Die Frau und der Geist im Gemüsegarten

Ich stand im Garten, die kleinen, filigranen Rechen in den Händen, und meine Finger öffneten sich von selbst vor Schreck. Das Holzwerk klapperte leise, schlug auf die ausgedörrte, rissige Erde. Kaum hatte ich noch nach Luft geschnappt, ertönte hinter mir eine Stimme, so scharf wie das Knarren eines alten Fachwerkbaus, doch zugleich fest und unverrücklich, dass ein kalter Schauer mir den Rücken hinunterlief.

In deinem Beet wächst nichts, meine Liebe, weil ein Toter dich besucht. Siehst du ihn nicht? Schau genau hin, meine Kleine, sei aufmerksam, sagte die fremde alte Frau, grimmig, doch mit einem Anflug von Mitleid, während sie Elfrieds, meine Nachbarin, aus verblassten, aber durchdringenden Augen musterte.

Elfrieds drehte sich mechanisch um und blickte zum ersten Mal wirklich auf das Stück Erde vor ihrem neuen, begehrten Haus. Ein seltsames, unerklärliches Wehklagen drückte ihr Herz zusammen. Tag für Tag hatte sie es gesehen, doch jetzt wurde ihr das Grauen des Ganzen bewusst. Direkt vor dem kunstvoll geschnitzten Gartenzaun, auf den sie so stolz war, lag ein vollkommen lebloser, verbrannter Fleck Erde.

Kein Grashalm, kein Kraut, kein Lebenszeichen. Hinter dem Haus jedoch erblühten Rosen in sattem Rot, Stiefmütterchen streckten sich gen Sonne, und die Johannisbeeren zeigten ihr sattes Grün. Der Gegensatz war beängstigend und unnatürlich. Sie versuchte, die Erde zu beleben düngte, lockerte, goss fast mit Tränen der Verzweiflung, doch alles blieb vergeblich.

Inmitten all ihrer gärtnerischen Qualen bemerkte sie nicht, wie die knarrende Gartentür sich weit öffnete und die gebückte, jahrzehntealte Gestalt einer Fremden eintrat.

Man könnte fast ein Ballkleid anziehen, um so elegant im schwarzen Erdreich zu wühlen, bemerkte die Alte mit einem kaum hörbaren Hauch von Spott, doch ohne Bosheit, während sie Elfrieds Outfit musterte: ein teurer, perfekt sitzender rosa Top und passende, aus HighTechStoff gefertigte Radlerhosen.

Elfrieds schob instinktiv die verrutschte rote Strähne aus der Stirn, ein leichtes Erröten überzog ihr Gesicht.

Das das ist doch spezielle Arbeitskleidung, Oma. Für den Garten. Atmungsaktiv, hightech, versuchte sie zu erklären, doch ihre Stimme klang schwach. Und die Nachbarn wir wohnen hier in einer neuen, schönen Wohnsiedlung, alle gehen stets gepflegt Niemand hat hier vorher gewohnt, alles ist neu

Die alte Frau hörte nicht mehr zu. Sie drehte sich um, stützte sich auf einen selbstgebauten, knüppelartigen Stab und schritt langsam davon, verschwand im Sommerstaub hinter der nächsten Wegbiegung. Elfrieds blieb allein zurück, das Ohr dröhnte von einer ohrenbetäubenden Stille, nur das unruhige Klopfen ihres eigenen Herzens war zu hören.

Wie kommt das nur? dachte sie fiebrig, zog die Gartenhandschuhe aus und prüfte reflexartig ihr makelloses Maniküre. Wie kann ein Geist in mein neues, helles Heim kommen? Wer ist er? Was will er?

Glücklicherweise hatte sie kurz vor dem Umzug, fast wie in Flucht vor dem Lärm Berlins, einen Kurs für Nagelpflege abgeschlossen. Jetzt sind meine Hände immer perfekt, dachte sie sarkastisch, wenn doch nur mein Garten so funktionieren würde, dass alles blüht, ohne Gespenster. Ihrem Mann, dem vielbeschäftigten Dieter, erzählte sie nichts von der unheimlichen Besucherin. Er würde ihre rationale, pragmatische Einstellung nur mit einem Augenrollen quittieren. Doch die Gedanken kehrten immer wieder zu dem Gespräch zurück, wurden zu einer hartnäckigen Obsession. Keine teuren Dünger, keine Ratschläge aus dem Internet oder von erfahrenen Nachbarn halfen. Das Feld vor dem Haus blieb karg, trocken und tot, wie ein Grabstein.

