir keine mehr geschenkt.

Dr. Peters streichelte sanft meine Hand, notierte etwas in meiner Akte und verließ den Raum. Ich blieb zurück, das Gewissen pochte laut. Warum habe ich sie belogen? Warum habe ich das Heiligste in meinem Leben verleugnet?

Ich dachte an meine einzige Tochter, Gretchen. Vor vielen Jahren traf ich in meiner Jugend den Frontsoldaten Peter, der nach dem Krieg eine Hand verloren hatte. In der Not heirateten wir rasch, bekamen Gretchen und das Leben schien kurzzeitig hell. Doch Peter verstarb nach einer langen Krankheit, und ich blieb allein mit meiner kleinen Tochter.

Als junger Mann kam Nikolai, ein gebildeter Städter, in unser Dorf. Er verzauberte mich mit Versprechen von Reichtum und einem besseren Leben. Ich ließ Gretchen bei meiner alten Mutter zurück und folgte ihm nach Köln. Die Jahre mit Nikolai waren ein Auf und Ab; er versprach immer wieder, die Tochter heimzuholen, doch nie hielt er sein Wort. Schließlich kam sein Ende in einer betrunkenen Schlägerei. Ich verkaufte unser mickrigen Besitz, fuhr zurück in mein Heimatdorf, doch das Haus meiner Mutter stand leer und verfallen.

Jetzt, nach all den Jahren, stand ich wieder vor der Tür meiner Vergangenheit, ohne zu wissen, ob Gretchen mich noch erkennt. Die Nachbarn kannten mich kaum, das Haus war verrottet, und ich fand nur wenige Spuren, die mir sagten, wo meine Tochter war. Auf dem Friedhof legte ich ein kleines Bündel Feldblumen auf das Grab meiner Mutter und fuhr von dort mit Tränen der Reue davon.

In der Nacht vor der Operation konnte ich nicht schlafen. Dr. Peters beruhigte mich immer wieder, doch das Bild meiner verlorenen Tochter verfolgte mich. Ich überlegte, ihr die ganze Wahrheit zu gestehen.

Alles wird gut, Frau Seemann, flüsterte sie, während sie meine Hand hielt.

Am Morgen kam die Krankenschwester, brachte mich zur OP. Fragen blieben unbeantwortet, und als ich aus der Narkose erwachte, war alles dunkel. Panik ergriff mich: Werde ich für immer im Dunkeln bleiben?

Ein leises Rascheln, ein Finger zog behutsam die Binde von meinen Augen. Die Krankenschwester lächelte: Sehen Sie? Wir rufen gleich den Arzt. Der Chirurg kam, schaute mir in die Augen und sagte zufrieden: Perfekt, alles gut. Jetzt gilt: Ruhe bewahren und nicht überanstrengen.

Die Schwester legte ein Paket auf den Nachttisch. Dr. Peters hat es Ihnen geschickt Äpfel, Zitronenbonbons und ein wenig Vitamin C. Sie hat heute frei.

Ich staunte: Wie nett, dass die Ärztin mir so etwas bringt!

Zwei Tage später kam Dr. Peters zum Rundgang. Sie hielt einen offiziellen Umschlag in der Hand, und etwas in mir sagte, dass er wichtig war. Sie trat leise an mein Bett und flüsterte: Guten Abend, Mama.

Mein Herz schlug wie ein Trommelwirbel. Mama? Ich bin

Du bist meine Mama, brach ihre Stimme, Tränen in den Augen. Ich bin Gretchen Seemann. Ich habe dich all die Jahre gesucht!

Ich fiel ihr in die Arme, unfähig zu begreifen, dass das, was ich für einen Traum hielt, Wirklichkeit war. Bist du wirklich meine Tochter? Wie hast du mich gefunden?

Sie lächelte durch die Tränen: Deine Akte trug den Namen Seemann, genau wie meiner. Mein Vater, Dr. Matthias Peters, hat einen Gentest veranlasst, und das Ergebnis bestätigte, dass wir verwandt sind.

Ich hielt ihre Hand fest, als könnte ich sie nie wieder loslassen. Verzeih mir, mein Kind, dass ich dich verlassen habe. Wie hast du ohne mich überlebt?

Wir haben uns gut geschlagen, sagte sie. Mein Mann Matthias ist Kardiologe, wir haben zwei Kinder deine Enkel. Sie freuen sich riesig, dich jetzt zu haben.

Ich fühlte mich, als hätte ich ein neues Universum betreten. Das ist ein Wunder! Gott hat uns zusammengeführt.

Dr. Peters versprach, dass wir nach meiner Entlassung zu ihnen nach Köln fahren würden. Ein großes Haus, ein Zimmer für mich ich würde nicht mehr allein sein.

Die Nacht nach der Operation schlief ich nicht aus Angst, sondern vor überschäumender Freude. Ich dachte an die Zukunft, an die Enkel, die mich fragen würden: Oma, wo warst du all die Jahre? Ich will ehrlich sein, ihnen von meinen Fehltritten erzählen, damit sie verstehen, was es bedeutet, zu vergeben. Gott, danke für dieses Wunder! Jetzt habe ich Familie, die mir ein Glas Wasser reicht, wenn ich alt bin. Ich bete, dass sie mir vergeben.

Das Leben von Oma Erna hat eine neue Richtung genommen. Meine Tochter hat mir verziehen, und in dieser Vergebung liegt so viel Liebe, dass meine alte Schmerzen leiser werden. Ich weiß, dass ich das verdiene, nach all den Jahren voller Reue. Mein Schwiegersohn Matthias, ein echter Arzt, wird uns bald nach Köln fahren, um die Sachen zu holen. Meine Ziege Minka schenke ich Maria Steffens, die sich über das Geschenk freut und nun meine Nachbarin sieht nicht mehr krank, sondern glücklich, umgeben von liebevoller Familie. Auch in ihren alten Augen glänzt nun Tränen der reinen, hellen Freude über das späte, aber gefundene Glück.

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