Fotografie aus der Vergangenheit: Erinnerungen festhalten und Geschichten erzählen

12.November2025
Liebes Tagebuch,

heute habe ich die alte Foto-Schublade meiner Großmutter Greta geöffnet und bin auf ein vergilbtes Bild gestoßen, das mich zurück in die Vergangenheit katapultierte. Auf dem Foto steht sie, damals noch junge Grete, in einem leichten Sommerkleid, daneben ein großer Mann mit warmem Lächeln Michael Hoffmann.

Wie viele Jahre liegen dazwischen? Vierzig? Mehr? Ich streiche leicht über sein Gesicht, als könnte ich die Zeit ausradiert, doch das Bild bleibt unverändert erstarrt wie eine eingefrorene Erinnerung.

Opa, wer ist das? fragte meine zehnjährige Enkelin Liselotte, die neugierig über meine Schulter lugte. Ihre kleinen Finger zitterten bereits, bereit, das Bild zu erhaschen.

Das das ist ein alter Bekannter, wies ich sie sanft zurück. Schau lieber die anderen an.

Doch Liselotte ließ nicht locker.

Warum steht er mit dir auf dem Foto? Wart ihr befreundet?

Ich seufzte tief.

Ja, wir kannten uns lange. Sehr lange.

Wo ist er jetzt?

Weiß ich nicht, sagte ich ehrlich.

Wirklich, ich hatte keine Ahnung. Das letzte Mal hatten wir uns im Stadtpark von Berlin getroffen, genau dort, wo das Foto entstanden war. Dann sagte er, er müsse für die Arbeit kurz wegziehen. Und dann begann die Geschichte, die Greta noch heute manchmal mitten in der Nacht aus dem Schlaf reißt, als hätte ein Schlag ins Herz.

Hast du ihn gemocht? setzte Liselotte sich neben mich, die Knie an den Bauch gezogen.

Ja, gab ich zu. Und er hat mich geliebt, denke ich. Aber

Aber was? hakte das Mädchen nach.

Manchmal wendet das Leben sich so, dass selbst Liebe nicht ausreicht.

Liselotte runzelte die Stirn, verstand nicht ganz, also ließ ich sie nicht weiter erklären. Wie sagt man so schön:Manche Briefe kommen zu spät, und manche Züge fahren, bevor wir überhaupt loslaufen können.

Möchtest du ihn wiedersehen? fragte sie unentwegt.

Ich lächelte müde.

Nein, mein Schatz. Manche Dinge bleiben besser in der Vergangenheit.

Vorsichtig legte ich das Foto zurück in die Box, doch plötzlich sprang Liselotte auf.

Oma, lass uns ihn finden!

Wie? fragte ich überrascht.

Im Handy! Wir können in den sozialen Medien suchen. Wie heißt er nochmal?

Liselotte, das reicht!

Michael, nicht wahr? Und sein Nachname?

Liselotte, hör auf!

Doch es war zu spät. Sie scrollte bereits durch Instagram, und ich spürte, wie ein Teil von mir tief im Inneren diese Suche heimlich beflügelte. Ich flüsterte den Nachnamen: Hoffmann.

Ob sie ihn mit grauen Schläfen sehen wollte, seine Stimme hören oder wissen, ob er den alten Park noch kennt, spielte keine Rolle.

Schau!, rief Liselotte plötzlich. Da ist er!

Ich schloss kurz die Augen, dann blickte ich auf das Handy. Ein älterer Mann, das Gesicht von Falten um die Augen gezeichnet, aber das gleiche Lächeln wie auf dem Foto.

Ist das er?, fragte sie hoffnungsvoll.

Ich schwieg und sah nur zu, während mein Herz wieder zwanzig Jahre alt schlug.

Oma?, flüsterte Liselotte.

Ja, hauchte ich. Er ist es.

Sie strahlte triumphierend.

Sollen wir ihm schreiben?

Ich schüttelte langsam den Kopf.

Nein.

Warum nicht?

Liselotte ließ nicht locker.

Oma! Wir haben ihn doch gefunden! Schreib doch einfach: Hallo, sind Sie zufällig der Michael, den ich

Nein, sagte ich fest, doch meine Stimme bebte.

