Als Liselotte den mit weißen Rosenblättern gesäumten Gang betrat, legte sich eine erdrückende Stille über die gesamte Hochzeitslocation. Selbst die leise Hintergrundmusik verstummte, als wäre sie vom Wind davongetragen. Alle Blicke richteten sich sofort auf sie.
Claudia, die junge Braut, die noch vor einem Augenblick für die Fotografen mit einem strahlenden Lächeln posiert hatte, erstarrte. Das Lächeln verzog sich zu einer Maske aus Anspannung und Unsicherheit.
Liselotte schritt ruhig weiter, jeder Schritt scheinbar wohlüberlegt. Keine Angst, kein Zögern nur Würde.
Dieter, der am Altar mit einem Glas Sekt in der Hand stand, bemerkte sie und sein Gesicht verfinsterte sich.
Liselotte?, flüsterte er. Was was machst du hier?
Sie schenkte ihm ein kaum merkliches Lächeln.
Du hast mich eingeladen, Dieter. Unhöflich wäre es, nicht zu kommen, nicht wahr?
Ein Murmeln breitete sich unter den Gästen aus. Einige sahen überrascht, andere neugierig, wieder andere mit verborgener Neid.
Claudia trat einen Schritt nach vorn, versuchte, ihr Selbstbewusstsein zurückzugewinnen.
Ach, du bist die berühmte Ex-Frau!, sagte sie mit angeklangener Heiterkeit. Wie nett, dass du gekommen bist. Hoffentlich war die Anreise mit dem Bus nicht allzu mühsam.
Liselotte wandte sich leicht dem Chauffeur neben der Limousine zu und antwortete gelassen:
Gar nicht. Die Fahrt von München nach Berlin war schnell.
Eine gespenstische Stille folgte.
Von München?, hauchte jemand. Nicht von einem Vorort, sondern direkt aus München?
Dieter spürte ein kaltes Schweißperlenmeer an seinem Rücken. In seinem Kopf tauchte die letzte Begegnung mit ihr auf: grauer Blazer, müdes Gesicht, billiger Parfümduft. Er hatte geschworen, sie nie wieder aufzustehen zu sehen.
Und nun stand sie vor ihm blendend, stark, selbstsicher.
Wunderschönes Kleid, rief eine der Gäste.
Das ist aus der Kollektion von Liselotte L., flüsterte eine andere.
Das Flüstern wuchs zu einem lauten Aufschrei.
Liselotte L. die Marke, über die jedes Modeblatt schwärmte, die den Preis in Mailand gewonnen hatte.
Claudias Brauen zitterten, ihre Stimme bebte.
Warte was hast du gesagt? Liselotte L.? Das das bist du?
Liselotte nickte leicht.
Ja. Das ist meine Marke.
Ein kollektives Keuchen ging durch die Anwesenden. Selbst die wohlhabendsten Gäste konnten ihre Überraschung nicht verbergen.
Dieter trat einen Schritt nach vorn, seine Stimme rau:
Das das kann nicht sein. Du? Du bist diese Liselotte?
Sie sah ihn ruhig an.
Die, die alles aufgegeben hat, ja. Die, die nachts gewaschen und nur zwei Stunden geschlafen hat, damit du deine Träume verwirklichen kannst. Die, die sagte, sie würde nie ohne dich weit kommen.
Jedes Wort fiel wie ein Stein.
Aber hier bin ich, fuhr sie fort, nicht zur Rache. Ich will nur etwas zurückgeben, das mir nicht mehr gehört.
Sie winkte leicht, und der Chauffeur reichte ihr einen weißen Umschlag. Liselotte streckte ihn Claudia entgegen.
Ein Geschenk zur Hochzeit, flüsterte sie. Das ist der Vertrag über die Zusammenarbeit zwischen meiner Firma und deinem Mann. Ab heute ist die Verpflichtung beendet.
Claudia verblasste.
Was? Welcher Vertrag?
Liselotte blickte Dieter fest an.
Hast du es nicht gesagt? Seine Firma hat mich beauftragt, eine Werbekampagne für sein neues Projekt zu machen. Ohne meine Produkte bekommt ihr die Investoren nicht, die ihr erwartet.
Du kannst das nicht tun!, schrie er und trat vor. Das ist Erpressung!
So heißt es Business, erwiderte sie kühl. Alle Dokumente sind in meinem Namen unterschrieben. Und du hast irgendwann behauptet, der Platz der Frau sei in der Küche, nicht im Büro. Da hast du dich wohl geirrt.
Die Gäste tauschten Blicke, manche lächelten verstohlen, andere konnten ihren Augen kaum trauen.
Claudia wandte sich zitternd an ihren zukünftigen Ehemann.
Stimmt das wirklich?
Dieter schwieg, sein Gesicht bleich wie Marmelade.
Liselotte seufzte leise.
Ich wünsche euch Glück. Aufrichtig. Vergesst nur nicht, dass das, was man einst aufgibt, früher oder später zurückkehrt.
Sie drehte sich zur Limousine, blieb jedoch einen Schritt davor stehen.
Ach ja, ich bin nicht allein gekommen.
Mit einem Kopfnicken gab sie dem Fahrer ein Zeichen. Die Tür öffnete sich, und drei Kinder traten heraus zwei Mädchen und ein Junge, alle mit den braunen Augen ihres Vaters.
Ein Todesstillstand legte sich über den Saal.
Claudia wich zurück, als wäre sie getroffen worden.
Dieter erblasste völlig.
Das das kann nicht sein
Doch, es ist möglich, sagte Liselotte. Lerne deine Kinder kennen: Lena, Jonas und Marlene.
Er blieb regungslos, starrte sie nur an, unfähig, ein Wort zu sagen.
Ich habe es dir nie erzählt, weil ich kein Mitleid wollte, fuhr sie fort. Ich suchte nicht Hilfe, ich wollte nur überleben. Und ich habe überlebt wegen ihnen.
Sie kniete nieder, küsste jedes Kind auf die Stirn und ließ sie zurück ins Auto steigen.
Dann sah sie ein letztes Mal zum Altar.
Von dir brauche ich nichts mehr, Dieter. Ich habe alles, was ich je wollte.
Die Tür schloss sich. Die Limousine fuhr langsam die mit Rosenblättern gesäumte Gasse hinab.
Die Gäste standen stumm da.
Claudia setzte sich zaghaft auf den nächsten Stuhl, bleich wie ein Blatt.
Dieter blieb allein stehen, wortkarg, und begriff, dass die Frau, die er eingeladen hatte, um sie zu demütigen, als Siegerin von seiner Hochzeit gegangen war.
Über dem Grand Royale stand die Sonne hoch, und im Spiegel der Limousine lächelte Liselotte. Nicht aus Schadenfreude, sondern aus Freiheit.
Der ganze Ort würde noch lange darüber reden.
Von der Frau, die erniedrigt, verlassen und vergessen wurde doch zurückkehrte, um zu zeigen, dass Stärke nicht in Geld gemessen wird, sondern in Würde. Und dass der wahre Sieg manchmal bedeutet, mit erhobenem Haupt zu gehen.







