14.November2025
Heute Abend war ein seltsamer Spiegel, in dem sich meine eigenen Unsicherheiten widerspiegelten. Ich saß entspannt auf dem Stuhl am Küchentisch, die Sonne schien durch das Fenster, und das Aroma von gebratenem Gemüse und würzigem Rindfleisch lag schwer in der Luft. Anneliese, wie immer, bereitete das Essen mit einer Sorgfalt, die fast schon rituell wirkte, und danach kochte sie einen herrlichen Kaffee, der den Raum mit seiner leicht bitteren Note füllte.
In dem kleinen Café an der Ecke der Universität, begann ich nachdenklich, servieren sie immer noch die legendären Butterhörnchen.
Anneliese hob den Blick von ihrer Tasse.
Welches Café meinst du?
Ich strich mir gedankenverloren über das Kinn. Ach ja, du warst dort noch nie ich zog die Hand über den Kiefer, als suche ich nach den richtigen Worten. Klara, meine Kommilitonin, und ich haben nach den Vorlesungen oft dort Platz genommen. Besonders an regnerischen Tagen das hat etwas Gemütliches, und der Kaffee ist dort unschlagbar.
Ihre Löffelbewegung stoppte in der Luft. Sie kannte Klara nicht, hatte ihr Gesicht nie gesehen, ihr Lachen nie gehört. Trotzdem malte sie in ihrem Kopf ein winziges Café mit beschlagenen Fenstern, in dem zwei Studenten beim Teilen von Butterhörnchen dem Regen lauschten, der gegen das Glas prasselte. Sie sah mich förmlich dabei, wie Klara ein Stück Gebäck abbrach und mir reichte ein so intimer, fast zerbrechlicher Akt.
Nur ein freundschaftliches Beisammensein, fügte ich hinzu, doch meine Worte lösten sich bereits in Annelieses Vorstellung auf.
Für sie existierte dieses Café jetzt genauso real wie ein Ort, den man hundertmal besucht hat. Der Geruch von frischer Backware und bitterem Kaffee, das Quietschen der Tür beim Eintritt, die alten Schwarzweißfotos in Holzrahmen an den Wänden all das war ihr jetzt vertraut. Und das Schlimmste: Sie kannte Klara, obwohl sie sie nie gesehen hatte. Sie sah die Präsenz einer Vergangenheit, die plötzlich greifbar und lebendig wurde, als wäre sie ein Teil ihres eigenen Lebens.
Dann kam die Erkenntnis, die wie ein kalter Schauer durch mich zog: Neid malt Bilder dort, wo nur Andeutungen waren, und füllt Leere mit Bedeutung. Ich sah, wie Anneliese plötzlich ganz still wurde, den Löffel auf den Tisch legte und sagte:
Weißt du, ich habe plötzlich Lust, die berühmten Butterhörnchen zu probieren.
Jetzt sofort? erwiderte ich überrascht.
Ja, gleich.
Sie sprang von ihrem Stuhl, wir verließen das Haus und fuhren nach fünf Minuten im Auto durch das nächtliche München. Anneliese starrte aus dem Fenster, während ich heimlich ihre zusammengebissenen Hände beobachtete.
Das Café war winzig, das Schild längst verblichen. Innen roch es nach Kaffee und frischer Backware.
Da drüben ist unser Tisch, zeigte ich in die Ecke.
Anneliese fuhr mit dem Finger über die Tischplatte dort war tatsächlich eine kleine Schramme, ganz wie ich es mir vorgestellt hatte. Als die Kellnerin die Butterhörnchen brachte, nahm sie eines und brach es behutsam in zwei Hälften.
So hat sie dich damals gefüttert? fragte sie und reichte mir die Hälfte.
Ich blieb stehen, ihr Blick war plötzlich durchdringend.
Annel
Warte, flüsterte sie und beugte sich näher, ich will verstehen. So hat sie dich angesehen? So gelächelt?
Mir wurde klar, dass ich am Rande eines Abgrunds stand. Es war nicht nur Eifersucht es war mehr. Anneliese wollte nicht nur Klara verstehen, sie wollte ihr werden. Und das Größte war, dass ich das nicht wollte.
Langsam nahm ich das halbe Hörnchen aus ihrer Hand. Ein schweres Schweigen lag zwischen uns, nur das leise Klirren von Geschirr war zu hören.
