Die Rückkehr zu mir
Der Wind ließ Hans Brückmann die Mütze vom Kopf pusten, noch bevor er den Bahnsteig betreten hatte. Er musste sie im Flug fangen, während die eisigen Finger des Herbstes sofort unter den Kragen schnitten. Der Geruch von nassem Laub, Rauch aus fernen Schornsteinen und etwas unbestimmbar Vertrautem Metall, Öl, altem Holz stieg mir in die Nase. Der Duft der Kindheit.
Er blickte zurück.
Ein niedriges Backsteingebäude des Bahnhofs, dessen Schild Kleinwalde vom Wetter abgeblättert war. Der Bahnsteig, einst von Onkel Fritz, dem Bahnwart, sorgfältig gefegt, war nun von Grünzweig und Ackerminze überwuchert, die durch Risse im Asphalt wuchsen. Alles war gleich und doch anders.
Als hätte jemand die Welt in die Faust genommen.
Die Bäume, die ihm als Kind wie Riesen vorkamen, ragten jetzt kaum noch bis zum Bahnhofsdach. Der Kiosk, an dem er einst wartete, wirkte nun winzig, die Bretter waren verrottet. Auch der Himmel schien tiefer zu hängen.
Hans zog die Mütze tiefer ins Gesicht, schulterte den Rucksack und schritt die vertraute Straße hinab.
Sie führte zum Fluss.
Zu dem Ort, wo das Haus seines Großvaters stand.
Der Weg schlängelte sich zwischen schiefen Fachwerkhäusern, umging leere Felder mit verkohlten Pfosten einstiger Zäune. Das Dorf verfiel leise.
Die Jugend war längst fortgezogen manche in die Stadt, andere zum Saisonarbeitsplatz. Nur die Alten blieben, lebten ihr letztes Jahrhundert in Stille, und vereinzelte Familien, die keinen Ausweg mehr sahen. Viele Fenster waren leer, Türen hingen lose an einem einzigen Scharnier.
Nur das Heulen der Hunde durchbrach die Ruhe kein fröhliches Bellen, sondern ein dumpfer Laut, als hätten sie vergessen, warum sie jaulen. Und das Knarren des Holzschaukels von Frau Grüne im Vorgarten.
Das Haus des Großvaters stand am Rande des Dorfes, direkt am Fluss, wo der Pfad im Sand verschwand und die Wurzeln uralter Weiden mit dem überspülten Ufer verflochten waren. Das Bauwerk war aus dunklem, gealtertem Holz, doch standhaft, mit geschnitzten Fensterrahmen, die Opa in Winternächten gehackt hatte. Jeder Schwung, jede Blüte war Hans noch im Gedächtnis als Kind stand er auf Zehenspitzen und strich mit den Fingern über die Muster, als lese er geheime Schriftzeichen.
Die Stufe ächzte unter den Schritten laut wie vor zwanzig Jahren. Das Schloss an der Tür war zu rostigem Klumpen verrostet, doch Hans tastete unter dem dritten Tritt des Eingangs den verborgenen Schlüssel hervor den, dessen Zähnchen immer im Schloss hängte.
Die Tür gab mit Widerstand nach, als wolle das Haus den Fremden nicht hineinlassen.
Der Geruch schlug ihm entgegen:
Staub, der über Jahre der Leere gesunken war,
ein säuerlicher Hauch alter Bücher,
ein bitterer Nachklang von Ofenrauch, der in die Balken eingedrungen war.
Sonnenstrahlen brachen durch staubige Scheiben und ließ tanzende Partikel in der Luft leuchten. Alles stand, als hätte die Zeit hier am Tag des Weggangs stillgestanden:
Ein massiver Eichentisch mit Mulden vom Großvaters Axtschlag,
eine Petroleumlampe unter einem Glaszylinder ein ewiges Denkmal winterlicher Abende,
ein Schrank mit Gewehren zwei Flinten und eine alte Berrisdorff, die nach Leinöl und Schwarzpulver rochen,
an der Wand, leicht schief, hingen Fotos in selbstgemachten Rahmen:
Der Großvater in jungen Jahren, mit einem Nagant an der Hüfte und strengem Blick (1923, mit Bleistift notiert),
Oma Anna mit einem Korb, zwei Eimern randvoll, im Hintergrund ein JuliHimmel,
Der kleine Hans mit Angel, barfuß, in ausgebranntem Hemd, mit schelmischem Lächeln.
Hans warf den Rucksack aufs Bett, und ein Staubschwall stieg zur Decke. Er blieb stehen und lauschte dem Knarren der Dielen das gleiche Geräusch, das stets seine nächtlichen Ausflüge zum Fluss verriet.
Er trat nach draußen.
Der Fluss.