Doch du hast doch gesagt, er gefiel dir!

Das war vor langer Zeit.

Vielleicht sucht er ja auch dich?

Mein Herz pochte schneller. Doch zu viele Jahre waren vergangen, zu viel hatte sich verändert. Ich war nicht mehr das Mädchen auf dem Bild.

Zeig mir wenigstens sein Profil!, drängte Liselotte, während sie Fotos durchblätterte. Oh, schau! Er hat einen Hund! Und er scheint eine Familie zu haben!

Ich drehte mich abrupt weg.

Siehst du?, hauchte ich leise. Er hat sein eigenes Leben. Und ich mein.

Liselotte schwieg einen Moment, dann rief sie plötzlich:

Oma, hier steht, dass er nächste Woche in Berlin ist! Er gibt ein Konzert!

Ich erstarrte. Er war hier. Bald.

Wir können hingehen!, jubelte sie. Du liebst doch die Musik!

Nein, sagte ich entschlossen und stand auf. Genug.

Doch in der Nacht, als Liselotte schläft, öffnete ich das Handy erneut und las den Beitrag:

Tournee im alten Heimatort nach all den Jahren. Ein seltsames Gefühl, als würde die Zeit stehen bleiben.

Unter dem Beitrag ein Foto vom selben Stadtpark.

Das Konzert war am Samstag.

Dreimal überlegte ich, zu gehen, doch Liselotte bat mich verzweifelt:

Wir hören nur die Musik! Auch wenn du nicht nach vorne treten willst, das ist okay!

Die Konzerthalle war fast voll. Als er die Bühne betrat ein grauer Mann in einem schwarzen Sakko, eine Violine in der Hand knetete ich meine Finger so fest, dass die Knöchel bleich wurden.

Er begann zu spielen.

Und plötzlich erkannte ich die Melodie.

Unsere Melodie.

Die, die er einst für mich in einem fernen Sommer komponiert hatte.

Liselotte sah mich an und rief:

Oma, weinst du?

Ich sagte nichts. Tränen liefen über meine Wangen, während die Musik floss wie ein Fluss, den man nicht mehr zurückdrehen kann.

Nach dem Stück drängte Liselotte mich fast, hinter die Bühne zu gehen.

Nein!, riss ich zurück. Ich kann das nicht.

Aber er

Ich bin nicht mehr das Mädchen, das er kennt.

Ich verließ hastig das Gebäude, die kalte Berliner Luft schlug mir ins Gesicht.

Plötzlich hörte ich hinter mir:

Greta?

Ich drehte mich um.

Er stand nur wenige Schritte entfernt, die Augen weit geöffnet, als hätte er einen Geist gesehen.

Bist du wirklich du?

Ich konnte kaum sprechen.

Ich habe dich im Saal gesehen, sagte er, trat einen Schritt näher. Dachte, ich habe mich geirrt. Aber dann

Er verstummte.

Dann hast du geweint, fuhr er leise fort. Und ich habe das verstanden.

Liselotte trat behutsam zurück, ließ uns allein.

Du spieltest diese Melodie, flüsterte ich.

Spiele sie bei jedem Konzert.

Wir sahen uns an zwei graue Gestalten, deren Augen noch das Leuchten jener Jugend trugen.

Es tut mir leid, dass ich damals nicht gewartet habe, sagte ich.

Es tut mir leid, dass ich nicht rechtzeitig zurückkam, antwortete er.

Dann lächelte ich plötzlich.

Komm, lass uns meine Enkelin kennenlernen.

Liselotte, die im Schatten verborgen war, jubelte.

Ein langer Weg, den wir gemeinsam gegangen sind, und doch endet er nicht hier. Ich habe gelernt, dass manche Türen erst im Alter offenstehen und dass das, was wir einst festhalten wollten, manchmal erst im Rückblick seine wahre Bedeutung erhält.

Heute weiß ich: Man kann nicht alle verpassten Züge nachholen, doch man kann den Klang der Erinnerung noch einmal hören und damit Frieden finden.

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Fotografie aus der Vergangenheit: Erinnerungen festhalten und Geschichten erzählen
THE TIMELESS PHOTOGRAPH