Liebe ohne Angst
Liselotte saß in der Küche, umklammerte eine Tasse Tee und blickte aus dem Fenster. Draußen wirbelten die ersten Schneeflocken träge herab und legten sich auf den Bürgersteig. Das Apartment roch nach frisch gebrühtem Kaffee und etwas Heimischem, das mit der Zeit zum Duft eines richtigen Zuhauses wird. Niklas stand am Herd, rührte etwas in der Pfanne und warf ihr immer wieder ein Lächeln zu, das ihr noch immer ein wohliges Wärmegefühl im Inneren schenkte.
Sie redeten nicht. Trotzdem war die Stille zwischen ihnen nicht unangenehm oder schwer. Sie fühlte sich warm und lebendig an, wie ein leiser Atemzug. Es schien, als bräuchte man Worte nicht alles war bereits klar.
Wie alles begann
Früher hätte sich Liselotte nicht träumen lassen können, dass Liebe so leicht sein kann wie dieser Morgen.
Früher fürchtete sie die Liebe. In früheren Beziehungen erwischte sie sich dabei, wie sie das Handy ihres Partners durchsuchte, nach verborgenen Bedeutungen in Gesprächen suchte und rätselte, was der andere wirklich fühlte. Es war, als lebte man in einer belagerten Burg ständig wachsam, immer bereit für den nächsten Angriff.
Eines Tages, nach einer besonders schweren Trennung, sagte sie zu ihrer Freundin:
Ich glaube, ich kann nicht lieben, ohne Angst zu haben.
Oder du hast einfach noch nicht den Richtigen getroffen, erwiderte die Freundin.
Liselotte schüttelte den Kopf. Doch dann kam Niklas, und alles war anders.
Die unerwartete Begegnung
Sie lernten sich an einem ganz gewöhnlichen Ort kennen in einer Buchhandlung. Liselotte suchte ein neues Buch für den Abend, und Niklas stand an derselben Regalreihe und blätterte zögerlich durch ein Werk.
Wenn du unsicher bist nimm es, sagte sie plötzlich.
Und wenn es mir nicht gefällt?, lächelte er.
Und wenn es dir gefällt?
Er lachte, und in diesem Lachen war etwas Vertrautes.
Sie kamen ins Gespräch, tranken später zusammen Kaffee und schlenderten bis zum Abend, obwohl beide in ein bis zwei Stunden hätten bei der Arbeit sein müssen. Von Anfang an war alles einfach.
Einfach heißt nicht langweilig
Jetzt, zwei Jahre später, erwischt Liselotte sich manchmal dabei, zu denken, dass Liebe zwingend Leidenschaft, Sturm der Gefühle, Eifersucht und Versöhnungen bedeuten muss. Mit Niklas war es anders.
Er machte keine Szenen wegen ihrer Kolleginnen. Sie geriet nicht in Panik, wenn er mit Freunden länger blieb. Sie spielten nicht das Schweigen, um sich gegenseitig zu bestrafen.
Eines Tages fragte sie ihn:
Ist dir nie langweilig mit mir?
Er sah sie überrascht an.
Langweilig? Nie. Du bist kein Freizeitpark, du bist mein Mensch.
Und das war das Wesentliche.
Liebe ohne Angst
Liebe ohne Angst bedeutet nicht, dass es keine Probleme gibt. Es ist kein ewiges Fest und kein perfektes Bild.
Es heißt:
– Du checkst nicht sein Handy, weil du weißt, dass er nichts zu verbergen hat.
– Du fürchtest dich nicht, dumm, müde oder unvollkommen zu wirken.
– Du kannst schweigen, ärgerlich, lachend oder sogar sehnsüchtig sein und wirst trotzdem verstanden.
– Du erwartest keinen Hintergedanken, weil du vertraust.
Selbst an ganz gewöhnlichen Tagen heute mit einem leicht zu wenig gesalzenen Abendessen, Schnee draußen und dem warmen Licht der Lampe spürst du das Glück: Es ist nicht laut, nicht grell. Es ist leise, warm und verlässlich.
Einfach zusammen
Niklas trat zu ihr, legte die Hände auf ihre Schultern.
Hast du etwas im Kopf?
Ich freue mich einfach, sagte Liselotte.
Worüber?
Darüber, dass du da bist.
Er lächelte, küsste sie auf die Stirn.
Gehen wir essen?
Gehen wir.
Sie schmiegte ihr Haupt an seine Schulter, während sie zum Tisch gingen. Es war keine theatralische Geste, sondern ihr Körper zog sich ganz natürlich zu ihm, wie eine Blume zur Sonne. Niklas legte ohne hinzusehen seine Hand warm und leicht rau über ihre Hand, ein Stück seiner Arbeit, aber vor allem ein Stück Zuhause.
Sie setzten sich einander gegenüber. Heute war ihr Tag.
Niklas hob den Blick, traf ihren und blieb einen Moment still.
Was?, lachte sie.
Nichts. Ich schaue nur, sagte er oft. Ich schaue nur. Ohne Grund, ohne versteckten Sinn. Als wäre es für ihn genug, dass sie einfach existierte.
Später, als das Geschirr gespült war (er wusch, sie trocknete, wie immer), krochen sie aufs Sofa. Niklas las etwas auf dem Handy, Liselotte scrollte durch den Feed und las gelegentlich laut witzige Zitate vor. Dann legte er seinen Kopf auf ihren Schoß, und sie fuhr automatisch mit den Fingern durch sein Haar ein Ritual, das älter war als ihre gemeinsame Geschichte.
Möchten wir morgen ins Kino gehen? fragte er, die Augen noch geschlossen.
Was läuft?
Weiß nicht. Aber das ist doch egal, oder?
Sie lachte. Ja, das war egal.
Liselotte beugte sich, küsste ihn auf die Stirn. Niklas öffnete die Augen dunkel, warm, ihr Blick.
Was? jetzt lachte er.
Nichts, sagte sie lächelnd. Einfach nur, weil ich dich liebe.
Ihre Liebe war kein Feuerwerk, sie war wie dieses Haus warm, solide, unerschütterlich. Ein Ort, zu dem man immer zurückkehren kann.
Tag für Tag. Kuss für Kuss. Stille für Stille.
Einfach. Zusammen. Für immer.
Und die Erkenntnis: Wahre Liebe blüht, wenn wir die Angst loslassen und dem anderen vertrauen dann wird jedes gemeinsame Leben zu einem stillen, beständigen Wunder.







