Zufälliger Halt: Eine Entdeckung auf der Reise

Zufälliger Halt

Hannelore Hetzel jagte durch die Straßen von Berlin. Sie kam immer zu spät zur Arbeit, zu Verabredungen mit Freundinnen, sogar zu Dates. Heute jedoch durfte kein Moment verloren gehen: In zwei Stunden stand das Vorstellungsgespräch bei einer renommierten Unternehmensberatung an, und ein Scheitern würde sie mindestens ein halbes Jahr ohne Job zurücklassen. Es gab keine weiteren ernsthaften Angebote.

Gerade als sie keuchend aus dem Hauseingang sprang, fuhr der Bus an der Haltestelle vorbei. Hannelore stürmte nach vorn, doch ihr Fuß blieb am Bordstein hängen und sie sackte bewusstlos vor der Tür ein. Der Bus fuhr sofort weiter, die Türen schlugen zu.

Verdammt! fluchte sie, das Knie brannte, ihre Hände schmerzten von Schürfwunden.

Ein Mann beugte sich zu ihr hinunter. Soll ich Ihnen helfen? Seine braunen Augen blickten freundlich, dunkles Haar fiel ihm leicht ins Gesicht, ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen.

Danke, aber das hilft nichts mehr, murmelte Hannelore, während sie sich mühsam aufrichtete. Der Bus ist weg, der nächste kommt erst in zwanzig Minuten.

Wohin eilt Sie denn so? fragte er und warf einen Blick auf seine Armbanduhr.

Zum Vorstellungsgespräch, ins Stadtzentrum.

Der Mann nickte und sagte: Ich fahre gerade dorthin. Ich bringe Sie mit.

Hannelore wollte ablehnen ein möglicher Fremder, ein potenzieller Täter? doch die Zeit drängte.

Sind Sie sicher?

Ganz sicher. Ich heiße übrigens Klaus Becker.

Hannelore.

Er war kein Verbrecher. Im Auto roch es nach frisch gebrühtem Kaffee und etwas Holzigem. Leise Jazzklänge spielten aus dem Radio.

Holen Sie oft junge Frauen von der Straße ab? versuchte Hannelore, die Stimmung zu lockern.

Nur die, die vor mir hinfallen, antwortete er ernst, während ein Funke von Humor in seinen Augen aufblitzte.

Zehn Minuten vor dem vereinbarten Termin hielten sie an. Hannelore sprang aus dem Wagen, ohne nach seiner Nummer zu fragen vielleicht würde sie sie doch noch brauchen.

Danke!, rief sie, während sie wegrannte.

Viel Glück!, rief Klaus zurück.

Das Gespräch verlief überraschend gut. Hannelore verließ das Büro leichtfüßig, ein Lächeln auf den Lippen und stand plötzlich wieder vor Klaus, der am Eingang zwei Tassen Kaffee hielt.

Wie lief es?

Perfekt! Aber warum sind Sie hier?

Ich habe gewartet.

Wozu?

Um das Ergebnis zu erfahren und Ihnen vorzuschlagen, das mit einem Café zu feiern wenn Sie Zeit haben. Es gibt ja einen Grund zum Feiern.

Hannelore lachte.

Ein Grund gibt es. Und ich habe noch genug Zeit. Ich habe den Job, aber der eigentliche Einstieg ist erst in einem Monat.

Dann umso besser!, sagte Klaus. Lassen Sie uns im Café feiern.

Im Café verbrachten sie drei Stunden, sprachen über Bücher, Reisen und verrückte Begebenheiten. Klaus war Konstrukteur, liebte alte Filme und hasste Oliven. Hannelore erzählte von ihrer Leidenschaft für Malerei und davon, dass sie als Kind Balletttänzerin werden wollte, bis sie sich beim Überspringen einer Pfütze das Bein brach.

Also ist das Fallen Ihre Schwäche, bemerkte Klaus.

Und Ihre?

Gefallene aufzuheben.

Den Rest des Monats sahen sie sich täglich. Manchmal spazierten sie durch den Park, manchmal fuhren sie aufs Land, einmal wurden sie vom Regen überrascht und rannten lachend zum Auto, stolperten und wankten dabei.

Ich habe doch gesagt, du fällst zu oft, witzelte er, während er seine Jacke von ihr schüttelte.

Dafür bist du immer da, um mich aufzuheben.

Am Tag, an dem Hannelore ihre neue Stelle antrat, stand Klaus vor dem Bürogebäude mit einem Strauß Pfingstrosen.

Für was ist das?, fragte sie überrascht.

Einfach so.

Sechs Monate später gestand er ihr seine Liebe nicht im Park, nicht im Café, sondern genau an jener Haltestelle, wo alles begonnen hatte.

Erinnerst du dich, wie du damals gefallen bist?

Wie könnte ich das vergessen.

Seitdem bin ich nicht mehr aufgestanden. Du hast mich umgehauen.

Hannelore lachte, doch ihre Augen funkelten.

Das ist die seltsamste Art zu sagen: Ich liebe dich.

Aber ehrlich.

Ein Jahr später heirateten sie. Hannelore wartete ein Kind, als Klaus sie erstmals seit Langem wieder zu jener Haltestelle brachte.

Schau, zeigte er mit dem Finger auf den Asphalt, hier hat sogar ein Kratzer von deinem Schlüssel.

Lügst du, kicherte sie und beugte sich hinunter, ihr Bauch machte das Bücken schwer.

Klaus packte sie sofort am Ellbogen.

Schon wieder am Fallen?

Ich falle nicht, ich habe nur ein neues Gleichgewicht.

Er legte die Hand auf ihren rundlichen Bauch.

Ist unser Passagier heute ruhig?

Er hat gerade die Welt entdeckt, sagte Hannelore und drückte seine Hand auf die Stelle, wo das Baby sich regte.

Klaus blieb mit einem hölzernen Lächeln stehen, wie immer, wenn er die kleinen Bewegungen spürte.

Weißt du, worüber ich nachdenke? flüsterte Hannelore, umarmte ihn an der Taille. Wenn der Bus damals nicht weggefahren wäre

Ich hätte dich trotzdem gefunden, unterbrach er. Vielleicht in der Klinik, im Supermarkt, auf dem Parkplatz. Oder im Park, wo du gern liest.

Romantiker, piepste sie ihm spielerisch in den Rücken.

Realist.

Sie gingen gemächlich zum Auto. Hannelore schritt vorsichtig, als trüge sie eine Kristallvase und nicht ein kleines, zappelndes Wesen.

Du verstehst doch, sagte Klaus plötzlich ernst und öffnete ihr die Tür, jetzt muss ich gleich zwei Leute transportieren.

Hannelore drückte seine Hand an seine Wange.

Schaffst du das?

Wir versuchen es, hauchte er und küsste sie auf die Stirn, wie immer, wenn er etwas zu sentimentales sagen wollte.

Ein Monat später, als sie mit dem lauten Bündel aus der Geburtsklinik zurückkamen, lachte Hannelore plötzlich:

Schau, er ist genauso ein Eilbote wie ich! Konnte den Termin kaum erwarten.

Klaus, die Augen fest auf die Straße gerichtet, schützte ihr die Finger mit einer Hand.

Hauptsache, er erbt nicht deine Vorliebe, zu fallen.

Mach dir keine Sorgen, lächelte Hannelore, während sie den nun friedlich schlafenden Sohn ansah. Er hat dich.

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