Der Sohn wählt die reiche Braut und lässt die Mutter hinter sich

Der Sohn wählte eine reiche Braut, doch das Wort Mutter ließ er im Nebel verschwinden
Anton, du hast wieder vergessen, mich zurückzurufen! Ich habe den ganzen Abend gewartet!

Theresa Schmidt stand in der kleinen Küche, das Telefon schwer in der Hand, die Stimme zitterte vor Ärger. Anton hatte ihr gestern versprochen, zurückzurufen, doch es blieb still.

Mama, tut mir leid, ich war in der Arbeit im Stress. Da blieb keine Zeit für Anrufe.

Anton, du hättest wenigstens schreiben können! Ich mache mir Sorgen!

Mama, ich bin jetzt zweiunddreißig, kein Kind mehr, das jede Sekunde melden muss.

Theresa schwieg. Noch nie hatte Anton so gesprochen. Früher war er aufmerksam, fürsorglich, rief täglich an, kam am Wochenende, half im Haus.

Na gut, flüsterte sie. Entschuldige die Störung.

Alles gut. Ich wollte dir sagen: Am Samstag komme ich, aber nicht allein.

Mit wem? fragte Theresa misstrauisch.

Mit einer Freundin, ich stelle sie dir vor. Sie heißt Liselotte.

Freundin? Anton, ist das ernst?

Ja, Mama, sehr ernst. Wir sind jetzt ein halbes Jahr zusammen.

Theresa ließ sich auf den Stuhl fallen. Ein halbes Jahr, und er hatte ihr nichts gesagt. Früher erzählte er alles, jetzt verbarg er es.

Warum hast du es vorher nicht gesagt?

Ich wollte erst sicher sein, dass es ernst ist. Jetzt bin ich es.

Dann warte am Samstag zum Mittag.

Okay, Mama, ich komme.

Als Anton auflegte, hielt Theresa das Telefon noch lange. Endlich hatte ihr Sohn jemanden gefunden ein Moment, auf den sie so lange gewartet hatte.

Theresa Schmidt lebte allein in einer Zweizimmerwohnung am Rand von Berlin. Ihr Mann war vor fünfzehn Jahren an einem Herzinfarkt gestorben, und sie zog Anton allein groß. Sie arbeitete in zwei Jobs, schlief wenig, sparte jeden Pfennig, nur damit ihr Sohn ein gutes Leben hatte.

Anton wurde ein kluger, fleißiger Student, schloss das Studium mit Auszeichnung ab, fand einen Job als Programmierer bei einer großen Firma, verdiente gut und wohnte in einer zentralen Wohnung. Theresa war stolz bis zu Tränen.

Am Samstag stand sie früh auf, putzte die Wohnung bis zum Glanz, schrubbte Töpfe, wusch Vorhänge, ging dann zum Markt, kaufte Fleisch, Gemüse, Früchte. Anton liebte ihre Frikadellen mit Kartoffelpüree, und sie buk auch einen Apfelkuchen, seinen Lieblingskuchen.

Um ein Uhr mittags war alles fertig. Der Tisch war mit weißer Tischdecke gedeckt, das schönste Geschirr stand bereit. Theresa zog ihr bestes Kleid an, richtete ihr Haar, schminkte die Lippen.

Um zwei Uhr klingelte die Tür. Sie wischte sich die Hände am Schürzchen, glättete das Haar und öffnete.

Dort stand Anton in einem teuren Anzug, neben ihm Liselotte hochgewachsen, schlank, in einem modischen Kleid und hohen Stöckelschuhen, das Haar kunstvoll frisiert, das Makeup makellos.

Mama, hallo! umarmte Anton seine Mutter. Darf ich vorstellen, das ist Liselotte.

Guten Tag, sagte Liselotte und reichte die Hand, Ringschmuck funkelte an den Fingern.

Komm herein, komm herein, rief Theresa.

Sie führten sie ins Wohnzimmer. Theresa bot an, die Schuhe auszuziehen; Liselotte blickte sich um, ihr Blick schweifte über die alte Möbel, die verblichenen Tapeten, den abgenutzten Teppich.

Was für ein gemütliches Zimmer, sagte Liselotte mit gezwungenem Lächeln.

Danke, liebes Kind. Wir leben sparsam, aber sauber.

Sie setzten sich. Theresa servierte das Essen, erzählte, was sie zubereitet hatte. Anton aß eifrig, lobte. Liselotte steckte vorsichtig mit der Gabel in die Frikadelle, biss kleine Stücke.

