Hey, ich muss dir erzählen, was mir gerade passiert ist ganz wie im Film, aber natürlich hier in Berlin.
Deine Koffer stehen schon bereit, sagte meine Schwiegermutter, während sie den Koffer vor die Tür stellte.
Was soll das denn?!, schnappte ich mir die Stimme, die fast schon lauter klang als nötig. Das ist ja auch mein Zuhause, weißt du!
Dein Zuhause?, grinst Klara Stein, wischte sich die Hände am Schürzchen ab. Jörg ist mein Sohn, die Wohnung ist auf ihn gemeldet. Also passen die Worte besser, wenn du willst.
Ich warf ihr einen Blick zu, als hätte ich seit acht Jahren hier gewohnt acht lange Jahre! Und plötzlich stellte sie mir die Küche wie ein Schlachtfeld hin.
Nimm den Topf vom Tisch, ich will gleich das Mittagessen machen. Ich bin ja nicht deine Mitbewohnerin, sondern die Herrin hier, sagte sie spöttisch.
Ich griff nach dem Topf, fast fiel mir die Borschtsch über den Fußboden. Meine Hände zitterten, der Kopf dröhnte. Kaum drei Tage war Klara erst angekommen, und das ganze Apartment war schon auf den Kopf gestellt zumindest nach ihrer Vorstellung.
Ich verstehe, dass du dir wegen Jörg Sorgen machst, aber, begann ich.
Ich sorge mich nicht, Liebes. Ich weiß, was ich tue. Du denkst nur an dich. Jörg liegt im Krankenhaus, und du kochst Borschtsch, schnappte sie zurück.
Ich fahre jeden Tag zu ihm!, platzte ich heraus. Jetzt darf ich ihn nicht besuchen, wegen der Eingriffe.
Ach ja, die Eingriffe, lachte sie. Und du sitzt zu Hause und kochst. Wenn du doch nur wie eine richtige Ehefrau bei ihm wäre.
Ich stellte den Topf zurück, atmete tief durch, zählte leise bis zehn, wie mir das ein Psychologe einst gezeigt hatte. Aber ich kam nicht einmal bis zehn.
Weißt du was?, flüsterte ich. Mach, was du willst. Ich gehe spazieren.
Ich griff nach meiner Jacke, schlüpfte in die Stiefel, ohne die Schnürsenkel zu binden, und rannte aus der Wohnung. An der Straßenecke lehnte ich mich mit der Stirn gegen die kalte Wand, atmete tief ein und aus. Drinnen brodelte alles, als würde ein kleiner, wütender Vulkan in mir toben.
Jörg war vor einer Woche wegen einer unkomplizierten Blinddarmentfernung ins Krankenhaus gekommen mit Komplikationen. Er liegt jetzt im Bett und erholt sich. Ich habe kaum geschlafen, zwischen Arbeit und dem Krankenhaus hin- und hergerannt. Und dann kam Klara wie ein Sturm herein, aus ihrer Kleinstadt, hat das Gästezimmer besetzt und mich aufs Sofa im Wohnzimmer verbannt. So begann das Chaos.
Ich ging die Treppe hinunter, trat ins Freie. Der Oktoberwind zerrte an meinen Haaren, fegte meine Jacke hoch. Ich setzte mich auf die Bank vor dem Haus und zündete mir eine Zigarette an. Drei Versuche, dann wieder.
Lena, warum bist du so blass?, rief meine Nachbarin Teresa Müller, die gerade mit ihrem Einkauf vorbeikam. Hast du das schon gehört?
Ach, nur müde, antwortete ich.
Deine Schwiegermutter ist da, oder? Hilft sie dir?
Ich lächelte müde.
Hilft? Ja, natürlich.
Teresa schüttelte den Kopf, setzte sich zu mir. Sie war über sechzig, lebt allein, hat ihre Kinder in andere Städte gesendet. Eine weise, ruhige Frau mit warmen Augen.
Weißt du, Lina, Schwiegermütter sind verschieden. Meine verstorbene Mutter hat auch gern alles kontrolliert. Dann habe ich schnell gemerkt, dass das ihr Weg war, Liebe zu zeigen zwar ein falscher, drückender Weg, aber sie wusste es nicht besser.
Klara liebt nur ihren Sohn. Sie erträgt mich nur, weil ich hier lebe.