Er rauschte wie immer, ein dumpfer Rollensound, als würde hinter dem Tor ein riesiges Tier atmen. Der Wind trieb kleine Wellen über das Wasser, brach Sonnenlicht in tausend funkelnde Splitter. Auf der gegenüberliegenden Uferbank, unberührt von Zivilisation, lag ein dunkler Wald so uralt und schweigsam wie das Gedächtnis.
Hans atmete tief ein, sog die feuchte Luft ein einen Hauch von Algen und faulen Ästen.
Er war nicht zufällig hierhergekommen.
Nach seiner Entlassung (die Kameraden sahen nicht einmal zum Abschied vorbei).
Nach seiner Scheidung (die Tür schlug endgültig zu).
Nach dem Druck der Stadt mit Mauern, Menschen, Stimmen, Gleichgültigkeit.
Da kamen ihm Großvaters Worte in den Sinn, die er einst am Lagerfeuer flüsternd gehört hatte:
Wenn die Seele schmerzt, mein Junge, geh zum Fluss. Bleib am Wasser, bis du seine Stimme hörst. Das Wasser wäscht alles fort den Groll, den Schmerz. Der Fluss erinnert sich an alle, die zu ihm kamen.
Seine Hände ballten zu Fäusten. Ein Stich im Herzen ob Erinnerung oder Vorahnung.
Die ersten Tage vergingen in Schweigen. Stille, die ihn umhüllte wie harter Harz. Nicht die Stadt mit ihrem falschen Lärm, den Sirenen, den Schritten der Nachbarn, dem Heulen der Alarmanlagen. Hier war die Stille lebendig, heilend.
Er flickte das Dach reparierte löchrige Stellen mit Stücken Gummidach. Der Hammer klirrte an den Nägeln, und das Geräusch hallte über den Fluss, als klöpfe man an die Türen verlassener Häuser im ganzen Dorf.
Er schlug Holz die Großvaters Axt war noch scharf. Scheite sprangen mit knisterndem Knall, enthüllten das innere Holzgewirr. Der Duft von Kiefernharz mischte sich mit Schweiß auf seiner Stirn.
Er fischte saß auf dem gleichen Stein wie als Kind, warf die Angel aus in das dunkle Wasser. Die Bisse kamen selten kleine Fische, kaum das Gewicht einer Handfläche. Doch es zählte das Gefühl das Zittern der Leine, den Widerstand des Wassers, das geduldige Warten.
Einsamkeit.
Sie war nicht leer, wie in der Stadt nicht die kalte Leere von Aufzügen und U-Bahnen, nicht das Schweigen eines nicht mehr klingenden Telefons. Hier atmete sie.
Sie füllte sich mit
1. Erinnerungen
An diesem abgeplatzten Baumstumpf lehrte ihn der Großvater, Fallen für Hasen zu bauen raue Hände justierten die Schlingen. Nicht zu fest, mein Junge, sonst riecht’s nach Eisen.
Unter einem schiefen Vordach trocknete Oma Anna Pilze weiße, butterartige Pfifferlinge, die nach Wald rochen. Sie murmelte Gebete, während er heimlich Stückchen stahl, bevor sie es bemerkte.
Am Eingang stand zuletzt seine Mutter im billigen blauen Kleid, mit Koffer in der Hand. Ich komme zurück. Doch sie kam nicht zurück.
2. Geräuschen
Das Knarren der Weiden, die Äste aneinander reibten, als würden sie heimlich etwas besprechen.
Das Plätschern des Wassers kein städtisches Leitungsgeräusch, sondern lebendiger Fluss mit Bläschen und umherfliegenden Steinen.
Der Schrei einer Nachtvogel nicht Eule, nicht Uhu, vielleicht gar kein Vogel
3. Der Gegenwart derer, die nicht mehr da waren
Sie waren nicht als Schatten an den Wänden, nicht als Schritte auf dem Dachboden. Doch manchmal:
Ein Becher des Großvaters erschien von selbst auf dem Tisch.
Im Ofen flackerte ein Feuer, lebendiger als erwartet.
Morgenfrisch lagen Spuren auf dem Fensterbrett, als hätte jemand die Hände an das Glas gepresst.
Hans zog an seiner Pfeife, ließ den Rauch in die kühle Luft steigen. Dann, fern hinter dem Fluss, hörte er ein Heulen. Einsam, langgezogen, vertraut.
Ein Wolf? Vielleicht. Doch Großvater hatte anders gesagt: Das sind keine Tiere, die heulen, mein Junge. Es sind unruhige Seelen, die an die Welt der Lebenden klopfen an die, die vergessen wurden, an die, die aus der Erinnerung gestrichen sind. Sie wandern am Ufer, können den Fluss nicht überqueren, solange kein Herz sie wirklich erinnert, mit Liebe.
Eine Gänsehaut kroch über seine Wirbelsäule, doch es war keine Angst, sondern ein Erkennen.
