Ach Was, liebe Frau! Ein Frühchen, aber zäh! Keine Sorge, alles wird gut – mit Ihrer Tochter und Ihrer Enkelin!

Ach, keine Sorge, Frau Schneider, flüsterte die Krankenschwester, während sie das Zimmer verließ. Das Kind ist früh geboren, aber kräftig. Es wird alles gut werden mit Ihrer Tochter und Ihrer Enkelin.

Gott sei Dank, murmelte die Mutter, als die Ärztin hinter der Tür verschwand, und fügte leise hinzu: Welch ein Unglück.

Dieses Unglück hatte die Familie der alten Gertrud vor sechs Monaten ereilt, als die neugierige Nachbarin, Frau Berta, beim Plausch über selbstgemachten Apfelgelee plötzlich ausrutschte:

Wie lange erwartest du noch das Kind? Hast du schon Windeln vorrätig?

Welches Kind? Was redest du da? erwiderte Gertrud überrascht.

Welches? Ich habe deine Tochter Klara letzte Woche zweimal im Stall gesehen, wie sie das Futter vom Gaul schmatzte und aus der Kuhstallstür stürmte.

Vielleicht hat sie etwas Falsches gegessen, stammelte Gertrud, bemüht die Situation zu entschärfen.

Ach ja, du hast nie selbst die Last der Geburt getragen, also weißt du nichts davon. Aber ich bin keine Mutter und verstehe das alles nicht.

Am Abend befragte Tante Gertrud Klara, dann brach sie in Tränen aus und schimpfte über das Schicksal einer ungeborenen Tochter, eines sonnenverbrannten Schäferjungen, dessen Spur längst erfroren war, und über die ganze Männerwelt, die mit ihr verschwunden war.

Das Erscheinen der kleinen, rauchigen Frieda brachte keine Freude, sondern Ärger, Empörung und ein brennendes Schamgefühl. Klara zeigte keine warme Zuneigung zu dem Kind, hielt es nur kurz in den Armen, wenn sie fütterte oder beruhigte, und nichts weiter. Gertrud blickte gleichgültig auf ihre Enkelin, ohne Liebe zu zeigen. Und das war erst die vierte Enkelin, um die man sich überhaupt freuen könnte ihre Tochter hatte ebenfalls wenig Glück gehabt. So kam Frieda in diese Welt, ungeliebt und wankend auf unsicheren Füßen.

Ein Jahr später verließ Klara das Dorf, um in das Arbeiterwohnheim von Chemnitz zu ziehen und ihr eigenes Glück zu suchen. Frieda blieb bei Tante Gertrud, die zwar nicht blutsverwandt, aber doch wie eine Großmutter war. Das Mädchen verlangte keine besondere Pflege, aß, was ihr angeboten wurde, schlief zu geregelten Zeiten, war nie krank. Die Ärztin hatte nicht getäuscht: Frieda war kräftig und leider weiterhin unverliebt.

Bei Gertrud lebte Frieda bis zu ihrem siebten Lebensjahr. In der Zwischenzeit hatte Klara den Beruf der Malerin erlernt, geheiratet und einen Sohn namens Karl bekommen. Dann erinnerte sich Klara an Frieda, die inzwischen ein junges Mädchen geworden war und ihrer Mutter helfen könnte. Sie fuhr ins Dorf, doch Frieda, die ihre Mutter nur zweimal im Jahr sah, zeigte kaum Freude über das Wiedersehen. Klara sah das Mädchen streng an:

Na, Frieda, du bist ja ganz fremd hier. Andere würden sich freuen, dich ankuscheln, aber du stehst da wie ein Fremder.

Als Gertrud Frieda verabschiedete, fiel ihr ein wenig das Herz schwer, doch ein paar Tage später brachten ihre beiden Enkelinnen, Lena und Oskar, die sie von ihrem ältesten Sohn erhalten hatte, frischen Trubel in das Haus. Gertrud vergaß Frieda schnell in den alltäglichen Pflichten. Frieda war nicht besonders traurig über die Großmutter, aber das Fortbestehen der Lieblingsenkelinnen rührte sie zu Tränen.

In Chemnitz war das Leben für Frieda zunächst fremd, doch sie musste keine Wahl treffen. Mit der Zeit gewöhnte sie sich an das Wohnheim, fand Freundinnen, ging zur Schule, machte Hausaufgaben, holte Brot und Milch, schälte Kartoffeln, wenn die Mutter nach Hause kam. Als sie älter wurde, begleitete sie Karl zum Kindergarten und, nachahmend wie ihre Mutter, rief sie einem gleichaltrigen Jungen zu:

Pass auf, du hast mich gleich bestraft! Ich habe nicht genug Kraft, um dich zu halten!