Vielleicht hat sie Angst, nichts mehr zu sein. Jörg ist ihr Ein und Alles, und mit siebzig wird man schnell unsicher.
Ich exhalierte den Rauch, warf die Zigarette in den Aschenbecher.
Vielleicht, murmelte ich. Aber mit ihr zu leben, ist unmöglich. Sie würde mich verrückt machen.
Du schaffst das, meinte Teresa, klopfte mir beruhigend auf die Schulter.
Ich dachte an den Anfang. Ich hatte Jörg im Büro kennengelernt, er kam zu einem Meeting, wir stießen zusammen, die Unterlagen flogen. Er half mir beim Aufheben, lächelte groß, attraktiv, mit einem Grübchen am Kinn. Er lud mich in ein Café ein, ich sagte ja. Es war altmodisch, romantisch, er schickte Blumen, machte Komplimente. Ich war damals 32, unverheiratet, weil die Arbeit mich auslastete und die Liebe irgendwie nicht kam. Jörg war aufmerksam, fürsorglich, und ich merkte schnell, dass ich mich in ihn verliebt hatte.
Er erzählte kaum etwas über seine Familie, nur dass seine Mutter weit weg in einer Kleinstadt wohnt, er sieht sie ein paar Mal im Jahr. Der Vater war lange tot, die Mutter allein. Ich schenkte dem nicht viel Beachtung leider.
Die Schwiegermutter war klein, schmächtig, graue Haare zu einem straffen Knoten zusammengebunden. Sie musterte mich wie eine Kuh auf dem Markt, jede Bemerkung scharf wie ein Messer.
Das Kleid ist schön, aber ein bisschen zu eng, sagte sie.
Halt den Blumenstrauß richtig, sonst wirkt er wie ein Besen, fügte sie hinzu.
Jörg, bist du sicher? Ist das noch zu früh?
Jörg lachte nur, zuckte die Schultern. Ich nickte, schwieg. Die Hochzeit war vorbei, Klara fuhr weg, ich atmete auf.
Doch dann rief sie jeden Tag an, fragte nach Jörg, gab Ratschläge, redete stundenlang. Jörg hörte zu, nickte, aber ich wurde immer wütender.
Dann kam sie öfter zu Besuch, nicht nur zu Feiertagen. Sie stellte die Möbel um, kochte nur das, was Jörg mochte, ignorierte mich komplett. Sie kritisierte mein Kochen, meine Sauberkeit, meine Kleidung.
Jörg, schau mal, die Vorhänge sind schmutzig. Ich würde sie sofort waschen.
Lena, hast du nicht überlegt, deine Frisur zu ändern? Das ist nicht mehr zeitgemäß.
Wieder Nudeln? Jörg mag doch keine Nudeln! Ich mache dir jetzt Frikadellen.
Jörg schwieg oft, zog sich zurück. Ich musste mich wehren.
Klara, ich weiß, was ich für Jörg kochen soll.
Ach, sei nicht so grimmig. Ich will nur das Beste für euch.
Aber in ihren Augen lag etwas Kaltes, Dornenhaftes. Es war, als würde sie mich aus Höflichkeit ertragen, aber innerlich mich als Belastung sehen.
Acht Jahre vergingen, keine Kinder, die Ärzte sagten, Stress und Alter könnten die Ursache sein. Klara schob mir die Schuld zu, dass Jörg gesund sei und ich das Problem sei. Jörg schwieg, ich weinte nachts heimlich ins Kissen.
Dann wurde es seltener, Klara kam weniger, ich lernte, die Spitzen zu ignorieren. Wir lebten nicht glücklich, aber wenigstens nicht im Krieg.
Bis Jörg wieder ins Krankenhaus musste. Drei Stunden nach meinem Anruf kam Klara mit einer riesigen Tasche, Töpfen und entschlossener Miene.
Ich bleibe jetzt länger. Jörg darf nicht allein sein.
Ich stand auf der Bank, schüttelte die Jacke, dachte an mein Zuhause, an das Leben, das ich hier hatte trotz allem.
Ich ging die Treppe hoch, öffnete die Tür. Im Flur stand ein alter, blauer Koffer, meine Koffer, abgenutzt.
Klara trat aus dem Zimmer, wischte sich die Hände ab.