In jenem Herbst kehrte Hans nie in die Stadt zurück. Er blieb im Haus des Großvaters schlug Holz, heizte den Ofen, pflanzte im Frühjahr Kartoffeln, trank morgens Tee mit Stachelbeermarmelade, las abends die Bücher aus dem alten Schrank. Gelegentlich fuhr er in die Stadt für Lebensmittel und Zigaretten. Manchmal half er Oma Grüne im Haushalt, wenn sie bat.
An einem frühen Sommermorgen kam sein Sohn Jakob zu Besuch fünfzehn, kantig, Kopfhörer im Ohr, mit dauerndem Schmollengesicht. Der erste Tag verging, während er aufs Handy starrte und protestierte, dass es hier kein ordentliches Internet gebe.
Am zweiten Tag rutschte das Handy aus Jakobs Hand und fiel in einen Eimer Wasser. Der Jugendliche erstarrte, zog das nasse Gerät heraus.
Verdammt!, schrie er. Jetzt geht das nie mehr an!
Er warf das Handy wütend in den Rucksack.
Die folgenden Tage änderten sich. Zuerst irrte Jakob umher, tastete nervös die Taschen ab. Dann fing er an, im Haushalt zu helfen zuerst aus Langeweile, dann mit wachsender Begeisterung. Am fünften Tag, als ein silberner Aal am Haken zappelte, leuchtete echter Kindesenthusiasmus in seinen Augen auf.
Beim Abschied fragte er plötzlich:
Papa, darf ich er stockte in den Ferien nochmal kommen? Kauf mir aber kein neues Handy, ja?
Hans nickte, ein Lächeln versteckt:
Wie du willst. Vergiss nur nicht die Angel.
Eine Woche später kam Jakob wieder, diesmal blieb er bis zum Sommerende.
Im Herbst klingelte das Telefon.
Hans war gerade dabei, Holz hinter dem Haus zu spalten, und hörte es nicht sofort. Das Telefon lag auf dem Gartentisch, das Display zeigte: Lena.
Er erstarrte. Sie hatten seit einem halben Jahr nicht mehr gesprochen, seit seine Exfrau ihm am Telefon zugerufen hatte, er sei ein guter Vater.
Hallo, krächzte er, wischte sich die Hand an der Schürze ab.
Zuerst nur das Rauschen des Stadtverkehrs. Dann eine unsichere Stimme:
Hey, Hans! Lena machte eine Pause, als würde sie nach Worten suchen. Ich muss dir was über Jakob sagen Er ist völlig verändert.
Hans ließ sich auf die Bank sinken.
Er wäscht jetzt selbst das Geschirr. Das Zimmer ist ordentlich. Das ist das erste Mal seit fünfzehn Jahren, lachte sie nervös, und danke. In ihrer Stimme schimmerte Wärme, fast ein Lachen. Danke dir.
Er stellte sich vor, wie sie in ihrer alten Küche stand, sich mit einer Hand über die Schulter legte ihre typische Geste, wenn sie nervös war.
Er hat einfach ein anderes Leben gesehen, sagte Hans vorsichtig.
Nein. Er hat dich gesehen, sagte sie nach einer langen Pause. Ich will kommen. Mit ihm. Zu den Weihnachtsfeiern. Ginge das?
Erinnerungen an ihr gemeinsames Leben flogen durch seinen Kopf.
Hier ist es kalt, sagte er schließlich. Der Ofen muss brennen.
Zeigst du mir, wie?, flüsterte sie fast unhörbar.
Kommt her, sagte er und merkte plötzlich, dass er lächelte. Nur warme Kleider mitnehmen. Und Stiefel.
Stiefel, wiederholte sie, und zum ersten Mal seit vielen Jahren klang ihre Stimme zärtlich. Gut.
Als das Gespräch endete, ging Hans zurück zum Holzspalten. Die Axt fuhr mit neuer Energie in die Scheite, sein Atem ging schneller vor Aufregung.
Er warf das letzte Stück Holz in den Korb, streckte den Rücken und sah, wie Nebel über den Fluss zog und das Ufer in weiches Grau hüllte. Der Winter würde kommen, dachte er, doch diesmal erwartete er ihn nicht mit bangem Herzen, sondern mit stiller Vorfreude.
Aus einer Ecke des Hauses dröhnte das Knarren einer alten Torflügel, die im Wind klagend nach Ruhe rief. Muss ich bis zu ihrer Ankunft reparieren, dachte er. Im Kopf formte sich bereits eine ToDoListe: Ofen säubern, Dämme schmieren, Decken und Kissen aus dem Keller holen und trocknen.
Als er vor dem Tor stand, sah er sein Haus nicht mehr nur als Schutz, sondern als Heim, das bald von Stimmen erfüllt sein würde. Dieses neue, zerbrechliche Gefühl wärmte selbst die kühle Luft ein wenig mehr.







