13.November 2025 Tagebuch
Ich habe mich immer als ein eher pragmatischer Mensch gesehen. Meine Laufbahn als Buchhalter in der Steuerabteilung einer Berliner Firma hat mich gelehrt, nicht nur Zahlen, sondern auch jedes meiner Handlungen zu bilanzieren. Keine überflüssigen Risiken, keine unüberlegten Schritte. Selbst die Scheidung von meiner Frau, Elisabeth Müller, vor zwanzig Jahren verlief nüchtern ich unterschrieb einfach, als ich begriff, dass er nie das Bier aus der Kneipe lassen würde.
Der einzige Störfaktor in meinem sonst so geordneten Leben ist unser Sohn, Lukas.
Lukas ist das genaue Gegenteil von mir. Als Kind war er ein verträumter Knirps, kritzelte Piraten über die Schulhefte. In der Jugend ein Romantiker, der um drei Uhr morgens Gedichte schrieb. Jetzt, mit fünfunddreißig, wirkt er, als stecke er in einer ewigen Suche fest ein ständiges Entkommen vor Verantwortung, wie Elisabeth das nennt. Er sprangt von Job zu Job, hält einen höchstens einen Monat, im Schnitt anderthalb.
Mama, du verstehst das nicht, schwang er die Hände, ich kann nicht dreißig Jahre in einer Firma verhaften, wie du!
Ich habe mich nicht verhaftet, erwiderte Elisabeth kühl. Ich habe meine Karriere aufgebaut.
Lukas rollte nur mit den Augen.
Jedes Gespräch zwischen ihnen endete im Wortgefecht. Sie stur, rational, mit klaren Plänen. Er launisch, impulsiv, lebt für den Augenblick.
Du wohnst noch bei uns, weil du dir keine eigene Wohnung leisten kannst!, warf sie ihm vor.
Dafür reise ich!
Mit welchem Geld?
Mit dem, was ich verdiene, und ein bisschen von dem, was du mir gibst, grinste er, und Elisabeths Ärger wuchs.
Sie versuchte, ihn zu korrigieren: vermittelte normale Stellen, brachte ihn zu Psychologen, drohte sogar mit dem Erbe. Doch Lukas blieb Lukas sorglos, unpraktisch und unendlich liebenswert.
Denn jedes Mal, wenn er zu ihr kam, die Augen leuchteten wie ein frisch entdeckter Stern, dachte sie:
Mein Gott, er erinnert mich an mich selbst in den jungen Jahren
Jahre, die sie selbst unter dem Ballast von Schulden und Pflichten begraben hatte. Das ärgerte sie am meisten.
Heute stürmte Lukas die Wohnung herein, riss die Tür so weit auf, dass die Rechnungen vom Nachttisch davonflogen. Elisabeth zuckte zusammen, fast ihr Tee aus der Tasse kippten.
Mama!, keuchte er, keuchend, als käme er gerade aus einem Marathon durch Berlin. Seine Augen strahlten, als spiegelten nicht das Licht der Fenster, sondern etwas viel helleres und Flüchtigeres.
Elisabeth stellte die Tasse behutsam zurück, verkniff die Augen. Sie kannte diesen Blick das letzte Mal sah sie ihn, als Lukas sechzehn war und von seiner Aufnahme in die Kunstschule berichtete.
Ich habe sie getroffen, sagte er, und diese drei Worte klangen feierlich, fast wie ein Schwur.
Wen denn?, fragte Elisabeth, doch an seiner Unruhe wusste sie bereits, was kommen würde.
Die eine, fuhr Lukas und strich sich durch das zerzauste Haar. Ein Lächeln zog über sein Gesicht, das er kaum zurückhalten konnte.
Elisabeth verschränkte die Arme, ihr Blick war nüchtern. Das war das dritte Mal in zwei Jahren.
Schon wieder eine Künstlerin?, fragte sie, bemüht, die Stimme gleichmäßig zu halten. Oder, Gott bewahre, eine Dichterin? Beim letzten Mal hatte ich genug von deinen kreativen Wesen.
Lukas lachte, hell und ehrlich, wie damals, wenn sie ihm vor dem Einschlafen die Zähne putzte.
Nein!, rief er und machte einen Schritt nach vorn. Sie ist Ärztin. Therapeutin. Arbeitet in unserer Hausarztpraxis.
Er sagte es mit dem Stolz einer Nobelpreisverleihung. Elisabeth zog die Brille ab, wischte sie mit dem Saum ihrer Schürze ab.
Und was ist an ihr so besonders?, fragte sie, doch an seiner Unruhe wusste sie, dass diesmal alles ernst war.