Liebe von Karl hörte sie nie, und auch Frieda wartete nicht darauf, denn sie war es gewohnt, nicht geliebt zu werden. Fast nichts schmerzte sie, weil sie nie kannte, dass es anders sein könnte.

Doch ihre Freundinnen nannten ihre Mütter liebevoll Sonnenschein oder Mieze, und ihre eigene Mutter nannte Karl manchmal Sonnenschein oder Kätzchen. Frieda früher Zina glaubte, sie dürfe nie Sonnenstrahl sein; sie war erwachsen, im Gegensatz zu Karl.

Zuhause wurde Frieda zwar nicht mit Süßigkeiten überhäuft, aber sie bekam wenigstens ein Stück Brot, wenn es nötig war. Sie war nicht verwöhnt, aber auch nicht umarmt. Mit fünfzehn verließ sie das kalte Haus, das ihr nie wirklich zu Hause gewesen war, und schrieb sich an einer Berufsschule in Dresden für die Konditorei ein. Ihr Traum war, sich mit Torten zu übergeben. Im Wohnheim teilte sie ein Zimmer mit drei anderen Mädchen, die nach der Arbeit ihre eigenen Küchen führten.

Als sie dort Volker traf, sprangen die Farben ihres Lebens. Trotz grauem November schien die Sonne für Frieda wie nie zuvor. Die Mitbewohnerinnen schalteten kurz den Fernseher im roten Eck an, während Volker mit poetischen Worten sprach, die Friedas Kopf wirbelten und ihr den Atem raubten.

Du bist meine Geliebte, flüsterte er, und Frieda, die ewige Ablehnung gewohnt war, schmolz vor Glück.

Bald jedoch überkam sie morgens Übelkeit. Sie wollte zum Arzt, doch die Zeit verstrich. Mit achtzehn musste Frieda medizinische Atteste besorgen und mit einem nervös werdenden Volker zum Standesamt gehen. So begann ihre Ehe, gleichzeitig endete ihre kurze Jugendliebe. Das junge Paar zog in das Haus von Volkers Eltern. Die Mutter und Schwiegermutter zeigten wenig Zuneigung, doch sie gaben Frieda ein Zimmer. Es war das übliche Schicksal: Sie würde weiterleben, vielleicht zum Besten.

Eine Freundin aus dem Wohnheim beneidete sie:

Du hast es gut, du lebst in der Stadt, wirst zur Städterin.

Frieda erwiderte nicht. Das Leben in der Stadt war nicht nur ein Wort. Das Haus lag im Vorort, das Wasser musste aus einem öffentlichen Brunnen am Ende des Viertels geholt werden. Sie schuftete, trug Eimer, das kalte Wasser spritzte ihr Gesicht, und so wusch sie sogar ihr ungeborenes Kind. Ihre Schwiegermutter schimpfte, aber Frieda akzeptierte es, weil sie es gewohnt war, nicht geliebt zu werden.

Volker schien zunächst noch Mitleid zu haben, doch nach ein bis zwei Tagen zog er sich zurück, verließ die Stadt mit Freunden und ging nach Hause. Seine Eltern jagten Frieda nicht aus, ließen sie im Haus helfen. Dann brachte Volker eine andere Frau, erklärte, er liebe Frieda nie.

Frieda klagte bei ihren Freundinnen, weinte kurz, dann aber wieder. Sie war es gewohnt, immer unloved zu sein. Sie packte das Wenige, was sie besaß, folgte dem Befehl der Schwiegermutter, nach allen vier Himmelsrichtungen zu gehen, und schlug die Tür zum fremden Haus zu.

Sie zog ins Werkwohnheim, wo es eine Kantine und einen Club gab. Lebe und freue dich, hieß das Mantra. Sie ging mit Kolleginnen zur Arbeit, zum Club, ins Kino. Zuhause bei ihrer eigenen Mutter, ihrem Stiefvater und Bruder war sie selten. Sie wurden nicht erwartet, und sie drängte sich nicht ein.

Als Großmutter Gertrud im Alter von einundzwanzig Jahren starb, fuhr Frieda zu der Beerdigung, sah die verwaisten Plätze, die einst ihr Zuhause waren. Gertruds Haus wurde den geliebten Enkelinnen Lena und Oskar vermacht. Frieda war nicht beleidigt sie waren die Lieblingskinder, die süßen Beeren ihrer Großmutter. Frieda selbst war das abgeschnittene Stück, das ungeliebte Enkelkind.