Schmeckt es?, fragte Theresa.

Ja, ganz gut. Ich esse aber normalerweise nicht frittiert, achte auf meine Figur.

Ach, du bist ja schon so schlank!

Das ist das Ergebnis von fünf Trainingseinheiten pro Woche mit meinem Personal Trainer.

Theresa nickte. Personal Trainer, fünf Mal pro Woche das ließ sie an ihr eigenes knapper Geld für Essen und Nebenkosten denken.

Was machst du beruflich, Liselotte? fragte sie.

Ich arbeite nicht, ich habe mein eigenes Unternehmen ein Kosmetikstudio, gleich drei Filialen in der Stadt.

Wow, das ist großartig!

Nicht ganz allein, korrigierte Liselotte und strich ihr Haar zurück. Mein Vater half beim ersten Salon, dann habe ich das Geschäft selbst ausgebaut.

Und deine Eltern?

Mein Vater besitzt ein Bauunternehmen, meine Mutter engagiert sich für wohltätige Projekte.

Theresa hörte zu und spürte, dass Liselotte aus einer anderen Welt kam einer Welt voller Geld, Erfolg, Möglichkeiten, während sie selbst nur eine einfache Rentnerin in einer kleinen Wohnung war.

Mama, wie geht es dir?, fragte Anton. Alles gut mit deiner Gesundheit?

Ja, das Blutdruck steigt manchmal, aber ich nehme Medikamente.

Gut. Wir wollten dir noch etwas sagen: Wir wollen heiraten.

Theresa erstarrte mit der Tasse in der Hand.

Heiraten? Wann?

In drei Monaten. Die Hochzeit wird in einem Restaurant stattfinden, für 150 Gäste.

150? Das ist doch sehr teuer!

Mach dir keine Sorgen, die Eltern von Liselotte übernehmen alles. Sie haben Kontakte, organisieren alles.

Der Vater von Liselotte hat das beste Restaurant der Stadt reserviert, ein Moderator, Künstler, Feuerwerk.

Theresa sah ihren Sohn an, erkannte ihn kaum. Dieser selbstbewusste Mann im teuren Anzug, der über eine Hochzeit für 150 Personen sprach, war das überhaupt ihr Anton?

Kann ich irgendwie helfen? fragte sie.

Nein, Mama, das ist alles geregelt.

Vielleicht ein paar Kuchen für die Gäste?

Liselotte zuckte die Schultern. Wir haben ein professionelles Catering, keine Sorge.

Oder die Einladungen gestalten?

Nicht nötig, legte Anton seine Hand auf ihre Hand. Komm einfach und freu dich.

Theresa nickte, ihr Hals zog sich zusammen, aber sie lächelte.

Nach dem Essen ging Liselotte zur Toilette. Als sie zurückkam, sah ihr Gesicht unzufrieden aus.

Anton, wir müssen los, ich habe in einer Stunde ein Treffen mit dem Designer.

Schon? Wir sind gerade erst angekommen!

Anton sah schuldbewusst aus.

Entschuldige, Mama, wir müssen wirklich gehen.

Danke, dass ihr gekommen seid.

Als sie gingen, sah Theresa auf die unberührten Teller. Sie hatten kaum gegessen und waren schnell verschwunden.

Das Telefon klingelte. Es war ihre Freundin Grete Müller.

Theresa, wie gehts? Kam Anton?

Er kam, hat mir seine Freundin vorgestellt.

Schön, wie heißt sie?

Liselotte, reich, aus einer anderen Welt.

Und wie hat sie dich behandelt?

Ganz normal, aber sie sieht unsere Wohnung nicht gern.

Ach, die Reichen verstehen uns nicht.

Er mag sie, will heiraten.

Gut, er soll glücklich sein.

Ja, das wünsche ich ihm.

Eine Woche verging, Anton rief nicht zurück. Theresa rief, doch er war immer beschäftigt Treffen, Geschäftsreise, Liselotte.

Nach einer weiteren Woche rief Anton endlich.

Mama, hallo.

Wie gehts?

Gut. Wir waren bei ihren Eltern auf dem Land, ein richtiges Gut.

Stell dir das vor.

Sie haben uns großartig aufgenommen, ihre Mutter ist super.

Theresa hielt das Telefon fester.

Freut mich für dich.

Muss jetzt los, wir suchen Verlobungsringe.

Kann ich mitkommen?

Das ist unsere private Sache.

Theresa lächelte traurig.