Alles, flüsterte Lukas, in diesem Wort lag eine Ehrfurcht, die Elisabeth unwillkürlich die Augenbraue hob.
Er konnte nicht erklären nicht mit den Worten, die seine Mutter erwartete. Nicht über Ausbildung, Position oder Aussichten. Er stand einfach da, sein Gesicht leuchtete.
Gestern, begann er schließlich, bin ich ins Praxisbüro gegangen, um eine Bescheinigung für das Schwimmbad zu holen, und sie hat mich angesehen
Er stockte, seine Unterlippe zitterte.
Und mir wurde klar. Das ist sie.
Er fuhr fort:
Mama, heute haben wir uns getroffen im Café an der Ecke!
Elisabeth stellte die Tasse auf den Tisch.
Und, wie war euer Date?
Sie, Lukas stockte, unfähig, den Anfang zu finden. Sie war ganz normal und doch außergewöhnlich.
Außergewöhnlich?, hob Elisabeth eine Augenbraue. Was genau ist so außergewöhnlich an ihr?
Lukas dachte einen Moment nach, dann leuchtete sein Gesicht warm auf:
Weißt du, Mama, mit ihr ist es, als wäre sie ein alter Freund. Keine Anspannung, kein Spiel. Wir saßen einfach da und plauderten über Belangloses über die Tatsache, dass sie keine Mandarinen mit Kernen mag und ich den Fruchtfleischanteil im Saft nie ertragen kann.
Er lachte, erinnerte sich:
Irgendwann erzählte ich ihr von unserem alten Schrebergarten, von meiner Kindheitsangst vor den Fröschen im Teich, und sie gähnte nicht, schaute nicht aufs Handy sie hörte wirklich zu.
Elisabeth lächelte unwillkürlich.
Das ist wirklich selten heutzutage.
Das Verrückteste, senkte Lukas die Stimme, ist, dass ich nichts erfinden musste, um sie zu beeindrucken. Ich war einfach ich selbst und das reichte völlig aus.
Er begann durch die Küche zu stapfen, gestikulierte:
Und dann verließen wir das Café, und du glaubst es nicht! Sie schlug vor, zu Fuß weiterzugehen, obwohl es schon dunkel war und es zu nieseln anfing. Sie sagte: Ich liebe den Geruch von nassem Asphalt.
Elisabeth schaute auf seine nassen Turnschuhe am Türrahmen.
Also das war der Grund für die nassen Füße? Ich dachte, du wärst wieder in einer Pfütze stecken geblieben.
Mama, wir sind zwei Stunden gelaufen!, ließ Lukas die Arme ausbreiten. Wir redeten, lachten
Er wurde still und blickte zum Fenster, wo Regenrinnen klirrten:
Und das Schönste? Als ich sie nach Hause brachte, sagte sie nur Danke für den wunderbaren Abend und ging. Keine Spiele, kein vielleicht mal einfach nur das.
Elisabeth goss einen Schluck heißen Tee in seine Tasse:
Na gut, anscheinend hast du endlich eine Frau gefunden, die zu dir passt. Aber hör zu: Wenn du dich beim Regen erkältest, dann heile ich dich, nicht sie. Verstanden?
Lukas grinste, griff nach einem Keks, doch Elisabeth klopfte ihm auf die Hand:
Zieh erst trocken an! Und wasch dir die Hände!
Er verzog ein leicht beleidigtes Grinsen, marschierte ins Bad, kam nach einer Minute in einem trockenen Pullover zurück, die Hände trocken tupfend.
Mama, darf ich sie am Sonntag zu uns einladen?, fragte er hoffnungsvoll.
Elisabeth zog ein skeptisches Gesicht:
Na gut, wenn du so entschlossen bist Nur sag ihr, dass ich keinen offiziellen Empfang veranstalte. Lass sie einfach wie zu Hauskommen erscheinen.
Danke!, sprang Lukas beinahe auf. Sie liebt Hausmannskost.
Gut, dann backe ich deinen LieblingsApfelkuchen, erwiderte Elisabeth schmunzelnd.
Du bist die Beste!, umarmte er sie hastig.
Er griff erneut nach einem Keks und dieses Mal ließ Elisabeth ihn los.
Sie sah zu, wie ihr Sohn glücklich das Keksstück kaute, und bemerkte plötzlich, dass sie ihn lange nicht so echt wahrgenommen hatte.
Sag mal, fragte sie plötzlich, wie heißt deine Ärztin eigentlich?