Elfrieds liebte das Gärtnern, hatte OnlineKurse besucht, unzählige Gartenzeitschriften gekauft und sich von den kleinen Erfolgen beflügelt gefühlt. Doch genau dieser verfluchte Fleck Erde vor dem Haupteingang verweigerte jede Besserung, als wäre er von einer unsichtbaren Mauer vom Leben abgeschnitten.

Vielleicht muss ich einen teuren Landschaftsgestalter oder Bodenspezialisten holen, murmelte sie traurig, während sie aus dem Fenster das schwarze Fleckchen ihres Schams betrachtete. Wenn wir wirklich einen solchen, flüchtigen Besucher haben, dann wird selbst ein Profi nichts nützen.

Einige Tage später, nach einem weiteren Video eines erfahrenen Gärtners, legte sie das Handy beiseite. Die Nacht draußen war lautlos und sternenklar. Dieter schnarchte tief in seinem Büro, und ihr eigentliches Schlafbedürfnis war verflogen.

Pfui, wie stickig kaum zu atmen, flüsterte sie, warf die Seidendecke beiseite und trat zur Glastür, die zum Balkon führte. Leise öffnete sie sie und trat hinaus in die kühle Nachtluft. Von der zweiten Etage aus war das verfluchte Stück Erde fast nicht zu sehen, verdeckt vom Vordach und dem Schatten einer großen Linde. Bewegungsdrang packte sie, sie kroch über das kalte Geländer, um in die Dunkelheit zu blicken.

Und sie sah ihn.

Im fahlen Licht des schiefen Mondes, der durch zerfetzte Wolken drang, schritt auf dem umgegrabenen, doch toten Boden eine fremde Gestalt. Ein Mann, von ihr mit dem Rücken zugewandt. Seine Bewegungen waren seltsam, langsam, als kämpfe er gegen eine unsichtbare, zähe Masse. Er stampfte, hockte, stand wieder auf, kratzte mit dem Zeheln einer alten, abgenutzten Stiefelsohle die Erde, tastete mit langen, bleichen Fingern, als suche er etwas.

Ihr Herz blieb stehen, dann schlug es so heftig, dass ihr Körper erzitterte. Sie starrte ins Dunkel, versuchte jedes Detail zu erfassen. Je länger sie schaute, desto klarer wurde ihr, dass etwas nicht stimmte. Er war halb durchsichtig, das Mondlicht drang leicht durch seinen dünnen Körper, gekleidet in einen altmodischen Frack. Seine Bewegungen waren nicht nur langsam, sondern unnatürlich, ohne Schwerkraft, ohne menschliche Physiologie. Das war kein lebender Mensch.

Panik erfasste sie, ihre Beine gaben nach, ein schwarzer, klebriger Schwall der Angst drohte ihr Bewusstsein zu rauben. Sie würde fast vom Balkon stürzen, doch in diesem Moment drehte sich der Mann um.

Er blickte direkt zu ihr, sein Gesicht aus bleichem Marmor, ohne Mimik, mit kunstvollen Schnurrbärten und glatt gestyltem Haar. Seine Augen waren leere, dunkle Abgründe.

Plötzlich streckte er die Hände aus, fast so, als wolle er durch die Distanz hindurch ihr Genick ergreifen, seine kalten Finger nach ihr ausstrecken. Sein bleiches Antlitz kam immer näher, füllte den Raum. Sie stieß ein leises Stöhnen hervor, rang sich mit letzter Kraft von den Geländern zurück und stürzte taumelnd ins Schlafzimmer, auf den kalten Boden.

Die alte Frau zu finden, erwies sich als überraschend leicht. Elfrieds war überzeugt, dass eine solche Gestalt nicht in ihrem steril modernen Vorort wohnen konnte. Sie suchte sie also in einem verwitterten Dorf hinter einer alten Brücke. Die Einheimischen, die auf der Bank am Brunnen saßen, wussten sofort, wo die Gespensterseherin lebte.

