Der Mann träumte sein Leben lang von einem Sohn, doch als er die Wahrheit erfuhr, konnte er seine Tränen nicht mehr zurückhalten.

Viktor Schiller schloss die Augen. Vor fünfunddreißig Jahren lag seine Frau Martina blass und erschöpft in einem Berliner Krankenhaus. Die Ärzte erklärten es zu einem Wunder, dass beide überlebt hatten. In diesem Moment schwor er sich: Dieser Junge würde das glücklichste Kind der Welt werden.

Papa, hörst du mich? die Stimme seines Sohnes Paul riss ihn zurück in die Gegenwart.

Ich hör dich, mein Junge. Ich habe nur nachgedacht.

Sie saßen in einem kleinen Café gegenüber von Pauls Büro. Paul bestellte einen Espresso, Viktor einen Tee mit Zitrone wie jeden Samstag.

Wie läuft das Projekt? fragte Viktor.

Geschafft! DreiJahresVertrag, das heißt, wir können endlich über ein Haus nachdenken.

Viktors Lächeln zeigte, dass er dem Jungen immer vertrauen konnte. In der Schule war er ein Musterschüler, an der Uni ein RotDiplom und im Beruf ein Aufstieg ohne Ende.

Und, wie stehts mit Lena?

Alles gut. Sie will Kinder, ich bin noch nicht bereit die Arbeit beansprucht mich.

Zieh dich nicht zurück, Paul. Die Zeit fliegt.

Paul nickte und blickte auf die Uhr.

Papa, ich muss los. In einer halben Stunde ein Meeting.

Geh nur, wir sehen uns morgen bei deiner Mutter.

Auf jeden Fall.

Viktor sah seinem Sohn nach groß, schlank, selbstbewusst. Sein ganzer Stolz, seine Fortsetzung.

Zu Hause bereitete Martina das Mittagessen zu.

Wie gehts dem Paul? fragte sie, ohne vom Herd zu wende.

Er hat den Vertrag. Er freut sich.

Unser Junge macht Fortschritte.

Viktor legte seine Arme um Martina. Vierzig Jahre waren sie zusammen, hatten Krankheiten, Geldsorgen und den Tod der Eltern überstanden, doch die Familie hatte standgehalten.

Martina, erinnerst du dich, wie wir von Kindern geträumt haben?

Wie könnte ich das vergessen. Du sagtest damals, wir hätten einen Sohn, den wir Paul nennen.

Und wir haben ihn richtig genannt.

Martina blieb kurz stehen, ihr Blick verriet etwas Ungewohntes.

Was ist los?

Nichts, ich schneide nur Zwiebeln, die brennen die Augen.

Am Abend klingelte ihr Cousin Michael. Sie hatten lange nicht mehr gesprochen.

Viktor, wie gehts?

Ganz gut. Und dir?

Ich bin schon Rentner. Gestern traf ich Paul in der Innenstadt.

Und?

Nichts Besonderes. Ich dachte nur, er sieht gar nicht mehr nach dir aus und nach dir, Martina.

Michael, was soll das?

Nur ein Gedanke. Ach ja, erinnerst du dich an den jungen Mann, den du damals geliebt hast wie hieß er Dieter?

Welcher Dieter?

Als ihr euch gestritten habt und sechs Monate getrennt wart, war sie mit jemand anderem zusammen.

Viktor spürte, wie ein kalter Schauer den Rücken hinauf kroch.

Michael, worauf willst du hinaus?

Ach, das war lange her. Wichtig ist, dass die Familie stark bleibt.

Nach dem Anruf saß Viktor lange in der Küche, während Martina bereits schlief. Er versuchte, die Zeiten zurückzuholen, in denen sie sich gestritten hatten aus welchem Grund auch immer, er erinnerte sich nicht mehr. Martina war für einige Monate zu einer Freundin nach Köln gezogen, vier, vielleicht fünf Monate.

Sie hatten sich wieder versöhnt, ein Jahr später kam Paul zur Welt.

Viktor schaltete den Computer ein und sah die Fotos seines Sohnes. Keine Ähnlichkeit zu ihm weder im Blick noch in der Nase, doch er hatte immer gesagt, er gehe seiner Mutter nach. Und doch sah er in Martina kaum Ähnlichkeiten.