Lukas hielt den Keks halb im Mund, die Augen wurden groß:
Du wirst es nicht glauben Sie heißt Anna. Genau wie du. Sie möchte aber, dass man sie Anni nennt.
Elisabeth erstarrte, den Tee noch in der Hand, die Brauen hochgezogen.
Anna?, murmelte sie langsam. Na gut das Schicksal hat wohl seinen Humor.
Sie stellte die Tasse in die Spüle und wandte sich zu ihm:
Wann kommt sie? Am Sonntag, mittags?
Ja, wenn das für dich okay ist, stammelte Lukas und schaukelte leicht auf dem Stuhl. Mama, du wirst sie nicht nach Karriereplänen oder Bankanlagen befragen, wie beim letzten Mal, oder?
Elisabeth schnaubte:
Ach, komm. Wenn sie deine nassen Socken und deine Frösche ertragen kann, dann versuche ich wenigstens höflich zu sein.
Sie holte das Notizbuch mit Rezepten aus dem Schrank:
Sag ihr nur, dass ich seit fünf Jahren nicht mehr für Gäste gekocht habe. Wenn der Kuchen misslingt, bist du schuld.
Lukas grinste:
Mach dir keine Sorgen. Sie mag das Unperfekte. Sie sagt, das macht Menschen lebendig.
Sonntagmorgen. Um zwölf Uhr stand in der Küche ein perfekter Apfelkuchen goldene Kruste, leichter Zimtduft, gleichmäßig geschnittene Apfelscheiben. Elisabeth, im weißen Küchenhemd, Haar perfekt frisiert, deckte den Tisch im Wohnzimmer.
Mama, entspann dich, half Lukas beim Decken.
Entspannen? Wenn ich etwas mache, dann mache ich es richtig.
Kurz vor halb zwei klingelte die Türglocke.
Anni trat ein, schlichtes, aber elegantes Kleid, ein kleiner Strauß Chrysanthemen und eine Flasche guten Rieslings.
Guten Tag, Frau Müller. Danke für die Einladung.
Kommen Sie herein, nickte Elisabeth, prüfte diskret den gepflegten Nagellack, das dezente Parfüm und wie Anni sofort die Schuhe im Flur abstreifte.
Am Tisch entwickelte sich ein leichtes, aber angenehmes Gespräch. Anni stellte keine neugierigen Fragen, schmeichelte nicht übermäßig, aber sie war keineswegs schüchtern. Als Elisabeth den Kuchen servierte, nahm Anni vorsichtig ein Stück mit der Gabel und probierte.
Hervorragend, sagte sie ehrlich. Die Balance zwischen Säure und Süße ist perfekt.
Danke, lächelte Elisabeth ein wenig milder. Das ist ein altes Familienrezept.
Man schmeckt die Liebe darin, erwiderte Anni und lächelte.
Lukas strahlte wie eine Glühbirne, hielt sich jedoch zurück, nicht zu sehr einzumischen.
Nach dem Tee stand Anni überraschend auf und half beim Abräumen.
Oh nein, das ist nicht nötig!, protestierte Elisabeth.
Erlauben Sie mir, das zu übernehmen, sagte Anni sanft, aber bestimmt.
Elisabeth hob eine Augenbraue, ließ aber nach.
Als Anni ging, wischte Elisabeth den bereits makellosen Tisch ab und murmelte leise:
Kein Wunder.
Lukas hielt die Tasse, verwirrt:
Ist das ein Kompliment?
Nur eine Feststellung, legte sie die Serviette zurück. Lade sie bald wieder ein.
Sie drehte sich zum Fenster, ein leichtes Lächeln spielte über ihre Lippen.
Endlich, dachte sie, ein warmes Gefühl im Herzen. Nicht die launische Künstlerin, nicht die poetische Träumerin, sondern eine Ärztin mit ruhigen Händen und einem klaren Blick. Sie hat nicht versucht, die Gastgeberrolle zu spielen, sondern half einfach beim Aufräumen, als hätte sie das schon hundertmal getan.
Und der Kuchen wurde gelobt, dachte sie zufrieden.
Sie warf einen heimlichen Blick auf Lukas, der die Tasse hielt, aus der Anni getrunken hatte. In seinen Augen funkelte nun etwas Neues nicht der übliche schelmische Funke, sondern eine tiefe, stille Freude.
Du hast Glück, mein Sohn, flüsterte sie in sich. Endlich hast du Glück gefunden. Und gleichzeitig erkannte sie, dass sie selbst ein Stück dieses Glücks mitbekam, weil sie nun nicht mehr den ewigen Jungen sah, der sich nie fand, sondern einen erwachsenen Mann, der glücklich war.