Sie hielt ihr gepflegtes Stadtauto vor einem heruntergekommenen Fachwerkhaus mit abblätternder Fassade. Das Tor schwang nur an einem rostigen Scharnier. Sie klopfte zaghaft zwischen den Latten des Zauns.

Oma!, rief sie, blickte durch die Lücke im Spalier. Oma Hilde? Ich bin Elfrieds! Letzte Woche haben Sie mir von meinem Stück Erde und dem Besucher erzählt.

Die Tür knarrte, und die alte Frau trat hervor, musterte die Besucherin mit zusammengekniffenen Augen.

Gott im Himmel Schon wieder in Festtagskleid, hauchte sie leise, doch klar, während sie Elfrieds schickes Etuikleid und die eleganten HighHeels musterte. Dann winkte sie halb resigniert. Komm rein, bist ja schon hier! Aber sei vorsichtig mit den Schuhen, sonst brechst du die Dielen! Was willst du denn?

Elfrieds trat ein, ein Kloß bildete sich in ihrem Hals.

Er er kommt wirklich. Stampft dort, wo Sie sagten. Ich sah ihn letzte Nacht, flüsterte sie zitternd. Wenn Sie solche sehen und keine Angst haben, dann haben Sie das wohl schon früher erlebt. Wissen Sie, wie man ihn vertreibt?

Die alte Frau nickte, ein schweres Geheimnis lag in ihrem Blick. Willst du, dass ich ihn vertreibe?

Elfrieds nickte hilflos, zog dann hastig ihre Lederhandtasche hervor und legte mehrere dicke Scheine darauf.

Ich weiß nicht, wie viel das kostet. Ich bin nicht geizig! Wenn mehr nötig ist, fahr ich zum Geldautomaten, bring ich mehr!

Hilde Pohl, wie sie hieß, sah die Scheine, dann Elfrieds tief in die Augen. Ihr Blick wurde weicher.

Genug, sagte sie leise. Ich helfe dir. Setz dich, ich hole Tee. Leider ist er alle, und das nächste Geschäft ist drei Meilen entfernt. Meine Knochen halten das nicht mehr.

Elfrieds setzte sich auf einen rissigen Hocker, musterte das spärliche Interieur: einen einzigen, mit Rissen versehenen Vorhang, ein fehlendes Tischläppchen, eine leere Zuckerdose. Alles wirkte arm, karg, einsam.

Hol mir bitte aus dem Kühlschrank eine Flasche klaren Gebräus, das ich selbst gemacht habe. Es ist etwas bitter, aber stärkt die Gesundheit, rief Hilde aus dem Nebenzimmer.

Elfrieds öffnete den knarrenden Kühlschrank. Ihr Herz zog sich zusammen, als sie sah: eine halbe Flasche trüber Saft, drei Eier, ein Glas Sauerkraut und eine leere, ausgetrocknete Butterdose.

Gott im Himmel Sie lebt so arm, und ich komme in meinem teuren Auto und Seidenkleid, dachte sie, während Hilde rief: Gefunden?

Ja, Oma Hilde, gleich!, antwortete Elfrieds hastig.

Hilde reichte ihr ein eng zusammengebundenes Stück Zeitung, zusammengebunden mit einer Schnur.

Hier. Grabe das auf deinem Stück Erde, nicht zu tief, an der Schaufelspitze. In drei Tagen wird dein Besucher gehen und nie zurückkehren. Es ist nur Kräuter, trockene Zweige, Waldbeeren alles zum Guten belegt. Und der Trank?

Elfrieds nahm einen Schluck des bitteren, aber aromatischen Gebräus.

Sehr lecker, lächelte sie ehrlich, dankte und bot dann an: Darf ich Ihnen etwas mitbringen? Ich habe im Laden ein Sonderangebot gesehen und gleich zu viel gekauft. Vielleicht brauchen Sie etwas?

Sie verließ das Haus, kehrte kurz darauf mit einer schweren Papiertüte zurück und verteilte die Einkäufe lautstark: Sonnenblumenöl, verschiedene Teesorten, Kekse, Trockenfleisch, verschiedene Getreidesorten. Sie sah Hilde kaum an, aus Angst, ihr Geschenk als Almosen zu missverstanden zu werden.