Wäre Frieda nicht auf das Erbe verzichtet, hätten die Verwandten wegen Gertruds fünfzig Euro Ersparnissen sich zerstritten. Am lautesten schrie dabei Friedas Mutter Klara, die jammerte, dass der verwohnte Enkel Karl keinen gebogenen Löffel von seiner Großmutter erhalten hatte. Doch Karl war doch ein Enkel, nicht weniger wert als Lena und Oskar. Klara vergaß ihre ältere Tochter, und Frieda bekam keinen einzigen Löffel.

Zweimal versuchte Frieda, ihr Leben zu ordnen, verabredete sich mit Männern, doch nichts funktionierte. Niemand brachte sie zum Standesamt, also drängte sie nicht. Sie ging einmal hin, das genügte. Beide Beziehungen scheiterten aus ähnlichen Gründen: Der eine trank und schlug, der andere trank und verließ sie. Entscheide selbst, was schlimmer ist. Frieda war froh, dass sie den Standesamt nicht weiter belastete; sonst wäre das Leben noch komplizierter geworden. Sie warf ihre Habseligkeiten in einen Koffer und kehrte zum staatlichen Bett zurück, zu ihren liebsten Freundinnen.

Im Wohnheim verbrachte sie abends keine Eile mehr. Über zehn Jahre wanderte sie von einer Baracke zur nächsten, bis ihre Matratzen fremd wurden. Mit fast dreißig suchte jede Frau ihr eigenes Eckchen, damit die eigene Pfanne auf dem eigenen Regal stand. Single-Wohnungen gab es zuletzt, Familien hingegen bekamen sie zuerst.

Manchmal besuchte Frieda die kleine Küche von Tante Anja, die abends im Werk das Parkett wischte, um zu reden. Nach drei bis vier Monaten des Plauderns schlug Anja vor:

Frieda, meine Nichte ist bei der Geburt gestorben, ihr Sohn lebt noch. Ich sehe dich, du bist tüchtig, fleißig. Matthias, ihr Mann, ist ein ruhiger Kerl, trinkt nur zu Festen. Vielleicht könntet ihr zusammenpassen. Er schlägt nicht, er ist sanft. Er könnte dir ein Zuhause geben.

Frieda überlegte und zog zu Matthias. Sie putzte sein Zimmer zu den Maifeiern, kaufte Vorhänge, nähte kleine Kleider für das Mädchen, das bald sprechen würde. Das Kind, Sonja, nannte sie bald Mama.

Matthias war ein stiller Mann, ließ seine Frau nie im Stich, bezahlte die Miete, sagte keine harten Worte. Liebe hörte Frieda nicht von ihm, aber das war ihr egal sie war es gewohnt, keine Worte der Zuneigung zu erhalten.

Nach drei Jahren Ehe hörte sie die Worte der Liebe, jedoch nicht von Matthias. Sonja kam vom Hof, hielt gelbe Löwenzahnblüten, umarmte Frieda, drückte sie mit zuckersüßen Küssen an die Wange und flüsterte:

Mama, ich liebe dich. Mehr als Papa, mehr als Tante Anja, mehr als Puppe Julia.

Frieda umarmte ihre Tochter, lachte und weinte zugleich endlich war sie geliebt.

Ein Jahr später brachte sie ihren Sohn Ivo zur Welt. Matthias kümmerte sich nachts um das Baby, wechselte Windeln, trug die Wiege aus dem Treppenhaus. Bald bekamen sie vom Werk eine große, helle Wohnung.

Sie zogen die Kinder groß, warteten auf Enkel. Auf der Jahreshütte bereitete die betagte Frieda Kompotte zu, während die Enkel spielten.

Oma, ich liebe dich, rief Anna.

Oma, ich liebe dich auch, wiederholte Dennis.

Oma, ich hab dich lieb, plapperte die kleinste Mia.

Wir lieben alle Oma, sagte ihr Großvater Matthias mit einem verschmitzten Lächeln.

Frieda wischte heimlich eine Träne weg. Vor all den Jahren hätte sie nie gedacht, dass das Schicksal ihr, als von Geburt an ungeliebtes Kind, so viel Liebe schenken würde.

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“Don’t Touch My Tomatoes! They’re All I Have Left!” shouted the Neighbour over the Garden Fence.