Du bist nicht sie, sagte ich fest und legte das Hörnchen zurück. Und ich brauche nicht, dass du sie wirst.
Anneliese drückte nervös die Serviette zusammen.
Aber du erinnerst dich doch an diese Momente so zärtlich
Ich erinnere mich an die Jugend, Anneliese. An die erste Klausur, den Duft von Büchern in der Bibliothek, das Gefühl, dass das ganze Leben vor mir liegt. Ich ergriff ihre Hand vorsichtig. Klara ist ein Teil dieser Erinnerungen, aber nicht mehr als ein altes Lehrbuch oder die Parkbank vor dem Hörsaal.
Draußen begann der Regen wieder leise zu trommeln, genau wie in meiner Erzählung. Die Tropfen klopften an das Glas und schufen eine heimelige Atmosphäre.
Weißt du, warum ich gerade an dieses Café gedacht habe? drehte ich ihr Gesicht zu mir. Weil du den Kaffee genau so machst mit einer Prise Salz, um die Bitterkeit zu mildern. Du ersetzt meine Erinnerungen nicht, du vertiefst sie.
Langsam löste sich die Spannung in ihrem Hals. Sie sah unser Spiegelbild in der verglasten Wand des Cafés zwei erwachsene Gestalten im Licht vergangener Zeiten.
Wollen wir noch einen Kaffee bestellen? schlug ich vor. Vielleicht ein Stück Apfelstrudel für uns beide.
Als die Kellnerin kam, wählten wir keinen Hörnchen, sondern Apfelstrudel. Plötzlich wurde mir klar, dass dieses Café jetzt auch ihr gehörte.
Als wir das Café verließen, hatte der Regen aufgehört. Die Nachtluft war frisch, das Kopfsteinpflaster glänzte im goldenen Licht der Laternen. Anneliese blieb stehen, drehte sich zu mir und sagte:
Jetzt ist mir klar: Ich muss deine Vergangenheit nicht auslöschen. Sie hat dich zu mir geführt.
Ich lächelte und zog sie näher zu mir:
Und ich habe erkannt, dass du die einzige Person bist, mit der ich nicht nur Butterhörnchen, sondern das ganze Leben teilen will. Selbst die ganz gewöhnlichsten Momente werden mit dir besonders.
Sie lachte, und in diesem Lachen verschwand jede Spur der früheren Unruhe.
Dann lasst uns ein Versprechen geben, sagte sie ernst. Wir werden nicht vor unseren Geschichten zurückschrecken, sondern neue schreiben, die wir eines Tages mit einem warmen Lächeln erinnern.
Wir gingen zur Tür, Hand in Hand, und Klara verblasste aus ihrem Sinn. Die Vergangenheit blieb hinter dem verblichenen Schild, unser Jetzt aber lebte hier, auf dieser Straße unter den ersten Sternen, die durch die ziehenden Wolken lugten.
Liebe ist kein Wettbewerb mit Gespenstern der Vergangenheit, sondern die Kunst, neue Erinnerungen zu schaffen, in denen alte Geschichten nur ein Teil des Weges sind. Das Schönste ist zu wissen, dass die besten Momente noch vor uns liegen und wir sie gemeinsam erleben können, ohne Angst.
Vor dem Auto rannte Anneliese plötzlich über Pfützen, und ich, lachend, jagte ihr hinterher. Wir rannten durch die stille Nacht wie zwei Studierende, vom Wind über die Jahre hinweg verweht.
Fang mich! rief sie über ihre Schulter, und in ihren Augen funkelten dieselben Sterne.
Als ich sie schließlich um die Ecke einholte, keuchte sie und flüsterte:
Morgen gehen wir zurück in das Café, früh am Morgen, wenn niemand da ist, und hinterlassen eine Notiz.
Was für eine? fragte ich.
Valentin + Anneliese Beginn einer neuen Tradition.
Wir lachten, küssten uns mitten auf der Straße, während ein verwunderter Kater vom Fensterbrett aus das Schauspiel beobachtete.
Liebe bedeutet, nicht die Geschichte des anderen zu löschen, sondern gemeinsam neue Kapitel zu schreiben. Und die besten Seiten sind die, die wir jetzt zusammen verfassen.