Er schloss den Laptop und versuchte, die lächerlichen Gedanken zu vertreiben. Michael liebte Klatsch, und Paul war sein Sohn sein Blut, sein Stolz.

Der Schlaf ließ ihn jedoch nicht los.

Am nächsten Tag konnte Viktor bei der Arbeit nicht konzentrieren. Michaels Worte wirbelten in seinem Kopf.

Martina, sagte er abends, erinnerst du dich, als wir uns damals getrennt hatten?

Martina hielt die Gabel in der Hand.

Warum das alte Gestrüpp aufwühlen?

Nur aus Neugier. Wo hast du damals gewohnt?

Bei Sabine in Köln.

Nichts. Michael hat gestern angerufen, wir haben geredet.

Martina stellte das Geschirr ab und verließ hastig die Küche. Viktor folgte ihr mit dem Blick, merkte ihr seltsames Verhalten.

Eine Woche später konnte er nicht mehr warten. Er meldete sich zu einer Vorsorgeuntersuchung an.

Doktor, kann ich etwas über Analysen erfahren?

Welche genau?

Eine Vaterschaftsanalyse, rein theoretisch.

Der Arzt lächelte.

DNATest? In zwei Wochen fertig. Aber warum in Ihrem Alter?

Nur für einen Freund.

Zuhause fand Viktor Pauls alte Haarbürste, entnahm die wenigen verbliebenen Haare und gab sie sofort ins Labor.

Zwei Wochen zogen sich wie ein ganzes Jahr. Martina fragte mehrmals, was los sei; er wischte es ab, die Arbeit sei zu viel.

Am Donnerstagmorgen kam das Ergebnis per EMail. Viktor öffnete die Datei mit zitternden Händen.

Wahrscheinlichkeit der Vaterschaft: 0%

Er las es dreimal, dann viermal. Null Prozent. Paul war nicht sein Sohn.

Viktor schloss den Computer, setzte sich auf das Sofa. Leere füllte sein Inneres. Dreißig fünf Jahre hatte er ein fremdes Kind geliebt, aufgezogen, mit ihm gefeiert und investiert. Und Martina hatte alles gewusst.

Am Abend kam sie von der Arbeit, fröhlich.

Viktor, Paul hat angerufen. Morgen kommt er mit Lena. Dein Lieblingsauflauf wird wieder auf den Tisch.

Martina, wir müssen reden.

Etwas in seiner Stimme ließ sie alarmieren.

Worum gehts?

Setz dich.

Sie setzte sich ihr gegenüber, die Hände auf den Knien.

Paul ist nicht mein Sohn.

Martina wurde bleich.

Was redest du da?

Ich habe das Ergebnis. DNATest, null Prozent.

Sie schwieg eine Minute, dann zwei, bevor Tränen kamen.

Viktor

Wer ist der Vater? Dieser Dieter?

Woher weißt du das?

Egal woher, antworte.

Es war lange her wir stritten, trennten uns

Und du hast dich gleich an ihn gewandt?

Nicht sofort. Einen Monat später, ich war allein, verzweifelt.

Dann kamst du zurück zu mir, mit seinem Kind.

Ich wusste es nicht! Ich schwöre, ich dachte, es wäre deins!

Du lügst. Rechnen kannst du?

Martina schniefte.

Ich habe es nach der Geburt gemerkt. Was hätte ich tun können? Die Familie zerstören?

Dann hast du mich dreißig fünf Jahre lang belogen.

Nicht belogen geschwiegen, um uns zu schützen.

Um dich selbst zu schützen! Feigling!

Viktor stand auf, ging zur Tür.

Wohin?

Ich weiß nicht. Ich muss nachdenken.

Viktor, geh nicht! Lass uns reden!

Er schlug die Tür zu.

Im Regen ging er die Straße entlang, dachte nach. Wie sollte er jetzt Paul in die Augen sehen? Wie ihn umarmen? Wie sich an seinen Erfolgen erfreuen? Ein fremdes Kind, das Ergebnis einer Seitenscheißerei seiner Frau.

Am nächsten Tag ging er nicht zur Arbeit, saß zu Hause am Fenster. Martina versuchte am Morgen zu reden, er schwieg. Zur Mittagszeit ging sie zur Schwester.

Um fünf Uhr rief Paul.

Papa, wir kommen in einer Stunde. Lena hat einen Kuchen gekauft.