Einige Tage später kam ein Brief: die Einladung zur Hochzeit, Zeremonie um drei Uhr nachmittags, danach das Fest. Die Karte war golden geprägt, Name von Anton und Liselotte darauf.

Welches Kleid soll ich anziehen? fragte sie Anton.

Wie du willst.

Vielleicht etwas Neues kaufen, um gut auszusehen.

Kauf, wenn du willst, aber das ist nicht wichtig.

Wie nicht wichtig? Ich bin die Mutter des Bräutigams!

Mama, dort werden so viele Leute sein, niemand wird dich bemerken.

Theresa senkte den Blick, fühlte sich unsichtbar.

Wo sitze ich? fragte sie.

Liselotte kümmert sich um die Sitzordnung, sie wird dich anrufen.

Liselotte rief nie an. Theresa rief mehrmals, Anton war immer zu beschäftigt.

Eine Woche vor der Hochzeit rief Liselotte selbst an.

Theresa Schmidt? Guten Tag, hier ist Liselotte.

Hallo, wie gehts?

Ich rufe wegen der Sitzordnung an. Sie sitzen am Tisch zwölf.

Tisch zwölf? Wo ist das?

Im hinteren Eck, dort mit den entfernten Verwandten.

Warum nicht am Haup​ttisch? Ich bin doch die Mutter des Bräutigams!

Liselotte schwieg.

Am Haup​ttisch sitzen ich und Anton, meine Eltern, die engsten Verwandten.

Ich habe dich großgezogen, ich bin deine Verwandte!

Theresa Schmidt, bitte mach keinen Aufruhr, die Sitzplan ist fest.

Sie legte auf. Theresa hielt das Telefon, das Herz pochte.

Sie wählte Anton.

Mama, ich bin im Meeting, kann nicht reden.

Deine Braut sagt, ich sitze am Tisch zwölf, in der Ecke, wie ein Fremder!

Was macht das für einen Unterschied, wo ich sitze?

Großer Unterschied! Ich bin deine Mutter, ich soll neben dir sein!

Die Eltern von Liselotte zahlen, sie entscheiden.

Und ich?

Du bist nicht wichtig.

Das reicht.

Sie legte auf, setzte sich, sah den leeren Tisch zwölf vor sich.

Grete kam abends und fand sie weinend.

Was ist los?

Theresa erzählte von der Sitzordnung.

Wie kann man so frech sein!

Er unterstützt das.

Wirst du trotzdem zur Hochzeit gehen?

Natürlich, es ist mein Sohn.

Der Hochzeitstag war sonnig. Theresa stand früh auf, richtete ihr Haar, zog ihr altes, aber geliebtes Kleid an, das sie vor fünf Jahren gekauft hatte. Grete begleitete sie zum Taxi.

Im Restaurant war die Halle prächtig, Kristallleuchter, weiße Tischdecken, Blumen überall. Theresa fühlte sich wie eine graue Maus zwischen funkelnden Schmetterlingen.

Sie fand Tisch zwölf, ganz im hinteren Eck, bereits besetzt von ein paar Gästen, einem entfernten Onkel von Liselotte.

Und du bist? fragte er.

Die Mutter des Bräutigams.

Wirklich? Er blickte überrascht.

Die Braut, Liselotte, trat ein, strahlte in einem prachtvollen Kleid, Anton in einem weißen Anzug. Gäste applaudierten, Fotografen klickten.

Theresa sah ihren Sohn, stolz und schön, ihr kleiner Junge. Anton und Liselotte setzten sich am Haup​ttisch, neben den Eltern der Braut ein elegantes Paar, erstrahlend in Diamanten. Für Theresa blieb kein Platz.

Das Fest begann, Künstler traten auf, Musik erklang, Theresa saß am Tisch zwölf, fühlte sich fremd in der Feier ihres eigenen Sohnes. Anton sah nie zu ihr, war beschäftigt mit Gästen, Liselotte, ihren Eltern.

Sie versuchte, zum Haup​ttisch zu gehen, übergab ihm ein kleines Geschenk, eine hübsche Schachtel.

Danke, Mama, sagte Anton, nahm das Geschenk, legte es unbeachtet auf den Tisch.

Du hast eine schöne Braut!, rief sie.

Ja, danke.

Liselotte legte die Hand auf Antons Schulter.

Wir müssen zu den Tischen.

Entschuldige, Mama, ich muss.

Theresa blieb allein am Rand, sah zu, wie die Gäste weiter feierten.