Deine Sachen sind schon gepackt, sagte sie und zeigte auf den Koffer. Du kannst sie mitnehmen.
Ich blieb wie erstarrt stehen. Mein Herz schlug bis zum Hals.
Was?, flüsterte ich.
Du hast mich verstanden. Jörg braucht Ruhe, keine Dramen. Er hat mich angerufen, er sagt, du bist ständig nervös. Also ist es besser, wenn du erst einmal woanders wohnst.
Jörg hat er das gesagt?, keuchte ich, die Luft ging mir aus.
Ja, Liebes. Er wollte, dass du gehst.
Ich öffnete den Koffer, drinnen lagen mein Kleid, meine Oberteile, Unterwäsche ein wildes Durcheinander.
Du hast kein Recht, murmelte ich.
Ich habe das Recht. Ich bin Jörgs Mutter, ich weiß, was gut für ihn ist.
Ich sah ihr fest in die Augen. Sie stand da, Arme verschränkt, das Gesicht wie Stein.
Rufst du Jörg an?, fragte ich.
Natürlich, ich ruf ihn gleich an.
Ich griff nach meinem Handy, wählte seine Nummer. Das Klingeln dauerte ewig, dann hörte ich seine schläfrige Stimme.
Hallo?, sagte er.
Jörg, deine Mutter sagt, du hast mich gebeten, aus dem Haus zu gehen. Stimmt das?
Stille. Das war das schwerste Schweigen, das ich je erlebt habe.
Lena meine Mutter meint, das ist besser. Wir streiten ständig, und ich kann jetzt nicht mehr nervös sein.
Also willst du, dass ich gehe?
Ja. Geh ein paar Wochen, dann kommt meine Mutter zurück, und du kannst wiederkommen.
Ich legte auf, setzte mich auf den Flurboden, lehnte mich gegen die Wand. Klara stand triumphierend über mir.
Also, hast du dich entschieden? Nimm den Koffer und geh.
Ich schloss die Augen, fühlte ein seltsames Auflösen, als würde ein zu straff gespannter Seil reißen. Es schmerzte, aber zugleich war da Erleichterung.
In Ordnung, flüsterte ich leise. Ich gehe.
Ich hob den schweren Koffer, meine Schultern zogen sich zusammen, weil Klara alles hineingepackt hatte, was ihr gerade in die Hand fiel. Ich schob die Jacke über die Schultern, griff nach meiner Tasche.
Weißt du, Klara?, hielt ich an der Tür an. Ich komme nicht zurück.
Wie meinst du das? Jörg
Er kann mit euch beiden leben. Ich habe acht Jahre genug von euren Spitzen ertragen.
Klara wurde blass.
Wie kannst du dir das erlauben? Jörg lässt dich nicht gehen!
Mal sehen.
Ich öffnete die Tür, trat hinaus, ließ die Tür hinter mir zufallen. Ich ging die Treppe hinunter, holte mein Handy, rief meine Freundin Sophie an.
Sophie, kann ich zu dir kommen? Ich bringe meine Sachen mit.
Ich sprang in ein Taxi, sagte dem Fahrer die Adresse. Er drehte das Radio leiser, ein Popsong lief. Ich blickte aus dem Fenster auf die vorbeiziehenden Häuser, Bäume, Menschen.
Jörg. Mein Mann. Still, verlässlich, aber die Liebe war irgendwie erstickt, fast erzwungen. Ich hatte es mir selbst eingeredet, dass ich ihn lieben muss. Aber war das noch Liebe oder nur Gewohnheit, Angst vor dem Alleinsein?
Er hatte mich nie verteidigt, wenn seine Mutter etwas Gemeines sagte. Wenn es mir schlecht ging, zog er sich zurück. Wenn Entscheidungen anstanden, überließ er sie mir. Es war bequem, aber ich hatte genug.
Das Taxi hielt vor Sophies Wohnung. Ich bezahlte, ging die dritte Etage hinauf. Sophie öffnete in ihrem Bademantel, mit einer Tasse Kaffee in der Hand.
Lena, was ist los?, fragte sie.
Kann ich bei dir einziehen? Nur für ein bisschen, bis ich eine Wohnung finde.
Natürlich, komm rein, erzähl alles.