Kommt nicht.

Was? Warum?

Heute nicht.

Bist du krank?

Nein. Wir verschieben das Treffen.

Was ist los? Mama spricht seltsam.

Viktor legte auf. Kurz darauf klingelte das Telefon erneut, dann wieder. Er schaltete es aus.

Eine Stunde später klopfte es an der Tür.

Papa, öffne! Ich weiß, dass du zu Hause bist!

Viktor saß regungslos im Sessel.

Papa, was ist passiert? Mama weint und erklärt nichts!

Der Ruf hörte nicht auf, dann knallte es an der Tür.

Öffne! Sonst breche ich ein!

Paul hatte Ersatzschlüssel, Viktor erinnerte sich.

Papa, ich steige gleich ein!

Viktor stand auf und öffnete. Paul stand zerzaust, erschrocken.

Endlich! Was ist los?

Komm rein.

Sie setzten sich im Wohnzimmer. Paul sah verwirrt aus.

Papa, erklär mir wenigstens irgendwas.

Du bist nicht mein Sohn.

Was?

Kein Sohn, ein Fremder.

Paul blinzelte.

Bist du verrückt?

Ich habe den Test gemacht. DNAErgebnis ist null.

Welcher Test? Wovon sprichst du?

Vaterschaftstest. Ich bin nicht dein Vater.

Paul schwieg eine halbe Minute, dann leise:

Und jetzt?

Ich weiß es nicht.

Also dreißig fünf Jahre hast du mich großgezogen und jetzt wirfst du das alles über einen Test?

Du verstehst nicht

Was soll ich verstehen? Dass meine Mutter mit jemand anderem war? Und was dann?

Wie soll das denn weitergehen? Sie hat mich betrogen!

Dich? Und mich? Bin ich schuld?

Viktor sah Paul an und erkannte in den Augen das verwirrte, schmerzende Kind.

Papa, sag ehrlich. Was hat sich geändert? Ich bin doch derselbe.

Alles hat sich geändert.

Alles? Ich bin nicht mehr dein Sohn? In einem Moment?

Du warst nie mein Sohn.

Paul stand auf.

Klar. Für dich zählt nur das Blut, nicht das, was wir zusammen erlebt haben.

Vereinfache das nicht.

Wie soll ich das vereinfachen? Du hast den Test und hast mich sofort zurückgewiesen.

Ich weiche nicht zurück

Gestern war ich dein Sohn, heute nicht mehr!

Paul ging zur Tür.

Wohin gehst du?

Nach Hause. Und du kümmerst dich um dein Blut.

Die Tür schlug zu. Viktor blieb allein.

Am Abend kam Martina.

Wo warst du?

Bei Tanja. Ich dachte, wir reden normal.

Worüber?

Über uns, über die Familie.

Welche Familie? Du hast sie vor fünfunddreißig Jahren zerstört.

Ich habe sie gebaut! Einen Sohn geboren, großgezogen, geliebt!

Einen fremden Sohn.

Meinen Sohn! Und auch deinen!

Nicht meinen.

Martina setzte sich neben ihn.

Viktor, erinnerst du dich, wie glücklich du warst, als er geboren wurde? Wie du ihn in den Armen schaukeltest? Wie du ihm das Laufen beigebracht hast?

Das war, bevor ich die Wahrheit kannte.

Und die Wahrheit ist, dass du sein Vater warst! Der echte! Nicht der Typ, der ihn gezeugt und dann verschwunden ist!

Viktor schwieg.

Paul hat heute geweint. Ein erwachsener Mann weint! Es tut ihm weh, Viktor.

Tut mir nicht?

Doch. Aber wessen Schuld ist das?

Keiner. Aber für mich bist du jetzt nichts.

Martina stand auf.

Dann lebe mit deinen Analysen. Wir gehen ohne dich weiter.

In dieser Nacht schlief Viktor nicht. Er erinnerte sich, wie Paul als Kind an Anginas litt, wie er bei Spritzen weinte, wie Viktor ihm Märchen vorlas. Wie stolz er war, als Paul in der Schule stand, beim Abitur, an der Uni. War das alles umsonst?

Eine Woche verging. Viktor ging zur Arbeit, kam nach Hause, aß schweigend. Martina versuchte zu reden, er gab einpaar Worte. Paul rief nicht mehr.