Ein entfernter Verwandter sprach tröstend.

Keine Sorge, Hochzeit ist stressig, der Bräutigam ist beschäftigt.

Theresa nickte, aber innerlich dachte sie, ihr Sohn schämt sich für die alte, einfache Mutter, will nicht, dass reiche Verwandte der Braut ihre Herkunft sehen.

Als das Fest endete, ging sie leise hinaus, niemand bemerkte ihr Verschwinden. Zu Hause wartete Grete mit Tee.

Wie war es?

Schön, reich, nur ich war überflüssig.

Komplett überflüssig?

Ja.

Grete umarmte sie.

Kinder wachsen und gehen, das ist normal.

Ja, aber er war mein Sohn.

Er wird immer dein Sohn sein.

Ein Monat nach der Hochzeit rief Anton endlich wieder.

Mama, hallo.

Anton! Endlich! Ich war so besorgt.

Entschuldige, wir waren auf der Hochzeitsreise auf den Malediven.

Oh, das klingt traumhaft! Wie war es?

Wunderbar. Aber ich muss dir noch sagen: Wir haben eine neue Wohnung ein dreizimmer Apartment in einem Neubau.

Herzlichen Glückwunsch! Wann kann ich sie sehen?

Jetzt nicht, wir renovieren noch.

Ich helfe gern beim Putzen!

Wir haben einen Reinigungsservice.

Sag mir wenigstens die Adresse.

Sobald wir fertig sind.

Er legte auf. Theresa sah auf das Telefon, ihr Herz zog sich zusammen, er verriet nicht einmal die Adresse.

Wochen später rief Anton nur alle zwei Wochen, kurz, formell. Wie geht’s, Mama? Was gibt es Neues? Theresa erzählte von ihrem Alltag, aber Anton wirkte desinteressiert.

Eines Tages entschied sie, zu Antons Büro zu gehen, mit Kuchen im Rucksack. Das Büro war in einem modernen Geschäftsgebäude im Zentrum Berlins, sie nahm den Aufzug zum siebten Stock, klopfte an die Tür.

Die Sekretärin sah sie an.

Guten Tag, ich möchte Anton sehen.

Er hat einen Termin.

Ich bin seine Mutter.

Die Sekretärin blickte kurz, dann sagte sie: Anton ist im Meeting, er kann nicht kommen.

Theresa stand mit den Kuchen in der Hand, die Wangen brannten vor Scham. Die Sekretärin bot an: Möchten Sie etwas hinterlassen?

Nein, danke.

Sie verließ das Gebäude, im Aufzug schluchzte sie laut. Ihr Sohn weigerte sich, sie zu sehen.

Zuhause warf sie die Kuchen weg, legte sich ins Bett, starrte an die Decke und fragte sich, was sie falsch gemacht hatte.

Grete kam am Abend vorbei.

Theresa, ich habe dich gehört! Was ist los?

Er wollte mich nicht sehen, Anton, mein Sohn.

Grete machte Tee, hörte zu, wütete: Wie kann er das tun!

Vielleicht sollte ich aufhören, ihn zu belästigen, ihm Zeit geben.

Oder du musst dich nicht mehr um ihn kümmern.

Theresa dachte nach: lange schweigen, verzeihen, aber er entfernte sich immer weiter.

Sie hörte auf, ihn anzurufen, schrieb keine Nachrichten mehr, lebte ihr Leben. In den ersten Wochen war es schwer, das Telefon zu ignorieren. Dann wurde es leichter, ein wenig Frieden kehrte ein.

Zwei Monate nach der Hochzeit feierte sie ihren Geburtstag mit Grete und ein paar Freundinnen, lachten, tranken Tee.

Theresa, bist du heute glücklich? fragte eine.

Ja, zum ersten Mal seit langem fühle ich mich glücklich.

Und dein Sohn?

Er hat nicht gratuliert.

Warum?

Ich habe ihn losgelassen.

Sie nickte, akzeptierte, dass Kinder erwachsen werden und gehen.

Einige Tage später klopfte es an der Tür. Anton stand dort, müde, dunkle Ringe unter den Augen.

Hallo, Mama. Alles Gute zum Geburtstag.

Theresa sah ihn schweigend an, ließ ihn herein.

Wie war die Feier?

Freunde waren da.Er nahm meine Hand, sah mich endlich an und sagte leise, dass er die Schuld nie auf mich schieben wolle, weil er nun endlich selbst verstehen würde, was wirklich zählt.

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