Wir setzten uns bis spät in die Nacht, ich erzählte, weinte, lachte. Sophie hörte zu, nickte, goss mir mehr Tee ein.
Weißt du, Lena, ich dachte immer, du bist zu gut für Jörg, sagte sie.
Ja, das glaube ich auch, erwiderte ich. Er ist wie ein altes Tuch, das man aus dem Schrank zieht.
Jetzt bist du frei, meinte sie. Du kannst das Leben wieder anfangen.
Eine Woche später wurde Jörg aus dem Krankenhaus entlassen. Er rief mich an und bat mich zurückzukommen. Er sagte, die Mutter sei weg, er vermisse mich.
Lena, warum schweigst du? fragte er.
Ich habe die Scheidung eingereicht.
Was? Du bist verrückt! Wegen einer kleinen Auseinandersetzung?
Nicht wegen einer kleinen Auseinandersetzung, wegen acht Jahren.
Er rief weiter, ich legte auf.
Ich fand eine kleine Wohnung am Rand von Berlin, richtete sie ein, arbeitete weiter, ging spazieren, las. Zum ersten Mal fühlte ich mich lebendig.
Ein Monat später rief Klara an, wollte ein Treffen. Wir verabredeten uns in einem Café. Sie sah älter, gebeugt, Hände faltig, hielt eine Tasse Tee.
Lena, ich muss mit dir reden.
Ich höre.
Jörg ist jetzt ganz still, isst kaum, sagt, du wolltest nichts mehr mit ihm zu tun haben.
Ich habe die Scheidung eingereicht.
Warum? Konntest du nicht verzeihen? Ich wollte dich nicht verletzen.
Ich lächelte leicht.
Klara, acht Jahre hast du mich erniedrigt. Und Jörg hat still mitgeschaut. Ihr habt meine Koffer gepackt, wie eine Dienstmagd. Ich werde das nie verzeihen.
Klara senkte den Blick.
Ich habe mein ganzes Leben Angst gehabt, dass Jörg mich verlässt. Mein Mann hat mich nach drei Jahren verlassen, sagte, ich sei langweilig. Ich blieb allein, zog Jörg groß und wollte nicht, dass er weggeht. Dann kamst du.
Ich habe dich nicht weggenommen, ich wollte nur deine Frau sein.
Ich verstehe. Aber ich konnte das nicht akzeptieren.
Ich sah ihr erschöpftes Gesicht, die hängenden Hände, den spröden Teebecher. Sie war eine einsame, alte Frau, aber nur teilweise das Opfer. Die Entscheidung lag immer bei mir.
Klara, ich vergebe dir. Aber das ändert nichts. Ich kehre nicht zu Jörg zurück.
Und wenn er sich ändert?
Er wird es nicht. Er mag es so, wie es ist Mutter da, Frau, die alles erträgt.
Sie nickte, stand auf.
Dann leb wohl, Lena.
Leb wohl.
Ich trank den Rest meines Kaffees, verließ das Café, ging die Straße entlang, schaute in die Schaufenster, in die Leute. Innen war es ruhig, als hätte ich endlich einen schweren Rucksack abgelegt, den ich Jahre getragen hatte.
Die Scheidung war schnell erledigt, Jörg weigerte sich, das Vermögen zu teilen. Ich wollte nichts mehr aus der alten Wohnung. Ein neuer Anfang.
Ein Jahr später wechselte ich den Job, fand einen besseren. Ich lernte Sergej kennen, einen netten Typen, aufmerksam, aber nicht aufdringlich. Er respektierte meine Freiheit, meine Meinung. Mit ihm ging es leicht.
Lena, bereust du die Scheidung? fragte Sophie mal.
Keine Sekunde. Dieser Koffer an der Tür war das Zeichen, dass es Zeit zum Aufbruch war.
Und die acht Jahre?
Erfahrungen. Ich weiß jetzt, was ich nicht will. Und das ist wichtig.
Ich lächelte, blickte aus dem Fenster auf die herbstlichen Straßen, die Blätter wirbelten, bildeten einen goldenen Teppich. Der Winter kam, dann der Frühling. Alles wiederholt sich, doch jedes Mal neu. Manchmal muss man gehen, um sich selbst zu finden. Der Koffer ist kein Ende, sondern ein Anfang.