Am Samstag saß Viktor allein zu Hause. Martina war zu ihrer Schwester auf das Land gefahren. Er blätterte durch alte Fotoalben: Paul im Kinderwagen, die ersten Schritte, ein dritter Geburtstag mit Kuchen und Kerzen, die Schulaufführung, Paul im Anzug mit Blumenstrauß, Viktor daneben, stolz. Der Abschlussball, Paul umarmte ihn, lachte. Das Studium, Paul dankte den Eltern von der Bühne. Auf jedem Bild Liebe, echtes Leben. Könnte ein Test das auslöschen?

Viktor schlug das Album zu und weinte, zum ersten Mal in dieser Woche.

Am Abend rief Paul.

Papa, darf ich vorbeikommen?

Komm.

Paul kam nach einer halben Stunde, sah müde aus.

Wie gehts dir? fragte Viktor.

Schlecht, ehrlich.

Sie saßen im Wohnzimmer, schwiegen einen Moment.

Papa, ich habe etwas verstanden. Es ist mir egal, wer mein leiblicher Vater ist. Für mich bist du Papa. Und das ist alles.

Viktor sah seinen Sohn an.

Pasha

Lass mich ausreden. Dreißig fünf Jahre warst du mein Vater. Du hast mich gelehrt, beschützt, warst stolz auf mich. Und ich bin stolz auf dich. Ein Test ändert das nicht.

Aber ich bin nicht dein

Vater? Doch, Vater! Wer hat mich ins Krankenhaus gebracht, als ich mir das Bein brach? Wer ging zu den Elternabenden? Wer das Geld für das Studium gab?

Viktor schwieg.

Es gibt Eltern nach Blut und Eltern nach Leben. Du bist mein Elternteil nach Leben. Und das wiegt mehr als jede DNA.

Ich weiß nicht, wie es jetzt weitergehen soll.

Einfach weiterleben. Wir sind Familie.

Pasha, mir tut es weh. Sehr.

Ich verstehe. Der Schmerz wird vergehen, die Familie bleibt.

Paul stand auf.

Papa, morgen ist Sonntag. Komm zu uns, Lena kocht Borschtsch.

Ich weiß nicht

Bitte, komm.

Am nächsten Tag brauchte Viktor lange, um sich fertig zu machen. Martina wartete schweigend. Schließlich zog er den Mantel an.

Los.

Bei Paul zu Hause war es wie immer warm und heimelig. Lena begrüßte ihn, als wäre nichts geschehen. Am Tisch sprachen sie über die Arbeit, den nächsten Urlaub ganz normale Familiengespräche. Viktor sah Paul an und dachte: Dieser Mann hat ihn dreißig fünf Jahre lang Papa genannt, teilte Freude und Sorgen, bat um Rat, kümmerte sich um ihn. Wie wichtig ist die Biologie im Vergleich dazu?

Nach dem Essen begleitete Paul die Eltern zur Tür.

Danke, dass du gekommen bist.

Danke dir.

Wofür?

Dafür, dass du da bist. Dafür, dass du mich erträgst. Dafür, dass du mein Sohn bleibst.

Paul umarmte ihn.

Wohin soll ich gehen? Du bist mein Papa.

Zuhause fragte Martina:

Wie war es?

Ganz gut. Unser Sohn ist gut.

Unser?

Unser. Mein Sohn. Unser Sohn.

Martina weinte vor Erleichterung.

Viktor, verzeih mir. Ich wollte nicht wehtun.

Ich weiß. Und ich verzeihe dir. Für die vergangenen Tage. Für die Härte.

Wir werden also weiterleben?

Ja, nur ohne weitere Geheimnisse.

Keine Geheimnisse.

Viktor umarmte seine Frau. Vor fünfunddreißig Jahren schenkte ihm das Schicksal einen Sohn nicht durch Blut, sondern durch Liebe. Und das erwies sich als wertvoller als jeder Test.

Familie ist nicht DNA. Familie sind die Jahre, die wir gemeinsam verbringen, das geteilte Lachen und Weinen. Liebe, die nicht von Laboren abhängt.

Paul war sein Sohn und würde es für immer bleiben.

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Der Mann träumte sein Leben lang von einem Sohn, doch als er die Wahrheit erfuhr, konnte er seine Tränen nicht mehr zurückhalten.
Parada Inesperada