Doch Hilde wischte leise eine Träne vom Backen und murmelte: Danke, mein Kind. Elfrieds atmete erleichtert auf: Danke, ich werde den Garten retten! Und ich komme wieder vorbei, wenn es Ihnen recht ist. Sie vergrub das Bündel wie angewiesen. Der bleiche Mann mit den Schnurrbärten tauchte nie wieder auf.

Eine Woche später sprossen die ersten zaghaften Triebe aus dem ehemals toten Stück Erde Löwenzahn und etwas Unkraut. Elfrieds weinte vor Glück, denn das bedeutete: Die Erde erwachte.

Am selben Tag humpelte Hilde, gestützt auf einen Stock, zu einem alten, verfallenen Dorfgrab. Sie ging einen schmalen Pfad entlang, nickte einem unsichtbaren Begleiter zu, grüßte alte Bekannte. Schließlich blieb sie vor einem ungepflegten, unscheinbaren Grabstein stehen, in dem ein altes Foto eines mürrischen Mannes mit prächtigen Schnurrbärten eingraviert war.

Danke, Peter Stefan, dass du mir geholfen hast. Ich werde dich pflegen, damit alles sauber und schön ist. Ruhe in Frieden, flüsterte sie, während sie das trockene Gras um den Stein fegte.

Zwei Wochen später klopfte Elfrieds erneut an Hildes Tür, trug die schwere Tasche mit den Geschenken hinein und rief: Oma Hilde, ich bins, Elfrieds!

Hallo, hallo, antwortete die leicht frischere Hilde. Ist dein nächtlicher Besucher endlich weg?

Ja, danke! Alles wächst!, begann Elfrieds begeistert, dann verlegen, die Tasche zeigend. Ich habe noch ein paar Sachen dabei Vorhänge, Handtücher, Decken, Geschirr alles neu, aber ungenutzt. Passt doch zu deinem ländlichen Häuschen, oder?

Sie packte aus, erklärte jedes Teil, hoffte, dass Hilde das Geschenk nicht als Mitleid abtun würde. Hilde sah ihr nach, ihr Gesicht wurde immer müder, bis sie schließlich erschöpft auf einen Hocker sank und ihre vom Arthritis gebeugten Hände auf den Schoß legte.

Legs hin, Kind. Es reicht, sagte sie leise, die Stimme müde und schuldbewusst. Du bist ein gutes Mädchen, Lina. Ich habe dich betrogen.

Lina erstarrte mit einem bunten Plaid in den Händen.

Was? Ich ich war heute Morgen im Schwimmbad, stammelte sie, berührte ihr Ohr. Vielleicht habe ich das Wasser nicht richtig gehört.

Ich habe dich betrogen, wiederholte Hilde, die Stimme bebte. Ich habe den Geist zu dir gebracht, damit er dich besucht. Ich dachte, ein bisschen Geld von euch Reichen würde helfen, meine Not zu lindern. Ich habe Peter Stefan, der dort begraben liegt, um dich zu beschwören, damit die Erde nicht fruchtbar wird. Der Kräutermix war nur ein Vorwand, damit du glaubst, es sei ein echter Zauber.

Schuld und Scham verzerrten ihr faltiges Gesicht. Sie duckte sich, als erwartete sie einen harten Vorwurf, doch zugleich einen Schlag.

Es tut mir so leid, Lina. Bitte verzeih mir, alte Nixe. Du kamst mit offenem Herzen, ich habe dich nur aus Not ausgenutzt. Ich wollte nur etwas essen, ein bisschen Wärme. Aber Geld allein löst nichts. Ich bat Peter, dort zu ruhen, damit er dich heimsucht. Er war ein stiller Mann, würde euch nichts tun. Der Bund war nur, um dich zu beruhigen.

Elfrieds stand regungslos, das Ohr rauschte, ihr Blick blieb auf der gebeugten Gestalt der alten Frau gerichtet. Kein Ärger, nur unendliches Mitgefühl erfüllte sie.

Sie kniete nieder, legte ihre gepflegten Hände behutsam über Hildes schlaffe, von Falten durchzogene Hände.

Ich habe doch gesagt, Oma Wasser ist in mein Ohr gefallen, flüsterte sie sanft, Tränen liefen ihr über die Wangen, doch sie wischte sie nicht weg. Lass uns lieber die Vorhänge aufhängen und die Tischdecke legen, ja? Wir schaffen das zusammen. Ich komme jetzt öfter zu dir, wirklich oft.

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